Briefe zum Schlagwort Literatur
Die vielfachen, ich möchte fast sagen ungestümen Bitten Malchen Hassenpflugs haben mich bestimmt, den Zustand unseres Vaterlandes, wie ich ihn noch in frühester Jugend gekannt, und die Sitten und Eigentümlichkeiten seiner Bewohner zum Stoff meiner nächsten Arbeit zu wählen. Ich gestehe, dass ich mich aus freien Stücken nicht dahin entschlossen hätte, denn für erst ist es immer schwer, Leuten vom Fach zu genügen, und in dieser Sache ist jeder Münsterländer Mann vom Fach. Ich erinnere mich, dass einst ein sehr natürlich geschriebenes Buch in einer Gesellschaft vorgelesen wurde, die einen Soldaten, einen Forstmann, einen Gelehrten und einen Diplomaten in sich schloß; jeder war entzückt über alles, mit Ausnahme der Stellen, die jedes Fach betrafen. Der Soldat fand Schnitzer in den Schlachtszenen, der Forstmann in den Jagdabenteuern, der Gelehrte in den philosophischen Tiraden und der Hofmann in dem Auftreten und Benehmen der gekrönten Häupter; wie soll es mir nun gehn, der jeder Gassenbube im Lande die geringsten Verstöße nachweisen kann?
Mein Trost ist, dass ich selbst hier aufgewachsen bin und somit so sehr Herrin meines Stoffes bin wie keines andern. Schlimmer ist es, dass die Leute hierzulande es noch gar nicht gewohnt sind, sich abkonterfeien zu lassen und den gelindesten Schatten als persönliche Beleidigung aufnehmen werden. In Paris und London ist es ein anderes, da haben sich die Leute einen breiten Buckel zugelegt, und die Schriftsteller sind so frech, dass eine Tracht Prügel ihnen mitunter wahrhaft heilsam wäre. …
Ich weiß am besten, dass ich meinen Landsleuten weit weniger Unrecht tun, als viel eher durch zu große Vorliebe und Idealisieren mancher an sich unbedeutenden Eigenschaft mich lächerlich machen werde, und dennoch fürchte ich gänzlich in Verruf zu kommen, denn alles kann ich ihnen und meiner eigenen Liebe nicht aufopfern, nicht Wahrheit, Natur und die zu Vollendung eines Gemäldes so nötigen kleinen Schatten.
Wenn Sie, teurer Freund, die Ausführung meines Vorhabens für gänzlich untunlich halten, so sagen Sie es mir jetzt, wo es noch Zeit ist, ich bitte Sie darum. Über die Form bin ich noch unschlüssig und möchte Ihre Meinung hören. Was meinen Sie? Soll ich jene des Bracebridgehall von Washington Irving wählen? Eine Reihenfolge von kleinen Begebenheiten und eignen Meditationen, die durch einen losen, leichten Faden, etwa einen Sommeraufenthalt auf dem Lande verbunden sind? Diese Form ist sehr ansprechend und gibt dem Schreibenden große Freiheit, bald erzählend, bald rein beobachtend und denkend aufzutreten … Oder soll ich eine Reihe kleiner in sich geschlossener Erzählungen schreiben, die keinen andern Zusammenhang haben, als dass sie alle in Westfalen spielen und darauf berechnet sind, Sitten, Charakter, Volksglauben und jetzt verlorengegangene Zustände desselben zu schildern? Dies ist schwieriger, bedarf weit reicherer Erfindung und schließt alle Medidationen und Selbstbeobachtungen fast gänzlich aus. Dagegen ist es weniger verbraucht, läßt höchst poetische und seltsame Stoffe zu, die jener andern Form des täglichen Lebens unzugänglich sind und hat den großen Vorteil, in keinem Falle zu beleidigen, da lauter bestimmte Individuen auftreten, noch obendrein zumeist aus dem Bauernstande, als dem mir am genauesten bekannten und auch noch eigentümlichsten; was sagen Sie dazu?
Geben Sie Ihr Votum ab! Ich will nicht sagen, dass es den totalen Ausschlag gibt, aber es wird gewiss berücksichtigt werden. …
Leider mit ich mit Malchen in allem, was Kunst und Poesie betrifft, [nicht einer] Meinung, da sie einer gewissen romantischen Schule auf sehr geistvolle, aber etwas einseitige Weise zugetan ist; … sie wird mich aber nie in ihre Manier hineinziehn, die ich nicht nur wenig liebe, sondern auch gänzlich ohne Talent dafür bin, was sie verstockterweise nicht einsehn will. Sie wissen selbst, lieber Freund, dass ich nur im Naturgetreuen, durch die Poesie veredelt, etwas leisten kann. Malchen hingegen ist ganz Traum und Romantik, und ihr spuken unaufhörlich die Götter der Alten, die Helden Calderons und die krausen Märchenbilder Arnims und Brentanos im Kopfe. So haben wohl nur die vielen Vor- und Gespenstergeschichten, der mannigfache Volksaberglaube et cet. unsers Vaterlandes sie dahin gebracht, bei meiner Halsstarrigkeit, faute de mieux, diesen Stoff in Vorschlag zu bringen, und ist dies Buch fertig, d. h. wenn Sie mir dazu raten, so wird es ihr schwerlich genügen.
In meinen Gedichten glaubt sie gutes Talent auf höchst traurigem Wege zu sehn, namentlich die “Schlacht am Loener Bruch” ist ihr durchaus fatal, sie nennt es “eine ganz verfehlte Arbeit auf höchst widerhaarigem Terrain”. Sie werden leicht hieraus folgern, dass ihr des “Arztes Vermächtnis” am meisten zusagt. Da sie mich aufrichtig liebt und Großes mit mir im Sinne hat, so quält sie mich unermüdet und mit Bitten, die einen Stein erweichen sollten, von meinen Irrwegen abzulassen. Das ist eine harte Nuß!
Hülshoff, 13. Dezember 1838
Johannes Stapel war auch hier … übrigens verbauert er immer mehr, und nahm sich, aufrichtig gesagt, mitunter etwas kläglich aus, einmahl war in Abbenburg ein Disput über Goethe, zwischen Onkel Fritz, unserm Werner, Galen, und Hassenpflug, Johannes hatte immer schweigend zugehört, auf einmal sagt er ganz laut “Mit Erlaubnis! ist der Goethe nicht ein Schweinickel?” Alle sperrten Nase und Mund auf, und ich sagte “er hat freilich Manches geschrieben, was für ganz junge Leute nicht passt”. Er stand auf, sagte “nun weiß ich genug, wenn er ein Schweinickel ist!”, und ging triumphierend den Laubgang hinauf. Keiner machte Bemerkung hierüber, aber es wurde Allen schwer das Lachen zu lassen.
Bökendorf, 1. August 1838
Ich habe die Reisenovellen erst eben zu Ende gebracht, da ich sie erst gestern abends spät erhielt, mag aber doch nicht einschlafen, ohne Ihnen, liebste Freundin, ein herzliches und dankendes Wort gesagt zu haben für die Güte, mit der Sie mir den endlosen Schnee zu verzuckern suchen. Das Buch könnte man eher alles andre, auch schlimmere nennen als unbedeutend, und ich würde es nicht gelesen zu haben für einen Verlust halten. Es regt eine Masse von Gedanken an, wäre es auch mitunter nur als Gegensatz.
Rüschhaus, 2. Februar 1838, 12 Uhr nachts
Lediglich um meine guten Willen leuchten zu lassen, schreibe ich Ihnen heute, lieber Herr Junkmann, denn dieser ist eben auch alles, was ich bis jetzt aufzuweisen habe. Mit andern und klaren Worten: ich habe weder den St. Bernhard noch des Arztes Vermächtnis angerührt, seit Sie zuletzt hier waren; aber wahrlich! der Wille war golden und nur das Fleisch sehr schwach. Erst haben mich die Gesichtsschmerzen nicht verlassen, bis vor einigen Tagen, und solange diese anhielten, war durchaus an keine Art von Beschäftigung zu denken. Sie glauben das nicht, würden aber bald andern Sinnes werden, wenn Sie nur einen Tag das Leiden am Halse hätten. Das Lesen eines Briefes, ja, einer Adresse ist zuweilen schon imstande, es zu vermehren oder von neuem herbeizuführen. Nun, davon bin ich endlich frei, und hoffentlich auf längere Zeit, da es infolge einer ordentlichen Kur aufgehört hat. Jetzt reist aber meine Mutter in etwa acht Tagen ab, und, wie es gewöhnlich geht, wir haben es uns so lange mit Aufschieben bequem gemacht, dass uns nun die Arbeiten über den Kopf gewachsen sind …
Sobald ich aber allein bin, habe ich den festen Vorsatz, jene beiden endlos gezupften und geplagten Gedichte endlich einmal zur Ruhe zu bringen. Hätten sie Gefühl, mich dünkt, sie müssten ganz simpel geworden sein von all dem Korrigieren, ich glaube, mitunter ists auch so! Die nächste Revue soll die strengste, aber sie soll auch die letzte sein, alles soll wieder vorgenommen werden, die ältesten und verworfensten Lesarten, und denn will ich mich abwenden und sehen nicht zurück, damit ich nicht auf meiner poetischen Bahn, wie Lots Weib zur Salzsäule versteinert, ewig auf demselben Flecke stehn bleibe, allen korrigierenden Seelen zum warnenden Beispiel.
Was ich dann zunächst vornehme? Darüber habe ich vorerst noch Zeit nachzudenken, indessen, da wir auch grade drüber zu reden kommen, ich habe den Fehler, nichts zu vollenden. Sie glauben nicht, lieber Freund, wieviel Arbeit ich schon auf diese Weise verschwendet; denn ich höre nicht so bald auf, erst nachdem ich mich ein halbes oder viertel Jahr schachmatt gearbeitet, etwa im 3. oder 4. Akt eines Trauerspiels, oder nach Vollendung des ersten Bandes eines Romans. So steht auch jetzt mein Sinn ich weiß nicht wohin, aber nach etwas neu zu Beginnendem. Und doch liegen noch so gute Sachen in meinem Schreibtische!
Lachen Sie nicht darüber, es ist gewiss wahr, es sind Dinge darunter, die es nicht verdienen, so schmählich zu verkommen. Da ist vorhanden (alles aus den späteren Jahren) 1. ein Roman, Ledwina, etwa bis zu einem Bändchen gediehen. 2. Eine Kriminalgeschichte, Friedrich Mergel, ist im Paderbornischen vorgefallen, rein national und sehr merkwürdig; diese habe ich mitunter große Lust zu vollenden. 3. Die Ihnen bekannten geistlichen Lieder, nach ihrem eigentlichen Titel geistliches Jahr. Sie wissen selbst, wieviel noch am Jahre fehlt; dieses fühle ich auch zuweilen Trieb zu vollenden. 4. Die Wiedertäufer, eine vaterländische Oper oder vielmehr Trauerspiel mit Musik, um diesem so oft mißbrauchten Stoff endlich einmal eine ordentliche Behandlung zukommen zu lassen. Hierzu ist noch wenig Text, aber bereits viel Musik fertig; ein günstiger Zufall hat mir einen ganzen Schatz von Tänzen und Liedern grade aus jener Epoche in die Hände gespielt, so dass diese Arbeit eine sehr dankbare sein würde, da ich mich nur in durch und durch bekannten Umgebungen zu bewegen hätte, was allein den echten Stempel der Natur und Wahrheit geben kann. 5. Ein Schauspiel, der Galeerensklave, sehr ansprechender Stoff, nur einzelne Stellen ausgeführt, aber alles, Szene für Szene, aufs genaueste entworfen. 6. Das vielbesprochene Gedicht Christian von Braunschweig, was freilich fast allein nur in meinem Kopfe existiert, indessen ist doch ein flüchtiger, aber ziemlich vollständiger Entwurf bereits zu Papier gebracht. 7. und 8. noch zwei Stoffe. Einer zu einer Kriminalgeschichte, ist wirklich in Brabant passiert und mir von einer nahen beteiligten Person mitgeteilt, die einen furchtbaren und durchaus nicht zu erwischenden Räuber fast 20 Jahre lang als Knecht in ihrem Hause hatte. Der zweite zu einem Gedicht, von mehreren Gesängen, den ich ganz vollständig geträumt, durch alle Gesänge, die ich zu lesen glaubte. Er betraf die Entdeckung eines Mordes an einem Juden, die ein blinder Bettler dadurch beförderte, dass er den Mörder veranlaßt, dieselben Worte auszusprechen, die jener, der ungesehen in einem Gebüsche ruhend gegenwärtig war, denselben während der Mordes sagen hörte. Ich hatte damals (vor mehreren Jahren) ungeheure Lust, das Ding zu schreiben, und es ist wirklich schade drum, dass es so verkömmt.
Was ich nun außerdem noch unter Händen habe, z.B. zwei Opern, Babilon und die seidenen Schuhe (?), d.h. bloß den musikalischen Teil zu besorgen, die Texte sind von andern, davon will ich nur gar nicht reden, denn was Sie nicht interessiert, davon werden Sie auch nicht hören wollen, wenigstens nicht als von einer Sache, die meine Zeit in Beschlag nehmen könnte. Für dieses Mal sind wir indessen gleicher Meinung, ich denke für die nächste und zwar eine geraume Zeit die musikalischen Arbeiten den poetischen nachzusetzen. Die Wiedertäufer wären das einzige, was mich reizen könnte, da ich so große Lust habe, den Text zu schreiben.
Sie sehen jedenfalls, lieber Junkmann, dass es im Grunde töricht wäre, nach so mancher und mitunter durch den Erfolg recht gut belohnten Anstrengung, alle Vorteile fahrenzulassen und mich wieder an den Eingang der Bahn zu stellen, bloß aus der leidigen Luft anzufangen. Und doch ist, außer dem geistlichen Jahr, nichts bereits begonnen, was einen unmittelbar frommen Zweck hätte, indessen ist alles übrige (die Wiedertäufer und Christian von Braunschweig ausgenommen) einer entschieden moralischen Richtung nicht allein fähig, sondern sie liegt bereits von selbst darin. Sie sehen, ich bin für die Zukunft sehr unentschieden, indessen vorerst habe ich ja meine Arbeit, und nachher müssen wir mal alles reiflich vornehmen. …
Ich werde nach meiner Mutter Abreise noch wohl eine Weile hier bleiben, wenigstens bis ich den St. B[ernhard] und A[rztes] V[ermächtnis] in ordnung gebracht. Aber wo soll ich sie herausgeben? darüber bin ich in Zweifel und Verlegenheit obendrein; ich meine immer, die in Münster herauskommenden Sachen hätten ein kurzes und obskures Leben zu erwarten, da der hiesige Buchhandel sich doch meistens auf den Kleinhandel für die Stadt und Provinz beschränkt. Nennen Sie mir ein einziges Werk, was sich einer erwünschten Ausbreitung zu erfreuen gehabt hätte. Mit dem Kölner, Dumont-Schauberg, der es bereits übernommen hatte, habe ich ganz abgebrochen, weil er mit dem Professor Braun, der die Sache unter Händen hatte, in einen schweren Streit geriet. In der Schweiz wollte man es stückweise in eine Zeitschrift einrücken, was mir aber grade gar nicht gefiel. So habe ich jetzt eigentlich weder Plan noch Aussicht.
Rüschhaus, 4. August 1837





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