Briefe zum Schlagwort Schreiben



aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Meine Gedichte werden denn doch gegen Ostern erscheinen können. Bis vor kurzem habe ich wenig daran getan, aber seit es draußen kalt und kotig geworden ist, habe ich mich in meine Winterpoesie gehüllt; es ist doch sonderbar, dass zum Dichten eigentlich schlechtes Wetter gehört, ein neuer Beweis, dass nur die Sehnsucht poetisch ist und nicht der Besitz. Säß mein liebstes Kind mir noch gegenüber, ich würde wieder zwei Gedichte täglich machen; jetzt lasse ich es langsamer angehn, aber es giebt doch was, und ich bin neugierig auf Ihr Urteil über das Spätere.

N B. Velhagen scheint doch an dem Verlage meiner Gedichte etwas gelegen; die Rüdiger sagt, dass er Nanny Scheibler angegangen, ihm denselben zu verschaffen; dies zur Nachricht wegen Cotta, der nicht halb so bereit scheint, und Sie mögen nun selbst bestimmen, was ich tun soll. An Adele habe ich, Gott sei’s geklagt, noch nicht geschrieben, aber will es nun ganz, ganz gewiss morgen tun und dann wegen des Leipzigers oder Jenaers nachfragen; bisher war sie auch wohl noch in Karlsbad, und ich hatte ihre Adresse nicht.

Rüschhaus, 10. Oktober 1842

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Meersburg

… fand ich im “Morgenblatt” mein Gedicht an Junkmann, was sich ganz gut macht; und dann füttert es seit 10–12 Tagen sein Publikum so unbarmherzig mit meiner Erzählung –– von Hauff “Die Judenbuche” getauft –, dass alle Dichter, die sich gedruckt sehen möchten, mich verwünschen müssen; denn ich und noch ein anderer Prosaist haben vorläufig das Blatt unter uns geteilt und werden wohl in diesem ganzen Monat auch nicht ein fremdes Hälmchen aufkommen lassen.

Ich finde, dass sich meine gedruckte Prosa recht gut macht, besser und origineller als die Poesie, aber anders wie ich mir gedacht, und Dein früheres Urteil hat sich, im Gegensatz zu dem meinigen, bestätigt. Der Dialog – dem ich jetzt einsehe durch Betonung beim Vorlesen sehr nachgeholfen zu haben – ist gut, aber doch unter meiner Erwartung und keineswegs außerordentlich; dagegen meine eignen Gedanken und Wendungen, im erzählenden Stile, weit origineller und frappanter als ich sie früher angeschlagen, und ich hoffe darin mit einiger Übung bald den besten gleich zu stehn, wenigstens nach meinem Geschmacke, der freilich immer ein Privatgeschmack bleibt, aber übrigens mir nicht schmeichelt, und nur mit dem zufrieden sein wird, was ihn auch bei andern völlig befriedigen würde.

Lachst Du mich aus, impertinenter Schlingel? Wer zuletzt lacht, lacht am besten! Es wird doch etwas Tüchtiges aus mir. Aber Du musst zuweilen per Feder nachschieben – weiß der Henker, was Du für eine inspirirende Macht über mich hast; seit ich bei diesem Briefe sitze, brennt’s mir ordentlich in den Fingern, sobald das Siegel darauf ist, wie eine hungrige Löwin über die mir zugewiesenen Stoffe – Deutschland im 19ten Jahrhundert – herzufallen, und dann, meine ich, müsse es nur so in einem Strome fortgehen: Gedichte, Lyrisches, Balladen, Drama, was weiß ich alles; das leibhaftige Eiermädchen! Wärst Du noch hier, mein Buch wäre längst fertig, denn jedes Wort von Dir ist mir wie ein Spornstich. …

NB. Mein Gedicht “An die Weltverbesserer” ist auch, zuerst von der “Karlsruher Zeitung”, dann vom “Merkur”, abgedruckt worden; das macht wohl die Tendenz; oder ist es soviel besser als die übrigen? …

Den 5ten. Guten Morgen, Levin! Ich habe schon zwei Stunden wachend gelegen und in einem fort an Dich gedacht; ach, ich denke immer an Dich, immer. Doch punctum davon, ich darf und will Dich nicht weich stimmen, muss mir auch selbst Courage machen und fühle wohl, dass ich mit dem ewigen Tränenweidenaäuseln sowohl meine Bestimmung verfehlen als auch Deine Teilnahme am Ende verlieren würde; denn Du bist ein hochmütiges Thier und hast einen doch nur lieb, wenn man was Tüchtiges ist und leistet. Schreib mir nur oft, mein Talent steigt und stirbt mit deiner Liebe; was ich werde, werde ich durch dich und um Deinetwillen; sonst wäre es mir viel lieber und bequemer, mir innerlich allein etwas vorzudichten. Sobald ich diesen Brief geschlossen, gehts con furore ans Werk; ich bin wieder in der fruchtbaren Stimmung, wo die Gedanken und Bilder mir ordentlich gegen den Hirnschädel pochen und mit Gewalt ans Licht wollen, und denke Dir die Beiträge sehr bald schicken zu können, obwohl gewiss der Psalm wieder um zwei Drittel zu lang werden wird, die Du dann mit wahrer Chirurgen-Kälte amputierst.

Mich dünkt, könnte ich Dich alle Tage nur zwei Minuten sehn – o Gott, nur einen Augenblick! – dann würde ich jetzt singen, dass die Lachse aus dem Bodensee sprängen, und die Möwen sich mir auf die Schulter setzten! Wir haben doch ein Götterleben hier geführt, trotz Deiner periodischen Brummigkeit! Ob ich Dir bös bin? Ach Du gut Kind, was habe ich schon für bittere Tränen darüber geweint, dass ich Dir noch zuletzt so harte Dinge gesagt hatte! Und doch war viel Wahres darin. Aber mich vergißt Du doch nicht, was die Zeit auch daran ändern mag; wenn der eine Haken bricht, so hält der andre: Dein Mütterchen bleibe ich doch, und wenn ich auch noch vierzig Jahre lebe; nicht wahr, mein Junge? mein Schulte, mein kleines Pferdchen, was hängen alles für Erinnerungen, die nie verlöschen können, an diesen Titeln! … Levin, Levin, Du bist ein Schlingel und hast mir meine Seele gestohlen; Gott gebe, dass Du sie gut bewahrst.

Meersburg, 4. Mai 1842

aus: 1842, Briefe an Therese von Droste, Meersburg

Scheppe und ich sind auch dicke Freunde und haben uns wertvolle Geschenke an Versteinerungen und Schneckenhäusern gemacht, denn er kriecht ebenso wie ich am See und in den Weinbergen umher und ist lange vor mir gekrochen, so dass die Meersburger an diese neue Art von Vierfüßlern gewohnt sind, was mir jetzt gut zustatten kömmt, denn es fällt keinem ein, was Besonderes darin zu finden, die Höflichsten bleiben sogar stehn und geben mir die Stellen an, wo seltene Sorten zu finden sind und wo der Physikus und Herr Jung auch gesucht hätten. …

Ich gehe zuweilen zu Kessels oder den guten Klosterfrauen, deren freundliche und verständige Unterhaltung mich sehr anspricht, sonst zu niemandem, denn ich habe keine Zeit, da der Nachmittag fast ganz mit Spazierenlaufen hingeht und ich morgens auch sehr spät an die Arbeit komme; bis es so warm im Zimmer geworden ist, dass ich aufstehn kann, und bis ich dann meine Strümpfe gestopft, gefrühstückt, mich angekleidet und einen kleinen Besuch bei Jenny und den Kindern gemacht habe, ist es immer schon halb elf oder zehn, und ich muss jede Minute zu Rate halten, wenn ich diesen Winter was Ordentliches zustanden bringen will. Jeden Abend um acht, wenn wir schon alle im Speisezimmer sind, Laßberg aber noch seine Partie erst ausspielt, lese ich Jenny und Schücking vor, was ich den Tag geschrieben; sie sind beide sehr zufrieden damit, aber leider von so verschiedenem Geschmacke, dass der eine sich immer über das am meisten freut, was dem andern am wenigsten gelungen scheint, so dass sie mich ganz konfus machen könnten und ich am Ende doch meinen eigenen Geschmack als letzte Instanz entscheiden lassen muss.

Mit Schücking geht es sehr gut hier, er hält sich sehr still, hat gar keine Bekanntschaft in der Stadt und kömmt den ganzen Tag nicht von seinen Büchern fort, außer gleich nach Tische, wo er den Weg zum Frieden einmal auf- und abläuft, um sich Bewegung zu machen. Seine Gesundheit hat sich gottlob sehr gebessert, woran außer dem Klima auch wohl die gute Kost und Sorgenfreiheit großen Anteil hat. Laßberg scheint ihn lieb zu haben und unterhält sich bei Tische fast ausschließlich mit ihm, scheint aber auf seine Gedichte und sonstigen belletristischen Arbeiten keinen großen Wert zu legen. Jenny hat ihn auch gern, weil er fleißig ist und gar keine Last im Haus macht. Kurz, ich muss es doch für ein Glück rechnen, dass er hieher gekommen ist, obwohl ich selbst sehr wenig von ihm habe und mit auch gleichwohl eingefallen ist, ob die Bornstedt, die verdrehte Person, nicht darüber räsonnieren würde. Indessen, ich habe die Sache nicht gemacht, habe auch nichts daran ändern können, würde es auch auf keinen Fall getan haben, sondern wäre eher selbst zu Hause geblieben, als dass ich den armen Schelm um diese vielleicht einzige gute Zeit in seinem Leben gebracht hätte, wo er auch noch Bekanntschaften macht, die ihm vielleicht voranhelfen können.

Meersburg, 26. Januar 1842

aus: 1841, Briefe an Therese von Droste, Meersburg

… in meinem Koffer (der noch immer nicht da ist) liegt, was von dem “Westfalen” (“Bei uns zu Lande auf dem Lande” heißt’s eigentlich) fertig ist, nebst dem Material, den geistlichen Liedern, um sie hier durchzuarbeiten und ins Reine zu schreiben. Auch das Lustspiel habe ich zur Feilung mitgenommen. Wenn ich hinzufüge, dass Therese so gut wie gar keine Zeit hat und ich meine Strümpfe selber stopfe, ferner ein Paar Pantoffeln für Laßberg zu Weihnachten sticke und noch der Therese Heisdorf versprochen habe, ihr etwas auszuschneiden, so siehst Du, dass ich einen guten Berg Arbeit vor mir habe. Das Buch und die Pantoffeln müssen aber vorgehn; vom übrigen was möglich ist. Da Schücking so wenig Zeit hat, werde ich Jenny abends vorlesen, was fertig ist. Sie sagt, das störe Laßberg gar nicht in seinem Puffen, und ohne jemandes Teilnahme arbeitet man nicht mit Luft.

Meersburg, 26. Oktober 1841

aus: 1841, Briefe an Christoph B. Schlüter, Rüschhaus

Nun hat mein bekannter Äquinoktalhusten, an dem ich leider einige Wochen sehr gelitten, und den meine Schwester noch nicht miterlebt hatte, diese so arg geängstigt, und sie hat der guten Mama einen so argen Floh darüber ins Ohr gesetzt, dass eine Luftveränderung als durchaus nötig für mich erklärt worden ist. Kurz, es ist mal so! Ich reise mit. Und bemühe mich, der Sache die angenehmste Seite abzugewinnen, da mir doch mal die Qual der Wahl nicht geworden ist.

Auch soll der Aufenthalt in Meersburg um vieles angenehmer sein als der in Eppishausen, schon des einträchtigen, friedlichen Wohnens unter Glaubensgenossen und im Schutze geordneter Gesetze wegen, was man dort so drückend vermißte, und dann ist diesseits des Sees “das Land, was meine Sprache spricht”, was man drüben wahrlich nicht sagen kann, so selbst Menschen aus den gebildeteren Ständen, z. B. die Frauen der dortigen Ärzte und Pfarrer sich einbildeten, wir sprächen englisch, und man also noch vereinzelter steht, wie hierzulande eine französische Familie, die wenigstens überall ihren Glauben und Gottesdienst blühen sieht. Gott bewahre mich vor dem Heimweh; ich habe es das vorige Mal auf eine arge Weise gehabt, indessen werde ich doch keine Viertelstunde allein sein können, ohne dass meine Gedanken in Rüschhaus, Hülshoff, Münster wären; umso mehr, weil ich abreisen muss, ohne irgendwo Abschied nehmen zu können, da die Reise mich schon vor sechs Jahren sehr angriff und, da ich seitdem um vieles immobiler geworden bin, dieses jetzt wohl noch mehr tun wird, weshalb Mama und Jenny darauf bestehn, dass ich mich nicht vorher durch vieles Umherlaufen und Fahren abmatten soll; sie behaupten, es überall für mich gemacht zu haben; damit ist mir aber nicht geholfen, und der nicht genommene Abschied tut mir weit weher als ein wirklicher. …

Zu arbeiten denke ich auch drüben fleißig, mein angefangenes Buch über Westfalen zu vollenden und die geistlichen Lieder zu feilen und abzuschreiben. Das Nötige dazu steckt schon tief unten im Koffer, und an Zeit und Ruhe wird es mir nicht fehlen, da Jenny mir auf meine Bitte ein ganz abgelegenes Zimmer in ihrem alten, weiten Schlosse, wo sich doch die wenigen Besucher darin verlieren wie einzelne Fliegen, einräumen will, einen Raum so abgelegen, dass, wie Jenny einmal hat Fremde darin logieren und abends die Gäste hingeleiten wollte, sie alles in der wüstesten Unordnung und die Mägde weinend in der Küche getroffen hat, die vor Grauen daraus desertiert waren. Ist das nicht ein poetischer Aufenthalt? Wenn ich dort keine Gespenster- und Vorgeschichten schreiben kann, so gelingt es mir nie.

Ich glaube übrigens, auf dieses Werk werden Sie, mein Freund, sehr influieren, d. h. das Andenken an Sie, denn ich freue mich schon jetzt darauf, es Ihnen vorzulesen, und dieses wird mir unter dem Schreiben beständig in Gedanken liegen. Sagen Sie nicht (wie Sie zu tun pflegen), dass ich mich Ihren Ansichten immer heterogen stelle. Das Disputieren und Aufbrodeln ist so eine schlechte, stöckische Manier an mir, und ich habe nachher ganz im stillen oft manches nach Ihrer Angabe verändert. Auch bin ich oft nur so verkehrt, wenn ich, grade mit Hinsicht auf Ihr Urteil, es meine so recht nach Ihrem Geschmacke getroffen zu haben, und es läuft mir dann so elendig kahl ab, dass Sie meinen hoffnungsvollen Sprößling ohne weiteres für einen Schlabünter erklären. Von meinem Westfalen (“Bei uns zu Lande auf dem Lande” ist sein eigentlicher Titel) hoffe ich aber ein erfreulicheres; ist’s doch unser liebes Ländchen, und unser beiderseitiges Hängen an ihm schon ein gar starker Einigungspunkt.

Die Gabe des allerentschlossensten Streichens

An dem bisher Fertigen glaube ich schon manches zu sehn, was guten Fortgang verheißt und nur einen hervorstechenden Fehler, zu große Breite an manchen Stellen; aber dagegen weiß ich Rat, habe ich doch den dritten Gesang meines St. Bernhard gestrichen und von dem ersten fast die Hälfte! Das Streichen und Feilen muss aber erst nach Vollendung des Ganzen geschehen, während der Arbeit macht es mutlos und unterbricht auch die poetische Stimmung zu sehr. Ich werde überhaupt immer zu breit, da mich die momentane Aufgabe jedesmal ganz hinnimmt und mir somit die Gabe fehlt, Nebendinge sogleich als solche zu erkennen und zu behandeln. Als Gegengewicht ist mir jedoch die Gabe des allerentschlossensten Streichens geworden, und ohne dieses würden meinem Pegasus längst Eselsohren gewachsen sein.

Ich wollte, ich säße nur erst am Seeufer und schrieb. Die letzten Tage vor dem Abschiede sind nur eine Körper- und Gemütsqual, und von einer Reise habe ich nie Freude, da ich leider das Fahren nicht vertrage und schon eine Stunde nach Abfahrt die Sehnsucht nach dem Abendquartier mein fixer Tagesgedanke wird.

Rüschhaus, 19. September 1841