Briefe zum Schlagwort Joseph-von-Laßberg
Wie froh bin ich, Dir mal wieder selbst schreiben zu können, mein lieb Mütterchen, und zwar nur Gutes. Wir sind zwar alle krank gewesen, aber auch alle glücklich entwischt. Mit Laßberg hielt es etwas lange an, sein Winterhusten hatte sich ungewöhnlich stark eingestellt, weil er im vorigen Sommer die Badekur versäumt, und nun kam die Grippe dazu und zog sich so in die Länge, dass er am Ende recht schwach dabei wurde. Seit 14 Tagen ist aber alles vorüber, und seine Kräfte nehmen noch rascher zu als sie abgenommen, so dass ich ihn jeden Tag wenigstens um ein halbes Jahr jünger geworden finde.
Jenny, die Kinder, Tony, Hohbach, Obsers Annchen, alle die Grippe! Von den Kindern Gundel am stärksten, doch haben sich beide nachher sehr schnell erholt, Jenny hat sich zehn Tage im Bette und dann noch etwa acht Tage im Zimmer halten müssen, war eigentlich nicht viel krank, sondern mehr herunter vor Sorge um Laßberg und die Kinder und vor Mangel an Nachtruhe; wie das aufhörte, war sie auch bald wieder besser und ist jetzt gottlob ganz wieder die Alte, an Aussehen und Kräften.
Kurz, liebste Mama, Du brauchst Dich gar nicht zu ängstigen, um keinen von uns! Denn mit mir geht es auch viel besser; geht sollte ich zwar eigentlich nicht sagen, denn das Gehen ist noch immer der Stein des Anstoßes und wird es auch wohl bleiben, aber in allem Übrigen kann ich Gott nicht genug danken, wenn ich an meinen Zustand im vorigen Jahre um diese Zeit denke.
Liebe Mama, so eben schneidet mir Jenny mehr als die Hälfte von meinem Blatte weg. “Ich solle nicht so viel schreiben, sie könne es sonst nicht gut einlegen, und der Brief müsse auch fort.” Unsre Geschichte mit Zeerleder muss ich Dir aber doch noch erzählen; er war Sonderbündler, wurde in Luzern gefangen, nach etwa dreiwöchentlichem Gefängnis von der Militärbehörde (General Dufour) entlassen, mit der Warnung, sich sogleich aus der Schweiz fortzumachen, weil wahrscheinlich von Bern aus ihm eine viel schlimmere Anklage auf Landesverräterei und Spionerie (weil er gegen seinen eignen Kanton gefochten und heimliche Nachrichten zum Nutzen des Sonderbundes von dort eingezogen) bevorstehe. So kam es dann auch, er war aber zum Glück schon außer Landes. Wo? wusste niemand, bis er mit einem Male vor etwa vier Wochen hier bei uns eintraf. Laßberg empfing ihn sehr herzlich, und jedermann hielt ihn für sicher wie in Abrahams Schoße. Denke Dir also die Verstörung, als vor Tagen, wie schon alles im Bette war, zwei Herrn von unserm eigenen Gerichte, den Spiegel und ein paar Gendarmen hinter sich, Einlass verlangten und den Zeerleder in unserm Hause arretierten.
Laßberg erfuhr nichts davon, Jenny aber, die zufällig noch auf war, redete mit den beiden Herren, wo dann herauskam, dass seit lange ein Konkordat zwischen Baden und der Schweiz besteht, wonach sie sich gegenseitig Kriminalverbrecher und Landesverräter ausliefern, doch geschieht die Auslieferung nicht eher, bis von der andern Seite bewiesen ist, dass der Verhaftete wirklich zu jener Klasse gehört.
Da saß nun der arme Zeerleder im neuen Schlosse, im Bürgergefängnisse, und blies 14 Tage lang Trübsal. Laßberg ließ ihn mit allem Nötigen, Betten, Speise, Bücher et cet. versorgen und schrieb sogleich an den Markgrafen Wilhelm. Täglich besuchte ihn einer von uns. Wenn es regnete und schneite, Hohbach, bei besserem Wetter, Jenny, und bei gutem Sonnenschein habe ich mich auch ein paarmal vom Obser im Kinderwagen hinfahren lassen, obschon ich wohl hätte so weit gehn können, aber nicht ohne nasse Füße, da der Schnee zu hoch lag und zu stark am Auftauen war. Vorgestern ist nun endlich unser Verbrecher entlassen, auf den Grund mangelnder Beweise des Hochverrats.
Der Markgraf war so freundlich, Laßbergen schon einige Tage zuvor in einem wirklich herzlichen Briefe das günstige Unheil mitzuteilen. Zeerleder könnte nun nichts Klügeres tun, als sich fortmachen in’s Österreichische, da ja noch neue Klagepunkte in Menge bereit sind; aber er ist sorglos und ungeschickt wie ein Kind von sieben Jahren, versteht weder feine noch grobe Winke, und es würde mich gar nicht überraschen, wenn sie ihn hier zum zweiten Mahl packten. Er hat sich auch durch nichts bewegen lassen, seine Papiere und wertvollen Sachen aus Steinegg wegzuschaffen, und nun erfahre ich soeben, dass gestern alles mit Sequester belegt ist.
Nun adieu, liebste Mama, 1000 Liebes an alle, ich möchte so gern jeden einzeln nennen und für jeden einzeln ein paar Worte schreiben, aber man lässt mir ja weder Papier noch Zeit. Alte Sophie, August, Ludowine, Euch muss ich doch noch besonders grüßen, adieu, liebe Herzensmama,
Deine gehorsame Tochter Nette.
Meersburg, 27. Februar 1848
Ich hätte Dir so gern unmittelbar nach meiner Ankunft geschrieben, aber die Nachwehen der Reise ließen sich doch spüren, wo dann eine Unfähigkeit, in gebückter Stellung zu verweilen, immer das erste ist, was sich bei mir einstellt. Jetzt bin ich jedoch ziemlich wieder auf dem Strumpf und kann Euch Lieben, von denen ich gewiss weiß, dass Ihr meinen Weg in Gedanken mitgemacht und mit Euern guten Wünschen begleitet habt, nunmehr Rechenschaft von meinem honetten Betragen in der wilden fremden Welt ablegen, sowie Kunde geben von den “ungeheuerlichen und abenteuerlichen Gefahren”, denen ich um so sicherer entgangen bin, da sie gar nicht den Mut gehabt haben sich zu zeigen. Es ist kein Dampfkessel zersprungen, weder Land- noch Seeräuber haben sich gezeigt, und (mirabile dictu!) niemand hat versucht, mich zu entführen, was freilich allen Glauben übersteigt!
Übrigens ist mir der lange Weg bei weitem nicht so sauer geworden, als ich befürchtete, und zwar ging es mit jedem Tage besser. Auf der ersten Tour bis Mainz konnten Kopf und Magen sich noch gar nicht mit der Erschütterung des Dampfboots befreunden, mir war mordschlecht zumute. Indessen kam mir hier die vortreffliche Einrichtung des Schiffes zustatten, das außer dem Pavillon noch ein Extrazimmer für Damen hat, mit so breiten Kanapees, dass man fast so bequem darauf liegt wie auf Betten.
Auch kann ich die große Zuvorkommenheit des Kondukteurs nicht genug loben. Er kam alle zwei bis drei Stunden, sich nach meinem Befinden und Wünschen zu erkundigen, gab mir den ausführlichsten Rat für jede Reisestation, und schon jetzt alle Billets (sogar für die nötigen Omnibus) bis Freiburg. Bei der Ankunft in Mainz führte er mich durch das Gedränge zum Fiaker, besorgte meine Effekten sogleich auf das Dampfboot, das ich am nächsten Morgen besteigen musste, und empfahl mich sogar dem Kondukteur desselben schriftlich. Kurz, selbiger Jüngling ist die Krone aller Kondukteure, die je waren, sind und sein werden.
Die Nacht in Mainz war schlecht; ich musste mich fortwährend übergeben und fühlte mich so krank, dass, wenn ich nicht schon so weit voraus bezahlt gehabt hätte, ich mich unfehlbar wieder würde zu Euch in Abrahams Schoß geflüchtet haben. So aber reute mich doch mein Geld, und ich segelte in Gottes Namen auf Mannheim los. Es wurde mir auch stündlich besser, obwohl der Delphin ein kleines unbequemes Fahrzeug ohne hinlänglichen Raum, sehr schwach an Erfrischungen, und sein Kondukteur, obgleich immerhin höflich genug, doch nur ein matter Abglanz meines gestrigen Juwels war.
In Mannheim kam ich so früh an, dass ich noch am selben Abend ein Stück Eisenbahn bis Karlsruhe vorwegnehmen und am nächsten Tage mit dem ersten Zuge bereits um elf Uhr morgens in Freiburg sein konnte. Beide Male verschafften mir die späte Jahrszeit und 30 Kreuzer Trinkgeld einen Waggon ganz für mich allein, wo ich, bald liegend, bald in Paschas oder Schneiders Majestät thronend, mich wirklich mehr erquickt als angegriffen und nach mehrstündiger Ruhe in Freiburg so gestärkt fühlte, dass ich noch desselben Nachmittages um drei Uhr es wagte, den eigentlichen sauren Apfel der ganzen Reise, ich meine die nächtliche Eilwagenfahrt durch das Höllental, den Schwarzwald et cet., bis Stockach zur Hand zu nehmen.
Das war aber eine Kreuzigung! Grade um Mitternacht auf der höchsten Höhe des Schwarzwaldes - die Luft dort kalt wie im Dezember - ein Wagen nicht viel größer wie eine Chatouille - höchstens für vier Mann Raum und acht hineingepresst. Wir saßen einander fast auf dem Schoße, und wer vor Schläfrigkeit etwas wacklig wurde, stieß seinem Visavis an den Kopf. Diesem Umstände habe ich es auch allein zu verdanken, dass ich nicht umgefallen bin, denn ich weiß wirklich nicht, wohin ich hätte fallen sollen.
Meine Reisegefährten (wahrscheinlich Leute aus der Umgegend) schienen sich indessen schon völlig in die Anforderungen des Wagens hineingelebt zu haben, sie schliefen alle, in kerzengrader Stellung, und mir allein blieb das Vergnügen, den holden Mond anzusehen, und es jedesmal zu bemerken, wenn die Pferde an einem steilen Hange fast hintenüber schlugen, nicht mehr voran konnten, und der Wagen einige Male um mehrere Schritte zurückrollte.
Endlich erschien der Tag, und endlich endlich! um Zehne das ersehnte Stockach, ein elendes Nest! Das erste, was ich dort hörte, war, dass in jeder Woche ein Tag ausfalle, wo keine Eilpost nach Meersburg gehe, und dass ich grade diesen glücklichen Tag getroffen, somit die schönste Gelegenheit habe, bis zum nächsten Nachmittag die Reize der Stadt zu bewundern, die in dem beständigen Staubregen (mit dem fast meine ganze Reise gesegnet war) genau aussah wie ein altes Weib, das ein Bettlaken um den Kopf gehängt hat. Das war mir aber zuviel! So beging ich denn aus Ungeduld den dummen Streich, nach kaum halbstündiger Ruhe wieder los zu fahren, in dem besten Lohnfuhrwerke der Stadt. Wie nenne ich es? - Cabriolet ist nicht passend. Cabriölchen, einspännig, ohne Verdeck, den Kutscher neben mir, denn von einem Bocke war keine Rede.
So bin ich, abends sechs Uhr, in Meersburg hereintriumphiert; d. h. nicht ganz herein, sondern bis zu einem Wirtshause vor dem Tore, um keine Irrungen zu veranlassen, da der Großherzog von Baden ebenfalls am selben Abende durchpassieren sollte. Der Empfang im Schlosse war äußerst herzlich, mein Mütterchen war zwar von einer Landpartie noch nicht heimgekehrt, aber die Kinder schrieen sich fast heiser, und meine gute Schwester, die noch immer etwas leidend aussah, weinte vor Freude, auch Laßbergen schien meine Ankunft äußerst willkommen.
Er hat viel Sorge um Jenny gehabt, und ihr Zustand ist, wie ich höre, auch entschieden gefährlich gewesen. Drei Monate Husten mit gänzlichem Verlust der Stimme, schleichendem Fieber, Appetit-und Schlaflosigkeit - sie hatte sich schon bedeutend erholt, als ich ankam, erholt sich täglich mehr, und von Gefahr ist gottlob keine Rede mehr, obwohl es noch eine Weile dauern mag, bis sie mit ihren Kräften und gutem Aussehn wieder auf den alten Standpunkt gelangt ist. Gottlob ist sie heiter dabei, nicht im geringsten apprehensiv und das hilft sehr voran.
Mit Mamas Herzklopfen ist es noch beim Alten, doch ist es das letzte Mal um fünf Tage später als gewöhnlich eingetreten, und ich möchte mir nun gar zu gern Hoffnung machen, dass dies bereits Wirkung des Klimas sei, was ihr Übel schon mehre Male gelindert hat, jedoch, leider, immer nicht anhaltend. Mit der völligen Gewöhnung an die hiesige Luft traten auch die alten Zustände wieder ein. Würde es doch einmahl anders! nur Linderung - wie froh wollten wir sein! Aber ich fürchte, Gott hat uns diese Freude nicht bestimmt. Wüsste ich nur gewiss, dass nichts Lebensgefährliches bei ihrem Zustande wäre, so wollte ich mich schon gern zufrieden geben; in ihrem Alter sind sieben Tage voll Kraft und Gesundheit mit einem leidenden nicht zu teuer erkauft, und das ist es ja eben, was uns die Ärzte einreden wollen, dass sie ihre ungemeine Rüstigkeit nur diesen Arbeitern zu verdanken habe, die nie lebensgefährlich werden
könnten. Gott gebe dass es so ist!
Laßberg ist auch ein wahrer Held für seine Jahre, trotz seines halblahmen Beins beweglich wie Quecksilber, sieht viel wohler aus als an seinem Hochzeitstage, und wenn er sich nicht zuweilen durch eigene Schuld einen Husten holte, könnte man sagen, ihm fehle nie Etwas.
Ich habe ihn bis jetzt nur in glänzender Laune gesehn, und hoffe, es sei etwas Haltbares daran, denn da er überhaubt mit zunehmendem Alter sehr an Umgänglichkeit zunimmt, so kann er in den zwei Jahren meiner Abwesenheit hübsche Progressen gemacht haben. So wie er jetzt ist, kann man sehr wohl mit ihm auskommen, und Jenny ist mit ihrer Lage völlig zufrieden, das bleibt doch die Hauptsache!
Meersburg, 14. Oktober 1846
Sie wundern sich wohl, mein guter Levin, fast zugleich zwei Briefe von mir zu erhalten; aber der von diesem Morgen war mir selbst so unangenehm zu schreiben und muss Ihnen notwendig so unangenehm zu lesen gewesen sein, dass ich es weder mir selbst noch meinem kleinen Jungen zu Leide tun mag, ihn ohne einen verbessernden Appendix zu lassen.
Ach, Sie glauben nicht, wie geplagt man ist, sobald man Laßberg einige Einmischung gestattet hat, gleichviel in welcher Sache – was hier schon durch Annahme seines früheren Anerbietens geschehn war; er meint’s gut, nur zu gut, sieht die Sache dann ganz wie seine eigne an und wird zu einem unerschöpflichen Bronnen unbrauchbaren Rats, den er gleich in praxi sehn will und es nicht leicht vergibt, wenn man ihn auch nur einmal ad acta legt. Doch Sie kennen ihn ja hinlänglich. Heute Morgen war er eigens zwei Stunden früher aufgestanden – sobald er die Cotta’schen Briefe gelesen – um mir dies köstliche Förderungsmittel in meinen Turm zu bringen. Es ist ihm gewiss sauer geworden, da er noch obendrein seit drei Wochen erbärmlich hustet, und hintennach rührt mich dieser Eifer im Grunde; aber er hat mich doch so konfus und verdrießlich geschwätzt, dass ich die ganze Geschichte lieber aufgegeben hätte und, um nur wenigstens vorerst zur Ruhe zu kommen, mich gleich hinsetzte und noch in seiner Gegenwart die erste Seite des vorigen Briefes schrieb; da war er denn zufrieden und ging.
Übrigens sagte Mama heute nachmittag mir zu meinem größten Erstaunen (denn ich glaubte sie durchaus auf Laßbergs Seite), sie würde sich in meiner Stelle gar nicht an Laßberg kehren, sondern Ihnen die Sache unbedingt überlassen; Sie verständen derartige Dinge weit besser als Laßberg, der sich bei seinen literarischen Unternehmungen noch immer selbst in Schaden gebracht hätte et cet. Somit ist mir der schwerste Stein vom Herzen, und ich kann Ihnen nun ganz leichten Mutes sagen: “Machen Sie es ganz nach Ihrem Gutdünken, so weiß ich, dass ich nicht nur treulich, sondern auch verständig versorgt bin”; und da Mama diese Überzeugung teilt und, wie ich jetzt merke, Jenny auch – der die dicken Ballen von Laßbergs “Liedersaal” im Magen liegen – so sehe ich eben keinen sonderlichen Kämpfen mehr entgegen und fühle mich so leicht wie diesen Morgen beengt.
Mir kommen 700 Gulden als recht viel vor, und ich habe sie nicht erwartet; Mama und Jenny finden es auch ganz honett; und die Verbindung mit einer so bedeutenden Firma hat so große anderweitige Vorteile, dass ich auch mit Cottas Gebot würde zufrieden gewesen sein, dann aber freilich lieber eine sofortige Annahme als Zurücktreten von einmal gemachter Forderung – der 700 Gulden – gewünscht hätte. Sollte indessen Cotta Ihre freundlichen Hoffnungen zuschanden machen und sich weigern, so schreiben Sie mir ungescheut, ohne Beklemmung – denn es wird mich nicht so arg affiziren – und Ihre Ansicht dabei, die ich dann vermutlich zur Richtschnur nehmen werde; denn so eigensinnig ich in Dingen sein mag, die ich zu verstehn glaube, so wenig fällts mir ein mitsprechen zu wollen, wo ich mich als Ignorantin fühle.
Mir ist derweil auch noch eine Variante für eine anstößige Stelle der “Stadt und Doms” eingefallen, die mir allgemeiner verständlich scheint: O werte Einheit, bist Du eins, – Wer stände dann des Heil’genscheins, Des Kranzes würdiger als Du, Gesegnete, auf deutschem Grund! et cet.”; ist das nicht besser? Wahrscheinlich fallen mir noch andre Aushilfen gegen Ihre Seelenschmerzen über meine Mängel ein; ich war diesen Morgen zu bedrängt und eilig und musste recht eigentlich aus dem Ärmel schütteln. Manches, was mir – und auch den bisher Befragten – verständlich schien, hat doch in Ihnen zu sehr den Repräsentanten einer zu großen und achtbaren Gegenpartei zu respektiren, als dass ich nicht eine Klarmachung wenigstens ernstlich versuchen sollte. Nur müssen Sie berücksichtigen, wie schwer dies ist – zehnmal schwerer als ganz neu. Nun, der Druck geht ja langsam, und die ersten Bogen sind ja nun nach Ihrem Wunsche gesäubert. NB. Wegen des “Schnarchens der Schwäne” im “Fundator” habe ich noch nicht geantwortet. Ich ließ hier den Ausdruck “tauschen” ungern fort; denn er ist sehr bezeichnend. Schwäne haben keine andre Stimme als ein leises Schnarchen, mit dem sie sich einander anrufen, was man im Sommer – zu Hülshoff nämlich – die ganze Nacht durch hört, da sie fast gar nicht schlafen, sondern am Ufer umherziehn, wo sie sich im Dunkel einander verlieren und dann auf diese Weise durch Wechselrufe orientieren, – es lautet hübsch und graulich – und wäre hier “tauschen” nicht die passende Bezeichnung für Wechselrufe? Das meine ich doch. Sollte aber “Schnarchen” zu dem Begriffe von Schlaf verleiten, so kann man ja “dumpfes Schnarren” setzen; da merkt hoffentlich doch jeder, dass es ein Ruf ist – oder meinen Sie nicht? Mich dünkt, Schwäne sind doch so bekannte Vögel, dass man sich nicht scheuen darf, ihre gewöhnlichen Manieren als der Überzahl bekannt anzunehmen.
Ich bin diesen Abend besonders klüftig von Kopf, da fällt mir ein, von wegen des Weidenstumpfen im “zu früh gebornen Dichter” Str. 4, würde Ihnen mehr zusagen: “Doch ließ man dies als Schwärmerei (krankes Blut) Und Hochmut ihn entgelten; Da musst’ er wohl mit bittrer Reu (Mut) Sich einen Toren schelten”? Dann käm der Weidenstumpf ganz fort. Ferner von wegen der “Fortun” in der “besten Politik”, ob man nicht doch zuerst “Glück” setzen und nachher “Geschick” substituieren könnte; z. B. “Daß dem das Glück zumeist gewogen, Der es am mindesten gehetzt, Und dass wo Handeln (Wirken) ein Geschick Nach eigner Willkür mag bereiten, Nur Offenheit zu allen Zeiten Die allerbeste Politik”.
So wären ja wohl die ärgsten Steine schon beseitigt, wenn Sie dazu nehmen, was der vorige Brief schon nachgibt; notieren Sie sich’s nur ja zusammen, damit die corpora delicti nicht durch Ihr eignes Versehn über der Erde bleiben. …
Nachmittags. Ich habe Ihren letzten Brief; es ist alles sehr gut und schön so, Laßberg auch hintennach zufrieden – ein wunderlicher Patron, aber doch gut. Also Cotta hat nachgegeben! zwar wie ein schlauer Fuchs, und auch gleich die Auflage verstärkt. Aber es macht nichts, ich raisonniere so: Verkauft sich die Auflage sehr langsam, so hat Cotta doch wenig Profit, und es ist eigentlich eine verunglückte Spekulation für ihn, wo es mich dann freuen muss, dass ich ihn nicht wenigstens gradezu in Schaden gebracht; verkauft sie sich gut, so kömmt’s ja auch wohl zur zweiten, wo mir dann ja ganz freie Hand gelassen ist; und ich finde 700 Gulden viel, besonders da sie mir jetzt so überaus gut zu statten kommen, d. h. im Verlauf des Jahres, auf ein paar Monate kömmt’s hier gar nicht an.
Wissen Sie noch, wie Sie im vorigen Winter meinten, ich solle dem Cotta, wenn er nichts biete, mein Manuskript umsonst geben, nur um in seinen Verlag zu kommen? Wie soll ich mich denn nun nicht freuen, wenn er mir 700 Gulden gibt, wo ich sie grade so nötig brauche? Ich freue mich – und freue mich sehr, und niemand soll’s mir wehren. Aber es wehrt’s mir auch niemand; tout le monde ist hintennach zufrieden.
Aber jetzt dürfen wohl ohne Cottas bestimmte Einwilligung keine Gedichte aus der Sammlung genommen werden? Will er z. B. den “Spekulanten” als sein Portrait nicht umkommen lassen, meinetwegen! Aber es ist sein eigner Schade, wenn das schlechte Zeug drinnen bleibt. NB. Wenn ich so etwas über Cotta sage, was mehr cavalièrement als höflich gesagt ist, so hüten Sie sich, es jemanden, z. B. dem Kolb, mitzuteilen. Kolb mag ein ganz guter Mann sein, vielleicht eine Perle von einem Manne, aber er bleibt immer Cottas rechte Hand, und man kann niemanden stechen, ohne dass die Hand, wenigstens heimlich, mitzuckt. Ein Mann, der sich zwischen so vielen Leuten und ihren korrupten Grillen durchwinden muss, kann seiner Stellung nach unmöglich das Herz auf der Zunge tragen, obwohl ein scheinbares Eingehn auf die Ansichten anderer ebenso notwendig ihm zur andern Natur werden muss. Ich zweifle nicht, dass Kolb den Cotta im Grunde gern hat, wenigstens sehr empfindlich für dessen Ehre ist, und möchte Sie dringend bitten, dieses, selbst in den freundschaftlichsten Verhältnissen, nie zu vergessen; jedenfalls gebrauchen Sie in Rücksicht auf meine etwaigen Äußerungen der Art die größte Vorsicht, wenn nicht aus Überzeugung der Notwendigkeit, doch mir zu Liebe, weil ich es wünsche und Sie darum bitte. Es liegt für mich etwas Schimpfliches in jedem, selbst einem bloßen Geschäftsverhältnisse, wo nicht jeder Teil von der Achtung des andern überzeugt zu sein glaubt, und ich würde mich auf eine solche Veranlassung augenblicklich herausziehn, so weit mir Freiheit gelassen wäre. Zwar habe ich gar keinen Grund, Cotta’n nicht zu achten, aber ich möchte doch nicht genötigt sein, jedes Wort gegen Sie auf die Goldwage zu legen. Sagen Sie mir, um noch einmal auf das Geschäft zurückzukommen: muss ich denn nichts unterschreiben? Haben Sie für mich unterschrieben? Und ist die Handlung damit zufrieden?
Meersburg, 6. Februar 1844
Im Ganzen hat Laßberg mich heute belobt, aber schon einige Abänderungen vorgeschlagen, die sehr sehr nach der alten Schule schmecken, und mir nebenbei Gellert als den vollkommensten deutschen Stilisten empfohlen - Sie sehn, wo das hinaus will!
Meersburg, 4. Januar 1844
Vorgestern habe ich Deinen Brief erhalten, mein gutes Herz, und heute sitze ich schon wieder hinter der Feder, und zwar auch einmal “in flüchtigster Hingeschmissenheit”, damit mein Brief womöglich noch vor oder mindestens zugleich mit demjenigen anlangt, den Dir Laßberg schreiben wird. Dieser hat nämlich soeben einen Brief vom alten Hug aus Freiburg erhalten des Inhalts, dass ihm eine Anfrage vom Regierungsdirektor von Recke (in Freiburg) geschehn hinsichtlich der moralischen und politischen Richtung des Levin Schücking, dem man, im Falle man hierüber gleich sichre und günstige Zeugnisse zu erhalten vermöge, als man bereits über andre erwünschte Eigenschaften eingeholt, die Redaktion der “Freiburger Zeitung” anzubieten gedenke. Laßberg, der natürlich eine gelehrte Beschäftigung jeder andern vorzieht, auch nach seinem Charakter Selbstständigkeit höher als jeder andre anschlagen muss, und endlich, obwohl Hug nicht das geringste über die Verhältnisse jener Stellung sagt, diese sich doch als sehr vorteilhaft - z. B. etwa fünfzehnhundert Gulden Gehalt, und nach gewissen Jahren eine schöne Pension - vorstellt, ist außer sich vor Freude, und da Hug ihn als Mann von Ehre, dessen Zeugnis den Ausschlag gibt, befragt, sitzt er in diesem Augenblicke hinter seinen Schreibtisch und gibt dem Herrn von Reck sein Ehrenwort hinsichtlich Deiner moralischen und politischen Ansichten, und mit diesem zugleich soll ein Brief an Dich abgehn, worin er Dir alles dieses und das Bevorstehen des Antrages mitteilt. In dem Schreiben an Reck wird er die Vorteile Deiner jetzigen Stellung und vorzüglich die Gewißheit lebenslänglicher Pension nach acht Jahren hervorheben, um ihre Anträge dadurch zu steigern.
Lieber Levin, ich kenne Dich zehnmal besser wie Laßberg, und weiß, dass Du, obwohl weder Demagog noch Freigeist, doch nicht zur Hälfte so loyal und orthodox bist wie der gute alte Herr es meint; bedenke, dass ein Mann, der Dich liebt und allgemein geachtet ist, sein Ehrenwort für Dich gibt, und geh auf nichts ein, wenn Du fühlst, es nicht erfüllen zu können. Vielleicht ist das Blatt gänzlich von der Regierung abhängig, und eine entgegengesetzte Handlungsweise würde Dich sehr bald um deine Stelle bringen, wo Du dann zwischen zwei Stühlen säßest. Vielleicht steht es auch frei da, die Regierung mischt sich unberufen hinein, Du hättest bloß die Verpflichtung, [ihre] Inserate aufzunehmen, und könntest ihr
übrigens, wenn Du erst fest säßest, ein Schnippchen schlagen; dann bleibt aber immer meines Schwagers Ehrenwort, was Du nicht in Schande bringen darfst.
Meine Zweifel Laßberg mitteilen konnte ich natürlich nicht, und es hätte auch nichts bewirkt, als dass ein Antrag rückgängig geworden wäre, der Dir doch jedenfalls angenehm sein muss, und Dich in mancher Beziehung vorteilhafter stellt beim Fürsten wie in der literarischen Welt, und der, wenn er Dir nicht ansteht, mit einem Lobe Deiner jetzigen Stellung so leicht zurückzuweisen ist, was noch zugleich ein schönes Kompliment für den Fürsten wäre, und Dir einen guten Stein im Brette gäbe.
Hug schreibt übrigens, wie gesagt, nicht das geringste weder über die pekuniären noch literarischen Verhältnisse des Blatts, weder über seine Verbreitung noch Haltbarkeit; ich spreche also allerdings wie die Blinde von der Farbe, bis auf den Punkt des Ehrenworts, der klar und einfach daliegt. Das Übrige wird der Brief des Herrn v. Recke an Dich ohne
Zweifel hinlänglich beleuchten, bis auf das letztere, die Haltbarkeit, die jedes Blatt natürlich hofft und mindestens seine Zweifel darüber niemandem mitteilt. So kann es mir auch nicht einfallen, Dir eigentlich ab- oder zuzuraten, da ich die Freiburger Verhältnisse gar nicht und Deine jetzigen jedenfalls nicht halb so gut kenne wie Du selbst, aber Du wirst Deinem Mütterchen nicht böse werden, wenn sie Dich daran erinnert, dass du jetzt in dem Alter stehst, wo eine gesicherte Stellung anfängt äußerst wünschenswert zu werden, und dass Du Dir in keinem Falle das Brett unter den Füßen wegziehen darfst. Du kannst noch 50 Jahre leben, solange muss das Blatt also noch bedeutend florieren, wenn Dir nicht Deine Pension - ohne diese würde ich mich auf keinen Fall einlassen - übers Freiburger Münster fliegen soll, und Du vielleicht in einem Alter brotlos werden, wo Dir Mut und Kraft zu einer neuen Karriere längst gebrochen sind. Kömmt das Blatt aber vielleicht unter Garantie der Regierung heraus, oder wird mindestens so von ihr protegiert, dass es nicht wohl je eingehen kann, so dürfte Deine Stelle bei demselben allerdings einem festen Amte nahe stehn.
Ich bin nur neugierig, ob die Anerbietungen wirklich so verlockend lauten werden, wie Laßberg es sich denkt; anderseits - werde nicht ungeduldig, liebes Herz! - liegt es mir sehr im Kopfe, ob Deine Stellung beim Fürsten auch wohl so gesichert ist, wie sie scheint. Man hat mir gesagt, er sei sehr verschuldet, und was du mir alles schreibst von den vielen Reisen et cet., scheint mir eben nicht zur Verbesserung seiner Lage geeignet; man kann ein prächtiger Mann und doch ein sehr schlechter Wirt sein, und in solchen Fällen sieht es selbst bei dem größten Grundbesitz mit den Zahlungen der Pensionen wenn nicht gradezu unsicher, doch mindestens sehr unregelmäßig und beengend aus. …
Kurz, liebes Herz, ich bitte Dich dringend, tappe nicht blind zu, nach keiner Seite; mache es nicht wie die jungen Mädchen, die die ersten Freier en bagatelle behandeln, weil sie meinen, jetzt müßten sie nur so schockweise nachkommen, suche Dich über die schwierigen Punkte beider Stellungen möglichst ins klare und sichere zu setzen, und dann werden ja wohl Ehre und Vorteil den Ausschlag nach irgendeiner Seite geben. Bist Du ungeduldig? Hast Du den Brief schon zehnmal fortgeworfen? Levin, ich bin Dein treues Mütterchen, was Dich lieber erzürnt oder sich von Dir auslachen läßt, als schweigt, wo sie denkt, reden könnte gut für Dich sein.
Meersburg, 13. Juni 1842





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