Briefe zum Schlagwort Rüschhaus



aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Wie es mir geht? Jetzt schon gut; ich habe mich wieder ins Klima eingeübt, qualifiziere mich täglich mehr zur Schnelläuferin, gehe ganz bequem in einem Tage nach Hülshoff oder Münster und zurück und setze alle außer Atem, die Schritt mit mir halten müssen. Qu’en dites-vous? Ich denke, die achtundachtzig Jahre, die Sie mir angewünscht haben, werden mir wirklich nach und nach auf den Rücken steigen.

Was soll ich Ihnen von meiner Lebensweise sagen? Sie ist so einförmig, wie Sie sie kennen und sie mir grade zusagt: Rüschhaus in seiner bekannten melancholischen Freundlichkeit, im Garten die letzten Rosen, die mich immer rühren, wenn ich denke, wie ich sie Ihnen vor nun schon zwei Jahren beim Abschiede gab, als Sie Ihr Schultenamt niederlegten und ich nach Hülshoff zog, um den einen kleinen Ferdinand sterben und den andern geboren werden zu sehn.

Lieber Levin, unser Zusammenleben in Rüschhaus war die poetischeste und das in Meersburg gewiss die heimischeste und herzlichste Zeit unseres beiderseitigen Lebens, und die Welt kömmt mir seitdem gewaltig nüchtern vor.

Rüschhaus, 10. Oktober 1842

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Nun komme ich zu etwas, was mir eigentlich am meisten auf dem Herzen liegt, weshalb grade ich es bis zuletzt verschoben habe, Deine Lage nämlich. Wüßtest Du es, wieviel ich an Dich denke, wie manche Stunde ich wach in meinem Bette liege und mich über Deine Zukunft zergrübele und zersorge! Levin, mein einziges geliebtes Kind, Du bist in sehr schlimmer Umgebung. Das Herz ist mir so voll, ich möchte dir so alles auf einmal sagen, und doch ist’s am besten, ich warte ab, wie sich die Dinge gestalten; was nutzt’s Fälle zu erörtern, die vielleicht nicht eintreten!

Aber ich fürchte, mit dem Tode der guten, wahrscheinlich totgequälten Fürstin weicht das letzte sittlich edle Bild, an dem sich eine ehrliche Seele noch aufrichten kann, aus Eurem Hause; mehr will ich für jetzt nicht sagen und Dich nur noch bitten, Ihres Sterbebettes und dessen, was sie darauf gebracht hat, nie zu vergessen und Dich fest zu Deinen Zöglingen zu halten. Es ist die ehrenvollste und in Zukunft vielleicht die einzig ehrenvolle Stellung, die Du nehmen kannst, wenn jeder voraussetzen darf, Du seist da aus Liebe zu den armen Kindern und um ihnen reel zu nützen. Ich wollte, ich könnte bei Dir sein, dann wär’ mir nicht bange; was mir vielleicht an Klugheit abginge, würde meine Liebe und Sorge ersetzen, die Dein Bestes zehnmal schärfer im Auge hält als ihr eigenes.

Könnte ich dich um einmal eine Stunde wieder hier haben, hinter dem Teller mit aufgesparten Birnen und Nüssen! Es ist doch ein lieber, heimlicher Ort, das Rüschhaus! Zwar klein kam es mir nach dem großen Meersburger Schlosse vor, klein wie ein Mauseloch, aber doch sehr lieb. Ich hatte es so kurz nach Dir verlassen, dass mir war, als wärst Du gestern erst fortgegangen und alles, Bücher, Papiere, noch von Deiner Hand so hingelegt, was auch mit einigem sein mochte; denn mein Zimmer ist seitdem unbewohnt geblieben und war noch nicht aufgeräumt; mein Alleinsein – Mama ist noch immer in Abbenburg – nährt diese Täuschung fortwährend.

Neulich war mir so ungewohnt wohl zumute, ich wußte selbst nicht warum, endlich merkte ich, dass es Dienstag war und ich Dich erwartete. Lieber Gott, wo sind die Zeiten hin! Ich konnte es denn doch nicht lassen, mit meinem Fernrohr zu meiner Bank zu wandern, und das Herz klopfte mir ordentlich, als ich etwas durch den Schlagbaum kommen sah; es war aber nur ein sehr schäbiger Bauer mit einem noch schäbigerem Hunde.

Rüschhaus, 12. September 1842

aus: 1840, Briefe an Therese von Droste, Rüschhaus

Ja, alte Mama, mir geht es nicht besser, ich mag nur nicht davon sprechen, weil es mir dann zu arg wird. Du weißt selbst, wenn ich auch zuweilen nichtsnützig bin, wenn Du da bist, so kann ich doch gar nicht ohne Dich sein. Ich setze mich drüber weg, so gut es geht, da es nun doch mal nicht anders ist, und denke jeden Sonntag: “Nun bin ich wieder eine Woche näher am Mai, aber es wird mir oft recht schwer.

Deine Blumen besorge ich gut und will sie nachher Mariechen auf die Seele binden. Wir haben unser Korn alle glücklich eingekriegt und auch den Weizen noch vor der Regenzeit in die Erde, sonst sind hier viele Leute, die damit sehr verlegen sind; jetzt haben wir die Kartoffeln aufgenommen und ziemlich viele und gute bekommen, im ganzen sind sie sonst überall schlecht geraten. Pflaumen haben wir so viele gebacken und ein Übermaß an Äpfeln eingescheuert, so dass wir einen großen Teil auf den Balken haben legen müssen.

Rüschhaus, 2. November 1840

aus: 1835, Briefe an Christoph B. Schlüter, Rüschhaus

Ihr Brief, mein sehr lieber oder vielmehr mein liebster Freund, ist entweder in nicht angemerkten Zwischenräumen geschrieben, oder er hat, des täglichen Botenverkehrs nicht achtend, auf dem Wege von Ihrem Schreibtische in den meinigen sich noch einige gute und lustige Tage machen wollen, gleich einem streng gehaltenen Schüler, der auch mitunter einen Reisetag aus eigner Machtvollkommenheit zusetzt, wenn ihn die Zuchtrute des Vaters auf den Postwagen geleitet und drüben der Bakel des Magisters winkt. Kurz, in dürrer Prosa, ich habe Ihr vom Sonntage datiertes Schreiben erst heute, am Donnerstage, und zwar soeben, erhalten.

Ach, mein Freund, wie traurig ist’s, wenn man sein Pfund vergraben muss! Wie schreiblustig bin ich heut! Welch eine Masse von Bildern, Gleichnissen, sogar Gedanken, die ich Ihnen nur mit Bedauern vorenthalte, überströmt mich nicht gleich aus den Worten: Papier, Schüler, Postwagen! Mich dünkt, es stehe kein Gedanke so hoch, dass ich ihn nicht jetzt auf dem Postwagen erreichen könnte. Doch gut Ding will Weile, ich aber habe Eile, denn es ist spät, und dieser Brief wandert morgen mit dem frühesten zu Ihnen, um anzufragen, ob sich denn in den nächsten 4-5 Tagen gar keine Einrichtung treffen läßt, die uns noch einige Stunden ruhigen ungestörten Gesprächs brächte.

Die wenigen Wochen bis zu meiner Abreise werden verglitten sein, eh wir’s gedacht; dann folgt ein ganzes Jahr der Trennung, und die Zeiten sind mir längst dahin, wo meine Phantasie, meine Hoffnung, ein Jahr übersprang, wie jetzt kaum eine Woche, wo ich meinen Freunden beim Abschiede zuletzt noch einmal die Hand reichte als vorläufiges Willkommen zum nächsten Zusammentreffen “übers Jahr im Mai”. Gefühl eigner Schwäche und trübe Erfahrungen an mir teuren Personen haben mich gewitzigt; das ist auch eine Frucht vom Baum der Erkenntnis, und keine der süßen! …

Meine Mutter ist vorgestern nach Hülshoff gegangen, um ein soeben nagelneu angekommenes Enkelchen in Augenschein zu nehmen und ihre Schwiegertochter zu pflegen; dort bleibt sie vorläufig, vielleicht vierzehn Tage und drüber; ich bin zwar noch hier, doch würde man’s übel deuten, blieb ich länger unsichtbar als etwa zu Anfang der nächsten Woche. Nach Münster gehen darf ich in diesen Tagen nicht, da bloß mein Übelbefinden mich noch von jener Tour freigesprochen hat. Können Sie denn gar nicht kommen? …

Es ist jetzt still und lieblich hier, der Garten so voll Blumen, Duft und Nachtigallen, ich bin so ganz allein – eine gute Tafel kann ich Euch nicht geben, aber Ihr sollt doch satt werden. Kommt ja! Ich kann allenfalls meinen Besuch zu Hülshoff bis ziemlich weit in die nächste Woche verschieben; auch gelingt mir’s vielleicht, bald von dort zurückzukehren, was ich wohl wünschte, da außer den Wochen meiner Schwägerin zwei kranke Kinder und der Besuch mehrerer Mitglieder ihrer Familie das Haus sehr unruhig und für meine gegenwärtigen Gesundheitsumstände unpassend machen; im Grunde kann ihnen dort jemand, der, wie ich, zuweilen die Hälfte des Tages zu Bette liegt, und für dessen homöopathisierenden Magen eigens gekocht werden muss, jetzt nur lästig sein; doch weiß ich, dass man sich meiner Abreise mit Hals und Kragen widersetzen wird; denn seit mein Bruder ein höchst glücklicher, umlärmter und umschrieener Familienvater geworden ist, hat er einen unbilligen Haß auf alle Einsiedler geworfen und hält Einsamkeit für das größte aller Erdenübel. Ich nicht – vielmehr habe ich mich ihr in den sieben Jahren, die ich nur hier verklausnert, mit großer Einseitigkeit ergeben. So geht’s, erst aufgeblasen, dann eingeschrumpft, aus der Scylla in die Charybdis; doch ich muss aufhören, denn ich beginne ungerecht zu werden, und zwar gegen einen mir nur allzu werten Gegenstand, gegen mich selbst; dies ist wohl das sicherste Zeichen, dass ich heut mal wieder eine angelaufne Brille trage. …

… der Himmel bewahre mich, dass ich Ihnen je einen Gedanken verberge, d. h. dass ich ihn absichtlich verschlucke, wenn er einmal auf der Zunge ist. Dies ist der Tod aller Freundschaft. Aber ich bin lange leidend gewesen, und jetzt, seit zwei Tagen, mit einem Male ganz wohl, aber ungemein aufgeregt und nervenschwach und großer Phantasie, Gefühls- und Gedankenanspannung nicht nur fähig, sondern gezwungen dazu; gebe ich mich hin, so treibt’s mich um wie der Strudel ein Boot, oder wie der Wind die Heuflocken treibt; will ich ruhn, so summen und gaukeln die Bilder vor mir wie Mückenschwärme. Wollte ich jetzt dichten, so würde es vielleicht das Beste, was ich zu leisten vermag; indessen besser ist’s, ich mache die Augen zu und versuche zu schlafen.

Rüschhaus, 4. Juni 1835

aus: 1834, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Ich hoffe, es geht dir gut, ich bin gewiss davon, denn Laßberg ist sehr gut; sage ihm doch auch, wie sehr ich das anerkenne und dass, wenn Du einmal weit fort musst, ich Dich mit niemandem lieber gehn lasse wie mit ihm. Uns hier ist es noch was einsam, das kannst Du denken, aber das viele Reden und Schreiben drüber nützt zu nichts. Ich sehe gottlob, dass Mama ganz fest entschlossen ist, im nächsten Frühling nach Eppishausen zu gehn, d.h. zum Besuch. So werden die paar Monate ja wohl herumgehn; ich muss mir vorstellen, Du wärst so lange bei Malchen oder in Bökendorf; sonst warst Du den Sommer über fort, jetzt den Winter.

Ich habe diese Tage über Deine zurückgelassenen Sachen zusammengesucht und gut weggelegt. Ich denke, den nächsten Sommer kommen wir zu Dir und den darauffolgenden Du mit Laßberg zu uns, dann findest Du alles gut aufgehoben und in Ordnung und kannst es gleich wieder brauchen. Ich wollte zuerst gern das Zimmer eine Zeitlang so lassen, aber es sah gar zu betrübt und öde aus, drum habe ich heute wieder Bilder in die leeren Rahmen gemacht, die Hebräer im Exil und was ich sonst hatte. …

Ich freue mich darauf, Dir diesen Winter allerlei auszuschneiden und auch zu zeichnen und malen, so gut ich kann. Wir wollen die paar Monate schon herumkriegen. … Mama sorgt sehr für Deine Blumen; ich glaube, sie wird sich daran attachieren und höchstens die Doubletten fortgeben. Sollte ihr Eifer nachlassen, so nehme ich sie an mich, denn hier bleiben sollen sie. Es ist gar keine Rede mehr davon, dass Mama nach Hülshoff oder anderwärts hinziehn könnte; sie bleibt jedenfalls für immer hier …

Ich habe etwas im Sinn, was ich für Dich machen und Dir mitbringen will, und ich will Dir auch wohl sagen, was es ist: ich will versuchen, Hülshoff, so wie Du es von der Allee aufgenommen hast, auszuschneiden, mit der Lindenallee und dem Wasser; mich dünkt, ich bin gewiss, dass es gut wird, denn ich weiß schon, wie ich es einrichten will. …

Mein Gott! Der Wagen ist angespannt und ich bin noch nüchtern und nicht angekleidet … Du wirst mit der nächsten Post wieder einen Brief von mir bekommen, dann schicke ich auch Auszüge aus dem St. Bernhard und des Arztes Vermächtnis, die Dein guter Laßberg ja besorgen will. … Adieu, ich denke mehr an Dich, wie Du glaubst – immer – den ganzen Tag – adieu.

Rüschhaus, 22. Oktober 1834