Briefe zum Schlagwort Rüschhaus



aus: 1845, Briefe an Christoph B. Schlüter, Rüschhaus

Es ist Abend, Sie sind nicht gekommen, der Wagen ist angespannt, der mich nach Hülshoff bringen soll. Übermorgen geht es von dort weiter, morgen, wenn Sie dieses lesen, habe ich meinem guten, kleinen Rüschhaus Lebewohl gesagt. Alles ist eingepackt und eingeschlossen, meine Zimmer gleichen Ruinen. Leben Sie wohl, leben Sie Alle tausendmal wohl. Sie und die Mutter und Therese. Denken Sie meiner vor allem im Gebet und auch sonst, ich werde Ihrer täglich gedenken und täglich für Sie schreiben in die zwei Bücher, Sie wissen ja wohl, wie ich es gesagt. Adieu, mein Herz ist sehr schwer. Ihre Annette

Rüschhaus, 17. Mai 1845

aus: 1845, Briefe an Sophie von Haxthausen, Rüschhaus

Du wirst selbst wohl denken, liebe alte Sophie, weshalb ich erst jetzt antworte. Wir haben euch täglich, seit das Wetter so schön ist, stündlich erwartet, und je länger es währte, je sicherer dachten wir euch schon auf den Rädern. Nun ist vorgestern Dein Brief gekommen, und unsre schönen Luftschlösser sind kaputt. Es ist recht betrübt, dass ihr nicht kommt, aber uns doch lange nicht so betrübt, als wenn wir es vor sechs Wochen erfahren hätten, denn jetzt liegt unsre eigene Reise schon näher, und Ende Mai sind wir, so Gott will, alle zusammen.

Wir würden schon eher kommen, wenn der lange Winter nicht alles so weit hinausgeschoben hätte. Wäsche, Arbeit in Feld und Garten, und nun findet sich zum Überfluß, dass in meinem Zimmer ein Balken einstürzen will, und wir vor der Abreise uns noch mit Maurern und Zimmerleuten herumarbeiten müssen. Du wirst Dich wohl des immerwährenden Fleckens am Plafond neben dem ersten Fenster erinnern, und hast gewiss manchen Tag einen hölzernen Napf darunter stehen sehen, es konnte zuweilen gießen wie eine Dachrinne. Am Dache war aber der Schaden durchaus nicht zu finden, und die Leute hier herum glauben an ein unsichtbares Loch, durch das unser Hausspuk (Du kennst ihn ja wohl, der mit der weißen Timpmütze) aus- und eingeht. Jetzt hat Werner ein großes Blech legen lassen, und damit den Regen, hoffentlich auch den Spuk, ausgesperrt, aber als er neulich mit dem Stocke an meinen Balken stieß, fielen Stücke herunter, groß wie meine Hand, und vermufft wie Puffholz. In den nächsten Tagen soll nun der Plafond losgenommen werden, und ich wage es wirklich nicht mehr, in der Sofaecke darunter zu sitzen, und muss jeden Augenblick aufsehn, ob die Pastete nicht herunter kömmt.

Sonst sind wir gottlob wohl, und im Geiste schon halb bei euch. Mama setzt schon keine Mütze auf, ohne zu überlegen, ob sie mitreisen soll, und ich packe vor und nach meine Raritäten weg oder auch ein zum Mitnehmen. Wie wächst doch das Verlangen des Wiedersehns, wenn nicht nur so lange Zeit, sondern auch so viel Wunderliches, Fremdes, dazwischen gelegen hat! Alles anders! Andre Gegend, andre Sprache und Sitten - Du glaubst nicht, wie ich mich wieder an jedem alten bekannten Gesichte freue! Oft kommen mir die 4 Wochen bis zu euch schrecklich lang vor, und dann wieder ganz kurz, wenn ich an die letztverflossenen denke - mich dünkt, es war gestern noch März.

Die Zeit läuft immer schneller, sogar dieser endlose Winter ist hingegangen wie ein Traum. Jetzt haben wir seit acht Tagen hier ein Wetter wie Juni, vorgestern war die Hitze geradezu drückend, Mama und ich saßen einander gegenüber wie ein paar schläfrige Eulen, und ich glaube, wir haben uns nach Tische beide hingelegt - von mir wenigstens weiß ich es gewiss.

Rüschhaus, 24. April 1845

aus: 1843, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Meine Hausgenossen sind gestern ausgeblieben, ob sie noch in Hülshoff stecken oder in Münster - vielleicht bei Ihnen - weiß Gott. Sie hatten beide Touren vor, wollten aber gestern abend damit fertig sein. Die Hanne macht hier bonne mine au mauvais jeu. Ich glaube, sie findet Rüschhaus schauderhaft einsam, und hat sich wohl unter einem Landleben so nahe bei Münster ganz was anderes gedacht, eine Art Gartenhausparade, wo man die ganze Stadt vorüber- und die halbe hineinziehen sieht. Zudem hat sie sich mich wie mit einem Lichterkranz gelehrter Freunde umsteckt gedacht, wo sie ihre Lampe nicht übel leuchten zu lassen hoffte, und so oft ich in Abbenburg eines Bekannten erwähnte, war gleich die Antwort da: “Mich soll wundern, wie ich mich zu dem passen werde!” Ich dachte: “Du lieber Gott!”, war aber zu faul ihr zu sagen, dass wir wie auf einer verwünschten Trauminsel wohnten, wo nur Sie zuweilen als Meteor über den See strichen. Nun sieht die arme Seele den ganzen Tag aus, als wäre sie zu fest geschnürt, und macht bei jedem Hundegebell rechtsum auf dem Stuhle in Erwartung der Abenteuer, die nicht kommen. Ich hoffe, jetzt in Münster kömmt ihr noch eins oder anderes Interessante zu Gesicht, sonst wird sie ihr Postgeld bitter bereuen.

Wie machen es doch manche, trotz aller Jahre und Täuschungen (die Hanne ist nicht arm an beiden) so frisch zu bleiben? So voll Streben, Unruhe, Freude an kleinen Erfolgen? Im Grunde sind sie doch zu beneiden, und wir tun Unrecht, an Älteren unangenehm zu finden, was uns doch an der Jugend rührt und freut. Geistesfrische sollten wir in jeder Gestalt ehren, und wollen sie doch durchaus nach den Jahren modifiziert haben. Die Jugend soll ihr Feuer nach außen sprühn, das Alter es nach innen wärmen und leuchten lassen; die Jugend streben, das Alter das Erstrebte grün und lebendig erhalten. Ob diese Forderungen gerecht sind? Manche haben im Alter noch so blutwenig gefunden (oder behalten können), dass die Gabe, mit immer neuer Freude und Sehnsucht zu suchen, nur eine Billigkeit des Schicksals ist, die wir ihnen gern gönnen, und sie eher darum bewundern sollten.

Ich höre Stimmen - die der Mama - jetzt die der Hanne, und fühle mich so rot werden, als hätte sie mir über die Schulter in den Brief gesehn. Ich muss hinüber, sonst kömmt sie hier, und ertappt mich gleichsam in flagranti.

5 Uhr: Die Hanne ist strahlend von guter Laune, entzückt von Ihnen, von Münster, von Hülshoff, und jedem einzelnen Kinde darin. Meine gute Mama glückselig darüber und läßt sich zum zehnten Male alles Liebe und Schöne wiederholen, was sie an ihren Enkelchen entdeckt hat, so kann ich einige Minuten stehlen, um dieses Blatt auszufüllen.

Ich war im Garten, mein Liebchen, um Ihnen eine andre weiße Rose zu schicken, und - denken Sie! - es ist keine mehr da, der Sturm in der vorigen Nacht hat die letzten entblättert! Es war mir so unangenehm, fast ängstlich, dass ich Ihnen beinahe die kahlen Stengel mit einigen grünen Blättern gepflückt hätte, aber das kam mir doch gar zu trübselig vor. Ich denke, in Meersburg finden wir immerblühende Rosen, und ich gebe Ihnen dann die frischesten vom Strauche, dem Sommer und Winter gleich ist, wie unsrer Liebe ja auch, nicht wahr, mein Herz?

Ich habe mir vorgenommen, diese Reise mit Ihnen recht aus dem Grunde zu genießen, nämlich als Reise mit Ihnen. Sonst ist mir der Weg fast überbekannt, sonderlich bis Koblenz, wo ich sonst bei meinen öfteren Besuchen am Rhein meiner armen Thielemann so oft entgegengefahren bin. Das ist auch eine düstre Stelle in meinem Leben. Ich muss Ihnen nochmal recht von der Thielemann erzählen. Ich habe sie sehr lieb gehabt, ihr hinsichtlich meiner Geistesbildung sehr viel zu verdanken, und doch denkt jedermann nur an ihre späteren, freilich jahrelangen gestörten Stimmungen und vergißt, was sie war, so lange sie ihrer mächtig blieb. In mir soll ihr wenigstens eine treue Erinnerung bewahrt bleiben.

Rüschhaus, 5. September 1843

aus: 1843, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Gleichgültig bin ich Ihnen vorgekommen? Lieb Lies! Das Herz hätte mir springen mögen, dass ich Sie wieder hatte in meinem eigenen Rüschhaus (in dem für uns so viele Geister umgehn,) und dass ich dabei denken musste, vielleicht noch einmal so; und nachher, was Gott will und ein rundes Jahr so gnädig ist uns übrig zu lassen; aber ich werde leicht schroff, wenn sich die Bewegung in mir zum Unerträglichen steigert. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie mir ist! Ich genieße jedes Abendrot, jede Blume im Garten wie eine Sterbende. Die letzte Schweize Rreise hat mich zuviel gekostet! Wären Sie nur die drei Wochen noch hier! Wir wollten keine Minute verkommen, keinen Schmetterling unbemerkt fliegen lassen, und für ein ganzes Jahr vorausleben.

Es ist heute recht herbstlich, die Sonne bereits untergegangen, und hat nur ein paar schlechte gelbliche Streifen in den grauen Regenwolken hinterlassen. In meinem Zimmerchen dämmert’s, dass ich kaum die Feder mehr sehn kann, und die Eichen draußen rauschen so feucht und schaurig, dass einem grauen sollte, und doch dünkt mich, ich wüßte mir nichts Lieberes als hier - hier - nur hier! wenn’s auch nie anders war!

Ich muss aufhören, lieb Herz, es ist wirklich ganz finster, Mama und Hanne Hassenpflug können jeden Augenblick zurückkommen, und die Bückersche hat mir eben durchs Fensterchen hinauf gerufen, dass sie erst übermorgen geht, also besser, ich zünde kein Licht an, um Sie, mein armes Herz, noch weiter in meine wunderliche Stimmung zu verwickeln, sondern strecke mich auf mein Kanapee, und träume noch ein wenig im Dunkeln, bis es lebendig im Hause wird; es wird mir doch nicht lange mehr so wohl!

Rüschhaus, 4. September 1843

aus: 1843, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Liebe Jenny, es ist hier ein Wetter, so schön, warm und ungesund wie möglich, Schneeglöckchen und gelber Helleborus blühen schon seit drei Wochen, Nußkätzchen sind verblüht, Erlenkätzchen in vollem Flor, und die sämtliche Menschheit hustet sich durch die ganze Konjugation - ich huste, sie hustet, er hustet, wir husten, sie husten, aber ich hoffe du hustest und ihr hustet nicht. Ich habe greulich daran müssen diesen Winter, was den besagten Husten anbelangt, und laboriere noch daran, bin aber nicht, wie sonst, von Herzen krank dabei gewesen, folglich auch nicht von Kräften gekommen, und somit ganz zufrieden. Mama macht eine Ausnahme im Hause und hustet nicht, ist überhaupt sehr wohl, bis auf das Herzklopfen, was noch immer nicht weichen will, sich jedoch dahin gemildert hat, dass sie es entweder in den gewöhnlichen Zwischenräumen (immer den zehnten Tag) und dann nur sehr gering, oder nach einem langen Termin (14 Tage oder 3 Wochen) und dann ungefähr so stark wie früher bekömmt; ich hoffe sicher, es ist am Ausschleißen, nur Bücken kann sie nicht vertragen, so wenig wie ich jetzt, es ist deshalb was Miserables mit unsern Korrespondenzen, und Du kannst mir nur die Hand küssen, dass ich Dir einen so langen Brief schreibe, wie ich wenigstens Willens bin …

August ist gegenwärtig in Berlin, reist aber noch in diesem Monate auf königliche Kosten nach Persien ab; in welchen Geschäften, weiß er selbst nicht recht, erhält seine Instruktionen versiegelt, zur späteren Eröffnung (ich weiß nicht, ob die ganze Sendung nicht ein politisches Geheimnis ist, sprich also lieber nicht davon) …

… wenn Mama kömmt, wozu sie zwar noch nicht fest entschlossen, aber auch gar nicht abgeneigt ist, komme ich mit, und Du weißt wie ich mich darauf freue, ohne dass ich es weitläufig zu sagen brauch …

[am unteren Rand der ersten Seite] August reist jetzt wahrscheinlich nicht nach Persien, sondern nur nach Rußland. Er reist den ersten März ab.

Rüschhaus, 17. Februar 1843