Briefe zum Schlagwort Luise-von-Gall



aus: 1846, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Junkmann hat nicht für gut gefunden, Notiz von meinem Geschenke und Briefe zu nehmen, oder vielmehr zu geben; artig ist das nicht, aber mir recht lieb; J[unkmann] ist ein so seltsamer Mensch, dass man aus seinen Briefen eigentlich auf gar nichts schließen kann; oft meint man, sie ganz klar zu verstehn, und er behauptet hintennach grade das Gegenteil gemeint zu haben. Wie? weiß Gott und er allein. Ironisch? das will nicht immer passen. Ich denke hieroglyphisch. So will ich ihn nicht voreilig richten, aber bis ich ihn selbst gesehn und mich vielleicht eines Erfreulicheren überzeugt habe, bleiben er und sein Briefwechsel mir unheimlich.

Schücking hat mir dagegen einen wirklich herzlichen Brief geschrieben; er konnte mir Geld und einen sehr artigen Brief von DuMont schicken, da hat seine natürliche Gutmütigkeit und Lust andern Freude zu machen ihn liebenswürdig gestimmt. Er hat jetzt ein Töchterchen, “Gerhardine”, das aber sehr viel schreit und, wie ich fürchte, in der elterlichen Liebe dem kleinen “Herrn der Schöpfung” sehr wird nachstehn müssen. Dem Lotharchen wird als mütterliches Erbteil ein ganz enormes musikalisches Talent zugeschrieben; gehen und sprechen kann er noch nicht, aber “trotz seiner 14 Monatchen eine Polka ganz taktfest singen”. Der gute Levin weiß nicht, dass seine Luise trotz ihrer magnifiken Stimme fast ebensowenig Gehör hat als er selbst!

Er fordert mich ganz naiv auf, eine Rezension seiner Gedichte von Dingelstedt (ich meine im “Morgenbl[att]” der “Allgemeinen”) zu lesen. Das Klübchen tut gar nicht heimlich damit, dass es sich untereinander rezensiert! Diese habe ich nicht gelesen, aber eine im “Frankfurter Konversations-Blatt” von Riehl, Nr. 17 - 18, die er mir schwerlich würde empfohlen haben. Sie ist von einer perfiden Freundlichkeit, so wohlwollend und so herabsetzend! Gleich der Eingang: “Es gibt Schriftsteller, die man nicht scharf rezensieren kann, die durch das Harmlose ihres Auftretens und Schaffens, durch ein mildes freundliches Wesen et cet”. So geht es voran; das Resumé des Ganzen: “Er sei ein gemütliches, weibliches Talent, nur dann unangenehm, wenn er über seine Sphäre hinaus wolle, freiligrathisiere et cet., werde schwerlich Epoche in der Literatur machen, aber in manchem sinnigen Gemüte, und er sei, mit einem Worte (als Schluß), ein Dichter, dessen Gedichte man sinn- und gemütvollen Frauen nicht genug empfehlen könne!” Ich fürchte hiervon eine sehr schädliche Wirkung. Statt sich auf das ihm bezeichnete Feld (für ihn wirklich die einzige kränzetragende Arena) zu beschränken, wird er nun doppelt donnern und blitzen, das Kraftgenie forcieren wollen, und dann ruiniert er seinen ganzen, ohnedies schwankenden Ruf, was doch in seiner Lage ein reelles Unglück wäre. Ich möchte ihn gern warnen, aber es wird nichts helfen, und meine Mitwissenschaft um diesen angehängten Flecken ihn nur beschämen und erbittern.

Rüschhaus, 2. April 1846

aus: 1845, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Von Schücking habe ich kürzlich Briefe, er wohnt jetzt in Köln, redigiert das Feuilleton der Kölner Zeitung und das Rheinische Jahrbuch und bekömmt für ersteres vom DuMont Schauberg 1000 Reichstaler, für letzteres auch einige hundert Taler Gehalt. Seine Aufsätze werden ihm extra sehr gut bezahlt, so dass er sich (ausgenommen, dass der Name Cotta brillanter klingt als DuMont) eigentlich jetzt reichlich so gut steht als in Augsburg; doch ist seine Frau sehr ungern von dort, wo ein sehr angenehmer Kreis von Literaten bestand, der in Köln gänzlich fehlt, fort gegangen.

Es scheint, Schücking habe das Heimweh bekommen, er selbst spricht sich nicht klar darüber aus, aber aus einem Briefe Luisens scheint es hervor zu gehn. Er ist den ganzen Sommer leidend gewesen und hat Seebäder in Ostende genommen, Jungmann und mehrere andre aus Münster haben ihn in Köln gesehn, sehr mager und blaß, aber von der besten Laune und noch immer entzückt von seiner Luise und seinem kleinen Lothar gefunden; er soll sich kindisch freuen, Westfälinger zu sehn, und überhaupt in seinem Wesen ganz unverändert sen.

Rüschhaus, 6. Dezember 1845

aus: 1845, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Ich habe eine lange recht schwere Zeit verlebt, krank, sehr betrübt und gänzlich unfähig zum Schreiben, was mir auf der Stelle Erbrechen zu Wege brachte. Wie oft habe ich an Euch Lieben gedacht und mich abgesorgt um Luise und das Kindchen, von denen mir auch niemand etwas sagen konnte. Ihr Brief an Hutterus gab mir die erste und einzige indirekte Beruhigung, da doch wohl alles gut stehn musste, wenn Sie an die Herausgabe Ihrer Gedichte denken konnten. Gott segne Mutter und Kind und lasse was Gutes wachsen aus dem kleinen dicken Fresser! Levin, schreiben Sie mir doch, wie der Junge jetzt aussieht. Ich muss den Schlingel sehen, wenn ich nach Meersburg komme, auf die eine oder andre Weise – Sie zu uns oder ich zu Ihnen. Mein Patenjunge! Sobald ich soweit zu Verstande komme, will ich ein schönes großes Gedicht auf den Jungen machen, der wird mal besungen werden! Papa, Mama und Patin gegen einander an. Ich will ihm auch ein Patenstück schenken, etwa einen hübschen silbernen Becher oder dergleichen; aber dazu muss er erst etwas größer sein, dass er wenigstens die Hände ausstrecken und danach zappeln kann, sonst macht es mir nur halbes Vergnügen. Ich wollte, der Junge gliche mir ein klein wenig mit; aber da wird wohl nichts aus werden, er möchte denn auf seine Großmutter kommen. Schreiben Sie mir nur fleißig von ihm, es wird mir nie zuviel. …

Ihre Rezension über die Paalzow ist mir noch nicht zu Augen gekommen; aber auf Ihre Gedichte bin ich äußerst begierig, ich kenne eigentlich erst höchstens ein Dutzend derselben. Und wie heißt denn der dicke Roman? Wie weit sind Sie? Wes Inhalts? Wer verlegt ihn? Sie müssen nicht so kurzab sein; schickt sich das für einen kleinen Jungen seinem Mütterchen gegenüber? Aber jetzt denkt der kleine Junge an nichts als an den allerkleinsten Jungen! Adieu, lieb Kind, tausend Liebes an Luisen. Mama läßt Euch beide herzlich grüßen; sie ist gottlob sehr wohl, ihr Herzklopfen viel geringer als in Meersburg. Nochmals Adieu, und nehmen Sie beim Antworten meinen Brief zur Hand. Gott segne Euch alle Drei. Antworten Sie bald.

Ihr treues Mütterchen.

Sagen Sie mir doch, wer mein Anteil am Taufgelde ausgelegt hat und wie viel es macht; vergessen Sie aber doch nicht.

Rüschhaus, 5. März 1845

aus: 1844, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Schreiben Sie mir doch in Ihrem nächsten Briefe, den ich hoffentlich bald erwarten darf, recht viel von Luisen, – was sie treibt, was sie schreibt, sonst arbeitet – kurz, führen Sie mir Ihre Häuslichkeit mal wieder recht vor Augen, dass ich mich daran erquicken kann. Mein Leben ist immer das gleiche, abgeschlossen, heimlich, ganz wie ich es mag; zög nur der Husten fort und statt dessen zuweilen etwas Neues aus der Literatur ein, oder ein freundlicher Besuch, der mich ein bißchen au courant mit dem Weltlaufe hielt, ich wollte es mir nicht besser wünschen. So werde ich freilich am Ende so eckicht werden wie meine Kristalldrusen. “Wollte Gott, auch so klar!”, denkt der Levin – Spiegelberg, ich kenne Dir! Nun Adieu, mein lieb Kind, tausend Liebes an Luise. Meine “zwei Zeilen” haben sich vermehrt wie die Blattmilben, und doch möchte ich noch nicht aufhören; aber ich muss … morgen in aller Frühe soll Hermann mit dem Briefe fort. Gute Nacht. Mit alter Treue, Ihr Mütterchen.

Rüschhaus, 30. November 1844

aus: 1844, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Lieber Levin, Sie sehen also jetzt der allerwichtigsten Veränderung Ihres häuslichen Lebens entgegen; ich freue mich herzlich darüber und weiß, dass es grade für Sie ein unbeschreiblich festes Band an Frau und Haus sein wird. Jetzt geht erst das rechte Glück an und bringt freilich auch erst die rechten Sorgen mit, die aber noch niemand mit dem Glücke zugleich hätte los sein mögen.

Es wäre ein Wunder, wenn die in Ihrer Familie ohnedies schon erbliche Poesie jetzt nicht doppelt aufschießen sollte. Sechs schriftstellernde Schückinge gibt es schon, Ihre Eltern, Sie und Luise, Alfred und Pauline; das wird werden wie bei den Grafen von Reuß, “Schücking XVII.–XVIII.” Hüten Sie Luisen jetzt nur wie Ihren Augapfel; Sie müssen bedenken, dass sie selbst noch unerfahren ist, nicht weiß, was ihr gut oder schädlich sein könnte, und ihr keine Mutter mit Rat zur Hand geht. Vor allem lassen Sie sie nichts Schweres heben und überhaupt nie über sich hinauf heben oder langen; es soll schaden, wenn man es nicht für möglich hielt und gar keine Anstrengung fühlte.

Rüschhaus, 29. September 1844