Briefe zum Schlagwort Levin-Schücking



aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Brentanos Totenamt von Freiligrath habe ich gelesen und jetzt auch das Gedicht im Immermanns Album; das erstere finde ich wohl hübsch, das zweite kaum; hier ist wirklich mitunter nur “gereimte Prosa”, und wenn ich das finde, die selbst so sehr nach dieser Seite neigt, so muss es wohl auffallend sein. Ich fürchte, Freiligraths Ader fängt an sich zu erschöpfen; auch das erste Gedicht hat mich mehr durch seine Pietät gerührt, als durch eigentliche Kraft oder Lieblichkeit erfreut; doch ist es noch immer besser, als was man so gewöhnlich sieht.

(weiterlesen …)

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Ich war, um das bewußte Paket zu holen, in Münster bei Ihrer Tante, die ich noch immer hübsch und sehr angenehm finde. Ich hoffte, bei dieser Gelegenheit manches von Ihren Sachen, woran mir liebe Erinnerungen hängen, mal wieder vor Augen zu bekommen, Ihr Schreibzeug, Ihre Bücher, alle die kleinen Andenken von Ihrem Nippestische: aber wahrscheinlich war alles in einer Plunderkammer aufgestapelt, denn die Tante setzte mich in den Kanapee und holte das Bezeichnete herbei.

Ich tat natürlich, als sei mir der Inhalt unbekannt, und als wünschten Sie nur Ihre wichtigsten Papiere an einem Ort, wo sie binnen den acht Jahren nicht durch Umziehn dem möglichen Verlust ausgesetzt wären; doch schien die Tante etwas pikiert und meinte, auf die Diskretion Ihres Onkels könnten Sie sich sonst verlassen. Ich fand das natürlich ganz unzweifelhaft und machte nebenbei auf die guten festen Siegel aufmerksam, die eine derartige Sorge gar nicht zuließen.

(weiterlesen …)

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Wie es mir geht? Jetzt schon gut; ich habe mich wieder ins Klima eingeübt, qualifiziere mich täglich mehr zur Schnelläuferin, gehe ganz bequem in einem Tage nach Hülshoff oder Münster und zurück und setze alle außer Atem, die Schritt mit mir halten müssen. Qu’en dites-vous? Ich denke, die achtundachtzig Jahre, die Sie mir angewünscht haben, werden mir wirklich nach und nach auf den Rücken steigen.

Was soll ich Ihnen von meiner Lebensweise sagen? Sie ist so einförmig, wie Sie sie kennen und sie mir grade zusagt: Rüschhaus in seiner bekannten melancholischen Freundlichkeit, im Garten die letzten Rosen, die mich immer rühren, wenn ich denke, wie ich sie Ihnen vor nun schon zwei Jahren beim Abschiede gab, als Sie Ihr Schultenamt niederlegten und ich nach Hülshoff zog, um den einen kleinen Ferdinand sterben und den andern geboren werden zu sehn.

Lieber Levin, unser Zusammenleben in Rüschhaus war die poetischeste und das in Meersburg gewiss die heimischeste und herzlichste Zeit unseres beiderseitigen Lebens, und die Welt kömmt mir seitdem gewaltig nüchtern vor.

Rüschhaus, 10. Oktober 1842

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Sie haben doch wohl bei Beendigung des Halbjahrs nicht versäumt, sich bündig fest zu stellen? Ich bitte, antworten Sie mir hierauf, denn ich bin in großer Unruhe deshalb; ohne dieses könnten Sie um alles kommen, und selbst ein schriftlicher Kontrakt kann unter Umständen trügen, wie ich Ihnen früher ein Beispiel vom alten Steinmann angeführt. Sind Sie aber noch nicht gebunden und fürchten Veränderungen, die Ihre ohnedies delikate Lage bis zum Bedenklichen, ich wage es zu sagen: bis zum fast Unehrenhaften steigern könnten, so bitte ich Sie, um alle der treuen Sorge und Liebe willen, die ich Ihnen immer bewiesen, sprechen Sie es ehrlich gegen mich aus, und ich will dann mein möglichstes tun, Ihnen durch August, der ja jetzt alle sein Konnexionen wieder im Gange hat, eine gleich gute Stellung aufzufinden; er hat Sie lieb und vermag viel, wenn nicht politisch und im allgemeinen, doch im einzelnen und mündlich durch den klaren bon sens seiner Darstellungsgabe. Die sehr gute Sekretär- und späterhin Justizratstelle bei der Gräfin Stolberg-Stolberg z. B. wäre Ihnen nicht entgangen, wenn die Agnaten nicht mit einem lange vorher gewählten Bewerber durchgedrungen wären. In diesem Falle dürften Sie jedoch den einen Faden nicht loslassen, bis Sie den andern in der Hand hielten, und könnten nur die Saumseligkeit des Fürsten benutzen.

Sind Sie aber schon gebunden, nun, dann muss ich alles in Gottes Hand stellen und hoffen, dass er mir nicht den für meine Kräfte zu schweren Kummer auflegen wird, Sie durch meinen Rat ins Unglück gebracht zu haben. Für Ihren Charakter fürchte ich nichts, einem edlen Gemüte kann diese krasse Verderbtheit nur Ekel erregen, und die Freundin und Stellvertreterin Ihrer Mutter ist Ihnen hoffentlich auch zu lieb, als dass Sie nicht immer gern mit freiem Mute an sie denken möchten.

Rüschhaus, 10. Oktober 1842

aus: 1842, Briefe an Sophie von Haxthausen, Rüschhaus

In Stuttgart gibt nämlich der Professor Bauer ein Werk heraus “Deutschland im neunzehnten Jahrhundert”, dessen Ausarbeitung viele Gelehrte unter sich verteilt haben. Hierbei hat Schücking nun, noch in Meersburg, Westfalen übernommen, weil er dorthin zurückzukehren und dann alle Quellen zur Hand zu haben glaubte; nun sitzt er in Bayern beim Fürsten Wrede, wird auf’s äußerste um seinen Beitrag gedrängt und stößt, obwohl er sein Land sowohl durch Beobachtung als Lesen gründlich studiert hat, doch überall auf Schwierigkeiten und Lücken, wie es so ganz ohne Hülfsmittel nicht anders möglich ist. Er schreibt mir den lamentabelsten Brief von der Welt, dass er sich schon an mehrere in Münster um Auskunft in den verschiedenen Zweigen gewendet …

Wolltest Du nun, liebste Sophie, dieses dem August sagen oder, noch besser, ihm diesen Brief schicken, so wäre mir das äußerst lieb. Hat er nichts zu geben, so hätte ich gern baldmöglichst Nachricht, damit Schücking sich anderwärts umhören kann. Es braucht übrigens nicht viel zu sein, denn der Aufsatz umfaßt eine solche Masse von Gegenständen, Landschaft, Volkscharakter, Sitten, Gewerbe, Statistisches, Regierungsform et cet., auch Sagen und Volksaberglauben, kurz alles mögliche, so dass jedes nur einen enggemessenen Raum hat.

Kann und will aber August dem armen Schelm mit etwas aushelfen, so wäre es gut, wenn er es mir schickte, da Schücking von Münster eine Büchersendung erhält, der es dann beigepackt werden könnte, und die
schon darauf warten kann. …

Sage ihm, ich arbeitete fleißig an meinem Buche über Westfalen und hätte außerdem einen dicken Band Gedichte zum Drucke fertig. Im Auslande ginge es mir sehr gut, ich hätte jetzt acht gute Rezensionen bekommen, und drei Verleger hätten sich mir angeboten. Hierzulande spielte ich aber noch immer die Rolle des begossenen Hundes.

Rüschhaus, 24. September 1842