1819 18.September

Du schreibst mir, ich soll im Oktober herüberkommen; da ich mich aber so durchaus wohl befinde und die hiesigen Ärzte behaupten, dass gerade die Bergluft dasjenige wäre, wovon ich auf Dauer meine völlige Genesung erwarten müsste, so wollen die Großeltern noch nichts von Abreisen hören. Was mich anbelangt, so tue ich das, was Ihr über mich beschließt, auf jeden Fall mit Freuden.

Ich will nicht leugnen, dass ich sehr gern mal wieder bei Euch wäre, aber doch kann ich versichern, dass ich, sooft ich an Euch denke, doch nicht eigentlich das Heimweh habe, wie die Frau von Korff meinte; freilich bleibt einem das väterliche Haus natürlich immer das liebste, und es ist eine außerordentliche Freude, wenn man in einer fremden Gegend etwas von Hause hört, und so mögen meine vielen und dringenden Fragen nach allem, was Münster anbelangt, die Frau von Korff wohl auf diese verkehrte Idee gebracht haben; zudem muss ich sagen, dass, da ich noch fast gar nicht bei den Großelten habe sein können, es mir unbillig und auch etwas schämerlich vorkömmt, jetzt wieder fortzugehen, ohne den Zweck, zu dem ich eintlich hergekommen bin, erfüllt zu haben.

Du musst nun nicht denken, mein lieber alter Papa, als ob mir irgendein Ort so lieb sein könnte wie Hülshoff, aber ebenso musst du auch nicht glauben, als ob [ich] mich bloß durch Rücksichten hier zurückhalten ließe; ich versichere Dich, dass, wenn ich nur im mindesten glaubte, dass mein längeres Hierbleiben meiner Gesundheit schädlich sein könnte, ich den vorher genannten Grund weiter nicht berücksichtigen würde; weil es alsdann doch noch eine nähere Pflicht wäre, für die Erhaltung meiner Gesundheit zu sorgen. Ich werde hier zudem so äußerst freundlich und liebevoll behandelt, dass ich nächst Hülshoff hier wohl am liebsten bin, doch richte alles ein, wie Du willst, mein lieber Papa, und vergiss, bitte, die bewussten Stunden nicht, ich denke auch immer daran, aber ein paarmal habe ich es in Driburg versäumt, weil ich schlief, ich habe es aber nachgeholt.

Bökendorf, 18. September 1819

Hintergrund: Die Droste ist am 10. April 1819 zu den Großeltern nach Bökendorf abgereist und unterzieht sich von dort aus von Ende Juni bis Anfang September in Bad Driburg einer Kur wegen Leib- und Magenschmerzen, Übelkeiten, Kopfweh. Nach ihrer Rückkehr nach Bökendorf trifft sie dort auf den ihr zugetanen Heinrich Straube. Die Heimkehr nach Hülshoff wird auf das Frühjahr 1820 verschoben.
Für bestimmte Tageszeiten - die bewussten Stunden - hat Annette offenbar mit ihrer Familie verabredet, aneinander zu denken.