Briefe zum Schlagwort Luise-von-Gall



aus: 1844, Briefe an Luise Schücking, Meersburg

Ihre Erzählung im “Morgenblatte” habe ich gelesen, von so weit an es mir möglich war; die Blätter liegen nämlich nur bis zum Schluß des Monats im Museum vor, wo sie dann geheftet werden und fortan nur im Lesezirkel zu erhalten sind, in dem die schlechte Gewohnheit herrscht, dass man die neuesten Hefte, statt sie wieder einzuliefern, einander leiht, so dass sie oft Monate lang nicht zu haben sind: so stehn Ihre ersten Nummern im Maiheft, und ich habe sie noch nicht erwischen können. Doch enthalten, denke ich mir, die Juniblätter wohl den größeren Teil, und hiernach zu urteilen, muss ich diesem Ihrem neuesten Produkt unbedingt den Vorzug vor allen früheren, auch der “Maske”, geben; es liegt eine tiefe Herzlichkeit, eine einfache Natürlichkeit und Richtigkeit der Gefühle darin, die mir wenigstens über alles geht. Ob mein Urtheil mit dem allgemeinen übereinstimmt, weiß ich freilich nicht, da ich zu wenig Neues lese, um genau zu wissen, bis zu welchem Punkte der gegenwärtige Geschmack seinen Zyklus durchlaufen hat; seine nächste Richtung läßt sich zwar mit Gewißheit voraussagen, ich weiß aber nicht, wie weit er schon das Übergewicht dahin genommen hat. Jedenfalls wird Ihre Erzählung binnen kurzem völlige Anerkennung finden, und wahrscheinlich findet sie es jetzt schon. Eugène Sue und namentlich seine Mystères de Paris haben so viele Nachahmungen hervorgerufen, das Geschraubte und Überreizende ist so auf die Spitze getrieben worden, dass der Umschwung notwendig ganz nahe sein muss.

Über des “Schwarzburgers” glückliche Erfolge in Oldenburg habe ich mich sehr gefreut und wenigstens insofern recht prophezeit, dass ich das Stück für sehr geeignet zur Darstellung gehalten habe; auch ist es überhaupt ein gutes Stück; nur meinte ich bisher, Levins Talent für den Roman und das Lustspiel sei noch bedeutender als das zum ernsten Drama, und kann auch noch nicht von diesem Glauben lassen. Glänzende Poesie in Gedanken und Stil nebst Humor scheinen mir so vorherrschend seine starken Seiten, dass ich meine, er müsse sich am besten auf dem Terrain befinden, wo diese am freiesten walten können.

Meersburg, 20. Juni 1844

aus: 1844, Briefe an Elise Rüdiger, Meersburg

Was soll ich Ihnen von Sch[ücking]s eigner Lage sagen? Er nimmt sie von der besten Seite, ist vergnügt wie ein König und baut ein Luftschloß ums andre, wobei er seinen zukünftigen Erwerb durch dramatische Arbeiten hoch anschlägt. Cottan hat er noch nicht mit Augen gesehn, ist auch nicht auf Ostern von ihm engagiert, sondern dies wieder auf Michaelis hinausgeschoben, wo er dann sicher auf eine feste Anstellung mit 1500 Gulden rechnet, und bis dahin seine Arbeiten an der “Allgemeinen” sehr gut bezahlt erhält. Mich macht dies Aufschieben besorgt, und sein Ruhm? es ist kurios damit. Er selbst zitiert mir ein Journal nach dem andern, deutsche und französische, wo ich die brillantesten Sachen über ihn nachlesen soll (eins, im Literaturblatt des “Morgenblatts”, über sein “Schloß am Meere” habe ich wirklich gelesen und zweifle auch nicht am Dasein der andern), kann aber durchaus auf niemanden treffen, der diese Ansichten teilte, weder Hiesige noch Fremde, die Laßberg besuchen. Es hat zwar jeder irgend etwas von ihm gelesen, wenigstens in den “Dombausteinen” und Journalen, viele auch sein “Schloß am Meere”, aber keiner will ihn loben, alle finden ihn oberflächlich, geschraubt, seine Erfindung ärmlich und unnatürlich und seine Charaktere ohne Leben und Konsequenz, kurz, halten ihn für eine in der Literatur ganz unbedeutende Person. Wie soll ich das verstehn? Gibt’s eine Verbrüderung die sich wider die Stimme des Publickums, gegenseitig herausstreicht? Oder bin ich nur zufällig immer an solche geraten, denen er nicht zusagte?

Ich selbst finde seine Schriften zwar keineswegs schön im ganzen, aber doch manche einzelne Szene sehr gelungen. Sein Trauerspiel (”Günther von Schwarzburg”) dagegen, was er mir Unglücklichen zur Durchsicht, bevor er es einem Verleger anbiete, schickt, ist, so fürchte ich, abominable. Laßberg findet es wenigstens, und was ich bis jetzt davon gelesen (der 1ste Akt), widerspricht dem leider nicht. Es scheint ganz im Genre seines früheren Ritterschauspiels, etwas besser, aber blutwenig; ein wahrer Zwillingsbruder. Jetzt wissen Sie genug! Dabei wird es ihn allen Katholiken verhaßt machen, da er in einem Zuge des Schimpfens auf “Papst und Pfaffen” bleibt. Ich scheue mich zu antworten, seine Frau wird spinnengiftig werden!

Sein häusliches Leben ist, wie gesagt, sehr glücklich. Er weiß, wie sehr ich gegen Aufwand in seiner Lage bin, und schreibt deshalb wiederholt, “wie sparsam, ja fast geizig sie beide jetzt seien, nirgends glücklicher als ganz still bei einander in ihren vier Wänden; keine Gesellschaften gebend, außer jeden Abend einige Hausfreunde zum Tee, keine besuchend, außer einigen Assembleen, wo sie zu Tableaux mitwirken müßten, und namentlich seine Frau sich in den Hauptrollen superbe ausnehme”. Nennen Sie das Sparen? Und nun vollends zwei so teure Lustreisen in einem halben Jahre, nach München und nun gar nach Italien! Und so
kurz vorher die Hochzeitsreise! Ich fürchte, der Frau Kapitalien müssen herhalten, obwohl er alles aus der Feder zu saugen hofft mit Beiträgen fürs Beiblatt der “Allgemeinen”, worin er aber bis jetzt nur ein paar kleine Aufsätze geliefert hat (mit S. am Anfange bezeichnet), die höchstens einen Bogen ausmachen. Und dies zwar in der ersten Zeit, und nachher nichts wieder. Gottlob scheint noch kein Ehesegen da zu sein, und ich bringe dies mit den italienischen Seebädern in Verbindung.

Sch[ücking] ist übrigens doch wirklich gutmütig, das sehe ich jetzt aus hundert Dingen, aber aufgeblasen und leider kopfloser als je. Denken Sie nur! Um mir die Lesung seines “Günthers” zu erleichtern und auch Laßberg diesen Genuß vorläufig zu verschaffen, läßt er extra zwei Abdrücke machen (hoffentlich auf der Schnellpresse), unterstreicht dann die alleranstößigsten Stellen in meinem Exemplar (es blieb doch noch immer ein Greuel von Anstößigkeit für Katholiken) und bittet mich, es Laßbergen selbst vorzulesen, und jene Stellen auszulassen. Dies gethan, siegelt er das zweite Exemplar mit einem zierlichen Briefe an Laßberg ein und schickt’s mit derselben Post ab, so dass dieser schon tief darin zu lesen war, als ich hinauf kam, aber so diskret gewesen ist, sein Mißfallen nur gegen mich zu äußern, bei Mama und Jenny aber das ganze Geschenk durch langwieriges Vorententhalten in Vergessenheit zu bringen.

Den Cotta glaubt er (Sch.) total in der Tasche zu haben, antwortet auf meine Mahnungen zur Vorsicht, er frage den Henker nach Cotta! Er brauche Cotta nicht, aber Cotta ihn, und werde sich wohl hüten ihn fortzuschicke, und erzählt mir dann allerlei anstößige Witze, die er über Cotta gemacht, und worüber Kolb und einige andre Literaten (die er nennt) tüchtig gelacht hätten. Ich muss mich am Ende noch freuen, dass Kolb seiner Frau die Cour macht und ihn hoffentlich deshalb schonen und halten wird, er allein würde sich sicher zu Grunde richten.

Eine mögliche Untreue befürchte ich nicht, da sie L[evin] wirklich leidenschaftlich zu lieben scheint, und ihn offenbar für den ersten Mann seiner Zeit hält, ich denke mir ihr Betragen als bloße Bornstedtische Gefallsucht, und hier wahrscheinlich sehr angefeuert durch das Bewußtsein, dass dies der einzige Weg ist, ihres Mannes Liebe und Bewunderung wach zu erhalten. Ihre Schriften machen mehr Glück wie die seinigen, und er hat mir selbst triumphierend geschrieben, dass sie ihm in einer Rrezension (die ihm Kolb vorgelesen) als Muster vorgestellt sei, auch mache sie jetzt sehr schöne Gedichte, und überhaupt müsse er staunen über die Menge von Gaben, die nach und nach an ihr zum Vorschein kämen et cet. Dennoch scheint seine alte Anlage zur Blasiertheit zuweilen durchzukommen, und sie klagte mir mal recht schmerzlich, wie schwer er es ihr zuweilen mache, an seine Liebe zu glauben.

Genug hiervon, und natürlich alles nur allein für Ihr Auge. …

NB. ich habe jetzt Sch[ückings] (sehr kurzes) Trauerspiel zu Ende gelesen, es ist doch bedeutend besser wie das frühere und nähert sich an Werth mehr seinen Erzählungen, steht aber doch unter ihnen und ist ein wunderliches Gemisch von Gutem und Schlechten. Dann eine zu Herzen gehende Phrase, dann eine miserabel schwülstige; zuweilen wahre Menschenkenntnis und Zartheit, und dann gänzliches taktloses Vergreifen, sowohl in Handlung wie Charakteren; einzelne Momente sehr glücklich für die Bühne berechnet, andre Szenen zum Sterben langweilig. Ich würde es eine sehr fehlerhafte Schülerarbeit, die aber gute Anlagen verrät, nennen, wenn Schücking nicht zum Schüler zu alt, zu routiniert und namentlich in diesem Fache schon zu versucht wäre; jetzt bleibt’s dabei, er hat kein Talent zum Drama. Doch könnten sehr gute Schauspieler das Stück bedeutend heben, wenn sie über die schlechten Stellen schnell wegrutschten und die guten mit all ihrem Feuer und Aplomb höben. …

(Am Rande:) Aber, Lies, antworten Sie doch bald! Das muss ich nochmals wiederholen; Sie glauben nicht, welches Labsal mir Ihre Briefe sind - mein Bestes hier - jeder mir beinahe so lieb wie Cottas Brief mit dem 100-Louisdor-Kontrakt!

Meersburg, 3. April 1844

aus: 1844, Briefe an Elise Rüdiger, Meersburg

Nun hören Sie: Schücking und Frau kommen zu uns, und zwar auf drei Wochen. Sie kennen nun Laßbergen und seine Abneigung vor aller Unruhe und Getreibe zu gut, als dass ich weitläufiger zu erörtern brauchte, wie fatal und jeden einzelnen beengend das Zusammentreffen beider Besuche sein würde. Ich schrieb deshalb sogleich an Schücking, dass er seinen Urlaub danach einrichten oder, wenn dies nicht in seiner Macht stehe, den Anfang und die Dauer desselben mir genau angeben müßte, damit Sie und die Tante danach Ihre Abreise bestimmen könnten. Sie denken wohl, dies sei eine etwas epineuse Aufgabe gewesen? (für mich nämlich). Keineswegs. Schücking kennt Laßbergen, seine trotz aller Herzlichkeit förmliche Höflichkeit und seine innerliche Beängstigung, wenn er vielen genugtun soll, wo er sich jedem einzelnen widmen möchte, zu gut. Mama und Jenny waren ganz meiner Meinung, ich schrieb in ihrem Namen mit; so machte sich die Sache so unanstößig und harmlos wie möglich. Ich drang auf Antwort mit umgehender Post, um auch Ihnen Zeit zu lassen, Ihre Einrichtungen zu treffen, zeigte zugleich Unruhe wegen meines Geschäfts mit Cotta, da die Ostermesse herannahe und weder Annoncen noch Probegedichte erschienen. Trotz aller dieser Reizmittel keine Antwort! (und Augsburg ist nur 35 Stunden von hier!)

Nach zehn Tagen schrieb ich wieder, diesmal dringender: alles stumm! Nach zehn Tagen nochmals, und jetzt wirklich höchst beängstigt, da ich mir Sch[ücking] völlig mit Cotta zerfallen, vielleicht gar nicht mehr in Augsburg, sondern in irgendeinem dunklen Winkel am Hungertuche nagend und zu stolz, mir dies zu schreiben, dachte. Jetzt kam wirklich Antwort mit umgehender Post (gestern abend): Schücking und Frau sind verreist gewesen, nach München, waren erst vor einigen Stunden zurückgekehrt, und hatten mein Regiment Briefe nebeneinander aufmarschiert gefunden.

Er schreibt allerlei; über ihren Besuch diese Worte: “Wir werden pünktlich am ersten Mai in Meersburg eintreffen und ebenso pünktlich am 23. abreisen, und zwar nach Venedig, um dort Seebäder zu gebrauchen, Ihre Damen müßten also vorher oder nachher kommen.” …

Ich habe seit drei Monaten viele Briefe von Sch[ücking] erhalten - oder von seiner Frau, wenn Sie wollen; denn sie schreibt immer die Hälfte davon und diktiert noch einen Teil des übrigen, wo es immer um die dritte Zeile heißt, “meine Frau sagt” oder “meine Luise will, dass ich Ihnen schreibe et cet.” Es ist auch offenbar, dass sie alle an ihn kommenden Briefe liest, wahrscheinlich sogar auf seinen Wunsch in seiner Abwesenheit erbricht. So richte ich denn die meinigen für beide ein, rede sogar abwechselnd beide an, um ihr nicht extra schreiben zu müssen. Indessen traue ich ihr nicht recht, ihre Worte gegen mich sind lauter Liebe, sogar Demut, aber dennoch fühle ich etas Gezwungenes und versteckt Pikiertes zuweilen heraus, namentlich, wenn ich etwas von Sch[ücking] nicht übermäßig gelobt habe. Neulich z.B. schrieb Sch[ücking] mir, er werde sich fortan aufs Drama legen, und habe ein Trauerspiel “Günther von Schwarzburg” unter der Feder. Ich riet ihm davon ab, da ich nach den früheren Proben sein Talent fürs Drama für weit weniger ausgemacht halte, als zur Poesie und erzählendem Stile. Darauf schreibt sie ziemlich spitz: “Levins ‘Günther’ ist fertig und trotz Ihrer traurigen Prophezeiungen doch ein gutes Stück.” Und ein andres Mal, was mich wirklich arg enttäuscht hat, zuerst eine ganze Seite voll Weihrauchqualm: sie sei ganz berauscht von Entzücken! So habe noch niemand geschrieben! Ich sei bestimmt, der Stolz meines ganzen Geschlechts zu werden! et cet. - und nun auf der andern Seite, von Levins Hand, eine Menge Stellen meiner Gedichte, die ihm schon früher bekannt und sehr lieb waren, und die er nun mit einer Ängstlichkeit verändert wünscht, dass man sieht, wie sie ihm jemand fatal und lächerlich gemacht hat, und dann als Nachsatz: “Mein Luischen kömmt eben herein und will sich wohl totlachen, dass ich Sie noch erst um Erlaubnis frage; sie meint, ‘alles das, was ich abgeändert wünsche, seien ja lauter Unmöglichkeiten!, und ich hätte zu Ihrem eigenen Besten frisch draufloskorrigieren sollen, ohne Sie lange zu fragen; sie wolle mir noh eine Menge anderer Unmöglichkeiten zeigen et cet.” Was sagen Sie dazu? Ist das nicht echt Bornstedtisch?

Ich habe nichts hierauf geantwortet (d.h. auf den Nachsatz), fürchte aber, das Stückchen lange nicht zu vergessen, nicht der Beleidigung halber, sondern weil ich besorge, einen tiefen unglücklichen Blick in ihren Charakter getan zu haben. Sch[ücking] liegt übrigens total zu ihren Füßen, man sieht, dass jedermann (wie natürlich) sie ihm anlobt; er hält sie für die glänzendste, die begabteste, die schönste Frau Deutschlands, schwimmt in Glück und tut nicht wenig dick damit, dass sie so mit Bewunderern gesegnet sei, zu denen auch Kolb gehöre.

Mich hat sie indessen noch nicht bei ihm zugrunde richten können. …

Ich wüßte übrigens nicht, wie ich, wenigstens für meine Gedichte, je mehr erwarten könnte, als ich bereits erhalte. Cotta gibt mir für die erste Auflage von 1500 Exemplaren hundert Louisdor und hat sich fast verbindlich gemacht (wenigstens ganz ungefordert die Aussicht gestellt), für jede neue Auflage das Doppelte zu geben - also 1000 Taler. Mehr kann ich doch unmöglich erwarten! … reden Sie in Stuttgart gegen niemanden von meinen Gedichten, am wenigstens von dem Honorar. Die ersten könnten durchfallen, und ich würde dann mit meinen Erwartungen, selbst in Ihrem Munde, lächerlich; das letzte (Honorar) darf aus doppelten Grunde nicht besprochen werden; das bereits zugesagte, weil Cotta andern viel weniger gibt (selbst Lenau und Uhland für die ersten Auflagen kaum über die Hälfte), somit gewiss ein Geheimnis daraus zu machen wünscht, dessen Ausplauderung mit dem größten Schaden auf mich zurückfallen würde. Das künftig zu hoffende, weil Cotta es mir nicht zugesagt hat, sondern nur geschrieben, er pflege in solchen Fällen (bei Schriftstellern, die er mir gleichstelle) bei der zweiten Auflage das Doppelte zu geben. Dies ist keine Zusage, obwohl (da er diese Äußerung ganz unaufgefordert getan hat) eine stark begründete Aussicht, und die gewöhnlichste Diskretion fordert von mir, dass ich darüber schweige, bis sich die Sache realisiert; vor allem in Stuttgart, wo Cotta selbst wohnt und mit ihm eine Masse Dichter, denen er nicht das gleiche zu geben willens ist.

Um von diesem Gegenstande abzukommen, sage ich Ihnen nur noch, dass die Gedichte allerdings zur Ostermesse, die erst am 2ten März ist, herauskommen; dass Sch[ücking] Cotta gebeten hat, sie in Augsburg drucken zu lassen, um die Korrektur besorgen zu können; dass Cotta darauf erwidert, seine Dampfpresse dort drucke nicht schön genug, und er wünsche dem Buche die möglichst beste Ausstattung zu geben, doch sei ihm Sch[ücking]s letzte Revision sehr erwünscht, weshalb alle Probebogen ihm portofrei zukommen würden; dass Sch[ücking] bereits den 14ten Bogen erhalten hatte und mir die fünf ersten schickt, die leider (wie wird sie dies verteuern!) wie Prachtausgabe sind, mit schönen Typen aufs allerfeinste Velinpapier gedruckt; dass ich nur ein paar Freiexemplare erhalte; dass der Kontrakt nur für diese Auflage bindet und bei der zweiten ein neuer gemacht werden muss, Cottas verdoppeltes Honorar also nur ein vorläufiger Wink ist, damit ich mich nicht anderwärts engagiere, während er doch nicht dadurch gebunden wird. - Daß die Anzeige erst erscheint, wenn der Druck vollendet ist (dann auch wohl Probegedichte denke ich mir) - und endlich, dass jene vermeintlich Ginetsische Rezension von Freiligrath eingeschickt ist ohne Levins Vorwissen, wie es scheint, aber doch gewiss aus Freundschaft für dessen Freundin, und dass weder Sch[ücking] noch seine Frau mich rezensieren werden, und nun ist’s über und über Zeit hiervon abzubrechen.

Meersburg, 1. April 1844

aus: 1844, Briefe an Luise Schücking, Meersburg

Zum ersten Male, meine liebe junge Freundin, setze ich mich mal recht fest hin, um Ihnen in Ruhe zu schreiben; dieser Brief gilt natürlich für Levin mit, aber Sie sind es doch, an die ich meine Gedanken eigentlich richte, und Ihre Augen, groß, klar und freundlich, wie ich sie mir denke, sehen mich an, während ich zu Ihnen rede. Es ist etwas Seltsames um einen vertrauten Briefwechsel, ohne sich persönlich zu kennen, etwas höchst Reizendes und doch wieder Beklemmendes, da selbst die glücklichste Phantasie uns grade über die feinsten und reizbarsten Seiten des andern nichts sagen kann. Sie haben’s darin besser wie ich: Levin kennt mich sehr genau, weiß immer im voraus, was ich denken werde, und errät vielleicht aus einem halben Worte mehr, als ich mir selbst klar bewußt war; ich hingegen bin ganz mir selbst überlassen und einer Phantasie, die mich vielleicht irreführt. Nur eins steht fest, liebe Luise, dass ich den wärmsten Wunsch und Willen habe, ein möglichst nahes, liebes Verhältnis unter uns zu begründen; Sie haben dies ja auch; was wollen wir mehr für den Anfang?

Daß Ihr beiden Leutchen reich werden wollt, ist prächtig, und mehr als die Hälfte des Wegs dazu; kennen Sie das spanische Sprichwort, dass jeder Papst werden kann, der einen festen Willen dazu hat? …

Daß Cottas Generösetät mich höchlichst überrascht und gefreut hat, können Sie denken; ich würde mich außerordentlich darüber freuen, wenn ich nicht fürchtete, Levin habe mir zu seinem eignen Nachteile genutzt. Ach, Louise, Cotta ist verdrießlich, sehr verdrießlich! Die Worte: “Ziehen Sie aber vor, den Kontrakt ganz aufzuheben, so steht dies auch zu Dienst” sind mir schwer aufs Herz gefallen. Was helfen mir alle Vorteile, wenn es dem armen Jungen nachher heimkömmt! Geschäftsleute pflegen zwar zumeist auf Brauchbarkeit zu sehn, ohne sich viel mit Sympathien und Antipathien abzugeben; aber ich sehe aus dem Briefe, dass Levin selbst mit Cotta in Unterhandlungen wegen des “Günthers” steht, und da, fürchte ich, behandelt dieser ihn fortan wie einen hartnäckigen Forderer, dem man sich entgegen stemmen und ihn vor allem nicht verwöhnen muss. Wie mache ich’s nur wieder gut?

Ich denke, am besten ist’s, ich liefere eine Zeitlang unentgeltlich ins “Morgenblatt” und helfe ihm dieses etwas altersschwache Journal wieder auffrischen. Es liegt mir doch allerlei im Sinne, was ich nur heraus schreiben muss, um es los zu werden, und dann doch nichts anderes damit anzufangen weiß, da es sich meiner gegenwärtigen größeren Arbeit nicht anpassen läßt, z. B. einige Stoffe zu kleineren Gedichten (5–6 Strophen), die mich plagen, und wo es auch schade darum wäre, wenn ich sie verkommen ließ, da sie mir zusagen.

Dann hat Laßberg mich gradezu ersucht, ein altes Gedicht – nicht Manuskript –”Kaiser Otto mit dem Barte” in unser heutiges Deutsch zu übersetzen, und ich kann’s ihm durchaus nicht abschlagen. Es ist auch eine geringe Arbeit, etwa 700 Verse; Reim und Vers können fast unverändert bleiben, und doch ist es in seiner jetzigen Gestalt nur gar wenigen zugänglich. Auf diese Arbeit rechne ich, das Abschreiben eingeschlossen, höchstens vierzehn Tage.

Endlich will mir eine englische gar hübsche Gespenstergeschichte nicht aus dem Kopfe, seit ein Sir Pearsall sie mir erzählt hat, und wohin soll ich sonst mit diesem Findling? Ich werde nie etwas schreiben, dem ich ihn anpassen könnte. Wenn Sie diesen Brief erhalten, bin ich wahrscheinlich schon mit der einen oder andern dieser kleinen Arbeiten im Zuge, und wenn Levin nicht ganz besondere Gründe hat, mir abzuraten, so möchte ich’s sehr gern mit ihnen machen, wie ich eben gesagt, um doch dem Cotta nicht gar zu lumpig gegenüber zu stehn, und vor allem um den Gedanken nicht aufkommen zu lassen, ich sei eben für seinen Geldbeutel eine miserable Akquisition.

Meersburg fängt übrigens seit kurzem an sich heraus zu machen; wir haben ein Theater, und – denken Sie! – ein sehr gutes. Das Lokal ist allerdings lächerlich elend, eine große Tanzstube im Wilden Manne – Levin kennt ihn, dem Schiffe gegenüber – wo die Schauspieler zwei Fuß über dem Boden agieren und doch mit den Federbüschen die Decke fegen; aber die zwölf Mann starke Truppe ist wirklich gut und im Lustspiel sogar vorzüglich. … So habe ich seltsamer Weise Gelegenheit, wöchentlich dreimal für vierundzwanzig Kreuzer einen Komiker zu sehn, bei dessen Auftreten noch vor drei Jahren in Dresden die Preise erhöht wurden. Dergleichen romantische Wunderlichkeiten können nur in Meersburg passieren; sie gehören zum wunderlichen alten Schlosse mit dem wunderlichen alten Gerümpel darin, zu Laßberg, den Alpen und dem Herrn Figel, der NB. auch wieder aufblüht, d. h. seine Schulden bezahlt, und wieder con amore mit seinem Zöpfchen wedelt.

Ich habe zwei neue Bekanntschaften gemacht, die mir zusagen; nur liegt leider ein Stückchen Weges zwischen uns, was mich doch für die meiste Zeit auf meine gewohnte Einsamkeit beschränkt. Die eine, Fürstin Salm, anderthalb Stunde von hier, kömmt jeden Sonntag, ist eine sehr gute und durchaus fein gebildete Frau von etwa sechsunddreißig Jahren – eine geborne Hohenlohe –, malt sehr hübsch, liest viel, ist passioniert für Musik und möchte mich, da sie furchtsam im Fahren ist, viel lieber auf einige Zeit herüberlocken, als jeden Sonntag unter Stöhnen und Zittern den Berg hinanfahren; ich habe aber keine Zeit und weiß wohl, was es mit den schönen Redensarten von “ganz ungeniert, ganz für sich, soviel man will, sein” auf sich hat. Man kömmt doch zu nichts; sonst habe ich sie sehr gern und freue mich schon am Samstag auf ihren Besuch.

Noch lieber ist mir die andre, Miß Philippa Pearsall, Tochter eines englischen Baronets, der sich im Kanton St. Gallen angekauft hat, ein höchst geniales, liebenswürdiges Mädchen von zwanzig Jahren, in der eine tüchtige Malerin und Gesangkomponistin steckt. Sie entwirft ganz reizende Skizzen, sowohl im Genre als nach der heiligen Geschichte, ist von ihrem Vater, einem originellen Musikenthusiasten, in alle Geheimnisse des Kontrapunkts eingeweiht und singt ihre einfachen, aber rührenden Kompositionen mit einer wunderbar tiefen, erschütternden Stimme. Hübsch ist sie nicht, aber sehr angenehm, bescheiden und geistreich, und so frisch in allen ihren Gefühlen, dass es einem wohltut, nur ihr Gesicht zu sehn, wenn sie etwas interessiert. Die Gelegenheit wird bestimmen, ob sie noch mal einen bedeutenden Ruf erlangen oder ihre Talente halb ausgebildet für’s Haus verbrauchen wird. Es wär jammerschade, wenn’s beim letzten bleiben müßte!

Vater und Tochter waren auf vierzehn Tage hier, und es wird wohl lange anstehn, bis sie wiederkommen. Vielleicht gar nicht vor unsrer Abreise, obwohl Philippa Himmel und Hölle in Bewegung setzen will; denn sie scheint mir eben so attachiert, als ich es ihr in der kurzen Zeit wirklich geworden bin. Warum haben die Leute nur nicht das neue Schloß gekauft, wie sie anfangs Willens waren! Aber Sir Pearsall wollte ein Landgut, und so wohnen sie jetzt in einer alten beturmten Ritterburg – Wartensee – sehr romantisch, wie ich höre, aber ohne alle Mittel zu Philippas Talentausbildung, d. h. im Malen; denn was Musik betrifft, besitzt der Papa die Kenntnisse von einem und den Eifer von sechs Lehrern; aber sie hört nie ein Orchester, das ist doch schlimm!

Meine männliche halbe Bekanntschaft in Meersburg, von der ich Levinen schrieb, habe ich kaum angeknüpft und wieder aufgegeben. Der gute Mann ist allerdings ein Schöngeist, aber ein sehr gezierter und, ich fürchte, auch oberflächlicher. Seine größere Eleganz in Sprache, Anstand und auch Geschmacksrichtung zeichnen ihn freilich hier vorteilhaft aus; aber ich glaube, damit ist’s auch all, und so halte ich mich lieber an meinen alten Freund, Herrn Jung, der doch gründliche Kenntnisse und eine frische, lebendige Begeistrung für sein Fach – Musik – hat. Doch sehe ich diesen auch nur selten und zufällig, da ich keine Besuche mache, in meinem Turme keine annehme und bei den Besuchen droben im Hause nur zufällig zugegen bin; so bleibe ich denn auf die wöchentlichen Zusammenkünfte mit der Salm reduziert. Es ist mir aber auch genug so; ich habe zu arbeiten, auszuruhn und viel, viel zu denken nach Augsburg und Münster hinüber. …

Den 4ten März. .. Nicht als wenn ich so fleißig wäre; Sie würden mich faul nennen, liebe Louise; es geht mancher Tag hin, wo ich keine Feder ansetze. Aber dann bin ich unwohl, nicht grade krank, aber auf dem Punkt es zu werden, und muss ohne Gnade meinen Tag zwischen Spazieren und Ausruhen verteilen, um über solche halbe Anfälle weg zu kommen. Die Zeiten, wo ich arbeiten kann, sind mir gar zu karg zugemessen und ein Schatz, den ich nur mit blutendem Herzen auswärts verschleudere, während es doch doppelt fatal ist, in der Schwebe zwischen gesund und krank unter Fremden noch charmant sein zu müssen; deshalb hake ich mich in meinem Stalle fest wie eine störrige Geis.

Nun zu einigen Punkten aus Levins soi-disant Brief. Zuerst wundert’s mich, dass ich noch nirgends eine Anzeige meiner Gedichte lese, oder geschieht dies nicht vor vollendetem Drucke? Cotta ist doch nicht in Differenzen mit Levin geraten und hat den Kontrakt aufgehoben? Antworten Sie mir doch hierauf, denn es macht mich besorgt.

Mit den beiden Veränderungen in “Stadt und Dom” bin ich schon deshalb zufrieden, weil mein Einspruch gewiss zu spät gekommen wäre, da der bewußte erste Druckbogen dies Gedicht unfehlbar enthielt; auch mag “Weltensinn” statt “Weltsinn” (irdischer Sinn), ein Ausdruck, der mindestens in religiösen Schriften oft vorkömmt, mehr als gewagt, nämlich gradezu unverständlich sein. Mir schien’s selbst halbwege so, und der “irdische Sinn” hat schon mal dagestanden; aber mein Bruder et Konsorten stimmten für den weicheren Vers, da ihnen als frommen Leuten der “Weltsinn” sehr bekannt war und sie der allerdings mehr freisinnigen als praktischen Ansicht waren, auf eine Handvoll Buchstaben komme es nicht an, wenn jeder doch merke, was die Glocke geschlagen: so ließ ich’s gut und lasse es jetzt besser sein.

Dem Niagara hätte ich jetzt aber wohl einen andern Remplaçanten als “wie ein gewaltger Wogenschwall” gegeben. Die Zeit ist soeben ein “Strom” genannt, und nun gleich darauf: “wie ein Wogenschwall”, das ist eine matte Wiederholung, ein Pleonasmus und keine Vergleichung, wie der Niagara doch sein sollte; etwa als wenn man statt: “Der Aafluß fließt einer Gassenrinne gleich” sagen wollte: “Der Aafluß fließt einem trägen Flusse gleich”. Ich würde, wäre ich zur Hand gewesen, entweder einen ganz andern Vergleich gesucht oder vielleicht gesagt haben: “Es ist ein Zug, es ist ein Schall, Ein ungemessner Wogenschwall”; so wäre es nur eine Erweiterung des alten Bildes gewesen, kein Anspruch auf ein neues, was nicht da ist. Doch macht es nicht viel aus und wird dem ganzen Gedichte nicht schaden.

Zweitens kann das achte Heidebild nicht “Die Raben” heißen, sondern muss wieder zu dem früheren “Krähen” degradiert werden. Levin hat diese Abänderung damals gemacht, ohne sich des Inhalts recht zu erinnern, wo Krähen und Raben einander gegenübergestellt werden – nämlich ein Schwarm Heidekrähen, geschwätzig, gemein, und dem Alter nach nur noch Kinder gegen den vornehmen, ernsthaften, tausendjährigen Raben, der sie von seiner dürren Fichte mit Verachtung betrachtet; dieses ist der Haupthumor des Gedichts und, da er durch das Ganze geht, durchaus nicht wegzuschaffen, selbst wenn er nichts taugte. Die Überschrift “Raben” ist also gradezu dem Inhalt widersprechend; lesen Sie es nur selbst nach.

Drittens. Im “Traum”, Str. 5, Z. 7–8 heißt es: “Und meinen Namen ließ im Flug Sie sacht durch ihre Spalte gehen”; was meinen Sie, könnte man sagen: Sie über ihre Spalte gehen”? Gleich nachher kömmt: “Mit leisem Schlage dich zu strafen”; das “sacht” und “leise” so schnell nach einander macht sich nicht gut.

Viertens. Im “zu früh gebornen Dichter” darf vor allem die Variante: “Doch ließ man dies als krankes Blut et cet.” nicht gebraucht werden, wo dann immer derselbe Reim in selber Strophe und sogar zweimal “Mut” als Endreim vorkam, was mir erst hintennach aufgefallen ist. (Levin soll mich nicht auslachen, dass ich ihn aufmerksam darauf mache; ich habe es ja selbst erst hintennach bemerkt.) Vielleicht wäre aber die ganze Strophe am Besten so: “Zwar dünkt ihn oft in krankem (düsterm) Mut et cet.”, und zuletzt: “So musst er wohl in (mit) trüber Scheu Sich einen Toren schelten.” Oder nicht? Aber das “kranke Blut” kann jedenfalls nicht bleiben.

Fünftens. Im “Spiritus familiaris”, Nro. II, Str. 6, Z. 3 heißt’s: “Ein irres Leben . . [nescio] . . und klingelt.” Habe ich dort vielleicht “zieht” gesetzt? Dann muss es fort; “zieht” kömmt in der vorigen Strophe vor und in der folgenden wieder. Es hieß zuerst: “Ein irres Leben schwirrt und klingelt”; weil aber gleich nachher das “Glöckchen schwirrt”, wollte ich es ändern; mich dünkt “streift” oder “streicht” wär schon gut, “zieht” darf aber nicht bleiben, wenn’s da steht.

Ich wollte, liebste Freundin, Levin schrieb alle die verschiedenen in so viele Briefe zerstreuten Anmerkungen auf ein Blatt zusammen, sonst übersieht er vielleicht grade das Passendste, und es ärgert ihn nachher selber. Über die Abänderungen in meinen bereits gedruckten Gedichten habe ich kein klares Urteil; man wird durch zu öfteres Überlesen abgestumpft, gegen Gelungenes wie Verfehltes; auch Levinen sind diese Gedichte fast zu bekannt, und ich möchte mich hier am liebsten auf Ihr noch ganz frisches Urteil verlassen. Stellen Sie, ich bitte darum, von dem Alten her, soviel Ihnen entschieden besser dünkt als das Neuere. Aber “Der Graue” darf mir nicht wieder auf die alte Weise verstümmelt werden, damit mache ich eine feierliche Ausnahme. …

Ich meinte anfangs, ein Blättchen für Levin einlegen zu müssen, über Dinge, die Sie zwar lesen, die ich aber doch nicht gradeweg zu Ihnen sagen dürfe; nun ists mir aber unter dem Schreiben zu Mute geworden, als kennte ich Sie bereits seit Jahren, und so sage ich Ihnen denn, meine Louise, dass ich mit Ihrem Vorschlage, für längeren Aufenthalt in Meersburg ein Quartier zu nehmen, völlig einverstanden bin. Nicht als ob ich glaubte, Sie bedürften dessen; ich zweifele viel mehr nicht, dass Laßberg Ihnen sofort freundliche Vorwürfe hierüber machen und Sie schon in den ersten Tagen ins Schloß holen wird, wohin Sie ja auch aufs Herzlichste eingeladen sind und mit Freuden erwartet werden; aber für so lange Zeit – sechs Wochen bis zwei Monate – ist’s doch besser, seine bestimmte Einladung abzuwarten, die gewiss nicht ausbleiben wird. Levin weiß das alles eben so gut wie ich, und zugleich, welch ein lieber Gast man dem gutlaunigen, nur etwas pünktlichen alten Herrn ist.

Wahrscheinlich werden Sie ein paar Zimmer ganz hier zunächst, beim Herrn Hufschmid erhalten können, dessen Frau leider nur noch wenige Tage zu leben hat, oder im Schussenriether Hofe am Schloßplatze; ich würde Ihnen dann raten, nur wöchentlich zu mieten, und werde Ihnen alles in Ordnung bringen, wenn die Zeit heranrückt, wo wir gottlob endlich mal beisammen sind.

Dann frage ich Sie auch gradezu, ob Levin Gedichte von mir für seinen “Musenalmanach” wünscht? Er weiß, wie herzlich gern ich sie ihm gebe, und andrerseits auch, wie wenig Ambition ich habe, so dass mein Antrag sich lediglich auf die Frage reduziert, ob ich mich ihm nützlich machen könne. Gelingt’s ihm, so viele Zelebritäten zusammen zu bringen, wie er braucht, so darf ich jetzt noch nicht darin erscheinen – ob später, muss die Zeit lehren; vielleicht fehlt’s ihm aber an Beiträgen, oder wenigstens an unentgeltlichen, um doch auch einigen Vorteil bei der Sache zu finden. Sagen Sie dem guten Jungen, dass mich seine Bemühungen für mich so rühren, dass ich nicht mal darüber schreiben mag; ich fühle, dass es scheinbar geziert und überschwenglich herauskommen würde; aber Gott segne ihn für seine Treue, ich habe ihn außerordentlich lieb, außerordentlich, und Sie auch schon sehr, meine gute Herzenslouise, meine Levinsfrau!

Gottlob, das Eis ist gebrochen, ich habe Ihnen vertraut geschrieben wie einer Tochter, und könnte jetzt eben so wenig in einen noch halb fremden Ton zurück, wie es mir anfangs schwer war, die rechte Linie zwischen vertraut und doch wieder fremd zu treffen; es ist vorüber, und ich wüßte jetzt kein Wort, was ich nicht eben so frei gegen Sie aussprechen würde wie gegen Levin selbst. Adieu, meine liebe Freundin, antworten Sie mir bald, oder lassen Sie Levin antworten: mein nächster Brief wird an ihn sein, da ich nicht Stoff genug habe für zwei Briefe an zweie, die nur eins sind.

Meersburg, 29. Februar 1844

aus: 1844, Briefe an Luise Schücking, Meersburg

Zürnen Sie mir nicht, meine liebe junge Freundin, wenn ich Ihre mir so herzlich lieben Briefe diesmal nur sehr kurz beantworte. Diese Zeilen sollen keinen Brief weder bedeuten noch dafür gelten. Sie sind nur ein flüchtiges Zeichen, dass ich Sie liebe und Ihrer gedenke. Ein Gruß, ohne den ich das Paket, mit dem es, wie Levin behauptet, große Eile hat, dennoch nicht mag abgehen lassen, und vor allem eine Warnung, die Pantoffeln doch ja nicht zu schonen. Ich bin eine Person, die gern zu guten Zwecken beiträgt, und werde mit Vergnügen fortwährend den nötigen Bedarf liefern. Deshalb brauchen Sie sie, liebe Luise, brauchen Sie sie mutig und wachsam! Es werden schon neue heranwachsen. Striegeln und streicheln Sie das kleine Pferd wenigstens bis zum Zebra. Es ist zwar (um Ihnen zu zeigen, dass ich auch in anderen Zweigen der Naturwissenschaft kein Hund bin) im Grunde edles Metall, aber Sie wissen auch, wie das traktiert und mit Spitzhacke und Schüreisen noch anders gestriegelt werden muss. Ich freue mich schon darauf, Ostern in selbige Stufe hineinzusehen wie in einen goldenen Becher.

Freuen Sie sich nicht auf Ostern, Luise? Freuen Sie sich nicht auf mich? Ich freue mich ungeheuer auf Sie, und da müssen Sie schon aus Billigkeit ein übriges tun. Dann kennen Sie nachher alles, was mir lieb ist: die Meinigen, mein Zimmer, meine Beschäftigung, sogar meinen dicken, schwarzen Überrock, und vor allem meine Gedanken und kleinen Freuden, und es gibt fortan so manche Erinnerung, so unzählige Berührungspunkte zwischen uns, dass ich fürchte, der arme, kleine Junge wird nachher an Briefen zu kurz kommen. Halten Sie bis dahin die Liebe warm, die Levin in Ihnen zu mir angeregt hat, ich halte es treulich so mit der meinigen zu Ihnen.

Adie, meine teure Luise. Dies ist, wie gesagt, kein Brief, nur ein Gruß, ein ehrliches Handreichen in die Ferne. Der Brief soll in einer ruhigen Stunde nachfolgen. Gott segne Sie, mein gutes neues Kind, ebenso warm und reichlich wie den, der Ihnen der allernächste und uns beiden so wert ist. Nicht wahr, er ist ein guter Junge?

Meersburg, 17. Januar 1844