Briefe zum Schlagwort Reisen
Von hier kann ich Ihnen nichts erzählen. Es passiert eben nichts, und Sie kennen niemanden. So will ich Ihnen, faute de mieux, meine kleinen Reisebegebenheiten vorführen; die erste und unbedeutendste würde dennoch meiner armen Mama die Haare zu Berge getrieben haben. Ich habe nämlich das Malheur gehabt, im allerklatrigsten Aufzuge, altem Mantel, ohne Hut, von der Hartmannschen Familie erwischt zu werden - die Mama Hartmann, der Assessor, Tony, und eine Allwine Zurmühlen - alle mit mir auf der Schnellpost, von Münster bis fast Paderborn, zur Hochzeitsfeier Dinchens Hartmann mit Mallinkrodt. Ganz lieb war’s mir nicht, jedoch mit einiger Philosophie schon zu ertragen, aber Mama darf’s nicht wissen, sonst läßt sie mich mein Lebtage nicht wieder allein fort. Die Mutter Hartmann war sehr liebenswürdig, nur gar zu taub; die jungen Mädchen voll Hochzeitsgedanken, langweilig und gelangweilt; die Zurmühlen weniger, aber Tony sehr arg, und hat mich förmlich geniert, mit ihrem ewigen Gähnen, war auch ungeduldig und schnippisch mit der Mutter, kurz, hat mir grundschlecht gefallen, anfangs war sie blaß, und ich konnte gar nicht begreifen, dass dies die schöne Tony sein sollte, nachher bekam sie Farbe, und war denn doch wohl hübsch. Unterwegs wurden wir alle hungrig, die Hartmanns zogen zwei große Tüten mit Bonbons hervor, und ich eine Schachtel mit Butterbroten - oh Schande, Schande über mich! Zwei Stunden vor Paderborn (am Sande) stand Mallinkrodt vor dem Wirtshause, und aus den Fenstern riefen und jubelten allerlei Köpfe, man war meinen Damen entgegen gefahren, da gab’s denn einen sehr fröhlichen Empfang, und eine keineswegs schmerzliche Trennung.
Ich rollte mit meinem Settchen in süßer Einsamkeit weiter und legte mich quer auf die Sitzbank, aber nur eine halbe Stunde, dann stiegen zwei Männer ein; der eine, ein sehr ruhiges Subjekt, gab sich als Lederfabrikant aus Paderborn zu erkennen und ward dann mäuschenstill, der andre, ein ältlicher Mann, in halb geistlicher (wahrscheinlich Schulmeister-)Tracht, verriet sich mit den ersten Worten als Münsterländer und stellte sich, auf meine Nachfrag[e als] geborner Dülmenser und seit zwanzig Jahren Bewohner von Rietberg heraus. Das gab gleich gr[oße F]reundschaft, ich kannte die halbe Stadt, Wirtsleute, Krämer, Pastoren, gab ihm von allem Nachricht, sagte, ich sei auch aus der Gegend von Dülmen, vom Lande her, - kurz, tat ganz wie eine Schulzenfrau oder dergleichen Gutes, wobei meine Toilette mich vortrefflich unterstützte, und Settchen, die den Spaß merkte, mich durch nichts verriet. Mein altes Männchen wurde vollkommen getäuscht und gab, als es in Neuhaus ausstieg, mir Grüße an alle Schuster und Schneider mit. Ein Erfolg, auf den ich nicht wenig stolz war und schon überlegte, ob ich nicht am besten tue, auf’s Theater zu gehn, aber - sic transit gloria mundi! - als ich eben vor Hochmut bersten wollte, fing mein Lederfabrikant an, lebendig zu werden,: “Mit Erlaubnis, bleiben Sie die Nacht in Paderborn?” - “Nein, ich fahre noch bis Brakel” - “mit Erlaubnis, Sie wollen wohl nach der Hinnenburg?” - Ich (sehr verwundert): “Nach Hinnenburg? Nein nach Brakel, und morgen weiter” - “Mit Erlaubnis, ich habe doch die Ehre, mit Fräulein von Droste zu sprechen?” - (hier fiel mir vor Verwunderung ein Stück Butterbrot zum Wagen hinaus) “kennen Sie mich?” - “Nein, aber ich habe mir vom ersten Augenblicke an vorgestellt, dass Sie Fräulein von Droste sein müßten, denn ich habe [Ihre Gedichte] gelesen, ach! wie schön sind die!” So ging’s weiter, und ich kam bis Paderborn nicht aus der Konsternation, mein neues Talent so zerplatzen zu sehn.
Aber sagen Sie, Lies, sind meine Gedichte denn so gräulich pfahlbürgerlich? Denn eine prächtige Pfahlbürgerin habe ich agiert, darauf lasse ich mich totschlagen. Mein Lederfabrikant erinnerte mich übrigens gewaltig an den Papa Junkmann, hatte etwas sehr Ehrenfestes, und einen angenehmen taktvollen Bürgerstolz.
Abbenburg, 17. Juni 1845
Es ist Abend, Sie sind nicht gekommen, der Wagen ist angespannt, der mich nach Hülshoff bringen soll. Übermorgen geht es von dort weiter, morgen, wenn Sie dieses lesen, habe ich meinem guten, kleinen Rüschhaus Lebewohl gesagt. Alles ist eingepackt und eingeschlossen, meine Zimmer gleichen Ruinen. Leben Sie wohl, leben Sie Alle tausendmal wohl. Sie und die Mutter und Therese. Denken Sie meiner vor allem im Gebet und auch sonst, ich werde Ihrer täglich gedenken und täglich für Sie schreiben in die zwei Bücher, Sie wissen ja wohl, wie ich es gesagt. Adieu, mein Herz ist sehr schwer. Ihre Annette
Rüschhaus, 17. Mai 1845
Du taugst zwar ganz und gar nichts, Paulus, und hast mir auf meinen ellenlangen Brief von Meersburg auch nicht eine Silbe geantwortet. Dennoch schicke ich Dir meine Gedichte, weil Du sonst doch immer ein braver Paulus gewesen bist und ich nicht denken kann, dass Du Dich solltest in einen Saulus verkehrt haben, obwohl ich denn doch nicht begreife, weshalb Du mich so ganz und gar ohne Antwort gelassen hast. Ich denke mir, Du warst verdrießlich darüber, dass ich Dir das Leben in Meersburg als so wohlfeil geschildert hatte und es nun, nach meinen Preisangaben, ganz anders heraus kam. Aber wie konnte ich auch vorausahnen, dass im Badenschen sollte ein vollkommenes Mißjahr gewesen sein, während bei uns zulande alles ganz gut und reichlich gewachsen war?
Du glaubst nicht, bis zu welchem Grade die Not im Winter stieg. Jeder, der nur etwas übrig hatte, ließ täglich oder wenigstens wöchentlich Brot und Speisen austeilen, damit die Armen nicht gradezu verhungerten. Das Ärgste war noch, dass keine Tagreise weit von uns alles im Überflusse geerntet, aber von Wucherern aufgekauft war und zurückgehalten wurde. So tatest Du freilich sehr wohl, nicht zu kommen, aber schreiben hättest Du mir doch können, Du garstiger Paulus!
Ich habe im übrigen ein ganz angenehmes Jahr dort verlebt. Meine Mutter war, ihr gewöhnliches Herzklopfen abgerechnet, sehr wohl, Laßberg und Jenny sehr freundlich, die Kinder äußerst nett und sehr zutunlich. Mir selbst bekam das Klima wieder ausgezeichnet gut, und ich habe mich das Jahr durch recht verwöhnt mit freiem Atmen, so es mich jetzt recht hart ankommt, wenn mir die feuchte Münsterische Luft die alten Beklemmungen tagweise wiederbringt. Doch halten die guten Nachwirkungen noch an, und ich möchte keineswegs mit meinem Zustande vor anderthalb Jahren tauschen. …
Wir sind auf unsrer Rückreise mit Dir zugleich auf dem Rheine gewesen. Zwischen Koblenz und Bonn, als ich Dich schon in einigen Stunden zu sehn hoffte, erzählte uns ein Passagier, dass Du am vorigen Tage mit Betty und Prof. Achterfeldt Dich ebenfalls aufs Wasser begeben hättest, und zwar zu einer ordentlichen Reise; wohin wußte er nicht, aber fort warst Du, und so segelten wir denn trübselig bei Bonn vorbei und jetzt nur grade durch bis Düsseldorf. Es kam mir doch ganz wunderlich und verkehrt vor, dass ich Dich, Betty und Braun nicht sehn sollte; ich hatte mir das ganze Jahr hindurch so hunderterlei Dinge in Gedanken zurückgelegt, um sie Euch zu erzählen, kleine seltsame oder komische Vorfälle, interessante Bekanntschaften, und meinte, ich säß schon à la Turquoise im Kanapee, Du rechts, Braun links, der lange Schlacks mir gegenüber von einem Stuhle auf den andern rutschend und die Ohren spitzend. Und nun war alles nichts, und ich musste Bonn, das Münster, die Schiffbrücke, an mir vorüberfliegen sehn, als wenn es mich nichts anginge. …
Ist es denn wahr, dass die Mertens sich in Italien mit einem Marchese wieder verheuratet hat? Hier heißt es überall so. Das wäre ja toll! Bitte antworte mir doch hierauf, es interessiert mich doch. Und, bitte, wenn Du den Doktor Wolf siehst, frage ihn doch, ob er etwas von Adelen (Schopenhauer) weiß? ob sie noch in Jena ist? Ich bin ihr seit zwei Jahren einen Brief schuldig, möchte gern schreiben, und fürchte sie hat ihren Wohnort verändert … Bitte, vergiß doch beim Antworten nicht, meine Fragen mit zu beantworten, besonders die wegen der Schopenhauer, auch der Mertens.
Rüschhaus, 30. Oktober 1844
Unsere Reise ist sehr gut und schnell vonstatten gegangen, obwohl sie etwas fatal anfing. Von Mamas Medizingläschen hatte sich nämlich der Pfropfen losgerüttelt, und wir merkten erst an dem Gestank von Assa foetida, dass es zum Teil in Mamas Körbchen und noch mehr in Settchens Mantel ausgelaufen war.
Das Fläschelchen wurde zum Wagen hinausgeworfen, das Körbchen war weit von unseren Nasen untergebracht, dennoch wurde Settchen nach einiger Zeit ganz übel, und sie musste sich mehrere Stunden lang von Zeit zu Zeit zum Wagen hinaus übergeben, bis sie den Mantel abnahm, unter ihr Sitzpolster legte und sich in meinem roten Pelzmantel auf den Bock setzte, wo ihr dann bald besser wurde, und es ist dies das einzige uns auf der Reise zugestoßene Unangenehme, wenn ich den beständigen Regen nicht rechne, vor dem uns jedoch der gut schließende Wagen hinlänglich schützte und auch Settchen in meinem dicken Pelze und unterm Schirm nicht sehr gelitten hat. Ihr Zahnweh war in Meersburg zurückgeblieben und ist auch nicht wiedergekommen. Sie meint, es habe sich vor dem Regen, der ihr mitunter ins Gesicht schlug, “verschrocken”.
Den ersten Tag passierte uns nichts Erzählenswertes; wir hielten nur an, um Pferde zu wechseln und hielten Mittag im Wagen von Eurem Proviant. Es war schon sehr finster, als wir in Schramberg kamen. Der Regen hatte aufgehört, aber dicke Wolken ließen den Mond nur wenig durchkommen, so dass die Berge und Felsen sich riesenhaft vergrößerten und das Städtchen mit seinen rotglühenden Schmelzöfen und den vielen weißleuchtenden Lampenglocken in den lange Fabriksälen sich wirklich feenhaft ausnahm. Dort riet uns der Postmeister dringend ab, im Finstern über Wolfach zu gehen, da der erste Teil des Weges über schmale Klippenwände führe und erst vor einigen Tagen dort ein großes Unglück geschehn und ein Wagen mit Menschen und Pferden nachts in nden Tobel gestürzt sei. Das war uns doch zuviel und verlangten wir es auch gar nicht, sondern fuhren nach Hornberg und machten dort, da der Regen wieder in Strömen goß, unser erstes Nachtquartier.
Am andern Morgen kamen wir etwa eine halbe Stunde vor Abgang der Eisenbahn in Offenburg an. Die Eisenbahn machte uns dieses Mal gar keinen ängstlichen oder seltsamen Eindruck mehr, aber einen höchst langweiligen, ganz als wenn man auf schlechten Wegen langsam voranzuckelt, überall aufgehalten wird und gar nicht vorankömmt. Auf dieser Bahn müssen nämlich die Schienen nicht gut gelegt sein; sie stößt bedeutend, und das ewige Anhalten bei den Stationen erhöht noch den Eindruck von schlechten Wegen und Langsamkeit, obwohl es pfeilschnell geht und wir nur etwa fünf Stunden bis Mannheim brauchten.
Ohngefähr die letzte Hälfte des Weges über hatten wir einer Berliner Baron in unserm Wagen, der von Trier und Johanna Droste anfing, die Sache “entsetzlich” fand, “man habe ihr ein Stückchen vom heiligen Rocke eingegeben” et cet. Man sah deutlich, dass er den Erzbischof für stark beteiligt bei der Sache hielt. Desto verlegener wurde er, als wir ihm den wahren Hergang der Sache erzählten und er merkte, wie bekannt uns die Familie sei, er überschlug sich fast vor Zorn über die öffentlichen Blätter, die es wagten, eine Sache so zu entstellen, und tat uns nachher alle mögliche Höflichkeit an, lief z.B. wie ein Kurier voraus an den Rhein, um uns Billetter zu lösen (obwohl er selbst in Mannheim blieb), da der Eisenzug ungewöhnlich spät ankam, eines andern Wagenzugs halber, der sich uns anschließen sollte und uns lange warten ließ. Am Rhein angekommen, fand sich, dass das Schiff, mit dem wir fahren sollten und was für diesen Abend das letzte war, Schaden genommen hatte und nicht fahren konnte, so mussten wir denn notgedrungen in Mannheim bleiben.
Abends im Bette revidierte Mama unsre Kassen und fand, dass ihr das Geld ausgehn würde, wenn sie über Trier ging, auch fürchtete sie sich überhaupt vor der Reise, vor der wahrscheinlichen Schwierigkeit, Quartier zu bekommen und was sonst noch alles für Elender wenig gereisten Frauenzimmern bei solchem Volksandrange leicht zustoßen können, und so gab sie dann diesen Plan auf, und wir fuhren am dritten Tag den Rhein hinauf bis Düsseldorf, wo wir abends um halb elf ankamen.
Ich bekam schon sehr bald mein Kopfweh, bin vom Anfang bis zum Ende des Weges im Wagen geblieben und habe nichts gesehn als die schöne Aussicht, das schöne Gesicht einer englischen Herzogin, die grade neben mir auch in ihrem prachtvollen Wagen saß, ihren Mann zur Seite, ein Buch in der Hand, aber geschwind das Fenster aufzog, als ich einmal hinsah, und seitdem wie angenagelt im Fond zurückgelehnt saß und nur einen Zipfel ihres Buchs sichtbar werden ließ, in dem zuweilen ein Blatt umgeschlagen wurde, und dann die Matrosen, und unter ihnen einen, der sehr schön jodelte.
Unter unserm Wagen krabbelte es beständig; besonders seit es dunkelte sind wohl zwanzig Menschen darunter gekrochen. Wenn ich heraussah und schalt, hieß es “sie besähen sich die Ritterlanzen”, und es wurde dann für eine Weile ruhig, am andern Morgen fand sich jedoch, dass sie den Radschuh mitsamt der Kette gestohlen hatten. Es war nur ein Glück, dass wir keine Berge mehr passieren mussten.
Vom Dampfboot aus haben Mama und Settchen dir geschrieben, und Du hast den Brief wohl längst. Von Düsseldorf aus (wo man uns im “Gasthofe zum Weinberge” für zwei Zimmer und zwei Portionen Tee mehrere Taler abnahm) fuhren wir zu Lande immer voran ohne auszusteigen, über Dorsten, wo wir erfuhren, dass Drüdel Rensing doch schon den dritten Mann habe, aber nur Kinder vom ersten und unter ihnen ein Sohn, der ihr fortwährend großen Kummer gemacht und endlich vor zwei Jahren nach Amerika durchgegangen sei, nachdem er Wechsel für elftausend Taler eingezogen habe. Auch ein Bruder der Drüdel sei schon früher auf gleiche Weise durchgegangen, und jetzt schrieben beide Taugenichtse von Amerika aus und schienen dort vortrefflich zu florieren. Luise Rensing (Baumann) aber sei sehr glücklich und habe schon mehrere Töchter sehr gut verheuratet. All dies erzählte uns der Postillon, der in Drüdels Hause gedient hatte.
Dann ging’s über Haltern nach Dülmen, wo wir Settchen zu Gefallen, die ihre liebe Madam Werneking (Brudersfrau des freundlichen Nichtchens, was uns der gute Professor mal mit nach Hülshoff brachte), bei der sie fünf Jahre im Laden gestanden hatte, so gern sehn wollte, anhielten und Kaffee tranken. … Wir kamen etwas spät fort und im schönsten Mondschein durch Münster, wo uns vor dem Tore ein lustwandelndes Paar nach dem andern begegnete, obwohl es schändlich kalt war.
Bei Rüschhaus angekommen, fanden wir niemanden als Mariechen, die uns die Pforte mit den Worten öffnete: “Um Gottes willen, gnädige Frau, wie berumpeln Sie mich!”
Rüschhaus, 30. September 1844
Nun hat mein bekannter Äquinoktalhusten, an dem ich leider einige Wochen sehr gelitten, und den meine Schwester noch nicht miterlebt hatte, diese so arg geängstigt, und sie hat der guten Mama einen so argen Floh darüber ins Ohr gesetzt, dass eine Luftveränderung als durchaus nötig für mich erklärt worden ist. Kurz, es ist mal so! Ich reise mit. Und bemühe mich, der Sache die angenehmste Seite abzugewinnen, da mir doch mal die Qual der Wahl nicht geworden ist.
Auch soll der Aufenthalt in Meersburg um vieles angenehmer sein als der in Eppishausen, schon des einträchtigen, friedlichen Wohnens unter Glaubensgenossen und im Schutze geordneter Gesetze wegen, was man dort so drückend vermißte, und dann ist diesseits des Sees “das Land, was meine Sprache spricht”, was man drüben wahrlich nicht sagen kann, so selbst Menschen aus den gebildeteren Ständen, z. B. die Frauen der dortigen Ärzte und Pfarrer sich einbildeten, wir sprächen englisch, und man also noch vereinzelter steht, wie hierzulande eine französische Familie, die wenigstens überall ihren Glauben und Gottesdienst blühen sieht. Gott bewahre mich vor dem Heimweh; ich habe es das vorige Mal auf eine arge Weise gehabt, indessen werde ich doch keine Viertelstunde allein sein können, ohne dass meine Gedanken in Rüschhaus, Hülshoff, Münster wären; umso mehr, weil ich abreisen muss, ohne irgendwo Abschied nehmen zu können, da die Reise mich schon vor sechs Jahren sehr angriff und, da ich seitdem um vieles immobiler geworden bin, dieses jetzt wohl noch mehr tun wird, weshalb Mama und Jenny darauf bestehn, dass ich mich nicht vorher durch vieles Umherlaufen und Fahren abmatten soll; sie behaupten, es überall für mich gemacht zu haben; damit ist mir aber nicht geholfen, und der nicht genommene Abschied tut mir weit weher als ein wirklicher. …
Zu arbeiten denke ich auch drüben fleißig, mein angefangenes Buch über Westfalen zu vollenden und die geistlichen Lieder zu feilen und abzuschreiben. Das Nötige dazu steckt schon tief unten im Koffer, und an Zeit und Ruhe wird es mir nicht fehlen, da Jenny mir auf meine Bitte ein ganz abgelegenes Zimmer in ihrem alten, weiten Schlosse, wo sich doch die wenigen Besucher darin verlieren wie einzelne Fliegen, einräumen will, einen Raum so abgelegen, dass, wie Jenny einmal hat Fremde darin logieren und abends die Gäste hingeleiten wollte, sie alles in der wüstesten Unordnung und die Mägde weinend in der Küche getroffen hat, die vor Grauen daraus desertiert waren. Ist das nicht ein poetischer Aufenthalt? Wenn ich dort keine Gespenster- und Vorgeschichten schreiben kann, so gelingt es mir nie.
Ich glaube übrigens, auf dieses Werk werden Sie, mein Freund, sehr influieren, d. h. das Andenken an Sie, denn ich freue mich schon jetzt darauf, es Ihnen vorzulesen, und dieses wird mir unter dem Schreiben beständig in Gedanken liegen. Sagen Sie nicht (wie Sie zu tun pflegen), dass ich mich Ihren Ansichten immer heterogen stelle. Das Disputieren und Aufbrodeln ist so eine schlechte, stöckische Manier an mir, und ich habe nachher ganz im stillen oft manches nach Ihrer Angabe verändert. Auch bin ich oft nur so verkehrt, wenn ich, grade mit Hinsicht auf Ihr Urteil, es meine so recht nach Ihrem Geschmacke getroffen zu haben, und es läuft mir dann so elendig kahl ab, dass Sie meinen hoffnungsvollen Sprößling ohne weiteres für einen Schlabünter erklären. Von meinem Westfalen (”Bei uns zu Lande auf dem Lande” ist sein eigentlicher Titel) hoffe ich aber ein erfreulicheres; ist’s doch unser liebes Ländchen, und unser beiderseitiges Hängen an ihm schon ein gar starker Einigungspunkt.
Die Gabe des allerentschlossensten Streichens
An dem bisher Fertigen glaube ich schon manches zu sehn, was guten Fortgang verheißt und nur einen hervorstechenden Fehler, zu große Breite an manchen Stellen; aber dagegen weiß ich Rat, habe ich doch den dritten Gesang meines St. Bernhard gestrichen und von dem ersten fast die Hälfte! Das Streichen und Feilen muss aber erst nach Vollendung des Ganzen geschehen, während der Arbeit macht es mutlos und unterbricht auch die poetische Stimmung zu sehr. Ich werde überhaupt immer zu breit, da mich die momentane Aufgabe jedesmal ganz hinnimmt und mir somit die Gabe fehlt, Nebendinge sogleich als solche zu erkennen und zu behandeln. Als Gegengewicht ist mir jedoch die Gabe des allerentschlossensten Streichens geworden, und ohne dieses würden meinem Pegasus längst Eselsohren gewachsen sein.
Ich wollte, ich säße nur erst am Seeufer und schrieb. Die letzten Tage vor dem Abschiede sind nur eine Körper- und Gemütsqual, und von einer Reise habe ich nie Freude, da ich leider das Fahren nicht vertrage und schon eine Stunde nach Abfahrt die Sehnsucht nach dem Abendquartier mein fixer Tagesgedanke wird.
Rüschhaus, 19. September 1841





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