Briefe zum Schlagwort Sibylle-Mertens-Schaaffhausen



aus: 1830, Bonn, Briefe an Therese von Droste

Ich habe mich bei einem Friseur abonniert, und so würdest Du das Vergnügen haben, mich immer à la derniere mode aufgetakelt zu sehn. Das ist nun schon gut, bequem und auch gar nicht teuer, aber wie man mir zusetzt Kleider zu kaufen, das kannst Du Dir gar nicht denken. Es macht mich höchst unglücklich. Einen Hut habe ich schon kaufen müssen, und heute soll ich wahrhaftig wohl an mein Merinos-Kleid dran müssen. Mehr will ich aber nichts tun, obgleich man mich mit Vorschlägen beinahe tot macht. Einige wollen mir durchaus einen neuen Überrock aufschwätzen, und Pauline meint, ich könnte es gar mit dem schwarzen wohl tun,dann müßte ich aber einen neuen Pelzkragen darüber nehmen, was am Ende fast ebenso teuer ist. Einen Tüllschleier über meinen neuen Hut soll ich nehmen; ich habe aber gesagt, das tät ich nicht; einen niedlichen Schal oder schwarzes Blondentuch: täte ich nicht; ein hübsches seidenes Kleid, wenn ich in Gesellschaft ginge; ich ginge nicht in Gesellschaft; einen ganz hohen Schildplatt-Kamm: tät ich nicht! Es ist wirklich unverschämt, es ist als ob die Leute mich wenigstens für die Frau von L … hielten. Aber es kommt daher: Jeder rät mir etwas anderes zu und meint, das übrige könne ich entbehren.

Wann ich zurückkommen kann, davon ist gar keine Rede. Sie meinen alle, ich bliebe den ganzen Winter hier. Ich wäre lieber wieder bei Euch, so gut es mir sonst hier geht. Aber wir von Rüschhaus sind gar zu sehr aneinander gewöhnt, und ich bin immer auch angst, es möchte jemand krank werden, von Euch oder meinen Bekannten, , die Amme oder der alte Sprickmann; kurz, wenn ich könnte, so käme ich viel lieber bald wieder. Aber da ich keine Gelegenheit dazu sehe, so schweige ich vorläufig ganz still. Sie würden es mir hier alle übel nehmen, wenn sie merkten, dass ich mich wieder nach Haus verlangt, da sie doch allerseits das Mögliche tun, mir den Aufenthalt angenehm zu machen. Ich schweige auch ganz still, wenn sie es für bekannt annehmen, dass ich den Winter über bleibe. Ich habe mich abonniert beim Friseur und in der Leihbibliothek, und die Mertens denkt sogar ihren Mann dahin zu bringen, dass er den Winter über in Bonn wohnt, weil ich hier bin. Das wird mich aber alles nicht hindern, zu echappieren, um wieder zu Euch zu kommen, sobald ich eine Gelegenheit sehe. Das einzige, was macht, dass ich mich nicht noch mehr darum umsehe, ist, weil ich noch immer für möglich halte, dass wir im nächsten Jahre, möglicherweisen reisen könnten, und [ich] durch meinen Aufenthalt hier die Kosten der Reise wieder etwas aussparen möchte. …

Wie hier alles nur der Politik lebt, kannst Du denken; bei Euch wird es ebenso sein. Übrigens ist jetzt hier alles äußerst ruhig; diese Handelsstädte fürchten zu sehr das Fallen der Papiere, als dass sie nicht auch den Krieg fürchten sollten; in Köln haben die Schiffer den Wagen des Prinzen Albrecht ausgespannt und selbst gezogen; die arme Prinzessin aber, wie sie den Zusammenlauf des Volkes gesehen und mitten auf der Rheinbrücke ist angehalten worden, hat gemeint, die aufrührerische Menge wollte den Wagen in den Rhein werfen, und hat ganz laut geschrien und geweint, bis der Prinz sie beruhigt hat. Demungeachtet würden diese Gegenden gewiss nicht ruhig bleiben, wenn das Feuer einmal in gerader Linie bis hierher gedrungen wär, aber sie fangen auf eigene Hand nichts an, denn ihr Vorteil leidet zu sehr darunter.

Bonn, 14. Oktober 1830

aus: 1826, Briefe an Betty von Haxthausen, Hülshoff

Ich habe mich unbeschreiblich schwer von Köln getrennt; solange der liebe Onkel noch bei mir war, kam es mir vor, als ob ich noch nicht recht fort wäre. Aber am andren Tage, als ich so mit einem münsterischen Fuhrmann immer weiter fortfuhr, da war mir so zumute, dass ich mir immer vorsagen musste: “Du kömmst ja zu deinen Eltern”, um nicht den ganzen Tag zu weinen. Am andern Tage ging es schon durch bekannte Örter, und des Nachmittags um fünf Uhr sah ich meine liebe Mutter wieder, in einem Dorfe eine Stunde weit von Hülshoff, bis wohin sie uns entgegen gefahren; eine halbe Stunde nachher, unterwege, Ferdinand, Caroline und Malchen, dann zu Hülshoff den lieben Papa und heute mittag Jenny, die von Wilkinghege herüber gekommen ist, mich zu sehn, ich habe mich doch nicht wenig gefreut. Ich musste so lange erzählen, dass ich schon fast nichts mehr weiß.

Am Abend fragte mich die Mutter viel und ernstlich darüber, ob ich mich auch gut betragen habe und Dir immer gehorsam gewesen sei; ich sagte, ich hoffe es, aber es war mir äußerst empfindlich, weil ich bedachte, wie oft ich Dir nur Kummer und Unannehmlichkeit gemacht habe. Ich bitte Dich deshalb aufs innigste um Verzeihung. Du kannst nicht denken, wie weh es mir jetzt tut. Ich bilde mir wohl ein, ich würde nun in der Lage ganz anders handeln, und doch kann ich es nicht mit Gewissheit sagen, denn wenn ich an die arme Mertens denke, wie krank und schwach ich sie zurückgelassen habe, und dass ich sie vielleicht nie wiedersehe, so möchte ich um alles in der Welt nicht getan haben, was sie gekränkt hätte; ich wollte, es hätte alles zusammen bestehn können, das ist alles, was ich sagen kann, und dass es mir empfindlich ist.

Liebe Tante, sei mir nur jetzt nicht böse, da ich fort bin, ich habe Dich doch gewiss von ganzer Seele lieb, wie Du es wohl nicht mal denkst, und, ich bitte, mach doch, dass mir der Onkel nicht mehr böse ist. Ich habe ihm so oft, auch in andern Dingen, widersprochen, was ich auch weit besser nicht getan hätte, er hat doch oft so viele Güte und Liebe für mich gehabt. Es ist mir so peinlich, dass meine Eltern so gewiss voraussetzen, dass ich mich immer gut gegen Euch müßte betragen haben, und dass ich mir doch selbst hierüber kein ganz gutes Zeugnis geben kann.

Hülshoff, 25. April 1826

aus: 1826, Briefe an Jenny von Laßberg, Köln

Es geht mir hier übrigens sehr gut. Köln ist im Winter äußerst angenehm. Ich habe einige Bälle besucht, wo ich aber den Leuten den Aberglauben, dass ich von wegen meiner subtilen Figur gut tanzen müßte, gelassen habe, nämlich dadurch, dass ich gar nicht getanzt habe, als allenfalls einmal herumgewalzt.

Die Bälle sind hier äußerst brillant, selbst das gewöhnliche Lokal ist sehr groß, und am Karneval-Montag wurde auf dem Kaufhause, genannt der Gürzenich, getanzt, wo mehrere tausend Menschen auf der Redoute waren. Es war wieder ein großer Aufzug wie in den vorigen Jahren. Der König Karneval hatte sich eine Braut aus dem Monde geholt. Ich werde Dir die ganze Sache einmal mündlich erklären, schriftlich ist es nicht gut möglich. Aber das Ding muss ungeheures Geld gekostet haben, unter anderm hat sich der junge Schaaffhausen fünf verschiedene Anzüge machen lassen, die alle äußerst kostbar waren. Drei hat er aber nur zeigen können, die anderen beiden – der Titelnarr und der Ordensnarr – wurden für anzüglich erklärt und deshalb unterlassen.

Es waren auch noch viele kleine Gesellschaften, die herumgingen, unter anderen der Bannerrat, ein alter ehemaliger Rat von Köln, wo sehr witzige Sache gesagt wurden, und doch ganz ohne Beleidigung. Ebenso ein musikalisches Kränzchen, was allerliebst musizierte und auch nebenbei sehr witzig war. Sie sangen und spielten verschiedene sehr muntere Stücke aus den “Wienern in Berlin”, dann eine höchst lächerliche Kirchenmusik und zuletzt ein Konzert auf einem Nachtigallpfeifchen mit Instrumentalbegleitung, was sich allerliebst ausnahm, was ich aber übrigens auf meine Schuh schmieren konnte. Das macht aber nichts, jeder hat was abgekriegt, und dieses war noch höchst gnädig. …

Ich muss wieder abbrechen, denn eine gute Bekannte von mir, Frau Mertens, die nicht weit von hier wohnt, lässt mich eben bitten, zu ihr herüber zu kommen; sie ist krank.

Köln, Februar 1826