Briefe zum Schlagwort Luise-von-Bornstedt



aus: 1842, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Nun aber, mein klein Herz, Sie sind mir böse gewesen? Das hat mich hintennach recht erschreckt. Lieber Gott! Ich bin so ungeschickt, so wenig gemacht, mit einem so zarten Wesen wie Sie zu verkehren, dass ich mich selbst prügeln möchte, wenn ich mich nur klüger damit schlüg.

Mein lieb Tierchen, wenn ich dergleichen wie neulich sage, dann ist’s, aufrichtig gestanden, auch nur Eifersucht. Meine Liebe ist eben so empfindlich und viel tyrannischer als die Ihrige, ich möchte Sie gern sehr an mich reißen, und wenn mir dann einfällt, wieviel tiefer in der Natur gegründet andere Ansprüche sind, wie ich mir vernünftigerweise gar nicht einbilden darf, ihnen die Waage zu halten, dann kann mich momentan eine unmutige Trauer überkommen, die Sie mir nicht zu streng anrechnen dürfen. Hätte ich Sie nicht so lieb, dann passierte es mir nicht. Sie wissen gar nicht was Sie mir sind, Elise! …

Was Sie von der Bornst[edt] schreiben, ist wahrhaft furchtbar; ich meine von wegen des Wiederkommens. Ich kann es mir nicht denken; sie geht ja überall besser hin. Überall, wo man von ihrer manquierten Heurat nichts weiß und sie nicht mit zwei Dritteln der Gesellschaft broulliert ist. Unter diesen Umständen nach Münster zu kehren, würde weit über die Kräfte meiner christlichen Demut gehn, und der ihrigen traue ich eben auch nicht mehr zu. Sie meinen, ihr Nikolaus belüge sie? Ich glaube vielmehr, alles Lügen hat ein Ende gefunden; alle sind gegenseitig im Klaren, und jener Brief ist nur ein Versuch, den in jeder Beziehung unvermeidlichen Rückzug möglichst anständig zu motivieren.

Hierbei fällt mir das “Morgenblatt” und die Gall ein, jene Ähnlichkeit muss wohl wirklich da sein, denn sie hat mir unter dem Lesen (gegen meinen Willen, ich hätte die Gall gern gerettet) immer deutlicher vor Augen geschwebt. Klüger ist die Gall, auch feiner, aber ihre Erzählung rollt doch auch zumeist um Herrn, die sich ihr zu Gefallen fast auf den Kopf stellen. Auch in der “Maske” ist die Seelenverwandschaft nicht verkennen, dieselbe Freude an Salonsgeschichten und kleinen Schlauheiten. Ist sie einigermaßen hübsch und angenehm, so könnte L[evin] sehr gefährlich werden; ob es zu wünschen wäre? Vielleicht! Unter zwei Übeln das kleinste!

Rüschhaus, 4. oder 11. Dezember 1842

aus: 1842, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Wie haben mich die Zeichen Ihrer Liebe gerührt, mein gutes treues Herz. Wahrlich, wenn die Liebe nicht existierte, Sie würden sie erfinden. Dank, Dank für den Frühling, den Sie mir in meine Wintereinsamkeit schicken. Ich meine nicht nur die Blumen, auch Ihre Worte sind immer wie ein Mairegen, der mein schroffes Gemüt erweicht und tausend Keime weckt. Ich wollte, wir wohnten zusammen, mein Elischen, dass Sie mich täglich mit Ihrer Milde und Begeisterung ein wenig anspritzten, es würden gute Gedichte danach wachsen und wohl noch Besseres als Gedichte. …

Annette von Droste auf ihrem KanapeeHierbei fällt mir Adele wieder ein, die so herzlich ihres Besuches in Münster und aller, die sie dort gesehn, gedenkt. Ihnen einen besonderes Gruß, der Bornstedt ganz besonders keinen. “Diese Person sei gewesen, sei und werde sein gemein und fatal, trotz ihrer großartigen Reden und Pfauenradschlagen und habe sich zwischen den übrigen miserabel ausgenommen.” Adele mag im Goetheschen Hauses und auch bei ihrer Mutter manchen falschen Pathos widerwillig niedergeschluckt und die beiden alten Belorbeerten sich derb genug darüber ausdrücken gehört haben, das sind so die rechten Orte, wo die Bornstedte ihre Schleusen aufziehn.

Rüschhaus, 20. November 1842

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Wissen Sie schon, dass der bewusste Saumaige ganz anders heißt und ein ziemlich genauer Bekannter der Rüdiger ist? Ein uninteressanter, höchst roher Mensch, der zwei Frauen geprügelt, aber nicht die geringste Lust zur dritten hat. Die Rüdiger hatte diesen Argwohn schon ein paarmal gegen die Bornstedt ausgesprochen, die dann aber immer schnell geantwortet: Nein, nein, der Meinige heißt Saumaige! Jetzt, bei der Auktion, hat seine Karte auf dem Boden gelegen, und, um jeden Zweifel zu heben, auf der Rückseite mit Bleistift jene fatale Aufkündigung: “Il m’est de toute impossibilité” et cet - was sagen Sie zu dieser Charlatanerie?

Rüschhaus, 16. November 1842

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Sie fragen nach der Bornstedt? Die ist hoffentlich für immer von unserm Horizonte verschwunden; ihr Flügel, Briefe, Bilder sind wohlverpackt fortgerumpelt, alles übrige verkauft, und keine Seele hat darauf geboten, außer der Rüdiger und Schlüters, so dass ihr wohlbekanntes Schmachtkanapee für fünf Taler fortgegangen ist, was mir doch leid tut. …

[Mein Bruder] erzählte so viele törichte und boshafte Streiche (mir bis dahin auch noch unbekannt), mit denen die Bornstedt seine und seiner Frauen Freundlichkeit vergolten: wie sie sie bei allen Leuten schlecht gemacht; wie sie auf feine und grobe Weise mich mit ihnen in Unfrieden zu bringen gesucht; wie sie die Gouvernante bei ihnen verschwärzt und anderseits dieser in den Ohren gelegen, “diese stupiden Leute zu verlassen, denen sie ja doch nur fatal wäre”, wobei sie ihre eignen boshaften Worte meiner Schwägerin in den Mund gelegt hat; wie sie endlich, und zwar am Begräbnißtage der kleinen Anna, nachdem sie den beiden trostlosen Eltern durch ein Benehmen, das an Verrücktheit grenzt, durch tolles Lachen, Umherhopsen, Händeklatschen und den immer wiederholten Schrei: “O glücklicher Tag! o schönster Tag im Leben! ein neuer Engel im Himmel!” fast das Herz gebrochen hatte; endlich aus Dépit über die geringe Wirkung ihrer Künste erzählt hat, Sie hätten von Meersburg geschrieben, Sie stürben vor Langeweile bei den beiden alten, stumpfen Leuten; worauf ihr Werner geantwortet: “Gnädiges Fräulein, ich erinnere mich meiner eignen jungen Jahre noch hinlänglich, um zu wissen, wie einsam man sich dann ohne einen Umgang gleichen Alters fühlt; zudem ist mein Schwager etwas taub, meine Schwester von sehr wenigen Worten; wenn Herr Schücking also wirklich dergleichen jemandem im Vertrauen geschrieben hat, so nenne ich das noch keine Beleidigung; wissen Sie aber, wie ich Ihr Benehmen nenne? Ohrenbläserei!” Worauf die Bornstedt sich in die Brust geworfen, gesagt, das täten viele Leute, und eine lange Reihe angeführt hat, wo ich und die R[üdiger] obenan gestanden. Mein Bruder hat ihr, noch immer gelassen, geantwortet: “Ich wollte als ganz junger Mensch einmal auf der Jagd etwas Widerrechtliches tun und führte das Beispiel eines guten Bekannten an; da sagte mir mein eigner Jäger, ein sehr ehrlicher Mann: ‘Gnädiger Herr, wenn der Herr von … ins Wasser springt und sich ersäuft, müssen Sie es deswegen auch tun?’ und das habe ich dem Manne nicht übel genommen, sondern ihn deshalb sein Leben lang in Ehren gehalten.” So hat ein Wort das andre gegeben, und das Ende vom Liede war, dass die Bornstedt mit dem würdevollen Anstande einer verkannten Seele heimgefahren ist.

Welche Perfidie wohnt doch in dieser schwarzen Katze! Gott Lob und Dank, dass sie unsre gute westfälische Luft nicht mehr verpestet!

Rüschhaus, 16. November 1842

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Zu meinem Gedichten ist noch manches recht Gelungene hinzugekommen, und die Pastete bald gar. Dann habe ich aber einen Plan damit, den ich Dir nur im Vertrauen mitteile, und über den ich voraussehe, sehr ausgeschumpfen zu werden. Liebes Herz, die arme – freilich nicht besonders schätzbare – Bornstedt ist sehr, sehr unglücklich, von jedermann verlassen, in eine Melancholie versunken, dass man allgemein für ihren Verstand fürchtet, von ihrem Liebhaber fortwährend schändlich betrogen und geplündert – während man in ihrem jetzigen Zustande es nicht wagen darf, eine Aufklärung herbeizuführen – und gewiss in großer Geldnot, vielleicht hungernd, obwohl sie alle dergleichen Andeutungen mit stolzer Empörung zurückweist; aber sie hat keine einzige Stunde mehr. Nähern werde ich mich ihr nie wieder, aber ich müßte ein Stein sein, um kein Mitleid zu fühlen. Zum letzten Mittel, dem Erwerb durch Schriftstellerei, ist sie jetzt auch unfähig, obwohl sie sich noch einmal zusammengerafft und bei Anwesenheit des Königs ins Unterhaltungsblatt ein gar nicht schlechtes Lobgedicht hat rücken lassen, auf das sie die glänzendsten Luftschlösser von Gnade, Pension et cet. baute, was ihr aber nichts eingebracht hat als Spott und einen dummen, unverdienten Ekelnamen vom Publikum.

Nun hat sie sich, gewiss mehr aus Not als Eitelkeit, an Velhagen & Klasing um eine zweite Auflage ihrer “Pilgerklänge” gewendet – durch Nanny Scheibler – und die furchtbar demütigende Antwort erhalten, “dass er dieses nicht anders übernehmen könnte, als wenn sie ein Empfehlungsschreiben von mir beibrächte.” (Ich bitte Dich, Levin, sei jetzt nicht malitiös, sondern setz Dich einmal in ihre Lage und was sie leiden muss.) Nanny hat ihr dieses getreulich wieder gesagt, und es versteht sich, dass die Bornstedt lieber erfriert und verhungert, als mir darum ankömmt.

Was meinst Du nun, liebes Herz? Du bist doch gottlob auch einer von denen, die den glimmenden Docht nicht verlöschen und das geknickte Rohr nicht zerbrechen. Soll ich nicht unter Forderung der strengsten Verschwiegenheit Velhagen meine Gedichte umsonst anbieten, falls er der Bornstedt ein ordentliches Honorar zukommen läßt, ohne ihr den Grund anzugeben?

Da mir dieses Rettungsmittel einmal eingefallen ist, glaube ich es nach meinem Gewissen nicht zurückweisen zu dürfen und gewissermaßen verantwortlich zu sein für alles, was aus einem Übermaß von Bedrängnis entstehn könnte. E[lise] und Schlüter, in deren Gegenwart mir der Einfall kam, wissen darum und billigen ihn, haben aber die gewissenhafteste Verschweigung gelobt und auch so nötig gefunden, dass E[lise] meint, ich dürfe selbst Dir nicht sagen; das geht aber nicht anders, da Du die Sache unter Händen hast, und ich bitte Dich nur dringend, Dich gegen sie nichts merken zu lassen.

Velhagen scheint seinem Briefe nach zwar mir selbst nichts geben zu wollen, Cotta gibt mir aber gewiss nichts, und von Velhagen denke ich, er wird sich schon dazu herbeilassen; denn aus bloßer Liebe zur Literatur verlangt kein Buchhändler so demütig einen Verlag. Wenigstens kann ich es versuchen und, weigert er sich, dann immer noch zu Cotta übergehn; ich brauche ja Velhagen auch nur die erste Auflage zu überlassen, und jedenfalls wird mein Buch über Westfalen schnell nachfolgen, was dann Cotta bekommen kann.

Ruf, oder wie Du es lieber nennst, Ruhm bekomme ich doch, dessen bin ich jetzt sicher; denn ich habe ihn schon zum Teil, dank dem von mir so verachteten “Morgenblatt”, und es ist mir seit Deiner Abreise in dieser Hinsicht viel Angenehmes passiert.

Rüschhaus, 12. September 1842