Briefe zum Schlagwort Sibylle-Mertens-Schaaffhausen



aus: 1845, Abbenburg, Briefe an Elise Rüdiger

Von Adelen hoffe ich jetzt Nachricht zu bekommen, eine Dame aus Weimar will mir ihre Adresse in Rom verschaffen, wohin sie schon vorm Jahre der Mertens nachgezogen ist. Wie es mit ihrem Mangel an Vermögen beschaffen ist, weiß ich jetzt auch. Ihr eigentliches Vermögen ist allerdings fast hin, größtenteils schon von der Mutter aufgezehrt und nachher durch die kostspieligen Reisen nach Karlsbad (zweimal in jedem Jahr) noch vollends herunter gebracht. Der Weimarsche Hof gab jedoch der Mutter eine Pension von 400 [Talern] und hat ihr dieselbe gelassen, jedoch beiden mit der Bedingung, sie im Lande zu verzehren; somit muss Adele, solange sie in Italien (wohin die Ärzte sie gewiss geschickt haben) bleibt, darauf verzichten und hängt dort zumeist von der Gnade der Mertens ab. Nun kömmt aber der schlimmste Punkt: Die Mertens soll in Gefahr stehn, fast ihr ganzes Vermögen zu verlieren. Jenseits des Rheins gelten noch die französischen Gesetze. Die Mertens hatte Gütergemeinschaft mit ihrem Manne, meinte aber dennoch, da fast alles von ihr herrührt (Mertens hat nur sechstausend Taler ins Geschäft gebracht), leicht die lebenslängliche Nutznießung des Ganzen zu erhalten, wenn sie im Falle des Widerspruchs den Kindern mit Enterbung drohte. Hierauf sind aber weder die Schwiegersöhne noch die Vormundschaft der Minorennen eingegangen, sie haben prozessiert, die Sache liegt zum Spruche, und es wird als bestimmt angenommen, dass die Mutter nur ein Kindsteil, also nur den siebenten Teil von dem, worauf sie gerechnet, erhalten wird. Das ist für sie nicht viel besser als der Bettelstab! Und wenn ich bedenke, dass sie in Rom “Aufsehn durch ihre Ankäufe” gemacht hat und dieses ihr natürlich nun alles abgerechnet wird, so wird’s mir schwarz vor den Augen. An Vergleiche und halbe Gnaden von ihren Kindern, nachdem sie mit ihnen im Prozesse gelegen, ist nicht zu denken, das leidet ihr Stolz nicht.

Und was soll dann aus Adele werden? Wenn, wie meine Weimaranerin meint, man dort vorhat, ihre Pension gänzlich einzuziehn, unter dem Vorwande ihres Außerlandgehens, im Grunde aber, weil diese Verleihung vom Anfange her große Unzufriedenheit erregt, da der Hof nur eine gewisse Anzahl Pensionen gibt und andre, für die Verdienste um das Land und entscheidende Dürftigkeit sprechen, sich dadurch beeinträchtigt glaubten, so wolle man diese Gelegenheit ergreifen, um den Fehler wieder gutzumachen. Lieber Gott, was soll dann aus Adelen werden! Unterricht geben? Schriftstellern? Und dabei so kränklich! Man hört doch nichts wie Trauriges!

Über Ihre Rezension machen Sie sich übrigens keine Skrupel - die “Kölner Zeitung” kömmt gewiss nicht nach Rom, die Mertens hielt sie sogar in Bonn nicht, weil sie von Köln zu viele fatale Erinnerungen hat, namentlich in den Karnevalsblättern zu oft mitgenommen ist, und extra schreiben wird’s der Adele ja niemand, während man ihr gewiss die guten Rezensionen schickt, und sie sich also nur in der Strahlenkrone kennt - das geht ja immer so!

Auch von der Freiligrath sprach meine Weimaranerin, wie bildschön und anmutig sie in ihrer Blüte gewesen, und wie aufgebracht ihre Freunde, dass Freiligrath jetzt jeden soliden Erwerbszweig von sich weise, und Ida’n, samt ihrem nächstens ankommenden Kinde, den Bettelstab vorbereite.

Dann hat sie mich erschreckt durch eine Geschichte von Adelens Freundin, der Frau von Goethe (die ich Sie aber niemand mitzuteilen bitte), ein schreckliches Beispiel, wie weit Eitelkeit und eine liebesieche Natur eine Frau herunterbringen können. Ihre früheren Verhältnisse kennen Sie, wie sie, unglücklich in der Ehe, persönlich anziehend und, als Goethens Schwiegertochter mit einem strahlenden Nimbus umgeben, beständig einen Kreis von Bewunderern um sich erhielt, unter denen sie leider immer irgend einen Liebling hatte, dem sie ein - mehr oder weniger - sentimentales Verhältnis vergönnte, und schon damals sehr an ihrem Rufe litt. Wie sie nach Goethens Tode sich gar nicht darin finden konnte, dies alles zerfließen zu sehn und mit einem Male alt und von der Männerwelt unbeachtet zu sein - wie sie vergeblich hakte und angelte - vor übler Laune verging - wie sich endlich ein (nach Adelens Beschreibung) hübscher, aber höchst roher Engländer-Student ihrer auf eine schreckliche Weise erbarmte und, nachdem er sie in Schande gebracht, sie mit allen Zeichen der Verachtung verließ und geschwind eine Frau nahm - wie es ihr nicht gelang, ihren Fehltritt zu verbergen (obwohl das Kind starb) - wie die Geschichte sogar in einer Zeitung stand, ihr hierauf in Weimar der Hof verboten wurde und sich jedermann von ihr zurückzog, bis auf einige sehr treue Freunde (hierunter Adele), die sich alle Mühe gaben, sie jetzt wenigstens auf einen würdigen Weg zu bringen, aber alle Geduld verloren, wenn sie sahen, dass sie über jeden Mann, der ihre Minauderien nicht beachtete, mehr weinte als über zehn Beweise öffentlicher Mißachtung.

Nun hören Sie die Fortsetzung: In Adelens letzten Brief (ehe wir nach Meersburg gingen) stand: Ottilie sei nach (ich meine Paris) gereist, ohne ihre Tochter (Alma) mitzunehmen. Keine weitere Bemerkung, aber auch sonst kein Wort über Ottilien. Jetzt weiß ich aber, dass sie dahin einem Juden gefolgt ist mit Namen Selig, einem höchst widrigen, innerlich gemeinen Kerl, Spieler, Verschwender, der in einem Abend Tausende durchbringt, sie so in einem Jahre bis aufs Hemd ausgezogen und dann beredet hat, Alma kommen zu lassen. Alma hat nicht hin wollen, hat gesagt, es sei ihr, als wenn sie in den Tod ging; acht Tage in Paris angekommen, war sie wirklich tot, die Mutter Erbin ihrer sechzigtausend Taler, und in Weimar zweifelt niemand, dass sie zu diesem Zwecke vergiftet worden ist. Das Publikum hält die Goethe dieser Tat fähig und würde sie (wie jene Dame sagt) mit Kot und Steinen werfen, wenn sie’s wagen sollte, zurückzukommen. Die Dame selbst hat hingegen nur den Juden in Verdacht, aber im allerstärksten.
Die Söhne sollen noch immer (die Sache ist schon vorm Jahre passiert) außer sich sein, Wolf fast wahnsinnig geworden; Ottiliens neues Vermögen schon zum Teil hin. Wenn alles auf sei, werde der Jude sich aus dem Staube machen oder sie mit einem Fußtritt vor die Tür werfen, und wenn sie dann zerlumpt nach Weimar komme, ihre Kinder nicht wissen, wohin sie ihre mütterliche Schande verbergen sollten. Welche Horreurs!

Aber, um Adelens willen, sprechen Sie doch nicht davon. In Weimar mag es leider jedes Kind auf der Gasse wissen, aber hier weiß es doch niemand.

Seltsamerweise fand ich selben Tags, wo ich dies erfuhr, ein altes Journal von Anno 27, wo die Engelhaftigkeit jedes einzelnen Mitgliedes des Goetheschen Hauses (sogar seiner Frau) und ihr herrliches Verhältnis untereinander beschrieben wurde. Der Verfasser hatte sich “ganz erfrischt und neugeboren” dadurch gefühlt. O Fata Morgana des Poetennimbus !

Abbenburg, 30. Juli 1845

aus: 1845, Briefe an Levin Schücking, Rüschhaus

Hierbei fällt mir Hüffer ein; hören Sie, wie es mir mit dem gegangen ist! Er antwortete sehr höflich, dass er keineswegs den Ladenpreis verlange, sondern sich als meinen Kommissionär ansehe und neben Druck- und sonstigen Kosten nur gewisse Prozente – ich weiß nicht mehr wieviel – nehmen werde. Die Bücher kamen an – es waren statt 300 nur 172 – dabei die Rechnung, und diese machte, trotz der minutiösesten Berechnung, nur 63 Taler; im Laden kostete das Buch 25 Silbergroschen. Die Auflage war 500* Exemplare stark. Hüffer hat also 328 Exemplare verkauft und dafür 272 Taler eingenommen; so war er doch längst wieder zu seiner Auslage oder vielmehr hatte schon entschiedenen Profit gehabt, was mir sehr tröstlich ist. Denn die 63 Taler waren bei weitem nicht die Druckkosten für die 172 Exemplare; das krümelte sich so zusammen, seine Abzüge für den sämtlichen Verkauf, Porto – die ganze Pastete lag in Leipzig – et cet. Werner hat ihn auf der Stelle bezahlt, und nun, bitte, wenn Sie mich lieb haben, reden Sie gegen niemanden darüber; die Sache ist und bleibt mir schimpflich, und hier in Münster weiß, glaube ich, niemand darum.

Nun sagen Sie mir doch auch, wie es dem Cotta mit dem Verkaufe meiner Gedichte geht! Hier in Münster werden sie, gegen meine Erwartung, sehr stark gelesen; ob gekauft, ist eine andere Frage, und ich weiß darüber nichts zu sagen. Es ist leider münsterische Manier, sogar bei den reichsten Leuten, sich auf das Leihen zu verlassen und, selbst wenn sie sehr begierig auf ein Buch sind, ganz naiv zu sagen: “Ich habe mich schon jahrelang um das Buch bemüht und kann es noch immer nicht bekommen”, während es in allen Läden am Fenster steht. Auch jetzt haben mir ein paar sehr vornehme und reiche Damen geklagt, dass ihre Exemplare von all dem Ausleihen schon ganz zerlumpt wären, und meinten mir noch ein Kompliment damit zu machen, während mir doch Cottas wegen ein Stich durchs Herz ging. Doch höre ich auch ab und zu, dass jemand sie gekauft oder geschenkt bekommen hat.

NB. Ich erhielt vor etwa sechs Wochen einen zuerst an die Cottaische Buchhandlung gekommenen und dann von Ihnen richtig adressierten Brief aus Paris; der hat Sie gewiss neugierig gemacht. Er war von einem gewissen Theodor Klein, einem poetischen Dilettanten, wie mir scheint – denn er spricht von seinen “Geschäften entübrigten Stunden der Muße, in denen er sich mit Poesie beschäftigt” – dem “im Gewühle der Weltstadt, wo er seit Jahren zu leben gezwungen ist”, meine Gedichte zu Händen gekommen sind und ihn zu einliegenden Strophen begeistert haben, in denen er mir den unverwelklichen Lorbeer aufs Haupt setzt. Das Gedicht war mittelmäßig, d. h. so, wie man es vor fünfzehn Jahren würde allerliebst gefunden haben, der Brief etwas schwülstig, aber doch rührend durch sein offenbar vom Herzen kommendes Gefühl und eine große Nüchternheit. Er hatte seine Adresse fast unleserlich klein und verstohlen beigefügt; ein paar freundlich anerkennende Zeilen würden ihn gewiss ungeheuer gefreut haben, und da es mir nach einigen Ausdrücken schien, er müsse ein Westfal sein, war es mir fast leid, dass ich ihm diesen unschuldigen Spaß doch nicht machen konnte. Hätte ich nur irgend etwas über ihn gewußt, so hätte ich es vielleicht getan.

Hier im “Merkur” erschien mit einem Male auch eine Rezension meiner Gedichte, so ungemein parteiisch, dass ich mich schämte und meinte, nur Schlüterchen könne so blind sein; sie war aber von einem Schlesier, einem gewissen Kynast, der seit vier Wochen als Assessor nach Münster gekommen und gleich für mich ins Geschirr gegangen war. Ich habe ihn nachher einmal gesehn und gesprochen, einen seltsamen, heftigen Menschen, der vor Aufgeregtheit zitterte wie Espenlaub. Sie schrieben mir früher, Kühne werde noch eine Rezension in die “Allgemeine” rücken; hat er es ausgeschlagen, oder ist sie so unvorteilhaft, dass Cotta sie nicht hat einrücken wollen? Wenn das Letztere ist, so sagen Sie es mir doch; ich sehe gern klar und kann es ganz wohl tragen. Ich fürchte mich jetzt – in literarischer Hinsicht – vor nichts als vor unrichtigen und törichten Ansichten in Betreff meiner Erfolge; das hat mir zuviel Beschämung bei Hüffer eingetragen. …

Von Adele weiß ich nur, dass sie in Rom bei der Mertens ist; ich habe leider – durch eigne Schuld, denn ich hatte ihren letzten vor anderthalb Jahren erhaltenen Brief nicht beantwortet – ihre Adresse nicht, weiß sie auch nirgends zu bekommen und hörte doch so gern mal wieder von ihr. Diese Nachricht habe ich durch meine Cousine in Bonn. Wie schnell doch in diesen umtreibenden Zeiten alles auseinanderstäubt! Adele hat zehn Jahre in Bonn gewohnt, ist erst seit vier bis fünf Jahren fort, und schon gibt’s dort keinen ihres früheren Kreises mehr, bei dem ich nachfragen könnte. Auch die Mertens hat ihre Haushaltung auseinandergehn lassen und ihr Haus zum Verkauf ausgesetzt, ebenso ihr Gut Plittersdorf, ihr früheres bijou und Herzblatt, wo ich sie so manchen Tag habe selbst im Garten arbeiten sehn; wahrscheinlich denkt sie ganz in Italien zu bleiben.

* Eben fällt mir ein, dass ich dem Hüffer eine Auflage von 500 Exemplaren erlaubt habe, jedoch nicht sicher weiß, ob er sie gedruckt hat, meine dies aber doch gewiss. In der Berechnung hat es wohl gestanden, die habe ich aber nicht zur Hand.

Rüschhaus, 5. März 1845

aus: 1843, Abbenburg, Briefe an Sibylle Mertens

Mir ist wieder ganz miserabel gewesen, sonst hätte ich deinen lieben herzlichen Brief längst beantwortet, meine alte Billa. Jetzt hat sich mir der Krankheitsstoff wieder auf den Kopf geworfen, der mir den ganzen Tag summt und siedet wie eine Teemaschine - Ohr, Zahn, Gesichtsschmerz - ich möchte mich zuweilen, wie jener Halbgeköpfte (Kindermärchen von Grimm), bei den Haaren nehmen und mein weises Haupt in den Fischteich unter meinem Fenster werfen, wo es ihm wenigstens kühl werden würde. Erwarte also nur konfuses Zeug in diesem Briefe, denn ich bin halb simpel vor Duseligkeit, und muss bei jeder dritten Zeile aufspringen, um das Blut sinken zu lassen.

Heute ist’s doch besser wie seit vier Wochen, und Du magst nur denken, dass ich Dich lieb habe, sonst brächten mich noch keine zehn Pferde zum Schreiben. O Gott, wie wohl tut so ein Moment der Linderung! Und doch riskiere ich ihn gleich an Dich, eine Größe der Liebe, die nur von gleichfühlenden Ohren - respektive Zähnen - gewürdigt werden kann.

Hier würde es mir sonst recht gut gehn, alles ist freundlich, Gegend, Haus, Wetter und Menschen. Haben wir kein Siebengebirge, so haben wir doch sehr anmutige Hügel mit prächtigen Steinbrüchen, wo ich heraushämmern könnte, was mein Herz nur verlangt, und statt eigentlicher Parks doch wenigstens hübsche Spazierwege durch Laub- und Nadelholz, und einige sogar imposante Baumhallen, wo ich sehr gern arbeiten möchte, aber ich bin die arme Seele im Fegefeuer, die aus ihrem Fensterloche alle Welt in Abrahams Schoße sieht, und dabei nur an “einen Tropfen für ihre glühende Wange” denkt.

Den 11ten. Du siehst, mein gut Herz, dass meine Entschuldigungen keine leere Spreu sind; ich habe wieder sechs gezwungene Rasttage ohne Rast machen müssen. Aber genug hiervon, Zahnschmerzen hat ein jeder gehabt, und kann sie sich ohne Beschreibung hinlänglich vorstellen. …

Was Du mir von Deinen Verhältnissen schreibst, alte Billa, hat mich betrübt und sehr gerührt. Ach, das Mein und Dein! Es ist doch wirklich ein Scheidewasser, was alles in der Welt zersetzt! Ich hoffe, dieser Brief findet alles besser wie der Deinige es verlassen hat, jedenfalls bist Du rein aus dem Geschäftsklamme hervorgegangen, denn Deine Vorschläge waren doch gewiss großmütig genug! Und ich habe Dich dafür in Gedanken so fest an mich gedrückt, wie Du es in der Wirklichkeit schwerlich würdest gelitten haben, Du noli me tangere!

Gutes Herz, wärst Du hier, es wäre doch, trotz allen Schmerzen, charmant in Abbenburg. Ich habe hier ein nettes heitres Quartier, unter den Fenstern eine hübsche Blumenterrasse mit Springbrunnen, und allerlei reizende Plätzchen in der nächsten Umgebung, —z. B. gleich vor mir einen Eichwald, mit großem Teiche und Insel darin, wo eine gewaltige Linde ihre Zweige fast auf den Boden senkt, und es sich auf den Sitzen gar anmutig über dem Wasser träumen läßt; dann noch eine andre, etwas entferntere Anlage, die sehr gut unterhalten, aber von niemanden besucht wird, da wäre alles unser Eigen, Baumhallen, Sitze, das hübsche Zelt, bloß für uns Zweie, um es nach Belieben mit den Bildern unsrer Liebsten zu bevölkern, oder zu einer Robinsons-Einsamkeit zu machen.

Ich werde leider täglich mehr zur Fledermaus, zwischen Licht und Dämmerung, das ist meine rechte Zeit, und übrigens allein oder zu zweien, was darüber, ist vom Übel, und ich möchte immer, wie ein travestierter Hamlet, sagen: “Träumen, Träumen! Vielleicht auch Schlafen!” In dem Letzteren bin ich aber viel mäßiger geworden; wie meine Nerven denn überall sich bedeutend stärken, oder vielmehr, seit sie sich in die Ihren und Zähne verkrochen haben, das Übrige freier lassen.

Seit zwei Tagen bin ich ganz allein in Abbenburg, Mama ist in Wehrden bei der Metternich, und übermorgen muss ich auch hin. “Hier laß einen Seufzer fahren, und wenn du kannst, noch einen”, sagt Abraham a Santa Clara. Ich bin nicht gern in Wehrden. Alles ist mir zu ruschlig dort, und vollends die Tante selbst ein wahrer Ameishaufen, alles Leben und Verwirrung, Handlungen, Worte, und wie es mit den Gedanken aussieht, das mag ich den meinigen gar nicht zumuten zu untersuchen, du würdest sie gradeswegs für verrückt erklären, und doch ist’s nur eine tolle Phantasie in einem sehr schwachen Kopfe, die vor fünfzig Jahren den letzten Zügel zerrissen hat und seitdem en carrière durchgeht.

Mama leidet noch immer an ihrem Herzklopfen. Wäre sie hier, Du bekämst Grüße, so schön, wie sie sie selten verschickt. Du hast einen ungeheuren Felsen bei ihr im Brette. Dann steht Adele noch sehr gut, auch die Rüdiger - et voila tout. Im ganzen habe ich Unglück mit meinen Freunden und muss mich oft sehr abäschern, bittre Pillen zu vergülden, oder vielmehr Eispillen, denn anzüglich wird mein Mütterchen freilich nie, aber unser Geschmack läuft in der Regel auseinander wie ein Gabelzweig. Nun Gottlob, dass ich Euch drei wenigstens frei lieb haben darf! Mein guter Blinder läuft auch noch so halbwegs mit durch, und um die andern ist’s mir nicht so viel.

Alte Billa, weißt Du, wie lange wir uns schon lieb haben? Im Herbste werden es achtzehn Jahre, und ich darf schon eine ehrwürdige Anciennität in Anspruch nehmen. Vergiß das nicht zwischen deinen Schwarzaugen, deren Freundschaft kaum trocken hinter den Ohren ist. In sieben Jahren können wir unsre silberne Hochzeit feiern. Mit silbernen Haaren? Ich nicht, ich bin blond, “ewig jung und ewig schön!”, ein geborner Schimmel, aber Du, schwarzer Rappe, magst Dich nur tüchtig aufheitern, wenn Du nicht endlich wenigstens ein Scheck werden willst!

Ach! ich schreibe dummes Zeug, und wozu bist du anders da als um es zu lesen? Wozu hat man Freunde, als um ihnen aufzutischen, womit man andern Leuten nicht kommen darf? Also, mein kleiner schwarzer Araber, wir wollen die sieben Jahre richtig ableben und - wenn’s gelingt - noch fünfundzwanzig dazu, bis zur goldnen Hochzeit, um alles nachzuholen, was wir uns in den achtzehn Jahren mitunter haben ab Händen kommen lassen, allen Mitschmerz, alle Mitfreude, nicht wahr, mein gut Herz? Ich wollte, wir hätten jetzt wieder ein paar von den Bonner Wochen, die wir so schändlich verschleudert haben.

Adie, lieb Kind, schreib bald, und sag’ mir doch auch etwas von Adelen, Ich will ihr zwar selbst in den nächsten Tagen schreiben, aber da sie mit mir auf derselben langen Bank zu liegen pflegt, erwarte ich durch Dich schnellere Nachrichten als direkt von ihr. Will das Übel noch immer nicht weichen? Mir wird doch todangst bei der Sache! Was sagt Wolf jetzt? Und ist’s möglich, dass die Knoten so sitzen bleiben können ohne Verschlimmerung? bitte, sag’ mir Alles was Du weißt, Gutes und Schlimmes. Ich muss mich weit mehr abängsten, wenn ich nicht weiß wie es steht.

[am oberen Rand der ersten Seite] Levin Schücking ist verlobt, mit Fräulein Luise von Gall, in Darmstadt, die ganz hübsche Novellen ins Morgenblatt schreibt - weißt du etwas von ihr, so teile es mir doch mit, ich weiß nichts.

Abbenburg, 5. Juli 1843

aus: 1843, Briefe an Sibylle Mertens, Rüschhaus

Du wirst aus meinem langen Schweigen schon geschlossen haben, lieb Herz, dass es mit der Besserung sehr langsam zugegangen ist. Warum ich Dir nicht durch andre habe Nachricht geben lassen? Weil ich gern zu Dir wollte, lieb Kind, und dachte: “Habe ich erst durch eine fremde Hand aufschreiben lassen, so ist’s rein aus damit.” Du weißt, wie es mit diesen Nervenübeln geht, zuweilen so gute Tage, dass man denkt: “Noch eine Woche crescendo, und ich kann Wind und Wetter ein Schnippchen schlagen”, und dann ist mit einem Male wieder alles nichts! Du begreifst, dass unter diesen Umständen, bei meiner großen Schwäche, die Meinigen (denen sonst, auf Ehre! die Sache ganz recht gewesen wäre) mich nicht fortlassen wollten, da mir ohnedies noch die Anstrengung zweier Reisen bevorsteht, und begreifst auch, dass ich ihnen nicht die Gelegenheit geben wollte, alles rein abzumachen.

Jetzt muss ich dies leider selbst tun, denn die Zeit ist hin, und wir müssen gleich nach Pfingsten nach Bökendorf. Sei meinem Mütterchen nicht böse, liebe Billa, sie hat Dich jetzt sehr lieb, hätte mich sehr gern zu Dir gelassen, aber es ging wirklich nicht, ich wurde immer empfindlicher gegen die äußere Luft; jede Veränderung der Atmosphäre machte mich hundekrank, und noch jetzt, bei der Bökendorfer Reise, wird große Rücksicht darauf genommen werden; wir reisen keinenfalls als bei ganz beständigem Wetter.

Ich kann nicht sagen, Billchen, wie es mich freut, dass Du so gern hier warst; die Leute verdienen es aber auch um Dich. Alles denkt Deiner mit Liebe und einer Art Sehnsucht, alles läßt Dich grüßen, Tony, die Wrede, Heindorf, das ganze Landsberger Personale, Grävenitzen. Alle vereinigen sich in dem Wunsche, Dich auf längere Zeit in Münster zu haben. Ich denke, Du richtest Dich auch noch mal danach ein. Glaub mir, solche einfache Menschen, die weder Dein Geld noch selbst eigentlich Deine Talente suchen, sondern Dich nur persönlich so gar gern haben, sind gewiss die zuverlässigsten, und Du kannst nie in den Fall kommen, durch eine noch glänzendere Erscheinung in Abnahme zu geraten. Das macht mir meine Landsleute grade so lieb, dieser Mangel an arrière-pensées, an sogenanntem “Aufschlagen” mit brillanten Gestalten, was nur bis zum Aufgang der nächsten Sonne Stich hält, gibt ihnen in meinen Augen einen unschätzbaren Wert.

Darum komm, mein Liebchen, sobald Italien Dich losläßt! Auch meine Hoffnungen auf Wiedersehn müssen sich zunächst hierauf gründen. Ach Gott! Das ist eine endlos lange Zeit, und ich zerbreche mir fortwährend den Kopf, wie sie abzukürzen wäre. Wenn ich nach Bonn komme, bist Du nicht da, weder auf der Hin- noch Rückreise. Wenn ich in Meersburg bin (etwa vom Ende Septembers bis zum nächsten Mai oder Juni), steckst Du wahrscheinlich in Rom oder Neapel, oder kömmst Du vielleicht im Frühjahr, wo es dort doch überheiß ist, nach Mailand, Genua, Florenz zurück? In diesem Falle gelänge es mir vielleicht, Dich auf 8 - 14 Tage besuchen zu können, notabene wenn Du häuslich eingerichtet wärst, sonst geht es natürlich nicht an, und ich würde nach zwei bis drei Tagen wieder zurückkehren müssen, was doch, nach so weitem Wege, eine allzu kurze Lust wäre.

Liebes Herz, laß uns dem Glück vertrauen; wir verleben beide die nächsten zwölf Monate en voyageur, da wird man oft wunderlich verschlagen, und kann karambolieren, eh man’s denkt. Laß nur unsern Briefwechsel nicht einschlafen, damit wir immer wissen, wo wir uns zu suchen haben! …

Alte Billa, wie froh bin ich, dass jetzt alles zwischen uns wieder rein und fest ist, ich habe Deine Liebe so schwer und bitter verloren gegeben, soll ich mich denn jetzt nicht freuen? Indessen ist uns doch eine schöne unwiederbringliche Zeit darüber verlorengegangen, und dergleichen darf nicht wiederkommen. Es kömmt auch nicht, diese Überzeugung trage ich in mir, und Du gewiss auch. Wenn nur die schwarzen Südländerinnen meine blonde Figur nicht all zu sehr verschatten! Indessen ich denke: “Da bin ich mal was Extra’s - variatio delectat.”

Lieb Herz, mir liegt fortwährend die Frage nach Deinem Befinden auf der Zunge, und die Scheu, Dich unangenehm zu berühren, drängt sie zurück; aber ich muss doch wissen, wie es steht. … muss fortan wieder alle Deine Sorgen und Freuden teilen, wie früher.

Wahrlich, Billa, unser Verständigen miteinander, das Wiedereintreten des alten innerlich belebenden Verhältnisses hat mir so wohl getan, dass ich ihm allein die bessere Wendung meiner Krankheit zu verdanken glaube. Vorher ließ ich mich sinken, jetzt kämpfe ich gegen den Strom, und werde seiner, wenn auch langsam doch sichtlich, Meister. Ich bin zwar heitern leicht befriedigten Gemüts, aber doch zu einer gewissen Apathie geneigt, die mich dann auch körperlich erschlafft, und Du hast mir die liebste und heilsamste aller Aufregungen gegeben, die auch nachhaltig wirkt, und, in diesem Grade, nur von Dir ausgehn konnte. Alte Billa, freut’s dich auch, dass du mich wieder gesund machst?

Rüschhaus, 24. Mai 1843

aus: 1843, Briefe an Levin Schücking, Hülshoff

Die Mertens war allerdings vier Wochen lang in Münster; hören Sie die Veranlassung, und Sie haben ihren Charakter von der besten und schlimmsten Seite. Ich hatte ihr in Bonn griechische Münzen versprochen, die ich nicht alle für echt halte, aber doch einige darunter, hatte sie ihr auch geschickt und den dankbarsten Brief erhalten, worin sie zugleich mein Urteil über Ächtheit und Nichtechtheit bestätigte. Hierauf verhinderte mich meine Krankheit, zu antworten, und nun erhielt ich den allerimpertinentesten Brief; sie schickte mir die Münzen zurück: “sie seien alle unecht und nichts wert, würden auch, wenn sie echt wären, von so großer Seltenheit sein, dass sie dann kein Sammler, selbst als Doubletten, verschenkt hätte.” In diesem Tone ging’s fort, schließlich: “da ich ihr, wie es scheine, sonst nicht mehr zu schreiben denke, bitte sie sich wenigstens der Ordnung halber einen Empfangschein über die Münzen aus.” Ich ärgerte mich so schmählich, dass ich Fieber bekam wie ein Pferd, und antwortete ihr, so krank ich war, mit ein paar Zeilen, wie elend ich sei, dass ich deshalb nicht geschrieben et cet.

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