Briefe zum Schlagwort Luise-von-Bornstedt



aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Sie werden von Elisen einen Brief erhalten haben, worin sie ihre Briefe und Portrait, so wie auch beides von mir, zurück wünscht. Sie können sich auf mein Wort verlassen, dass diesem Wunsch Elisens keine Bitterkeit zum Grunde liegt, sondern nur eine natürliche Furcht vor dem Schwerte des Damokles, das ihr durch die Klatscherei der Bornstedt erst recht sichtbar geworden ist.

Daß diese Klatscherei, die übrigens nur wenigen bekannt war, fast in der Geburt erstickt ist, haben wir teils Schlüters zu verdanken, teils dem Umstande, dass die Bornstedt mich ganz auf dieselbe Weise angegriffen und dadurch ihrem boshaften Plane zwei Köpfe gegeben hat, die sich einander auffraßen.

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aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Die Bornstedt lässt sich jetzt vom gleichfalls etwas einsam stehenden Sohne des Vaterlandes fleißig besuchen, unter vier Augen schmeicheln und hinterm Rücken gräulich durchziehn. Sie ist doch wirklich und durch unglücklich, und selbst von denen, die noch ihr letzter Trost und Stolz sind, verraten und missbraucht! Doch freue ich mich immer, wenn ich noch von irgend einer glücklichen Täuschung höre, es hilft ihr doch, das Leben ertragen, wie z. B. der Bräutigam, der Sohn des Vaterlands, und gewiss auch der “hochadliche Schwanenhals”. Jetzt ist sie in Herbern, und Manche meinen sie werde ganz dort bleiben,- aus Liebe zum Landleben - da sie in Münster durchaus nicht mehr subsistieren könne.

Rüschhaus, 12. September 1842

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Meersburg

Im Museum war ich seit einigen Tagen nicht, bis dahin war meine “Judenbuche” beendigt, von der ich nur das im vorigen Briefe Gesagte wiederholen kann, nämlich: dass ich den Effekt fand wo ich ihn nicht suchte, und umgekehrt, das Ganze aber sich gut macht. Es ist mir eine Lehre für die Zukunft und mir viel wert, die Wirkung des Drucks kennengelernt zu haben. Gestrichen hat man mir nur einmal ein paar Zeilen, nämlich das zweite Verhör ein wenig abgekürzt; wenn du es nicht etwa schon getan hattest, worüber ich ungewiss bin. Zuerst war ich zürnig, grimmig wie eine wilde Katze, und brauste im Sturmschritt nach Deisendorf; auf dem Rückwege war ich aber schon abgekühlt und gab dem Operateur - Hauff, Dir oder gar mir selbst - Recht; sonst ist Wort für Wort abgedruckt.

Unmittelbar hinterdrein erschien “Die Judenstadt in Prag”, von Kohl. Ich erschrak und dachte, es sei eine gute Erzählung, mit der man die Leser für meine schlechte entschädigen wolle, statt dessen war es aber ein meiner Geschichte gleichsam angereihter Aufsatz über die Stellung der Juden überall und namentlich in Prag. Jetzt schien mir eher etwas Günstiges darin zu liegen, als ob man das Interesse der Leser durch meine Judenbuche für diesen Gegenstand angeregt glaube; habe ich recht oder nicht? Auch die “Bilder aus dem Soldatenleben im Frieden” fangen wieder an sich fortzuspinnen. Poetisches? Sehr schlechte “Deutsche Lieder” von Knapp und ein Gedicht von Freiligrath; den Titel habe ich leider vergessen, es hat mir aber durchaus nicht gefallen. Der Held aus der Reformationszeit, ich glaube Ulrich v. Hutten, würfelt auf einer Felsplatte mit Felsblöcken, wo jetzt ein Bad steht, und auch die Würfel klingen; der Refrain “ich hab’s gewagt” zuweilen ziemlich bei den Haaren herbeigezogen; von Dir oder mir noch keine Zeile.

Der “Merkur” ist seit einigen Tagen ausgeblieben; was mag das bedeuten? Nach den vielen Bränden überall wird man ordentlich apprehensiv. Bisher stand, außer dem Hamburger Unglück, was alle Blätter anfüllt, nichts darin als Heringe und Bücklinge und diverse Schuster und Schneider, die die Welt durch ihr Abscheiden betrübt oder mit Nachkommenschaft erfreut hatten.

Den 27sten. Soeben komme ich vom Museum, voll Jubel über Dein “Westfalen”, was in Nr. 122 (23sten Mai) steht und sich ganz köstlich macht. Du bist doch ein Baasjunge! Meine Mütze kann ich nicht in die Luft werfen wie Freiligrath, weil ich keine trage, aber ich möchte Dich zu Brei zusammendrücken, wenn ich Dich nur hätte! Du Schlingel, warum bist Du nicht bei mir? Es ist doch sonderbar, wie das Drucken metamorphosiert; für so unendlich schöner wie Deine “Meersburg” hätte ich das Gedicht nicht gehalten, obwohl Du dieser auch unrecht tust, die immerhin eine hübsche Poesie bleibt. …

Von Elisen habe ich einen neuen Brief, wo sie mir für meine Nachrichten dankt und große Freude über meine nahe Zurückkunft äußert. Die Bornstedt ist nicht in Herbern geblieben - auf Anraten ihrer Freunde, wie sie sagt - sondern fortwährend in Münster, wo sie Elisen und mir alles gebrannte Herzeleid anzutun sucht. Aber wart, du schwarze Hexe, ich will dich schon zusammensetzen, wenn ich erst da bin! …

Meine “Weltverbesserer”, das einzige meiner Gedichte, was mir auswärts wirkliche Beachtung zuwege gebracht hat, scheint in Münster höchst klatrig fortzukommen; wenigstens gibt mir Elise allerlei verschleierte Winke über “Unverständlichkeit” und “vernagelte Köpfe”. Im Lafleur hat sie die Bornstedt auf der Stelle erkannt und meint, es werde jedem so gehn, außer ihr selbst. …

Adieu, mein liebes altes süßes Herz; ich habe alles so vollgequackelt, dass ich Dir kaum noch sagen kann, wie unmenschlich lieb ich Dich habe, und wie ich immer an dich denke. Adieu!

Meersburg, 25. Mai 1842

aus: 1841, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Sie sind mir sehr lieb, Elise, viel lieber, als Sie es wissen, und auch lieber, als ich Ihnen. Ich sage das nicht, um einen zärtlichen Widerspruch aus Ihnen herauszulocken, sondern damit Sie einen Maßstab haben, nach dem sie meine Neigung beurteilen können. Ich bin mir gewiss, dass Ihre Gedanken nicht so oft bei mir sind, als die meinigen bei Ihnen, und dass Sie mein Wohlsein nicht in dem Grade am Herzen tragen. Das soll kein Vorwurf sein, sondern ein unumwundenes Aussprechen meiner Gefühle für Sie. Fragen Sie L[evin], der weiß wohl, wie wert Sie mir sind und wie lebhaft ich wünsche, fortwährend um sie sein zu können. Die Umstände gestatten dies nicht, um so erfreulicher sind mir Ihre Besuche, vor allem wenn ich denken kann, dass sie so recht um meinetwillen kommen.

Diese Woche bin ich nun nicht hier und einen Teil der nächsten nicht, doch werde ich suchen, Montag oder spätestens Dienstag wieder einzutreffen, geradezu gesagt, um den Mittwochen nicht zu versäumen. Sie sehen hieraus, dass Sie mir in Beziehung auf L[evin] unrecht tun, ich weiß den Wert einer solchen Freundschaft sehr wohl zu schätzen und möchte sie um vieles nicht hingeben, und darum lege ich auch Wert auf jeden der vielleicht noch sehr wenigen Tage, wo ich ihrer in diesem herzlichen und ruhigen laisser aller genießen kann. …

… so ist mir der Sommer und Herbst, wenn auch einerseits durch das Wiedersehn meiner Nächsten erfreulich, doch in Beziehung auf meiner Freunde sehr gestört, und das ist mir ein arger Kummer, da die Verwandten uns nahe bleiben, und wohnen sie hundert Meilen weit, weil wir sie jederzeit aufsuchen können. Das findet jeder natürlich und animiert uns dazu, dagegen bedarf es bei Freunden gleichen Geschlechts dringender Gründe und bei denen eines andern gibt es gar keine. So kann eine Trennung von zehn Meilen leicht eine lebenslängliche werden, und wird in der Regel eine jahrelange. Sie fühlen wohl, meine sehr liebe Freundin, dass ich für dieses Mal hauptsächlich in Beziehung auf L[evin] rede, und drücke mich so klar und unumwunden aus, weil mir zuweilen scheint, als dächten Sie, ich betrachte diese in der Tat schöne und rührende Anhänglichkeit wie einen Blumenkranz, an dessen Duft und Farben man sich eine Weile erfreut und ihn dann gleichmütig beiseite legt, wenn uns scheint, dass er anfängt zu welken, oder auch nur, wenn wir uns satt daran gesehn haben. Ich denke, Sie glaubend as jetzt nicht mehr. L[evin] kann auf mich rechnen als eine Freundin fürs Leben und für jede Lage des Lebens, besonders seit mir die sehr seltne Überzeugung geworden ist, dass sein Gefühl (für Freunde) nicht an der ärgsten aller Freundschaftsklippen scheitert, sondern in völliger Reinheit und Kraft daneben hersegelt.

Wenn ich dieses nicht sehr hoch anschlüge, so müßte es mir an Erfahrung oder Gefühl fehlen. Erstere habe ich leider zur Genüge, und letzteres, denke ich, trauen Sie mir doch zu. Auf Sie kann ich auch rechnen, nicht wahr, meine alte Elise? Antworten Sie mir nicht hierauf, ich weiß es doch, wir müssen nur erst so recht gründlich bekannt und unbefangen miteinander werden, worin es immer noch etwas hapert - Ihrerseits meine ich.

Es dünkt mir oft, als liege doch immer noch eine Art von Zwang und Befangenheit auf Ihnen, wenn wir zusammen sind. Ich schreibe das nicht, damit Sie mir darauf antworten sollen, sondern nur, damit Sie wissen, dass ich es fühle und so herzlich gern beseitigen möchte. Antworten würde Sie erst recht beengen und, da Sie vielleicht den Grund selbst nicht wissen, unsicher machen, und da hätte ich meinen Zweck, mich Ihnen so viel als möglich nahezubringen und zum Lohn für meine Neigung die Ihrige einzutauschen, erst recht verfehlt.

Ich reiche Ihnen meine Hand bis nach Münster herüber, mein gutes Herz, und will, wenn ich mal werde meine ganze Person herübergetragen haben, oder Sie die Ihrige hierher, Ihre Verteidigung der B[ornstedt] mit den besten Vorsätzen des Eingehens in Ihre Ansicht anhören, mehr kann ich nicht versprechen, und das ist auch schon, wie mich dünkt, mehr als halb gewonnenes Spiel für Sie. Ich gestehe Ihnen, dass ich neulich auch innerlich arg gereizt war durch die Aussicht auf einen fatalen Klatsch, bei dem für mich mehr auf dem Spiel stand, als Sie wohl in dem Augenblicke übersahen, nämlich nicht nur das Aufgeben eines mir sehr werten Verhältnisses, sondern auch meine ganze so langsam und mühsam erkämpfte Freiheit (insofern ich die passive Nachsicht der Meinigen mit meiner Weise zu sein und mich zu den Menschen zu stellen so nennen darf), die ich vielleicht in oder wenigstens erst nach einer hübschen Reihe von Jahren wieder erlangen würde.

So sagte ich zwar damals nichts, was ich nicht noch heute als meine wirkliche Ansicht wiederholen würde, aber dennoch stellte ich allese auf die Spitze, und mir war weder das Gute gegenwärtig, was sich dagegen in die Wagschale legen läßt, noch die mannigfachen Bedrängtheiten jenes armen Geschöpfs, die nicht nur das Mitleid in Anspruch nehmen, sondern auch die Gerechtigkeit, da eine solche Lage wohl dem Besten einen bittern gehässigen Ton geben könnte und es demjenigen, dessen ganze Existenz von dem Wohlwollen anderer (sowohl des Publikums als einzelner) anhängt, notwendig unendlich schwer werden muss, sich ganz frei von Doppelsinn und einem gewissen mißtrauischen Neide gegen andre zu erhalten. Gott weiß, wie ich selbst in ihrer Lage wäre” Sie hat eine lange Reihe von Sorgen, Kränkungen, getäuschten Erwartungen durchgemacht und hat doch manchen weichen gutmütigen Augenblick daraus gerettet; ich fürchte, mich hätte so etwas gänzlich abgestumpft und verhärtet. Da haben Sie mein demütiges Bekenntnis. Erinnern Sie mich daran, Elise, wenn mal wieder der Zensor in mir die Überhand gewinnt!

Rüschhaus, Juli 1841

aus: 1840, Briefe an Henriette von Hohenhausen, Rüschhaus

Schücking ist auch noch unversorgt und strengt sich übermäßig an, um zugleich seinen Erwerbszweigen (Sprachunterricht und literarische Arbeiten) und den nötigen Studien für sein ferneres Fortkommen genugzutun. Er sieht elend aus, klagt aber nicht. Sein Verhältnis zur Bornstedt hat übrigens nicht die von Ihnen befürchtete Richtung genommen, vielmehr ist die Rosenfarbe daran immer mehr verblichen und jetzt ein so trocknes freundschaftliches Verhältnis daraus geworden, als man es zu beider Besten nur wünschen kann. …

Von meinem hiesigen Leben kann ich Ihnen wenig sagen, Sie sehen einen Tag, damit haben Sie alle gesehn. Ich schreibe, lese, was mir die Güte meiner Freunde zukommen läßt, stricke ein klein, klein wenig (abends) und bin zur Abwechslung mitunter unwohl. Geschrieben habe ich eine Erzählung, in der mir manches gelungen, aber das Ganze doch nicht der Herausgabe würdig scheint, es ist mein erster Versuch in Prosa, und mit Versuchen soll man nicht auftreten. Dann habe ich den Zyklus der geistlichen Lieder vollendet, die jedenfalls erst nach meinen Tode öffentlich erscheinen dürfen.

Was ich nun zuerst vornehmen werde, weiß ich noch nicht, wahrscheinlich wieder einen Versuch für die Bühne - ob tragisch? ob humoristisch? Soviel habe ich noch nicht drüber nachgedacht. Die Feder ist kaum trocken vom letzten Strich an den geistlichen Liedern, zudem darf ich sogleich noch nicht an Schreiben denken, dieser Brief ist schon außer aller Diät …

Rüschhaus, 14. Januar 1840