Briefe zum Schlagwort Luise-von-Bornstedt



aus: 1844, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Wollen Sie auch von der Bornstedt hören? Ein junger Arzt, Verwandter von Scheiblers, hat die neuesten Nachrichten gebracht. Sie hat sich mit der Tante so schlecht vertragen, dass diese mit Freuden ein anderes Quartier für sie bezahlt und sie dort unterhält. Ihre Stellung ist womöglich noch schlimmer als in Münster, und Paris scheint nicht vorteilhaft gewirkt zu haben. Sie hat dort ein flammenrotes Samtkleid und einige Toques mit Schwungfedern aquiriert, die viel Aufsehn und wenig Beifall erregen, und bricht jede Gelegenheit vom Zaun, zu erklären, ihr Nicolaus sei zwar durch ein schriftliches Eheversprechen an sie gebunden, sie dagegen sei frei und könne jeden andern Antrag annehmen. Entweder ist der Herr Doktor ein Witzbold, dem es auf eine Hand voll Worte nicht ankömmt, oder wir haben die Bornstedt im goldnen Zeitalter gekannt, und sie ist jetzt mindestens zum bronzenen gediehen. Der Glaß hat sie geschrieben, “sie habe ihren Nicolaus Gott aufgeopfert”; dergleichen ekelt mich doch sehr – tausendmal besser hautement kokett und unverschämt!

Rüschhaus, 30. November 1844

aus: 1843, Briefe an Elise Rüdiger, Hülshoff

Ich bin wieder zwei Tage recht unwohl gewesen, lieb Herz, jetzt zwar besser, doch will Werner von meiner morgigen Rückkehr nach Rüschhaus nichts hören, er behauptet ich würde mich todkrank machen, und es wird somit teils von meinem morgigen Befinden, teils vom Wetter abhängen, ob ich! meinen Kopf durchsetze oder nicht. … Meine Mutter hat Nachricht von den Ihrigen, der Onkel Fritz ist gottlob keineswegs krank, dringt aber sehr auf unsre Herüberkunft … Ich bin ganz gern dort, mag aber auch nicht fort. Mir fehlt die Illusion der Jugend, alles wieder auf dem alten Flecke zu finden. Nur Monate Trennung, und es ist so vieles anders geworden, wie einer, der sich so allmählich mit hinein gelebt hat, uns gar nicht nachfühlen kann.

O Scheiden! Scheiden! wie viele Verse und Prosa sind über dich ergangen, und noch immer nicht genug! Das angenehme Scheiden, z.B. von Krankheiten, engen Schuhen und lästigen Gästen, nehme ich aus, doch müßten letztere sehr schlimm sein, wenn nicht mal eine Zeit kommen sollte, wo man sie, wenigstens auf eine Viertelstunde, wiedersehn möchte. Die Erinnerungen jüngerer und weniger enttäuschter Jahre steigen täglich im Werte, und es gibt kaum ein so schlimmes Gesicht, das nicht irgend ein liebes zum Gesellen hätte. Es ist kläglich, dass mir hierbei die Bornstedt einfällt; sie hat es also verstanden, die Lombard zu entzücken? Meinetwegen! Ich wollte, ihr Schweizer wäre ein Engel und sie erbte Millionen, mit der Bedingung, beides recht weit von uns zu konsumieren! Und doch könnte es kommen, dass mir unter Fremden, in einem Anfalle von Heimweh, ihr Gesicht wie ein Stern aufging.

Hülshoff, 9. Mai 1843

aus: 1843, Briefe an Levin Schücking, Münster

Es ist mir sehr drückend gewesen, Ihnen, liebes Kind, so lange nicht schreiben zu können; aber ich bin seit zwei Monaten sehr krank. Im März höchst elend, so dass ich jeden Tag zu sterben glaubte. Man hat mich hierher gebracht, um immer unter den Augen des Arztes zu sein, und jetzt ist es seit zehn Tagen bedeutend besser.

Was mir fehlt? Ich habe es für Schwindsucht gehalten; es sollen aber nur innere Nervenkrämpfe sein, und jetzt scheint es auch so, da ich mich so plötzlich und rasch bessere, und bei weitem weder so kraftlos noch mager geworden bin, wie zwei Monate unausgesetzten Leidens ohne Nachtruhe und fast ohne Nahrung dies voraus setzen ließen. Noch am Tage vor der glücklichen Wendung konnte ich vor Schwäche das Glas mit Haferschleim kaum halten, und am folgenden Morgen, nach ein paar Stunden gesunden Schlafes und mit einigem Appetite genommener Bouillon und Semmel, bin ich auf Wunsch des Arztes gleich in die - sehr warme - Luft gegangen, und zwar fast eine halbe Stunde weit, ohne sonderliche Anstrengung, was außer dem Arzte allen ein halbes Wunder schien und mir am meisten.

Ganz so gut hat sich’s nun zwar nicht gehalten; ich bekomme fortwährend Rückfälle, die aber nur Stunden währen, und die ich im Vergleich mit dem Früheren kaum beachte. Gesund bin ich noch lange, lange nicht, huste noch sehr, habe immer Halsweh, jeden Abend noch Fiebermahnungen, und mit Schlaf und Appetit gehts auch nicht über das Notdürftigste hinaus; dennoch fühle ich mich gegen früher wie im Himmel und sehe an der unverhohlenen Freude des Arztes, dass ich wirklich auf entschiedener Besserung bin.

In Rüschhaus hätte ich mich nie erholt; denn unser armes Mariechen wird sterben, an Skrofeln in der Lunge, die jetzt ausbrechen, und da das gute Ding, die, wie alle wirklich Schwindsüchtigen, nicht im geringsten apprehensiv ist, sich nicht abhalten ließ, sich täglich einigemal zu mir herauf zu quälen, um mich mit der Ähnlichkeit unsrer Zustände zu trösten, so können Sie denken, wie dies auf mich wirkte.

Menschen mochte ich gar nicht sehn außer wenigen, und diese grade konnte ich nicht haben: Junkmann war nicht da, Schlüters kamen nicht, und auch mein bester Trost, meine liebste Elise, konnte nicht kommen, da sie selbst in großer Not steckte mit dem Tantchen, die schwer bei ihr erkrankt war und sie kaum eine Stunde von sich lassen mochte. Das ging mir denn auch sehr nah; hatte ich keine Nachrichten, so war ich voll Unruhe, und die ich bekam, konnten mich leider selten trösten.

Hier hat mich nun freilich in dieser Beziehung ein harter Schlag erwartet; während ich dieses schreibe, wird der Körper, den eine so reine, milde Seele bewohnt hat, der Erde wiedergegeben; am Freitagabend um neun hat sie vollendet, an der Wassersucht und zuletzt hinzugetretenem Lungenschlage; Elise ist überaus betrübt, aber gefaßt. … Ich bin sehr froh, grade jetzt hier zu sein. … Daß ich zu ihrer Aufrichtung tun werde, was meine armseligen Kräfte gestatten, und vielleicht noch etwas drüber, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Elise ist mein zweites Ich.

Lieber Levin, Sie werden sich natürlich jetzt sehr geneigt fühlen, Elisen zu schreiben; tun Sie es nicht, ich bitte dringend darum; sie erwartet es nicht, wie sie mir selbst gesagt hat, da sie ja eben einen Brief von Ihnen erhalten, und Ruhe, Ruhe, Entfernung jeder Nervenaufregung ist ihr jetzt das einzig, aber streng Nötige. Ich habe ihr immer, wie Sie es ja selbst wünschten, Ihre Briefe an mich mitgeteilt; kein inniges oder ehrendes Wort, deren allzeit ja so viele für sie darin verstreut waren, ist je verloren gegangen, und wo die Ausdrücke schwankend waren, ist Ihr Mütterchen ehrlich genug gewesen, nach all der Wärme, aus der sie sie hervorgegangen wußte, auszulegen und aus unsern Meersburger Gesprächen zu ergänzen. So ist Elise immer Ihrer allertiefsten Anhänglichkeit gewiss gewesen; aber es ist besser, sie trägt diese Überzeugung ruhig und wohltuend in ihrem Innern, als dass sie durch Briefe aufgeregt wird, jetzt, wo wir alle uns nur absorgen, sie im möglichst ruhigen Gleise zu erhalten, damit ihre nach so langem Wachen und Sorgen unvermeidliche Nervenreizbarkeit sich nicht als Nervenschwäche festsetzt.

Zum Überfluß habe ich Elisen noch gesagt, dass ich Sie dringend bitten würde, ihr vorläufig nicht zu schreiben, und sie ist ganz mit mir einverstanden gewesen, so wie sie sich überhaupt jetzt vor jedem etwas ungewöhnlichen Briefe fürchtet, weil sie weiß, wie schlecht er ihr bekömmt. Legen Sie ihr dieses ja nicht als Mangel an Teilnahme aus; Elise ist Ihnen mit so warmer und inniger Freundschaft zugetan, dass Ihr Mütterchen sich hierin nicht mal den Platz über sie anzumaßen wagt.

Sie hat meine Sorge geteilt, dass in jenem Sodoma und Gomorrha irgend eine ränkevolle Person unter erborgter Tugendglorie Eingang in Ihre arglose Teilnahme finden und Sie betrügen möchte – ein Gedanke, der Ihnen, der Sie jede einzeln kennen und verachten, vielleicht empörend scheint; Sie müssen aber bedenken, dass wir, so lange die Fürstin lebte, uns doch auch einen anständigen Kreis, wenigstens von Besuchenden, um diese ehrenhafte Frau denken mussten, und doch schien uns – eigentlich recht weiblich inkonsequent – in einem solchen Hause könne alles nur Lug und Trug und zu Ihrem Verderben sein.

Elise hat auch zuerst Ihnen die Gall bestimmt und die Andeutungen eines steigenden Interesses in Ihren Briefen mit der wärmsten Teilnahme verfolgt; Ihr endliches bestimmtes Aussprechen dieses Verhältnisses ist uns beiden zu gleicher Beruhigung und Freude gewesen. Ich war schon krank, meinte aber doch zur gewöhnlichen Zeit antworten zu können, und Elise schickte mir in der warmen Teilnahme ihres Herzens ein Briefchen zum Einschluß; ich wurde aber von Tag zu Tag elender, konnte nicht mal die empfangenen Briefe ohne Verschlimmerung lesen, um so weniger selbst welche schreiben. Ach, Levin, ich habe schrecklich ausgestanden und oft gemeint, es ging über meine Kräfte; auch jetzt schreibe ich schon den dritten Tag über diesen paar Zeilen, aber es geht doch, und mir wird nicht schlimmer darnach.

Liebes Kind, wie ich diesen Brief anfing, glaubte ich Elisens freilich etwas alt gewordene Zuschrift vor mir in der Lade zu haben und entdecke nun mit Schrecken, dass ich ein anderes gleich geformtes Briefchen an mich selbst dafür mitgenommen. Was ist zu machen! Den Schlüssel zu meinem Schreibtische kann ich unmöglich hergeben; Sie müssen sich gedulden, bis ich wieder in Rüschhaus bin, wo ich Ihnen das Blatt jedenfalls schicken werde, wenn es auch steinalt geworden ist. Elise, der ich meine Not geklagt, sagt, ich möge Ihnen schreiben, der Hauptinhalt sei gewesen, dass sie Ihnen ihre Freude über jene nach ihrer Ansicht sehr passende Wahl ausgedrückt und Sie angetrieben, die Gall jetzt möglichst bald persönlich kennenzulernen …

Von der Bornstedt wissen wir nur, dass es ihr wahrscheinlich kläglich geht. Ihre Briefe von Paris waren brillant; sie paradierte in der Hautevolée, in von der Gräfin geborgter Garderobe, rotem Samt und Brillanten, badete sich in Eau de Cologne und gab sich selbst als von den ersten literarischen Notabilitäten auf Händen getragen an. Balzac habe behauptet, nachdem er ihren “Ludgerus” gelesen, die Westfalen müßten doch ein greulich dummes Volk sein, dass sie einen solchen Schatz nicht anzuerkennen gewußt et cet. Mit einem Male wurde sie mäuschenstill, und von Arnsberg, wo eine Schwester der Gräfin Bocarmé wohnt, kam die Nachricht, dass diese sich gänzlich mit ihr überworfen und sie ohne weiteres vor die Tür gesetzt habe; was sie nun anfängt, weiß Gott. …

Lieb Herz, ich bin sehr, sehr müde und angegriffen, meine Kräfte sind total zu Ende, und ich habe das Wichtigste kaum noch berührt; es geht mir wie einem, der sein Testament zu lange verschoben hat und sich nun quält, dass er es nicht mehr machen kann. Nur zwei Worte: Suchen Sie die Gall persönlich kennenzulernen, ehe Sie sich zu weit mit ihr einlassen; und dann heuraten Sie nicht ohne ein festes, wenn auch bescheidenes Einkommen Ihrerseits; unter diesen beiden Bedingungen haben Sie den vollständigsten Segen derjenigen, die mit aller Liebe und Treue einer Mutter für Sie fühlen wird, so lange noch eine Atemzug in ihr ist.

Münster, 24. April 1843

aus: 1843, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Allein zu lesen
Von der Bornstedt kann ich Dir eine lange Cantelaine erzählen, sie schreibt zuweilen ihrer letzten Hauswirtin, Madame Glaß, und vor 6—8 Wochen kamen lamentable Briefe, “sie sei in Luzern jetzt ebenso melancholisch wie in Münster, die Schweizer seien geldgierige Leute, und die Verwandten ihres Nikolaus türmten Hindernisse auf, er selbst aber halte fest in treuer Liebe” - gleich darauf ein zweiter Brief - “Es sei ein Familienrat gehalten, und da man heraus gebracht, dass sie kein bestimmtes Einkommen besitze, werde wohl aus der Heurat nichts werden können, und sie nach Münster zurückkommen” - Du kannst dir den allgemeinen Schrecken nicht denken!

Es war wirklich lächerlich! Wo man nur einem Bekannten begegnete, da hieß es gleich “Um Gotteswillen! haben Sie’s gehört? Die Bornstedt kömmt wieder!” Denn manche Leute, die noch in Gutem von ihr geschieden waren, in der festen Meinung, hoch bei ihr im Brette zu stehn, hatten seitdem erfahren, wie schlecht oder wenigstens erbärmlich geringschätzig sie von ihnen gesprochen hatte, und waren wütend (denn sie verachtet, als echte Berlinerin, uns stupiden Westfalen aus Herzensgrund, und obwohl sie jedem ins Gesicht schmeichelte, konnte sie es doch nie aushalten, wenn jemand gelobt wurde, und platzte dann jedesmal mit ihrer klatrigen Meinung heraus).

Zu gleicher Zeit schrieb sie einen impertinenten Brief an den Gouverneur (General Pfuhl), welcher mit unserm Könige in Neufchatel gewesen war, wo sich ihm plötzlich die Bornst[edt] als alte Bekannte von Münster und jetzt Braut eines Baron Rütimann vorgestellt, und ein Lobgedicht auf den König zur Überreichung eingehändigt, was er auch besorgt, und ihr dafür ein Geschenk von hundert Talern verschafft hatte; jetzt schrieb sie ihm, “Er hätte seine Sachen schön ausgerichtet! Was ihr lumpige 100 Reichstaler helfen könnten! Für ein solches Gedicht hätte sie wohl eine Pension erwarten dürfen, und es liege nur an ihm, dass sie sie nicht bekommen! Unter diesen Umständen würde wohl aus ihrer Heurat nichts werden, und sie nach Münster zurück kommen”.

Alles war in trübseliger Erwartung, da kömmt vor 14 Tagen ein ganz gloriöser Brief an die Madame Glaß: “Die Schweizer seien Geldmenschen, und man könne also denken, wie es einer armen Poetin ergangen sei, das ganze kleine Luzern habe auf dem End gestanden und sie genug zerrissen und verklatscht, wegen ihres mutigen Schrittes, selbst herüber zu kommen, jetzt aber sei ein goldner Schleier über sie geworfen, da die Tante Bismark schriftlich versprochen, sie zur Erbin einzusetzen, und sie lebe jetzt, hochgeehrt, in der Hautevolée der Gesellschaft, werde auch nicht nach Münster kommen … ihr Nikolaus sei ein herrlicher Mensch, obwohl ihn alle Philister für einen Erztaugenichts ausschrien, weil er tagelang im Gebirge umherstreifte, mit den Briefen einer gewissen deutschen Poetin in der Tasche; in Luzern sei eine schatzreiche Witwe, die ihn mit Gewalt heuraten wolle, er bleibe ihr aber treu et cet.” So stehn die Sachen, die schatzreiche Witwe wird wohl dieselbe verrufene Witwe sein, die ihn (wie Liebenau schrieb) früher unterhielt, wenn der Artikel mit der Tante aber wahr ist, glaube ich doch beinahe, dass aus der Heurat was wird; es wird ihr schlecht genug gehn, aber sie will’s ja mit Gewalt! Jedenfalls sind wir sie vorläufig los.

Rüschhaus, 17. Februar 1843

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Hülshoff

Denken Sie sich das Malheur: die Bornstedt kömmt wieder!! und ich möchte schreien wie Frau Kratzefoot im Reineke de Voß: “O waih, o waih, se is allerdinge do!” Da ist sie zwar noch nicht, aber wir können sie jede Stunde erwarten, und ich glaube jetzt beinahe, dass sie schon lange im Klaren ist und nur gehofft hat, die desperaten Umstände durch eine vom Könige ersungene Pension noch heiratbar zu machen; Sie wissen, dass sie bei der Anwesenheit desselben sich in Neufchatel eingestellt, mit scharfen Rekommandationen dem General Pfuhl ein Gedicht übergeben, und dieser ihr dafür hundert Thaler vom Könige verschafft hat.

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