Briefe zum Schlagwort Tratsch



aus: 1846, Briefe an Sophie von Haxthausen, Rüschhaus

Ich bin jetzt wieder homöopathisch, der fatale Knoten hat sich fast ganz verloren, aber dafür ist mir seit 14 Tagen das Ohr fast ganz zugeschwollen, es braust mir darin wie ein Mühlenwehr, und ich begreife jetzt wohl, weshalb taube Leute gewöhnlich so einfältig sind, ich bin auch halb simpel. Sonst bin ich diesen Winter ungewöhnlich wohl und habe gar keinen Husten. …

Meine gute Rüdiger schreibt fleißig, ist aber mitsamt ihrem Manne sehr mißvergnügt in Minden, und sie arbeiten aus allen Kräften, von dort wegzukommen. Ihr Haus beschreibt sie düster und melancholisch, wie einen Kerker. Es ist dasselbe, was der Erzbischof bewohnt hat, und sie meint, jetzt bedauere sie den armen Mann erst recht und fühle seine Hypochondrie ordentlich mit. Ich bekam gestern noch einen Brief von ihr, wo sie eben von einem ganz kurzen Ausflug nach Berlin rückgekehrt war. Sie hat dort Grimms besucht, die sie äußerst freundlich empfangen und sich sehr herzlich nach uns allen erkundigt haben.

Auch Bettinen hat sie aufgesucht, die fast den ganzen Besuch über nichts getan hat als schimpfen, auf die Katholiken, die Westfalen und besonders den westfälischen Adel. Als die Rüdiger das nicht so geduldig hingenommen, sondern ihr tüchtig darauf gedient hat, hat sie endlich abgebrochen und angefangen zu prahlen, dass die Lichtfreunde sich so viele Mühe gegeben, sie an ihrer Spitze zu bekommen, sie wolle aber nicht et cet. Kurz, sie muss sich nicht besonders liebenswürdig gemacht haben. …

(Am Rande:)
Adele sitzt noch immer in Rom und schreibt ein Buch nach dem andern, aber keine Briefe, wenigstens mir keinen, und ich kann noch immer ihre Adresse nicht bekommen. Schückings Frau erwartet ihre zweite Niederkunft. Junkmann ist in Bonn und soll jetzt ganz gesund sein.

Rüschhaus, 19. Januar 1846

aus: 1845, Abbenburg, Briefe an Elise Rüdiger

Von Adelen hoffe ich jetzt Nachricht zu bekommen, eine Dame aus Weimar will mir ihre Adresse in Rom verschaffen, wohin sie schon vorm Jahre der Mertens nachgezogen ist. Wie es mit ihrem Mangel an Vermögen beschaffen ist, weiß ich jetzt auch. Ihr eigentliches Vermögen ist allerdings fast hin, größtenteils schon von der Mutter aufgezehrt und nachher durch die kostspieligen Reisen nach Karlsbad (zweimal in jedem Jahr) noch vollends herunter gebracht. Der Weimarsche Hof gab jedoch der Mutter eine Pension von 400 [Talern] und hat ihr dieselbe gelassen, jedoch beiden mit der Bedingung, sie im Lande zu verzehren; somit muss Adele, solange sie in Italien (wohin die Ärzte sie gewiss geschickt haben) bleibt, darauf verzichten und hängt dort zumeist von der Gnade der Mertens ab. Nun kömmt aber der schlimmste Punkt: Die Mertens soll in Gefahr stehn, fast ihr ganzes Vermögen zu verlieren. Jenseits des Rheins gelten noch die französischen Gesetze. Die Mertens hatte Gütergemeinschaft mit ihrem Manne, meinte aber dennoch, da fast alles von ihr herrührt (Mertens hat nur sechstausend Taler ins Geschäft gebracht), leicht die lebenslängliche Nutznießung des Ganzen zu erhalten, wenn sie im Falle des Widerspruchs den Kindern mit Enterbung drohte. Hierauf sind aber weder die Schwiegersöhne noch die Vormundschaft der Minorennen eingegangen, sie haben prozessiert, die Sache liegt zum Spruche, und es wird als bestimmt angenommen, dass die Mutter nur ein Kindsteil, also nur den siebenten Teil von dem, worauf sie gerechnet, erhalten wird. Das ist für sie nicht viel besser als der Bettelstab! Und wenn ich bedenke, dass sie in Rom “Aufsehn durch ihre Ankäufe” gemacht hat und dieses ihr natürlich nun alles abgerechnet wird, so wird’s mir schwarz vor den Augen. An Vergleiche und halbe Gnaden von ihren Kindern, nachdem sie mit ihnen im Prozesse gelegen, ist nicht zu denken, das leidet ihr Stolz nicht.

Und was soll dann aus Adele werden? Wenn, wie meine Weimaranerin meint, man dort vorhat, ihre Pension gänzlich einzuziehn, unter dem Vorwande ihres Außerlandgehens, im Grunde aber, weil diese Verleihung vom Anfange her große Unzufriedenheit erregt, da der Hof nur eine gewisse Anzahl Pensionen gibt und andre, für die Verdienste um das Land und entscheidende Dürftigkeit sprechen, sich dadurch beeinträchtigt glaubten, so wolle man diese Gelegenheit ergreifen, um den Fehler wieder gutzumachen. Lieber Gott, was soll dann aus Adelen werden! Unterricht geben? Schriftstellern? Und dabei so kränklich! Man hört doch nichts wie Trauriges!

Über Ihre Rezension machen Sie sich übrigens keine Skrupel - die “Kölner Zeitung” kömmt gewiss nicht nach Rom, die Mertens hielt sie sogar in Bonn nicht, weil sie von Köln zu viele fatale Erinnerungen hat, namentlich in den Karnevalsblättern zu oft mitgenommen ist, und extra schreiben wird’s der Adele ja niemand, während man ihr gewiss die guten Rezensionen schickt, und sie sich also nur in der Strahlenkrone kennt - das geht ja immer so!

Auch von der Freiligrath sprach meine Weimaranerin, wie bildschön und anmutig sie in ihrer Blüte gewesen, und wie aufgebracht ihre Freunde, dass Freiligrath jetzt jeden soliden Erwerbszweig von sich weise, und Ida’n, samt ihrem nächstens ankommenden Kinde, den Bettelstab vorbereite.

Dann hat sie mich erschreckt durch eine Geschichte von Adelens Freundin, der Frau von Goethe (die ich Sie aber niemand mitzuteilen bitte), ein schreckliches Beispiel, wie weit Eitelkeit und eine liebesieche Natur eine Frau herunterbringen können. Ihre früheren Verhältnisse kennen Sie, wie sie, unglücklich in der Ehe, persönlich anziehend und, als Goethens Schwiegertochter mit einem strahlenden Nimbus umgeben, beständig einen Kreis von Bewunderern um sich erhielt, unter denen sie leider immer irgend einen Liebling hatte, dem sie ein - mehr oder weniger - sentimentales Verhältnis vergönnte, und schon damals sehr an ihrem Rufe litt. Wie sie nach Goethens Tode sich gar nicht darin finden konnte, dies alles zerfließen zu sehn und mit einem Male alt und von der Männerwelt unbeachtet zu sein - wie sie vergeblich hakte und angelte - vor übler Laune verging - wie sich endlich ein (nach Adelens Beschreibung) hübscher, aber höchst roher Engländer-Student ihrer auf eine schreckliche Weise erbarmte und, nachdem er sie in Schande gebracht, sie mit allen Zeichen der Verachtung verließ und geschwind eine Frau nahm - wie es ihr nicht gelang, ihren Fehltritt zu verbergen (obwohl das Kind starb) - wie die Geschichte sogar in einer Zeitung stand, ihr hierauf in Weimar der Hof verboten wurde und sich jedermann von ihr zurückzog, bis auf einige sehr treue Freunde (hierunter Adele), die sich alle Mühe gaben, sie jetzt wenigstens auf einen würdigen Weg zu bringen, aber alle Geduld verloren, wenn sie sahen, dass sie über jeden Mann, der ihre Minauderien nicht beachtete, mehr weinte als über zehn Beweise öffentlicher Mißachtung.

Nun hören Sie die Fortsetzung: In Adelens letzten Brief (ehe wir nach Meersburg gingen) stand: Ottilie sei nach (ich meine Paris) gereist, ohne ihre Tochter (Alma) mitzunehmen. Keine weitere Bemerkung, aber auch sonst kein Wort über Ottilien. Jetzt weiß ich aber, dass sie dahin einem Juden gefolgt ist mit Namen Selig, einem höchst widrigen, innerlich gemeinen Kerl, Spieler, Verschwender, der in einem Abend Tausende durchbringt, sie so in einem Jahre bis aufs Hemd ausgezogen und dann beredet hat, Alma kommen zu lassen. Alma hat nicht hin wollen, hat gesagt, es sei ihr, als wenn sie in den Tod ging; acht Tage in Paris angekommen, war sie wirklich tot, die Mutter Erbin ihrer sechzigtausend Taler, und in Weimar zweifelt niemand, dass sie zu diesem Zwecke vergiftet worden ist. Das Publikum hält die Goethe dieser Tat fähig und würde sie (wie jene Dame sagt) mit Kot und Steinen werfen, wenn sie’s wagen sollte, zurückzukommen. Die Dame selbst hat hingegen nur den Juden in Verdacht, aber im allerstärksten.
Die Söhne sollen noch immer (die Sache ist schon vorm Jahre passiert) außer sich sein, Wolf fast wahnsinnig geworden; Ottiliens neues Vermögen schon zum Teil hin. Wenn alles auf sei, werde der Jude sich aus dem Staube machen oder sie mit einem Fußtritt vor die Tür werfen, und wenn sie dann zerlumpt nach Weimar komme, ihre Kinder nicht wissen, wohin sie ihre mütterliche Schande verbergen sollten. Welche Horreurs!

Aber, um Adelens willen, sprechen Sie doch nicht davon. In Weimar mag es leider jedes Kind auf der Gasse wissen, aber hier weiß es doch niemand.

Seltsamerweise fand ich selben Tags, wo ich dies erfuhr, ein altes Journal von Anno 27, wo die Engelhaftigkeit jedes einzelnen Mitgliedes des Goetheschen Hauses (sogar seiner Frau) und ihr herrliches Verhältnis untereinander beschrieben wurde. Der Verfasser hatte sich “ganz erfrischt und neugeboren” dadurch gefühlt. O Fata Morgana des Poetennimbus !

Abbenburg, 30. Juli 1845

aus: 1844, Briefe an Elise Rüdiger, Meersburg

Was soll ich Ihnen von Sch[ücking]s eigner Lage sagen? Er nimmt sie von der besten Seite, ist vergnügt wie ein König und baut ein Luftschloß ums andre, wobei er seinen zukünftigen Erwerb durch dramatische Arbeiten hoch anschlägt. Cottan hat er noch nicht mit Augen gesehn, ist auch nicht auf Ostern von ihm engagiert, sondern dies wieder auf Michaelis hinausgeschoben, wo er dann sicher auf eine feste Anstellung mit 1500 Gulden rechnet, und bis dahin seine Arbeiten an der “Allgemeinen” sehr gut bezahlt erhält. Mich macht dies Aufschieben besorgt, und sein Ruhm? es ist kurios damit. Er selbst zitiert mir ein Journal nach dem andern, deutsche und französische, wo ich die brillantesten Sachen über ihn nachlesen soll (eins, im Literaturblatt des “Morgenblatts”, über sein “Schloß am Meere” habe ich wirklich gelesen und zweifle auch nicht am Dasein der andern), kann aber durchaus auf niemanden treffen, der diese Ansichten teilte, weder Hiesige noch Fremde, die Laßberg besuchen. Es hat zwar jeder irgend etwas von ihm gelesen, wenigstens in den “Dombausteinen” und Journalen, viele auch sein “Schloß am Meere”, aber keiner will ihn loben, alle finden ihn oberflächlich, geschraubt, seine Erfindung ärmlich und unnatürlich und seine Charaktere ohne Leben und Konsequenz, kurz, halten ihn für eine in der Literatur ganz unbedeutende Person. Wie soll ich das verstehn? Gibt’s eine Verbrüderung die sich wider die Stimme des Publickums, gegenseitig herausstreicht? Oder bin ich nur zufällig immer an solche geraten, denen er nicht zusagte?

Ich selbst finde seine Schriften zwar keineswegs schön im ganzen, aber doch manche einzelne Szene sehr gelungen. Sein Trauerspiel (”Günther von Schwarzburg”) dagegen, was er mir Unglücklichen zur Durchsicht, bevor er es einem Verleger anbiete, schickt, ist, so fürchte ich, abominable. Laßberg findet es wenigstens, und was ich bis jetzt davon gelesen (der 1ste Akt), widerspricht dem leider nicht. Es scheint ganz im Genre seines früheren Ritterschauspiels, etwas besser, aber blutwenig; ein wahrer Zwillingsbruder. Jetzt wissen Sie genug! Dabei wird es ihn allen Katholiken verhaßt machen, da er in einem Zuge des Schimpfens auf “Papst und Pfaffen” bleibt. Ich scheue mich zu antworten, seine Frau wird spinnengiftig werden!

Sein häusliches Leben ist, wie gesagt, sehr glücklich. Er weiß, wie sehr ich gegen Aufwand in seiner Lage bin, und schreibt deshalb wiederholt, “wie sparsam, ja fast geizig sie beide jetzt seien, nirgends glücklicher als ganz still bei einander in ihren vier Wänden; keine Gesellschaften gebend, außer jeden Abend einige Hausfreunde zum Tee, keine besuchend, außer einigen Assembleen, wo sie zu Tableaux mitwirken müßten, und namentlich seine Frau sich in den Hauptrollen superbe ausnehme”. Nennen Sie das Sparen? Und nun vollends zwei so teure Lustreisen in einem halben Jahre, nach München und nun gar nach Italien! Und so
kurz vorher die Hochzeitsreise! Ich fürchte, der Frau Kapitalien müssen herhalten, obwohl er alles aus der Feder zu saugen hofft mit Beiträgen fürs Beiblatt der “Allgemeinen”, worin er aber bis jetzt nur ein paar kleine Aufsätze geliefert hat (mit S. am Anfange bezeichnet), die höchstens einen Bogen ausmachen. Und dies zwar in der ersten Zeit, und nachher nichts wieder. Gottlob scheint noch kein Ehesegen da zu sein, und ich bringe dies mit den italienischen Seebädern in Verbindung.

Sch[ücking] ist übrigens doch wirklich gutmütig, das sehe ich jetzt aus hundert Dingen, aber aufgeblasen und leider kopfloser als je. Denken Sie nur! Um mir die Lesung seines “Günthers” zu erleichtern und auch Laßberg diesen Genuß vorläufig zu verschaffen, läßt er extra zwei Abdrücke machen (hoffentlich auf der Schnellpresse), unterstreicht dann die alleranstößigsten Stellen in meinem Exemplar (es blieb doch noch immer ein Greuel von Anstößigkeit für Katholiken) und bittet mich, es Laßbergen selbst vorzulesen, und jene Stellen auszulassen. Dies gethan, siegelt er das zweite Exemplar mit einem zierlichen Briefe an Laßberg ein und schickt’s mit derselben Post ab, so dass dieser schon tief darin zu lesen war, als ich hinauf kam, aber so diskret gewesen ist, sein Mißfallen nur gegen mich zu äußern, bei Mama und Jenny aber das ganze Geschenk durch langwieriges Vorententhalten in Vergessenheit zu bringen.

Den Cotta glaubt er (Sch.) total in der Tasche zu haben, antwortet auf meine Mahnungen zur Vorsicht, er frage den Henker nach Cotta! Er brauche Cotta nicht, aber Cotta ihn, und werde sich wohl hüten ihn fortzuschicke, und erzählt mir dann allerlei anstößige Witze, die er über Cotta gemacht, und worüber Kolb und einige andre Literaten (die er nennt) tüchtig gelacht hätten. Ich muss mich am Ende noch freuen, dass Kolb seiner Frau die Cour macht und ihn hoffentlich deshalb schonen und halten wird, er allein würde sich sicher zu Grunde richten.

Eine mögliche Untreue befürchte ich nicht, da sie L[evin] wirklich leidenschaftlich zu lieben scheint, und ihn offenbar für den ersten Mann seiner Zeit hält, ich denke mir ihr Betragen als bloße Bornstedtische Gefallsucht, und hier wahrscheinlich sehr angefeuert durch das Bewußtsein, dass dies der einzige Weg ist, ihres Mannes Liebe und Bewunderung wach zu erhalten. Ihre Schriften machen mehr Glück wie die seinigen, und er hat mir selbst triumphierend geschrieben, dass sie ihm in einer Rrezension (die ihm Kolb vorgelesen) als Muster vorgestellt sei, auch mache sie jetzt sehr schöne Gedichte, und überhaupt müsse er staunen über die Menge von Gaben, die nach und nach an ihr zum Vorschein kämen et cet. Dennoch scheint seine alte Anlage zur Blasiertheit zuweilen durchzukommen, und sie klagte mir mal recht schmerzlich, wie schwer er es ihr zuweilen mache, an seine Liebe zu glauben.

Genug hiervon, und natürlich alles nur allein für Ihr Auge. …

NB. ich habe jetzt Sch[ückings] (sehr kurzes) Trauerspiel zu Ende gelesen, es ist doch bedeutend besser wie das frühere und nähert sich an Werth mehr seinen Erzählungen, steht aber doch unter ihnen und ist ein wunderliches Gemisch von Gutem und Schlechten. Dann eine zu Herzen gehende Phrase, dann eine miserabel schwülstige; zuweilen wahre Menschenkenntnis und Zartheit, und dann gänzliches taktloses Vergreifen, sowohl in Handlung wie Charakteren; einzelne Momente sehr glücklich für die Bühne berechnet, andre Szenen zum Sterben langweilig. Ich würde es eine sehr fehlerhafte Schülerarbeit, die aber gute Anlagen verrät, nennen, wenn Schücking nicht zum Schüler zu alt, zu routiniert und namentlich in diesem Fache schon zu versucht wäre; jetzt bleibt’s dabei, er hat kein Talent zum Drama. Doch könnten sehr gute Schauspieler das Stück bedeutend heben, wenn sie über die schlechten Stellen schnell wegrutschten und die guten mit all ihrem Feuer und Aplomb höben. …

(Am Rande:) Aber, Lies, antworten Sie doch bald! Das muss ich nochmals wiederholen; Sie glauben nicht, welches Labsal mir Ihre Briefe sind - mein Bestes hier - jeder mir beinahe so lieb wie Cottas Brief mit dem 100-Louisdor-Kontrakt!

Meersburg, 3. April 1844

aus: 1843, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Allein zu lesen
Von der Bornstedt kann ich Dir eine lange Cantelaine erzählen, sie schreibt zuweilen ihrer letzten Hauswirtin, Madame Glaß, und vor 6—8 Wochen kamen lamentable Briefe, “sie sei in Luzern jetzt ebenso melancholisch wie in Münster, die Schweizer seien geldgierige Leute, und die Verwandten ihres Nikolaus türmten Hindernisse auf, er selbst aber halte fest in treuer Liebe” - gleich darauf ein zweiter Brief - “Es sei ein Familienrat gehalten, und da man heraus gebracht, dass sie kein bestimmtes Einkommen besitze, werde wohl aus der Heurat nichts werden können, und sie nach Münster zurückkommen” - Du kannst dir den allgemeinen Schrecken nicht denken!

Es war wirklich lächerlich! Wo man nur einem Bekannten begegnete, da hieß es gleich “Um Gotteswillen! haben Sie’s gehört? Die Bornstedt kömmt wieder!” Denn manche Leute, die noch in Gutem von ihr geschieden waren, in der festen Meinung, hoch bei ihr im Brette zu stehn, hatten seitdem erfahren, wie schlecht oder wenigstens erbärmlich geringschätzig sie von ihnen gesprochen hatte, und waren wütend (denn sie verachtet, als echte Berlinerin, uns stupiden Westfalen aus Herzensgrund, und obwohl sie jedem ins Gesicht schmeichelte, konnte sie es doch nie aushalten, wenn jemand gelobt wurde, und platzte dann jedesmal mit ihrer klatrigen Meinung heraus).

Zu gleicher Zeit schrieb sie einen impertinenten Brief an den Gouverneur (General Pfuhl), welcher mit unserm Könige in Neufchatel gewesen war, wo sich ihm plötzlich die Bornst[edt] als alte Bekannte von Münster und jetzt Braut eines Baron Rütimann vorgestellt, und ein Lobgedicht auf den König zur Überreichung eingehändigt, was er auch besorgt, und ihr dafür ein Geschenk von hundert Talern verschafft hatte; jetzt schrieb sie ihm, “Er hätte seine Sachen schön ausgerichtet! Was ihr lumpige 100 Reichstaler helfen könnten! Für ein solches Gedicht hätte sie wohl eine Pension erwarten dürfen, und es liege nur an ihm, dass sie sie nicht bekommen! Unter diesen Umständen würde wohl aus ihrer Heurat nichts werden, und sie nach Münster zurück kommen”.

Alles war in trübseliger Erwartung, da kömmt vor 14 Tagen ein ganz gloriöser Brief an die Madame Glaß: “Die Schweizer seien Geldmenschen, und man könne also denken, wie es einer armen Poetin ergangen sei, das ganze kleine Luzern habe auf dem End gestanden und sie genug zerrissen und verklatscht, wegen ihres mutigen Schrittes, selbst herüber zu kommen, jetzt aber sei ein goldner Schleier über sie geworfen, da die Tante Bismark schriftlich versprochen, sie zur Erbin einzusetzen, und sie lebe jetzt, hochgeehrt, in der Hautevolée der Gesellschaft, werde auch nicht nach Münster kommen … ihr Nikolaus sei ein herrlicher Mensch, obwohl ihn alle Philister für einen Erztaugenichts ausschrien, weil er tagelang im Gebirge umherstreifte, mit den Briefen einer gewissen deutschen Poetin in der Tasche; in Luzern sei eine schatzreiche Witwe, die ihn mit Gewalt heuraten wolle, er bleibe ihr aber treu et cet.” So stehn die Sachen, die schatzreiche Witwe wird wohl dieselbe verrufene Witwe sein, die ihn (wie Liebenau schrieb) früher unterhielt, wenn der Artikel mit der Tante aber wahr ist, glaube ich doch beinahe, dass aus der Heurat was wird; es wird ihr schlecht genug gehn, aber sie will’s ja mit Gewalt! Jedenfalls sind wir sie vorläufig los.

Rüschhaus, 17. Februar 1843

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Hülshoff

Denken Sie sich das Malheur: die Bornstedt kömmt wieder!! und ich möchte schreien wie Frau Kratzefoot im Reineke de Voß: “O waih, o waih, se is allerdinge do!” Da ist sie zwar noch nicht, aber wir können sie jede Stunde erwarten, und ich glaube jetzt beinahe, dass sie schon lange im Klaren ist und nur gehofft hat, die desperaten Umstände durch eine vom Könige ersungene Pension noch heiratbar zu machen; Sie wissen, dass sie bei der Anwesenheit desselben sich in Neufchatel eingestellt, mit scharfen Rekommandationen dem General Pfuhl ein Gedicht übergeben, und dieser ihr dafür hundert Thaler vom Könige verschafft hat.

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