Briefe zum Schlagwort Levin-Schücking
Diesmal nur einige Zeilen in fliegender Eil, denn Dein Geld, was soeben angekommen ist, muss sogleich wieder fort, um in Tresorscheine umgesetzt zu werden und dann das ganze Paket gleich in Münster zur Post, weil Euer einfältiger Bürgermeister auf beiden Scheinen den Stempel (oder Siegel) vergessen hat, so dass sie bei der Kasse in dieser Gestalt gar nicht können als gültig angesehn und den Quittungen beigelegt werden. Nur aus besonderer Gefälligkeit hat man das Geld darauf ausgezahlt, dringt aber nun auf augenblickliche Besserung des Fehlers. Schick also die beiden Papiere möglichst bald zurück! …
Daß ich soviel Glück mit meinem Rebberg habe, ist prächtig, und die Akquisition des Gartens gefällt mir ebenfalls sehr; ich fange jetzt an, eine ordentliche und potente Grundbesitzerin zu werden! Es ist mir nur ärgerlich, dass Werner mir die kleine Donation noch immer nicht in Ordnung gebracht hat, er hat so viel anderes zu tun, immer den Kopf so voll Geschäfte und ist dadurch oft so vergesslich und zerstreut, dass man ihm die Nase aus dem Gesichte stehlen könnte, ohne dass er es merkt. Sobald ich aber wieder in Hülshoff bin, soll er mir das Ding fertigmachen, solange ich da bin, sonst kömmt er nicht dazu. Geld bringe ich im Frühjahr mit, soviel ich zusammenkratzen kann, um womöglich die Gartenschuld zu tilgen. Schreib mir nur, wieviel Du zugelegt hast. …
(Am oberen Rand der ersten Seite:)
Hast Du auch meinem Rebmann im Herbste eine kleine Zulage gegeben? Er hat es wohl verdient; denn seinem Fleiße habe ich doch gewiss zumeist den guten Ertrag zu verdanken.
Rüschhaus, 6. Dezember 1845
… ich habe doch einen Brief vom 2ten Oktober zu beantworten, wo mir Schücking die “neue Wendung seines Schicksals” ankündigt, und sich so hin und her dreht, dass ich denken soll, er habe erst jetzt, auf Dumonts Antrag, Cottas Dienst verlassen, während dies doch ganz gewiss schon im Frühling der Fall, und sein ganzer Aufenthalt in Bonn bloß auf die Bewerbung um Püttmanns Stelle berechnet war. Ob gegenseitige Unzufriedenheit im Spiele war, weiß ich nicht, Schücking ist seiner Stellung aber offenbar völlig überdrüssig gewesen - er ist wieder so eilig und läßt Luisen seinen Brief beenden, und sie schreibt mit einiger Bitterkeit: “Der Abschied von Augsburg und unsern dortigen Freunden tut uns beiden schwer leid! einen so angenehmen Zirkel, eine so herzliche Aufnahme finden wir nicht wieder; Levin sieht das jetzt erst recht ein, ich habe es immer gefühlt, und mit dankbarem Herzen anerkannt.” Dann schreibt sie von ihrer schönen großen Wohnung in Köln, die aber allerdings auch, wie alles dort, sehr teuer sey. Junkmannen findet sie höchst liebenswürdig und originell, auch sehr heiter, nach Levins Versicherung viel heiterer als in Münster; und die Lombard, mit der sie verschiedene Landpartien gemacht, höchst gebildet und artig.
Wegen Paulinens solle ich mich nicht ängstigen (schreibt wieder Schücking). Sie sei reichlich mit Gelde versehn, obwohl sie alle Welt in Briefen anbettele, er habe auch noch vierzehn Taler für sie in Köln bezahlt, obgleich er wisse, dass sie mindestens 60 Reichstaler in der Sparkasse stehn habe et cet. Ich fürchte, er steckt selbst in Schulden; denn er spart nirgends. Zuerst die Reisen! dann sein glänzendes Auftreten in Bonn, wo, wie ich höre, ihn jedermann für steinreich hält! und nun wieder der neue Anlauf zum großen Leben in dem großen teuren Quartier, wie soll das von 1000 Reichstalern kommen? d.h., wenn nicht der Frau Vermögen allmählig drein geht.
Die 1000 Reichstaler selbst sind mir noch ein bischen problematisch. Mir schreibt er auch “1000″, seiner Tante Padberg aber nur “600″ - hat er bei mir, aus Prahlerei oder um meinen Vorwürfen zu entgehn, übertrieben? oder bei der Padberg sich zu klein gemacht, um nicht seine münsterschen Schulden bezahlen und für Paulinen sorgen zu dürfen? oder hat er bei mir alles zusammen gerechnet, Feuilleton, Rheinisches Jahrbuch und vielleicht noch den mutmaßlichen Ertrag seiner Aufsätze? Möglich sind die 1000 Reichstaler übrigens allerdings, da, wie mir Annchen Junkmann sagt, ein Freund ihres Bruders, Brüggemann, der jetzt die Redaktion der Kölner Zeitung übernimmt, dafür “2000″ von Dumont erhalten wird.
Könnte Schücking nun nur seine Veränderlichkeit bezwingen und sich etwas nach der Decke strecken, so wäre er geborgen, aber ich fürchte, Köln wird ihm noch eher alt wie Augsburg, und mit dem Hin-und Herlaufen und Leben en grand seigneur geht es endlich doch auf seines Papas Schicksal los. Mama fürchtet dies auch …
Rüschhaus, 14. November 1845
Von Schücking habe ich vor etwa acht Wochen einen Brief, wie immer sehr freundlich, aber ungeheuer flüchtig - keine Nachfrage nach irgend jemanden, keine meiner Fragen (die meistens meine schriftstellerischen Interessen betrafen) beantwortet, überhaupt gar keine Teilnahme an meiner Laufbahn mehr, nur einmal flüchtig hingeworfen: “Ihre Pyrenäengedichte sind schön - was machen Sie? sind fleißig?”, um dann gleich weitläufig auf seine eignen Ruhmes- und Erwerbplane zu kommen.
Dreierlei soll in diesem Jahre heraus, ein Roman und zwei Sammlungen seiner zerstreuten Gedichte und Novellen; auch dreierlei Plaisiers hatten sie vor: erstlich eine Rheinreise (muss schon vorüber sein, der Brief war vom 16ten Juni), dann einen Monat Badekur in Ostende (auch wohl schon vorüber) und endlich den nächsten Winter in Paris. (Wie verträgt sich das mit dem Geldbeutel, und vollends mit seinem Amte?) Das Kind ist ein Wunder der Natur; von Paulinen weiß er nichts, und scheint sehr unbekümmert darum. Nach einer Person erkundigt er sich dann doch, nach Adelen, deren Roman “Anna” seine Luise gelesen und sehr schön gefunden. Voila tout!
Abbenburg, 2. August 1845
… bekam gleich darauf einen triumphierenden, strahlenden Brief von Schücking, datiert vom 20. Am vorigen Abend um 7 Uhr hatte er einen jungen Sohn bekommen und ist außer sich vor Freude und Hoffart. Er findet das Kind jetzt schon wunderschön, schreibt, es gleiche Luisen, habe schwarze Löckchen mitgebracht, und sie hätte ihm gleich nach dem Bade einen Scheitel gemacht. Es sei groß, dick und fett, habe lange Hände, Füße und Ohren, werde somit in die baumlangen Galls schlagen, und er sei der einzige von allen seinen schriftstellernden Freunden, der einen Jungen habe, und noch dazu so einen Staatskerl! Was ihm gewiss schrecklich viel Neid zuziehn werde. Er verlangt auch, ich solle sogleich ein Gedicht an das Kind machen. Kurz, er steht beinah auf dem Kopfe vor Freude.
Rüschhaus, 26. Dezember 1844
Was soll ich Ihnen von Sch[ücking]s eigner Lage sagen? Er nimmt sie von der besten Seite, ist vergnügt wie ein König und baut ein Luftschloß ums andre, wobei er seinen zukünftigen Erwerb durch dramatische Arbeiten hoch anschlägt. Cottan hat er noch nicht mit Augen gesehn, ist auch nicht auf Ostern von ihm engagiert, sondern dies wieder auf Michaelis hinausgeschoben, wo er dann sicher auf eine feste Anstellung mit 1500 Gulden rechnet, und bis dahin seine Arbeiten an der “Allgemeinen” sehr gut bezahlt erhält. Mich macht dies Aufschieben besorgt, und sein Ruhm? es ist kurios damit. Er selbst zitiert mir ein Journal nach dem andern, deutsche und französische, wo ich die brillantesten Sachen über ihn nachlesen soll (eins, im Literaturblatt des “Morgenblatts”, über sein “Schloß am Meere” habe ich wirklich gelesen und zweifle auch nicht am Dasein der andern), kann aber durchaus auf niemanden treffen, der diese Ansichten teilte, weder Hiesige noch Fremde, die Laßberg besuchen. Es hat zwar jeder irgend etwas von ihm gelesen, wenigstens in den “Dombausteinen” und Journalen, viele auch sein “Schloß am Meere”, aber keiner will ihn loben, alle finden ihn oberflächlich, geschraubt, seine Erfindung ärmlich und unnatürlich und seine Charaktere ohne Leben und Konsequenz, kurz, halten ihn für eine in der Literatur ganz unbedeutende Person. Wie soll ich das verstehn? Gibt’s eine Verbrüderung die sich wider die Stimme des Publickums, gegenseitig herausstreicht? Oder bin ich nur zufällig immer an solche geraten, denen er nicht zusagte?
Ich selbst finde seine Schriften zwar keineswegs schön im ganzen, aber doch manche einzelne Szene sehr gelungen. Sein Trauerspiel (”Günther von Schwarzburg”) dagegen, was er mir Unglücklichen zur Durchsicht, bevor er es einem Verleger anbiete, schickt, ist, so fürchte ich, abominable. Laßberg findet es wenigstens, und was ich bis jetzt davon gelesen (der 1ste Akt), widerspricht dem leider nicht. Es scheint ganz im Genre seines früheren Ritterschauspiels, etwas besser, aber blutwenig; ein wahrer Zwillingsbruder. Jetzt wissen Sie genug! Dabei wird es ihn allen Katholiken verhaßt machen, da er in einem Zuge des Schimpfens auf “Papst und Pfaffen” bleibt. Ich scheue mich zu antworten, seine Frau wird spinnengiftig werden!
Sein häusliches Leben ist, wie gesagt, sehr glücklich. Er weiß, wie sehr ich gegen Aufwand in seiner Lage bin, und schreibt deshalb wiederholt, “wie sparsam, ja fast geizig sie beide jetzt seien, nirgends glücklicher als ganz still bei einander in ihren vier Wänden; keine Gesellschaften gebend, außer jeden Abend einige Hausfreunde zum Tee, keine besuchend, außer einigen Assembleen, wo sie zu Tableaux mitwirken müßten, und namentlich seine Frau sich in den Hauptrollen superbe ausnehme”. Nennen Sie das Sparen? Und nun vollends zwei so teure Lustreisen in einem halben Jahre, nach München und nun gar nach Italien! Und so
kurz vorher die Hochzeitsreise! Ich fürchte, der Frau Kapitalien müssen herhalten, obwohl er alles aus der Feder zu saugen hofft mit Beiträgen fürs Beiblatt der “Allgemeinen”, worin er aber bis jetzt nur ein paar kleine Aufsätze geliefert hat (mit S. am Anfange bezeichnet), die höchstens einen Bogen ausmachen. Und dies zwar in der ersten Zeit, und nachher nichts wieder. Gottlob scheint noch kein Ehesegen da zu sein, und ich bringe dies mit den italienischen Seebädern in Verbindung.
Sch[ücking] ist übrigens doch wirklich gutmütig, das sehe ich jetzt aus hundert Dingen, aber aufgeblasen und leider kopfloser als je. Denken Sie nur! Um mir die Lesung seines “Günthers” zu erleichtern und auch Laßberg diesen Genuß vorläufig zu verschaffen, läßt er extra zwei Abdrücke machen (hoffentlich auf der Schnellpresse), unterstreicht dann die alleranstößigsten Stellen in meinem Exemplar (es blieb doch noch immer ein Greuel von Anstößigkeit für Katholiken) und bittet mich, es Laßbergen selbst vorzulesen, und jene Stellen auszulassen. Dies gethan, siegelt er das zweite Exemplar mit einem zierlichen Briefe an Laßberg ein und schickt’s mit derselben Post ab, so dass dieser schon tief darin zu lesen war, als ich hinauf kam, aber so diskret gewesen ist, sein Mißfallen nur gegen mich zu äußern, bei Mama und Jenny aber das ganze Geschenk durch langwieriges Vorententhalten in Vergessenheit zu bringen.
Den Cotta glaubt er (Sch.) total in der Tasche zu haben, antwortet auf meine Mahnungen zur Vorsicht, er frage den Henker nach Cotta! Er brauche Cotta nicht, aber Cotta ihn, und werde sich wohl hüten ihn fortzuschicke, und erzählt mir dann allerlei anstößige Witze, die er über Cotta gemacht, und worüber Kolb und einige andre Literaten (die er nennt) tüchtig gelacht hätten. Ich muss mich am Ende noch freuen, dass Kolb seiner Frau die Cour macht und ihn hoffentlich deshalb schonen und halten wird, er allein würde sich sicher zu Grunde richten.
Eine mögliche Untreue befürchte ich nicht, da sie L[evin] wirklich leidenschaftlich zu lieben scheint, und ihn offenbar für den ersten Mann seiner Zeit hält, ich denke mir ihr Betragen als bloße Bornstedtische Gefallsucht, und hier wahrscheinlich sehr angefeuert durch das Bewußtsein, dass dies der einzige Weg ist, ihres Mannes Liebe und Bewunderung wach zu erhalten. Ihre Schriften machen mehr Glück wie die seinigen, und er hat mir selbst triumphierend geschrieben, dass sie ihm in einer Rrezension (die ihm Kolb vorgelesen) als Muster vorgestellt sei, auch mache sie jetzt sehr schöne Gedichte, und überhaupt müsse er staunen über die Menge von Gaben, die nach und nach an ihr zum Vorschein kämen et cet. Dennoch scheint seine alte Anlage zur Blasiertheit zuweilen durchzukommen, und sie klagte mir mal recht schmerzlich, wie schwer er es ihr zuweilen mache, an seine Liebe zu glauben.
Genug hiervon, und natürlich alles nur allein für Ihr Auge. …
NB. ich habe jetzt Sch[ückings] (sehr kurzes) Trauerspiel zu Ende gelesen, es ist doch bedeutend besser wie das frühere und nähert sich an Werth mehr seinen Erzählungen, steht aber doch unter ihnen und ist ein wunderliches Gemisch von Gutem und Schlechten. Dann eine zu Herzen gehende Phrase, dann eine miserabel schwülstige; zuweilen wahre Menschenkenntnis und Zartheit, und dann gänzliches taktloses Vergreifen, sowohl in Handlung wie Charakteren; einzelne Momente sehr glücklich für die Bühne berechnet, andre Szenen zum Sterben langweilig. Ich würde es eine sehr fehlerhafte Schülerarbeit, die aber gute Anlagen verrät, nennen, wenn Schücking nicht zum Schüler zu alt, zu routiniert und namentlich in diesem Fache schon zu versucht wäre; jetzt bleibt’s dabei, er hat kein Talent zum Drama. Doch könnten sehr gute Schauspieler das Stück bedeutend heben, wenn sie über die schlechten Stellen schnell wegrutschten und die guten mit all ihrem Feuer und Aplomb höben. …
(Am Rande:) Aber, Lies, antworten Sie doch bald! Das muss ich nochmals wiederholen; Sie glauben nicht, welches Labsal mir Ihre Briefe sind - mein Bestes hier - jeder mir beinahe so lieb wie Cottas Brief mit dem 100-Louisdor-Kontrakt!
Meersburg, 3. April 1844





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