Briefe zum Schlagwort Meersburg
Zum ersten Male, meine liebe junge Freundin, setze ich mich mal recht fest hin, um Ihnen in Ruhe zu schreiben; dieser Brief gilt natürlich für Levin mit, aber Sie sind es doch, an die ich meine Gedanken eigentlich richte, und Ihre Augen, groß, klar und freundlich, wie ich sie mir denke, sehen mich an, während ich zu Ihnen rede. Es ist etwas Seltsames um einen vertrauten Briefwechsel, ohne sich persönlich zu kennen, etwas höchst Reizendes und doch wieder Beklemmendes, da selbst die glücklichste Phantasie uns grade über die feinsten und reizbarsten Seiten des andern nichts sagen kann. Sie haben’s darin besser wie ich: Levin kennt mich sehr genau, weiß immer im voraus, was ich denken werde, und errät vielleicht aus einem halben Worte mehr, als ich mir selbst klar bewußt war; ich hingegen bin ganz mir selbst überlassen und einer Phantasie, die mich vielleicht irreführt. Nur eins steht fest, liebe Luise, dass ich den wärmsten Wunsch und Willen habe, ein möglichst nahes, liebes Verhältnis unter uns zu begründen; Sie haben dies ja auch; was wollen wir mehr für den Anfang?
Daß Ihr beiden Leutchen reich werden wollt, ist prächtig, und mehr als die Hälfte des Wegs dazu; kennen Sie das spanische Sprichwort, dass jeder Papst werden kann, der einen festen Willen dazu hat? …
Daß Cottas Generösetät mich höchlichst überrascht und gefreut hat, können Sie denken; ich würde mich außerordentlich darüber freuen, wenn ich nicht fürchtete, Levin habe mir zu seinem eignen Nachteile genutzt. Ach, Louise, Cotta ist verdrießlich, sehr verdrießlich! Die Worte: “Ziehen Sie aber vor, den Kontrakt ganz aufzuheben, so steht dies auch zu Dienst” sind mir schwer aufs Herz gefallen. Was helfen mir alle Vorteile, wenn es dem armen Jungen nachher heimkömmt! Geschäftsleute pflegen zwar zumeist auf Brauchbarkeit zu sehn, ohne sich viel mit Sympathien und Antipathien abzugeben; aber ich sehe aus dem Briefe, dass Levin selbst mit Cotta in Unterhandlungen wegen des “Günthers” steht, und da, fürchte ich, behandelt dieser ihn fortan wie einen hartnäckigen Forderer, dem man sich entgegen stemmen und ihn vor allem nicht verwöhnen muss. Wie mache ich’s nur wieder gut?
Ich denke, am besten ist’s, ich liefere eine Zeitlang unentgeltlich ins “Morgenblatt” und helfe ihm dieses etwas altersschwache Journal wieder auffrischen. Es liegt mir doch allerlei im Sinne, was ich nur heraus schreiben muss, um es los zu werden, und dann doch nichts anderes damit anzufangen weiß, da es sich meiner gegenwärtigen größeren Arbeit nicht anpassen läßt, z. B. einige Stoffe zu kleineren Gedichten (5–6 Strophen), die mich plagen, und wo es auch schade darum wäre, wenn ich sie verkommen ließ, da sie mir zusagen.
Dann hat Laßberg mich gradezu ersucht, ein altes Gedicht – nicht Manuskript –”Kaiser Otto mit dem Barte” in unser heutiges Deutsch zu übersetzen, und ich kann’s ihm durchaus nicht abschlagen. Es ist auch eine geringe Arbeit, etwa 700 Verse; Reim und Vers können fast unverändert bleiben, und doch ist es in seiner jetzigen Gestalt nur gar wenigen zugänglich. Auf diese Arbeit rechne ich, das Abschreiben eingeschlossen, höchstens vierzehn Tage.
Endlich will mir eine englische gar hübsche Gespenstergeschichte nicht aus dem Kopfe, seit ein Sir Pearsall sie mir erzählt hat, und wohin soll ich sonst mit diesem Findling? Ich werde nie etwas schreiben, dem ich ihn anpassen könnte. Wenn Sie diesen Brief erhalten, bin ich wahrscheinlich schon mit der einen oder andern dieser kleinen Arbeiten im Zuge, und wenn Levin nicht ganz besondere Gründe hat, mir abzuraten, so möchte ich’s sehr gern mit ihnen machen, wie ich eben gesagt, um doch dem Cotta nicht gar zu lumpig gegenüber zu stehn, und vor allem um den Gedanken nicht aufkommen zu lassen, ich sei eben für seinen Geldbeutel eine miserable Akquisition.
Meersburg fängt übrigens seit kurzem an sich heraus zu machen; wir haben ein Theater, und – denken Sie! – ein sehr gutes. Das Lokal ist allerdings lächerlich elend, eine große Tanzstube im Wilden Manne – Levin kennt ihn, dem Schiffe gegenüber – wo die Schauspieler zwei Fuß über dem Boden agieren und doch mit den Federbüschen die Decke fegen; aber die zwölf Mann starke Truppe ist wirklich gut und im Lustspiel sogar vorzüglich. … So habe ich seltsamer Weise Gelegenheit, wöchentlich dreimal für vierundzwanzig Kreuzer einen Komiker zu sehn, bei dessen Auftreten noch vor drei Jahren in Dresden die Preise erhöht wurden. Dergleichen romantische Wunderlichkeiten können nur in Meersburg passieren; sie gehören zum wunderlichen alten Schlosse mit dem wunderlichen alten Gerümpel darin, zu Laßberg, den Alpen und dem Herrn Figel, der NB. auch wieder aufblüht, d. h. seine Schulden bezahlt, und wieder con amore mit seinem Zöpfchen wedelt.
Ich habe zwei neue Bekanntschaften gemacht, die mir zusagen; nur liegt leider ein Stückchen Weges zwischen uns, was mich doch für die meiste Zeit auf meine gewohnte Einsamkeit beschränkt. Die eine, Fürstin Salm, anderthalb Stunde von hier, kömmt jeden Sonntag, ist eine sehr gute und durchaus fein gebildete Frau von etwa sechsunddreißig Jahren – eine geborne Hohenlohe –, malt sehr hübsch, liest viel, ist passioniert für Musik und möchte mich, da sie furchtsam im Fahren ist, viel lieber auf einige Zeit herüberlocken, als jeden Sonntag unter Stöhnen und Zittern den Berg hinanfahren; ich habe aber keine Zeit und weiß wohl, was es mit den schönen Redensarten von “ganz ungeniert, ganz für sich, soviel man will, sein” auf sich hat. Man kömmt doch zu nichts; sonst habe ich sie sehr gern und freue mich schon am Samstag auf ihren Besuch.
Noch lieber ist mir die andre, Miß Philippa Pearsall, Tochter eines englischen Baronets, der sich im Kanton St. Gallen angekauft hat, ein höchst geniales, liebenswürdiges Mädchen von zwanzig Jahren, in der eine tüchtige Malerin und Gesangkomponistin steckt. Sie entwirft ganz reizende Skizzen, sowohl im Genre als nach der heiligen Geschichte, ist von ihrem Vater, einem originellen Musikenthusiasten, in alle Geheimnisse des Kontrapunkts eingeweiht und singt ihre einfachen, aber rührenden Kompositionen mit einer wunderbar tiefen, erschütternden Stimme. Hübsch ist sie nicht, aber sehr angenehm, bescheiden und geistreich, und so frisch in allen ihren Gefühlen, dass es einem wohltut, nur ihr Gesicht zu sehn, wenn sie etwas interessiert. Die Gelegenheit wird bestimmen, ob sie noch mal einen bedeutenden Ruf erlangen oder ihre Talente halb ausgebildet für’s Haus verbrauchen wird. Es wär jammerschade, wenn’s beim letzten bleiben müßte!
Vater und Tochter waren auf vierzehn Tage hier, und es wird wohl lange anstehn, bis sie wiederkommen. Vielleicht gar nicht vor unsrer Abreise, obwohl Philippa Himmel und Hölle in Bewegung setzen will; denn sie scheint mir eben so attachiert, als ich es ihr in der kurzen Zeit wirklich geworden bin. Warum haben die Leute nur nicht das neue Schloß gekauft, wie sie anfangs Willens waren! Aber Sir Pearsall wollte ein Landgut, und so wohnen sie jetzt in einer alten beturmten Ritterburg – Wartensee – sehr romantisch, wie ich höre, aber ohne alle Mittel zu Philippas Talentausbildung, d. h. im Malen; denn was Musik betrifft, besitzt der Papa die Kenntnisse von einem und den Eifer von sechs Lehrern; aber sie hört nie ein Orchester, das ist doch schlimm!
Meine männliche halbe Bekanntschaft in Meersburg, von der ich Levinen schrieb, habe ich kaum angeknüpft und wieder aufgegeben. Der gute Mann ist allerdings ein Schöngeist, aber ein sehr gezierter und, ich fürchte, auch oberflächlicher. Seine größere Eleganz in Sprache, Anstand und auch Geschmacksrichtung zeichnen ihn freilich hier vorteilhaft aus; aber ich glaube, damit ist’s auch all, und so halte ich mich lieber an meinen alten Freund, Herrn Jung, der doch gründliche Kenntnisse und eine frische, lebendige Begeistrung für sein Fach – Musik – hat. Doch sehe ich diesen auch nur selten und zufällig, da ich keine Besuche mache, in meinem Turme keine annehme und bei den Besuchen droben im Hause nur zufällig zugegen bin; so bleibe ich denn auf die wöchentlichen Zusammenkünfte mit der Salm reduziert. Es ist mir aber auch genug so; ich habe zu arbeiten, auszuruhn und viel, viel zu denken nach Augsburg und Münster hinüber. …
Den 4ten März. .. Nicht als wenn ich so fleißig wäre; Sie würden mich faul nennen, liebe Louise; es geht mancher Tag hin, wo ich keine Feder ansetze. Aber dann bin ich unwohl, nicht grade krank, aber auf dem Punkt es zu werden, und muss ohne Gnade meinen Tag zwischen Spazieren und Ausruhen verteilen, um über solche halbe Anfälle weg zu kommen. Die Zeiten, wo ich arbeiten kann, sind mir gar zu karg zugemessen und ein Schatz, den ich nur mit blutendem Herzen auswärts verschleudere, während es doch doppelt fatal ist, in der Schwebe zwischen gesund und krank unter Fremden noch charmant sein zu müssen; deshalb hake ich mich in meinem Stalle fest wie eine störrige Geis.
Nun zu einigen Punkten aus Levins soi-disant Brief. Zuerst wundert’s mich, dass ich noch nirgends eine Anzeige meiner Gedichte lese, oder geschieht dies nicht vor vollendetem Drucke? Cotta ist doch nicht in Differenzen mit Levin geraten und hat den Kontrakt aufgehoben? Antworten Sie mir doch hierauf, denn es macht mich besorgt.
Mit den beiden Veränderungen in “Stadt und Dom” bin ich schon deshalb zufrieden, weil mein Einspruch gewiss zu spät gekommen wäre, da der bewußte erste Druckbogen dies Gedicht unfehlbar enthielt; auch mag “Weltensinn” statt “Weltsinn” (irdischer Sinn), ein Ausdruck, der mindestens in religiösen Schriften oft vorkömmt, mehr als gewagt, nämlich gradezu unverständlich sein. Mir schien’s selbst halbwege so, und der “irdische Sinn” hat schon mal dagestanden; aber mein Bruder et Konsorten stimmten für den weicheren Vers, da ihnen als frommen Leuten der “Weltsinn” sehr bekannt war und sie der allerdings mehr freisinnigen als praktischen Ansicht waren, auf eine Handvoll Buchstaben komme es nicht an, wenn jeder doch merke, was die Glocke geschlagen: so ließ ich’s gut und lasse es jetzt besser sein.
Dem Niagara hätte ich jetzt aber wohl einen andern Remplaçanten als “wie ein gewaltger Wogenschwall” gegeben. Die Zeit ist soeben ein “Strom” genannt, und nun gleich darauf: “wie ein Wogenschwall”, das ist eine matte Wiederholung, ein Pleonasmus und keine Vergleichung, wie der Niagara doch sein sollte; etwa als wenn man statt: “Der Aafluß fließt einer Gassenrinne gleich” sagen wollte: “Der Aafluß fließt einem trägen Flusse gleich”. Ich würde, wäre ich zur Hand gewesen, entweder einen ganz andern Vergleich gesucht oder vielleicht gesagt haben: “Es ist ein Zug, es ist ein Schall, Ein ungemessner Wogenschwall”; so wäre es nur eine Erweiterung des alten Bildes gewesen, kein Anspruch auf ein neues, was nicht da ist. Doch macht es nicht viel aus und wird dem ganzen Gedichte nicht schaden.
Zweitens kann das achte Heidebild nicht “Die Raben” heißen, sondern muss wieder zu dem früheren “Krähen” degradiert werden. Levin hat diese Abänderung damals gemacht, ohne sich des Inhalts recht zu erinnern, wo Krähen und Raben einander gegenübergestellt werden – nämlich ein Schwarm Heidekrähen, geschwätzig, gemein, und dem Alter nach nur noch Kinder gegen den vornehmen, ernsthaften, tausendjährigen Raben, der sie von seiner dürren Fichte mit Verachtung betrachtet; dieses ist der Haupthumor des Gedichts und, da er durch das Ganze geht, durchaus nicht wegzuschaffen, selbst wenn er nichts taugte. Die Überschrift “Raben” ist also gradezu dem Inhalt widersprechend; lesen Sie es nur selbst nach.
Drittens. Im “Traum”, Str. 5, Z. 7–8 heißt es: “Und meinen Namen ließ im Flug Sie sacht durch ihre Spalte gehen”; was meinen Sie, könnte man sagen: Sie über ihre Spalte gehen”? Gleich nachher kömmt: “Mit leisem Schlage dich zu strafen”; das “sacht” und “leise” so schnell nach einander macht sich nicht gut.
Viertens. Im “zu früh gebornen Dichter” darf vor allem die Variante: “Doch ließ man dies als krankes Blut et cet.” nicht gebraucht werden, wo dann immer derselbe Reim in selber Strophe und sogar zweimal “Mut” als Endreim vorkam, was mir erst hintennach aufgefallen ist. (Levin soll mich nicht auslachen, dass ich ihn aufmerksam darauf mache; ich habe es ja selbst erst hintennach bemerkt.) Vielleicht wäre aber die ganze Strophe am Besten so: “Zwar dünkt ihn oft in krankem (düsterm) Mut et cet.”, und zuletzt: “So musst er wohl in (mit) trüber Scheu Sich einen Toren schelten.” Oder nicht? Aber das “kranke Blut” kann jedenfalls nicht bleiben.
Fünftens. Im “Spiritus familiaris”, Nro. II, Str. 6, Z. 3 heißt’s: “Ein irres Leben . . [nescio] . . und klingelt.” Habe ich dort vielleicht “zieht” gesetzt? Dann muss es fort; “zieht” kömmt in der vorigen Strophe vor und in der folgenden wieder. Es hieß zuerst: “Ein irres Leben schwirrt und klingelt”; weil aber gleich nachher das “Glöckchen schwirrt”, wollte ich es ändern; mich dünkt “streift” oder “streicht” wär schon gut, “zieht” darf aber nicht bleiben, wenn’s da steht.
Ich wollte, liebste Freundin, Levin schrieb alle die verschiedenen in so viele Briefe zerstreuten Anmerkungen auf ein Blatt zusammen, sonst übersieht er vielleicht grade das Passendste, und es ärgert ihn nachher selber. Über die Abänderungen in meinen bereits gedruckten Gedichten habe ich kein klares Urteil; man wird durch zu öfteres Überlesen abgestumpft, gegen Gelungenes wie Verfehltes; auch Levinen sind diese Gedichte fast zu bekannt, und ich möchte mich hier am liebsten auf Ihr noch ganz frisches Urteil verlassen. Stellen Sie, ich bitte darum, von dem Alten her, soviel Ihnen entschieden besser dünkt als das Neuere. Aber “Der Graue” darf mir nicht wieder auf die alte Weise verstümmelt werden, damit mache ich eine feierliche Ausnahme. …
Ich meinte anfangs, ein Blättchen für Levin einlegen zu müssen, über Dinge, die Sie zwar lesen, die ich aber doch nicht gradeweg zu Ihnen sagen dürfe; nun ists mir aber unter dem Schreiben zu Mute geworden, als kennte ich Sie bereits seit Jahren, und so sage ich Ihnen denn, meine Louise, dass ich mit Ihrem Vorschlage, für längeren Aufenthalt in Meersburg ein Quartier zu nehmen, völlig einverstanden bin. Nicht als ob ich glaubte, Sie bedürften dessen; ich zweifele viel mehr nicht, dass Laßberg Ihnen sofort freundliche Vorwürfe hierüber machen und Sie schon in den ersten Tagen ins Schloß holen wird, wohin Sie ja auch aufs Herzlichste eingeladen sind und mit Freuden erwartet werden; aber für so lange Zeit – sechs Wochen bis zwei Monate – ist’s doch besser, seine bestimmte Einladung abzuwarten, die gewiss nicht ausbleiben wird. Levin weiß das alles eben so gut wie ich, und zugleich, welch ein lieber Gast man dem gutlaunigen, nur etwas pünktlichen alten Herrn ist.
Wahrscheinlich werden Sie ein paar Zimmer ganz hier zunächst, beim Herrn Hufschmid erhalten können, dessen Frau leider nur noch wenige Tage zu leben hat, oder im Schussenriether Hofe am Schloßplatze; ich würde Ihnen dann raten, nur wöchentlich zu mieten, und werde Ihnen alles in Ordnung bringen, wenn die Zeit heranrückt, wo wir gottlob endlich mal beisammen sind.
Dann frage ich Sie auch gradezu, ob Levin Gedichte von mir für seinen “Musenalmanach” wünscht? Er weiß, wie herzlich gern ich sie ihm gebe, und andrerseits auch, wie wenig Ambition ich habe, so dass mein Antrag sich lediglich auf die Frage reduziert, ob ich mich ihm nützlich machen könne. Gelingt’s ihm, so viele Zelebritäten zusammen zu bringen, wie er braucht, so darf ich jetzt noch nicht darin erscheinen – ob später, muss die Zeit lehren; vielleicht fehlt’s ihm aber an Beiträgen, oder wenigstens an unentgeltlichen, um doch auch einigen Vorteil bei der Sache zu finden. Sagen Sie dem guten Jungen, dass mich seine Bemühungen für mich so rühren, dass ich nicht mal darüber schreiben mag; ich fühle, dass es scheinbar geziert und überschwenglich herauskommen würde; aber Gott segne ihn für seine Treue, ich habe ihn außerordentlich lieb, außerordentlich, und Sie auch schon sehr, meine gute Herzenslouise, meine Levinsfrau!
Gottlob, das Eis ist gebrochen, ich habe Ihnen vertraut geschrieben wie einer Tochter, und könnte jetzt eben so wenig in einen noch halb fremden Ton zurück, wie es mir anfangs schwer war, die rechte Linie zwischen vertraut und doch wieder fremd zu treffen; es ist vorüber, und ich wüßte jetzt kein Wort, was ich nicht eben so frei gegen Sie aussprechen würde wie gegen Levin selbst. Adieu, meine liebe Freundin, antworten Sie mir bald, oder lassen Sie Levin antworten: mein nächster Brief wird an ihn sein, da ich nicht Stoff genug habe für zwei Briefe an zweie, die nur eins sind.
Meersburg, 29. Februar 1844
Viel Glück zum neuen Jahre, mein altes Lies! Das vergangene ist nicht eben zu loben, Ihnen hat es viele äußere und innere Stürme gebracht, mir eine lange Krankheit und doch auch manche Erschütterung, und so steht’s mit fast allen, die uns nahe sind. Möge das begonnene friedlicher sein! Und um ihm den möglichst vorteilhaften Anstoß zu geben, fange ich es mit einem Briefe an diejenige an, von deren Liebe ich seine besten und innigsten Momente erwarte. Nicht wahr, mein Lies? Treu bei Sonnenschein und Schnee, in guten und bösen Tagen? In Leiden uns auf den andern gestützt, die Freuden doppelt genossen, und wenn’s uns beiden schlecht gehn sollte, doch wenigstens noch einander gehabt! So wär’ es doch ein Wunder, wenn zwei so zähe Planken wie wir sich nicht leidlich über dem Wasser halten sollten! Wüßten die Egoisten, welcher große Frieden in der Treue liegt, sie bekehrten sich alle dazu. Treue kann ja nie schaden, selbst die verratene nicht, denn sie gibt ein gutes Gewissen, und somit das Beste, was irgend eine Zeit bringen kann.
Wir leben hier so ruhig voran, ohne sonderliche Abwechslung. Ich sitze wie eine Maus im Loche in meinem Turme und knuspere eine Nuß nach der andern aus Laßbergs Bibliothek, zuweilen mit recht harter saurer Schale, und auch der Kern erinnert mich oft an unsrer lieben Vorfahren rohe Eicheln, aber was tut man nicht der Ehre wegen! Droben geht’s derweil bunt zu, die gelehrten Besuche treten sich fast einander die Schuhe aus, wovon ich mir denn nachher bei Tische erzählen lasse und bis jetzt noch keinen Namen gehört habe, der es mir leid machte, dass ich nicht zur Hand war. Lauter Professoren X., Y. und Z.
Mir fehlt hier gar nichts wie Sie, aber Sie fehlen mir arg, und ich kann kaum ein Dampfboot aus meinem Fenster heranbrausen sehn, ohne in Gedanken nach meiner Lorgnette zu greifen, ob Sie vielleicht auf dem Verdecke stehn. Das alte Lied hat wohl Recht: “Oh, glaubt es mir, die Liebe, sie macht die Menschen dumm!” oder zerstreut vielmehr, löst die Seele vom Leibe und macht zweihundert Stunde[n] zu einem Katzensprung.
Wir haben jetzt Schnee, ich folglich Anlage zum Rheumathismus und habe seit vierzehn Tagen meine lieben Gänge am Strande aufgeben müssen, aber der See liegt unter meinem Fenster, und jeden Nachmittag sind Sie meine Fata Morgana. Altes Lies! Gott segne und erhalte Sie!
Aber was treiben Sie? Sind Sie hübsch fleißig? Ist Ihnen Freiligraths Lob nicht ein mächtiger Sporn? Mag er immerhin etwas einseitig sein und, da die Glanzseite seines Talents durchaus mehr kräftig darstellend als grübelnd ist, seine Gedichte folglich mehr begeisternd als zum Nachdenken anregend wirken, diese nicht zu so wiederholtem Lesen reizen als andre, aus denen man immer neue Feinheiten picken kann, so bleibt er doch ein gewaltiges, stürmendes, uns alle überragendes Genie und sein Urteil über einen Totaleindruck ohne Frage kompetenter, als das aller derer, die jetzt über ihn her sind. Sie vor allen können sich dieses Erfolgs freuen, da Ihre Schreibart so gänzlich von der seinigen abweicht (insofern man überhaupt Ähnlichkeit zwischen gebundnem und ungebundnem Stil zugibt,) dass hier von keiner Parteilichkeit für den eignen Blutstropfen die Rede sein kann. Nur Mut gefaßt, mein Liebchen! Sie sind nicht die erste und werden nicht die letzte sein, der die Dornenkrone zum Lorbeerkranz wird, und wenn’s nicht anders sein kann, bleibt dies doch immer eine Art von Ersatz, der nur wenigen geboten wird.
Ihre Rezension habe ich gelesen und ganz und gar nicht schlecht gefunden, vielmehr sehr richtig gedacht und sehr gut gesagt, was wollen Sie mehr? und was kann Brockhaus mehr wollen? …
Ich habe doch jetzt grade die Abschrift meiner Gedichte fertig und wollte mich eben über das “Bei uns zu Lande” hermachen. Aber das kann warten; vorgestern, am Silvestertage, habe ich die letzte Zeile geschrieben und bis Mitternacht gearbeitet, weil es mir ominös schien, nicht mit dem Jahre zugleich abzuschließen. Ich hatte eben mein Tintefaß zugemacht und kleidete mich aus, als die Glocke schlug und unter lautem Hurra eine Gewehrsalve die neue Zeit ein- und mein Manuskript tot- oder ihm Viktoria schoß - was von beidem? Ich sehe dem Erfolg so ruhig entgegen, wie dies ohne Affektation möglich ist und befinde mich “den Umständen nach ganz wohl”.
Gestern verging unter Kirchengehn, Besuchen, Neujahr-Abgewinnen, kurz dem ganzen Einzugstrubel der neuen Epoche, und heute läuft wieder alles im alten Gleise, nur dass ich statt Gedichte Briefe schreibe und Laßberg statt seiner geliebten Pergamente mein Manuskript liest und, da der heutige Stil ihm ganz fremd geblieben ist, den Kopf öfter schüttelt als mir lieb ist. Ich fürchte nicht sein Mißfallen, aber seinen Rat; manche Leute empfinden einen mit einiger Überwindung gegebenen und dann vernachläßigten Rat fast so schlimm als eine Ohrfeige, und ich fürchte, Laßberg gehört zu diesen.
Im Ganzen hat er mich heute belobt, aber schon einige Abänderungen vorgeschlagen, die sehr sehr nach der alten Schule schmecken, und mir nebenbei Gellert als den vollkommensten deutschen Stilisten empfohlen. Sie sehn, wo das hinaus will! Es würde mir überaus leid sein, den ritterlichen alten Herrn zu kränken, aber in ganz veraltete Formen kann ich mich doch unmöglich zurückschrauben lassen und sehe somit dem Ende der Lektüre, wo, wie er sagt, wir “das Ganze gemeinschaftlich durchnehmen wollen”, mit großem Unbehagen entgegen.
Sie sehen, lieb Lies, anno 44 fängt bei mir mit einem Paar Stirnrunzeln an: entweder Verdruß im Hause, oder die Kritiker auf dem Nacken. Gott helfe mir durch Scilla und Charibdis!
Meersburg, 2. Januar 1844
Ich habe mich durch die Billigkeit des Preises verleiten lassen, das am Wege “zum Frieden” liegende Fürstenhäuschen mit allen dazu gehörigen Reben zu kaufen – allerdings wohlfeil, aber doch um weit mehr als einen jährlichen Betrag meiner Leibrente, weshalb ich eine Anleihe bei meinem Bruder machen musste. Dafür habe ich nun freilich bei allen denkbaren Wechselfällen ein niedliches Asyl von fünf Zimmern, einer Küche, Keller, Bodenraum, und zwar in der Luft, die mir allein zusagt und endlich wohl meine heimische werden muss, – dabei in guten Jahren einen Weinertrag von etwa vierzig Ohm.
Ich bin recht gern hier, obwohl außer Laßberg und Jenny, der alten Burg und dem See eben alles anders ist wie vor’m Jahre, als läge ein Decennium dazwischen: lauter neue Domestiken, außer Augusten und dem alten Fasser, der noch immer seinen Kopf aus dem Guckloche unter der blutigen Hand hervorstreckt; die Kinder sehr langbeinig und verändert, Hildel auch moralisch sehr zu ihrem Vorteile, äußerlich beide durch Zähne und eine hübsche Haartracht; das Kesselsche Institut fort, nach Karlsruhe verlegt, am neuen Schlosse alle Läden zu, nichts als Gefangene und Ratten darin; der unermüdliche maître de plaisir, Stiele, in Konstanz verheuratet, nur einmal, mit dem Dampfboote, als sehr dicker, ernster Hausvater sichtbar geworden; Doktor Luschka und der Physikus beide fort; das Liebhabertheater aufgelöst; Mama hier, und im untern Stock drei Zimmer für sie eingerichtet, die mir wie ein ganz neues Stück Welt vorkommen; Figel fast bankrott, will sein Häuschen verkaufen; niemand besucht ihn mehr, wir sind nur einmal aus alten Erinnerungen hingegangen, fanden niemand dort und konnten kaum etwas erhalten; sein Zöpfchen steht vor Melancholie ganz schief, während seine gezwungenen Späße in der traurigen Lage einen unheimlichen Eindruck machen und ich nicht wieder habe hingehn mögen; meine alte Trödlerin Bankrott gemacht; ich in das neue Turmzimmer logiert, das damals für Sie ausgebaut wurde, und das jetzt, möbliert, gar nicht mehr an die leeren Wände erinnert, die wir anguckten; mein früheres Zimmer sowie das Ihrige jetzt als Fremdenzimmer immer verschlossen, also für mich so gut wie gar nicht mehr da, ebenso die Gewölbe, in denen wir herumkletterten, und Ihr Turmzimmer, in dem Sie den “Lafleur” und das “Stiftsfräulein” schrieben. In beide letztere habe ich bei einer allgemeinen Hausschau mal einen Blick getan, und es war mir wie “eine Geschichte vergangener Zeiten.”
Das sind doch viele Veränderungen für ein kurzes Jahr! Denn grade ein Jahr nach meiner Abreise bin ich wieder hier eingezogen. Freilich ist auch manches geblieben; vor allem heimelte mich das Speisezimmer an, alles als wär’s gestern: das kleine Kanapee am Ofen, unter dem die Lachtauben gurren, das Klavier, ganz mit denselben Notenblättern, die ein Jahr Rast gehalten, Laßbergs Noli me tangere-Winkel, die alte Uhr auf dem Schreibtische, die immer Zwölf schlägt. Dort ist die Zeit eben so unbegreiflich still gestanden, wie sie anderwärts unbegreiflich gerannt ist.
Herr Hufschmid, um keinen Tag älter geworden, kömmt noch jeden Abend im selben braunen Rocke, spielt langen Puff und bittet uns, nicht zu früh aufzustehn. Und jeden Nachmittag geh ich meine alten Wege am Seeufer, zwar mutterseelenallein, aber doch vergnügt, weil mich nichts stört, nicht mal ein neuer Rebpfahl. Ungestörtheit habe ich überhaupt hier, so viel mein Herz verlangt; ich bin in meinem Turm wie begraben und komme nur hervor, wenn ich nach dem Läuten des Dampfboots alte Freunde habe die Steig herauf traben gesehn, was aber selten vorkömmt.
Herr v. Baumbach ist ganz fort, nach Karlsruhe gezogen; Gaugrebens waren einmal hier, Stanz ein paarmal und erkundigte sich sehr eifrig nach Ihnen – er hat Jenny’n eine sehr schöne Scheibe geschenkt, gothische Bogenhallen, darunter eine Frau mit zwei Kindern in blauen und roten Kleidchen. Sonst waren Besuche genug hier, meistens fremde Gesichter und Namen und mir nur sichtbar, wenn sie über Tisch blieben.
Was ich in meiner Einsamkeit treibe? Ich lese, beendige die Abschrift meiner Gedichte und sehe mir in der Dämmerung über den See das Abendrot an, was eigens mir zuliebe in diesem Jahre unvergleichlich schön glüht; ich wollte, Sie könnten’s mit ansehn; auch der See und die Alpen waren im September und Oktober fast täglich mit Tinten überhaucht, von denen ich früher keine Vorstellung gehabt: alle Zacken der Alpenreihe rot wie glühendes Eisen und scheinbar durchsichtig, andre Male der See vollkommen smaragdgrün, auf jeder Welle einen goldnen Saum. Es ist mir unbegreiflich, dass ich habe ein rundes Jahr hier sein können, ohne dass nur ein solcher Moment eintrat, und jetzt war es mindestens ein um den andern Tag, und ich habe mir fast die Augen schwach daran gesehn. Ach, es ist doch eine schöne, schöne Gegend! Sie kennen sie nur noch gar nicht in ihrem beau jour.
Sie sehn, die Natur tut alles, mir an Poesie von außen zu ersetzen, was mir in den Mauern fehlt; denn in dieser Beziehung stehe ich hier allein, wie Sie am besten wissen. Zwar soll’s hier jetzt ein Genie in der Stadt geben, Dichter, Musiker, der meine Bekanntschaft eifrig sucht und unter Herrn Jungs Auspizien schon zweimal an verschlossene Türen – ich war spazieren – gepocht hat; aber ich habe kein Zutrauen zu dem Handel hierzulande, habe mich auch nach gar nichts erkundigt und das zufällig Gehörte vergessen, so dass ich ihn nicht weiter bezeichnen kann, weder nach Namen, Stand, Alter, noch ob er poetischer Dilettant oder bereits unter der Presse gelegen. Doch werde ich ihn wahrscheinlich im Laufe der Zeit sehn, da er Mitglied eines wöchentlichen – neuetablierten – Liebhaber-Konzerts ist, zu dem ich höflichst eingeladen bin und doch wohl einigemal hingehn werde; ich werde dann ja sehn, ob ich mir einige geistige Ressource von ihm versprechen kann; einen Junkmann darf ich hier nicht erwarten, höchstens einen Lutterbeck oder Schnittger, was aber in dieser Dürre schon Gold wert wäre.
Meersburg, 14. Dezember 1843
Sie sind jetzt wohl ganz gewiss wieder in Münster, lieb Herzchen, und so gehe ich denn an meine liebste Beschäftigung, die, Ihnen zu schreiben. Ich bin indessen noch keinen Tag von Ihnen getrennt gewesen, alle Nachmittage um drei (außer vorgestern, wo es hart regnete) habe ich an unserem Strande gesessen, der mir durch Sie so lieb geworden ist, dass keine andere Erinnerung neben Ihrem lieben Gesichtchen dort ein Haarbreit Raum findet.
Es hat mich ein paarmal selbst überrascht, wenn beim zufälligen Zurückblicken mir einer meiner alten Lieblingsplätze ins Auge fiel, wie ich so alle Tage dran hertrotte, als wären’s Laternenpfähle oder Rebstöcke. O vanitas vanitatum! Ich habe auf unserm Kiesgrund noch schöne schöne Dinge gesehn, und das Herz hat mir ordentlich geblutet, dass Sie nicht da waren - zweimal ein Alpenglühen, wogegen das frühere gar nicht in Betracht kam, die ganze Alpenkette wie rotes Eisen, und sonst noch prächtige mir ganz fremde Beleuchtungen, z. B. einmal die Kuppen der Berge ganz dunkelviolett, der Fuß ebenfalls, und um die Mitte ein breiter Wolkengürtel, in dem das Abendrot den brennendsten Purpur widerstrahlte, und der wie ein Lavastrom in allen Tinten wallte, es war unbeschreiblich schön und fremdartig!
Auch der See hat noch ein paarmal sein Bestes getan an Grüne und Schmelz, und einen Sturm habe ich erlebt, oh, einen Großpapa aller Stürme, und habe Gott gedankt, dass ich ihn allein überstehn musste. Es war in der zweiten Woche nach Ihrer Abreise, ich hatte einen langen Spaziergang weit über Haltenau hinaus gemacht und mich eben zum Rückwege gewendet, als ein wahres Teufelswetter losbrach, ohne Regen, nur Sturm, aber um Berge zu versetzen. Bei jedem Ruck faßte er mein dickes wattiertes Kleid und wollte mich über die Mauer reißen, so dass ich gleich bergan in die Reben flüchten musste, wo ich mich kümmerlich an den Pfählen fortlavierte bis Haltenau und dort wie ein verunglückter Luftballon ins Haus mehr plumpste als flatterte, nämlich mit halbem Überstürzen, was sich wahrscheinlich eher mitleidswert als graziös mag ausgenommen haben. Die dicke Rebfrau konnte auch mit ihrem “B’hütis Gott! b’hütis Gott!” gar nicht aufhören und meinte, sie würde jetzt um fünf Gulden nicht über die Mauer nach Meersburg gehn. Was half das alles! Ich musste doch nach Hause, obwohl das Wüten draußen mit jeder Minute ärger wurde.
So ging ich wieder los und versuchte als letzten Ausweg, mich gleich den Berg hinauf zu arbeiten, wo ich schlimmstenfalls doch nur bis in die nächsten Rebpfähle geschleudert werden konnte - freilich, wenn’s mit Vehemenz geschah, immer gefährlich genug, und zudem hätte ich, wie sie wissen, Klippenwände passieren müssen. Vielleicht war’s gut, dass der Versuch mißlang,, es war keine Möglichkeit, bei jedem Schritt höher konnte mich der Wind derber packen, ich musste mehr kriechen als gehn und bei jedem Ruck niederhocken, um nicht weggerissen zu werden, also wieder bergab! Doch blieb ich zwischen den Reben, etwa dreißig Fuß über dem Mauerwege. Es war eine greuliche Arbeit; ich habe über eine Stunde gebraucht; die meiste Zeit saß ich in einem Klümpchen dicht zusammen und wartete die Pausen der Stöße ab, um dann zehn oder zwölf Schritte voran zu arbeiten.
Was wir zusammen erlebt haben, kann Ihnen nicht mal einen schwachen Begriff davon geben, aber der See war unbeschreiblich schön, so durchsichtig und in allen Farben wechselnd, wie ich davon vorher keinen Begriff gehabt. Die Sonne warf durch Wolkenlücken ein prächtiges falsches Licht darauf, und ich wurde fast geblendet durch das Blitzen der Springwellen, die unter mir wie eine endlose Reihe Fontänen aufstiegen, und zwar nicht, wie wir es kennen, nur diesseits der Mauer, sondern wenigstens vierzig Fuß höher, weit über mir und meinen Rebstöcken, niederplatschten, so dass ich nach ein paar Minuten keinen trocknen Faden mehr am Leibe und mein Rock sich in einen gefüllten Schwamm verwandelt hatte, der mich niederzog wie Blei.
Ich kann Ihnen sagen, Elise, dass ich froh war, als ich das Tor über mir und meine bedenkliche Fahrt sich in eine klatrige durch die Unterstadt verwandelt hatte. Noch einmal hatte ich einen schweren Stand, die Stiegen hinauf, wo der Wind wieder alle Macht hatte, und besonders auf der langen schmalen Brücke über den Mühlrädern, wo ich einmal keinen andern Rat wußte, als mich platt hinzuwerfen, und doch wohl herabgeweht wäre, wenn nicht der Müller, der auch grad genötigt war die Brücke zu passieren, mich am Boden festgehalten und dann auch die letzte Stiege hinauf geleitet hätte. Als ich ins Schloß kam, schnatternd und einen nassen Streifen hinter mir lassend wie ein geschwemmter Hund, ward ich auch empfangen wie ein armer Hund. Es mißlang mir in mein Zimmer zu schlüpfen, Laßberg stand zufällig im oberen Flur und erhob ein solches Geschrei: “Um Gotteswillen! Wo kommen Sie her! Was haben Sie gemacht! Was denken Sie auch!”, dass ich gleich auf eine sehr unerwünschte Weise en famille geriet. Mama war anfangs wirklich böse, glaubte mir aber doch sogleich, dass ich bei ganz leidlichem spazierfähigem Wetter ausgegangen sei. Laßbergen konnte ich mich nicht begreiflich machen, er war tauber wie gewöhnlich, und ich habe ihn mitten in seinen Exklamationen über meine Unvernunft müssen stehn lassen, denn mich fror erbärmlich. Jenny sagte nichts, aber sie bestellte sogleich einen heißen Krug und Tee, nahm mich dann beim Arm und brachte mich in meinem Zimmer zu Bette. Meinen dicken Rock habe ich acht Tage lang nicht anziehn können, so lange hat er auf dem Boden trocknen müssen.
Da mir das Abenteuer nicht geschadet hat, ist’s mir doch lieb, den See einmal in seiner tollsten Laune gesehn zu haben, um so mehr da es nur für einmal im Leben ist, denn ein anderes Mal werde ich mich hüten! Ich mag die Lachsforellen und Gangfische viel lieber essen, als von ihnen gegessen werden, und es würde mir sogar nur wenig Trost bringen, wenn statt ihrer meine Lieblinge, die Möwen, mich aufpickten. Am nächsten Tage hörten wir von vielem Unglücke am See, einem untergegangenem Schiffe und einigen einzeln Verunglückten. Und mit dieser Trübsal muss ich für heute schließen, denn es schlägt eben acht. Gute Nacht, lieb Herz, bis morgen, ich wollte Sie träumten von mir!
Meersburg, 18. November 1843





Gästebuch: