Briefe zum Schlagwort Joseph-von-Laßberg



aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Meersburg

Ich schreibe Dir unter Kanonendonner, unter Pauken- und Trompetenschall. Die Bürgermiliz hat sich vor der Pfarrkirche aufgepflanzt und läßt ihr Geschütz, wirklich ordentliche Kanonen, seit vier Uhr Morgens, sechs Messen lang, so unbarmherzig zu Gottes Ehre knallen, dass fast in jedem Hause ein Kind schreit; und wir auf dieser Seite haben alle Fenster aufsperren müssen, damit sie nicht springen. In den Schwaben ist doch mehr Lust und Leben wie in unsern guten Pumpernickeln! Stiele hat sich in eine Uniform gezwängt, die aus allen Nähten bersten möchte, und maltraitiert die große Trommel mordmäßig. Als ich aus der Kirche kam, salutierte er höchst militärisch und sagte dabei höchst bürgerlich: “Guten Morgen, gnädiges Fräulein!”

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aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Meersburg

Ich gehe jetzt täglich ins Museum, setze mich auf Deinen Stuhl am Fenster und sehe, was das “Morgenblatt” bringt. Vorgefunden: erstens Dein Gedicht auf die Meersburg, was mir aber schon eine schöne Verlegenheit zugezogen hat, und zwar eine wohlverdiente, da die Idee, den guten Laßberg nebst Uhland auszumerzen zwar nicht von mir ausgegangen, aber doch approbiert worden ist; und jetzt fiel es mir wie ein Stein aufs Herz: Gott, das sieht ja ganz aus, als ob Levin sich öffentlich seiner schämte, als zu unbedeutend für ein Gedicht; und nun grade im “Morgenblatt”, das Laßberg gleich vor Augen kömmt! Es währte auch nicht lange, so waren die Puppen am Tanz; von allen Seiten wurde dem alten Herrn die schmeichelhafte Nachricht von Levin Schückings schönem Gedicht auf seine Dagobertsburg zugetragen, schriftlich und mündlich; Pfeiffer, Baumbach, Stanz, die Meersburger Honoratioren: jeder wollte ihn zuerst darüber bekomplimentieren, und ich wußte mir nicht anders zu helfen, als indem ich gestand es gelesen und von der Redaktion des “Morgenblattes” – die ja auch von Deinem “Jagdstreit” über die Hälfte eigenmächtig gestrichen – auf eine Weise verkürzt gefunden zu haben, dass alle Strophen, die sich nicht auf das bloß Landschaftliche und Historische bezogen, ausgelassen worden. Der arme Laßberg, der so kindisch froh war, sich vor aller Welt besungen zu sehn, dass er mich fast aus dem Bette ins Museum gejagt hätte, um “das Blatt seiner Glorie” zu holen, war, wie mir schien, fast dem Weinen nah, als er dies hörte, und sagte mit der kläglichsten Stimme von der Welt: “Wenn auf diese Art vielleicht Uhland und ich auch ausgemerzt sein sollten, so sollte mich das sehr freuen; denn ich mag nicht, dass man von mir spricht.”

Er dauerte mich ordentlich, aber ich glaube nicht, dass er Verdacht auf Deine eigne lieblose Hand hat; Jenny eben so wenig, die auch ganz grimmig auf die perfide Redaktion ist; ich weiß aber auch wirklich nicht, wo wir beide unsre Gedanken gehabt haben, da wir doch Laßberg so gut kannten und dies alles an den Fingern abzählen konnten. Um desto nötiger ist es, dass Du ihm jetzt gleich schreibst, und zwar recht herzlich. Das menschliche Gefühl geht wunderliche Wege! Laßberg fühlt sich aus Veranlassung Deines Gedichts geärgert und gleichsam beleidigt, und ich meine, davon wird immer ein kleiner Schatten auf Dich zurückfallen, wenn Du dem nicht durch einen Beweis Deiner Hochachtung und anhänglichen Erinnerung zuvorkömmst. Am besten wäre es, wenn Du das Gedicht in seiner ersten Gestalt noch einem andern Blatte, was Laßberg vor Augen oder wenigstens nach Meersburg kömmt, z. B. dem Unterhaltungsblatt des “Merkur” oder der “Didaskalia”, gäbst; dann wäre das Unglück ziemlich repariert und allem etwa nachträglichen Verdachte vorgebeugt.

Meersburg, 4. Mai 1842

aus: 1841, Briefe an Elise Rüdiger, Meersburg

Und nun zu Uhland, des Äußeres keineswegs vorteilhaft ist, und der doch gefällt, wiederum durch große Bescheidenheit, Einfachheit und einen überwiegenden Zug von Güte, sonst ist er häßlich, seine Gestalt stämmig, fast gemein, feuerrotes Gesicht, und dazu stammelt er, was ihn so verlegen macht, dass er zuweilen aus Angst von einem Fuße auf den andern springt, aber plötzlich fährt ein geistiges Blitzen über sein Gesicht, oder ein unbeschreiblicher Zug von Milde und Teilnahme, dass man ihm gern die Hand drücken möchte, wenn man nicht dächte es bringe ihn in größte Verlegenheit. Er und Laßberg haben sich sehr lieb, und beide sprangen (da Laßberg, seit seinem Falle vor fünf Jahren, hinkt) auf die komischste Weise vor Freude im Zimmer umher, als sie ich begrüßten, dann ging es bald an gelehrte Gespräche, in die Bibliothek et cet, und wir Frauenzimmer kamen gar nicht in Betracht, hatten aber doch mitunter das Zuhören…

29. Oktober 1841

aus: 1837, Briefe an Sophie von Haxthausen, Hülshoff

Ich bitte, nimm Dich doch in acht und laß dich auf keine Gespräche ein, die Dich aufregen und ärgern, denn ich meine immer, die Geschichte mit dem Erzbischof ist Dir so in den Magen gefahren. Glaub nur, wir ärgern uns auch genug darüber, aber jetzt, wo das Recht auf unsrer Seite immer offner hervortritt und selbst protestantische Zeitungen dies anerkennen, können wir schon ruhiger erwarten, was der liebe Gott verhängt. Die bösen Mäuler sind wenigstens überall gestopft. Ich wünschte sehnlich, jetzt bei Dir zu sein, aber schreiben geht nicht, die Spionerie hat einen Grad erreicht, worüber ich als Märchen lachen würde, wenn nicht bereits die auffallendsten Beispiele vorgekommen wären. Wenn die Regierung wüßte, wie sehr der münsterische Adel die Ruhe zu erhalten wünscht! Aber man glaubt das Gegenteil und geht so weit, zu behaupten, er habe während des Tumults Geld verteilen lassen. …

Wo Laßberg sein Lager aufschlagen wird, war nach den letzten Briefen noch ganz ungewiss; er hat auf Meersburg geboten, aber noch keine Antwort; ich glaube, Jenny [wäre] es lieber, wenn sie das Gut bei Schaffhausen bekämen, was doch ordentlich auf dem Lande liegt [und] nicht so wüst groß ist als das Meersburger Schloß mit seinen vier Türmen, wo sie sich mit ihren vier Domestiken ganz in verlieren und obendrein mitten in einem Landstädtchen wohnen, so sämtliche Bevölkerung ihnen von unten auf die Fenster sieht, da es etwas höher liegt.

Mich würde das ganz unglücklich machen, alle Gene einer Stadt ohne ihre Vorteile, außer dass sie die Kirche so nah haben; Jenny rechnet auch noch die Schule für etwas (es ist nämlich eine Pension da), aber der Laßberg müßte ja steinalt werden, wenn er noch erleben wollte, dass die kleinen Stümpchen in Pension kämen. Ich gönne ihm das Leben von Herzen, aber Du weißt, wie er herunter ist. Sage doch nicht, dass Jenny diesen Kauf nicht wünscht, sie läßt es gewiss Laßberg nicht dünken, und Onkel Werner würde es ihn gleich schreiben.

Hülshoff, 30. Dezember 1837

aus: 1835, Briefe an Sibylle Mertens, Rüschhaus

Ich bin krank, Billchen, deshalb soll ich gar nicht schreiben, nicht lesen; nun, das Verbot ist überflüssig, die Buchstaben schwimmen und rennen durcheinander wie Wassertierchen. Ich will versuchen, wie weit ich komme. … Von früherhin ließe sich allerdings manches sagen, und müßte sogar gesagt werden, aber für dieses Mal wird’s nicht gehen, mein Kopf läuft mit mir um. Nur so viel, ich war Dir böse und bin es nicht mehr, denn ich habe mich entschlossen, jenes, was mich kränkte, und zu verschiedenen Zeiten oft und sehr gekränkt hat, in Zukunft als etwas Unabänderliches zu tragen. Ich meine Deine Unfähigkeit, persönliche Mühe für Freunde zu übernehmen, selbst wenn der Erfolg für jene von Wichtigkeit und die Mühe gering wäre.

Du kannst wohl nicht zweifeln, dass für dieses Mal von meinen Gedichten die Rede ist, die ich so mühsam für dich abschrieb, und dafür nichts verlangte, als dass du sie mir mit Adelen und D’Alton kritisch durch sehn mögest, da ich befürchte, dass durch all zu vieles Streichen manches unzusammenhängend geworden, dem aber durch Einschieben des Gestrichenen leicht zu helfen, auch sonst, fürchtete ich, sei manches zu gewagt et cet. Du magst das Weitere in den zwei zu jener Zeit geschriebenen Briefen nachsehen, heute darf ich kein überflüssiges Wort schreiben. Ferner um Anweisung bat ich, an wen ich mich wohl wegen des Verlags zu wenden, und auf welche Weise. Hättest du nur nicht so enthusiastisch, so überaus dienstwillig geantwortet, und hätte ich dir nur nicht so fest geglaubt und mit so ängstlicher Spannung von einem Posttage zum andern geharrt, es würde mich weniger geärgert haben, dass so gar nichts geschehn ist, ich würde nicht so allen Mut und Lust verloren haben, je wieder etwas unternehmen. Doch passons la dessus!

Dieses heftige Eingreifen und schnelle Fahrenlassen ist eine stehende Eigenschaft bei Dir, aber nur des Kopfes, vielmehr der Phantasie, keineswegs des Herzens, deshalb kann ich sie Dir übersehen und Dich lieben wie zuvor. Laß Dich, durch das was ich geschrieben habe, nur ja nicht verleiten, Dich etwa jetzt, mit deinen Kopfleiden, grade recht mal a propos an die Sache zu geben, laß sie überall beruhen, du kannst ohne Adelen doch nicht voran, und meine letzte Frage oder Bitte betrifft sie allein, darum werde ich ihr schreiben, sobald ich besser bin.

Ich war übrigens schon mit meinen Gefühlen für Dich im reinen und Dir gar nicht böse mehr, wie Dein vorletztes Schreiben kam. Für dieses mal hinderte mich der Ring am Antworten, Du fordertest ihn auf eine trotzige Weise zurück, fast als ob Du dächtest, ich wollte Dich drum bringen. Drum wollte ich keine Antwort ohne denselben schicken … Ich wollte, das Unglücksding wäre nie vor meine Augen gekommen.

Du beklagst Dich, dass ich Dir die Heirat meiner Schwester nicht notifiziert - Kind Gottes, ich habe es Dir ja geschrieben, mit meiner eigenen Hand, ist das nicht besser wie eine gedruckte Annonce? Ich hoffe, dass Jenny glücklich wird. Laßberg hat manches Originelle, aber noch mehr Vorzügliches, doch das Urteil über jemand, den man nur als Gast und Bräutigam sah, muss einseitig bleiben, mich verlangt, ihn zwischen seinen Mitbürgern, in seinen Familienverhältnissen zu sehen. Wahrscheinlich reisen wir nächsten Frühling (Mai) hin, d. h. die Mutter und ich, dann geht’s über Bonn und auf einige Stunden nach Plittersdorf. Das ist mir aber zu wenig. Du musst es möglich machen, auf einige Tage nach Bonn zu kommen, denn so lange, denke ich, wird Mama sich wohl von ihrem Bruder halten lassen. Ich will’s nur bekennen, so wenig Du es verdienst, dass ich mich recht herzlich, Dich wiederzusehn, sehne.

Bist Du noch krank? Nein, jetzt nicht mehr, ich denke mir, Du läufst wieder auf Deine “zwei Beine” gleich ‘ner Wachtel. Ich wollte, mit mir ständ’s auch so. Die Buchstaben krimmeln mir vor den Augen wie ein Regiment Läuse (von welcher Gattung, bleibt Deinem Geschmack überlassen, Du magst wählen, die Dir am liebsten sind).

Rüschhaus, 19. Februar 1835