1842 29.September

Geschrieben hast Du nun zwar nicht, jedoch denke ich mir Dich wieder zu Hause und in einer Stimmung, wo das Andenken Deiner Freunde anfängt in Dir wieder aufzuleben; Du hast jetzt allerdings eine schwere Stellung, die alle Deine Zeit und Kräfte in Anspruch nimmt, aber doch mindestens eine unbehinderte, was weniger für Dich als für diejenigen, denen jetzt alle Deine Pflichten gehören, so viel wert ist, dass man kaum wagen darf über das Schicksal zu murren, auf welchem ergreifenden und traurigen Wege es dieses auch herbeigeführt hat. Dennoch traust Du mir wohl zu, dass mein erstes Gefühl aufrichtiger Kummer um einen Mann war, den ich so voll Lebenshoffnung verlassen hatte, und der sich mir immer geneigt und nach seiner Weise freundlich gezeigt hat, mein zweites aber war der erleichternde Gedanke, welche Leiden auf ihn gewartet hätten, wenn sein Übel den gewöhnlichen langsamen Gang verfolgte. Für den Brustwassersüchtigen gibt’s nur noch eine Hoffnung, die, welche an Mertens erfüllt worden ist. Liebes Herz, du hältst mich wohl für gefühllos, aber ich habe am selben Übel Leidende auf eine andre Weise sterben gesehn und kann mich seitdem nur erleichtert fühlen, wenn jemand, dem ich wohl will, diesem entgeht.

Ich selbst bin mich leider einer ähnlichen, wohl nicht mehr zu unterdrückenden Anlage bewußt, und nur die Hoffnung, dass meine Vollblütigkeit mich vor der völligen Ausbildung ebenfalls einem raschen schmerzlosen Ende zuführen wird, erhält mich bei dieser Aussicht einigermaßen aufrecht. …

Ich denke mir, Du wirst jetzt das ganze Geschäft wohl Rudolphen übergeben und Gustaven zurückkommen lassen. Schreib mir doch ausführlich über alles! Du weißt, wie es mir am Herzen liegt, Dich möglichst ruhig und kummerlos zu wissen. Ich habe es lange verlernt schöne Worte zu machen, aber ich denke sehr viel an Dich und folge dem Gange Deines Schicksals mit Sorge und Liebe. Wirst Du nach wie vor sommers in Plittersdorf, winters in Bonn bleiben? Wie macht sich die Teilung des Vermögens, da ihr Gütergemeinschaft hattet? Kömmt nicht Adele jetzt vielleicht auf einige Zeit zu Dir, da dem, wenigstens von einer Seite, nichts mehr im Wege steht und Wolf ja ihr ganzes Zutrauen hat? Ich bin nicht ruhig, bis ich, wenn auch nur durch einige Zeilen, erfahren habe, wie Dir jetzt ist und wie Deine Zukunft sich gestaltet. …

Ich selbst befinde mich leidlich wohl, anfangs wollte mir das hiesige Klima gar nicht mehr zusagen, und ich bin einige Wochen lang recht herunter gewesen, jetzt macht es sich, und ich nehme mit geringem vorlieb, da ich an wirkliche Gesundheit seit zwanzig Jahren nicht mehr gewöhnt bin. Ich lebe nach der alten Weise still vor mich hin, gehe täglich auf ärztlichen Befehl einige Stunden spazieren, amüsiere mich mit meinen Sammlungen, bekomme nun und dann durch meine münsterischen Freunde etwas neue Literatur zu Augen und schreibe mitunter ein paar Zeilen, entweder zu Verstärkung eines Bands Gedichte, der übrigens schon ziemlich dickleibig ist, oder eines prosaischen Werks, wo allerdings noch die größere Strecke vor mir liegt. Wegen der Wahl eines Verlegers bin ich noch sehr schwankend und möchte, dass jemand mit einem entscheidenden Rate durchgriff. Cotta, bei dem Schücking, wenn nicht ohne mein Vorwissen, doch gegen meinen Wunsch, angefragt hat, hat sich nicht abgeneigt bezeigt, und sein Verlag wäre freilich der glänzendste und zur Verbreitung geeigneteste, doch möchte ich lieber einen Verleger vorziehn, der sich mir selbst angeboten hat, und deren sind drei. Zuerst mein alter Verleger, die Aschendorffsche Buchhandlung in Münster, die mir aber doch zu obskur ist, dann Velhagen und Klasing in Bielefeld, eine noch junge aber großartig auftretende Firma, die bereits in großen Massen verlegt und wohl deshalb den Vorzug verdiente weil ihr mehr an mir gelegen scheint wie den andern und sie, da ich ihren Brief nicht beantwortet habe, sich seitdem schon zweimal an einen meiner Bekannten gewandt hat mit der Bitte, ihren Antrag zu unterstützen, so dass sie sich nie beklagen dürfte, falls der Absatz ihrer Erwartung nicht entspräche, was mir viel wert ist.

Endlich hat mir nun noch Adele vor zwei Jahren von einem dortigen (in Weimar oder Jena) Buchhändler geschrieben, der alles von mir übernehmen wolle, Poesie oder Prosa, wie es sich vorfände, ob auf ihr Zureden oder freiwillig, weiß ich nicht. Damals habe ich wenig darauf geachtet, weil ich nichts zu geben hatte, und seitdem ist mir die Adresse verlorengegangen, doch will ich nochmals darüber an Adelen schreiben und mich dann schnell entschließen, da bis zur Ostermesse doch etwas erscheinen muss und ich bei dem einmal gewählten Verleger gern bleiben möchte.

Verzeih, gutes Herz, diese lange Brühe über Dich so wenig Interessierendes! Es ist eben ein Schriftstellerfehler, der kleinen wie der großen, immer um ihr eignes Lichtstümpfchen zu spazieren.

Rüschhaus, 29. September 1842 (oder 9.10.?)

Mehr zum Adressaten: Sibylle Mertens-Schaaffhausen
Hintergrund: Bei Brustwassersucht sammelt sich als Folge von Herzfehlern oder Kreislaufstörungen Flüssigkeit zwischen Lunge und Brustwand; sie kann zu schwerer Atemnot bis hin zum Tode führen - wie im Falle von Sibylle Mertens' Ehemann Louis.
Nach dessen Tod kommt es zwischen Sibylle und den Kindern zu einer Auseinandersetzung um das Erbe. Die Kinder zwingen ihre Mutter schließlich gerichtlich, ihr Vermögen zu veräußern, damit sie deren Erbteil auszahlen kann. Das Verfahren zieht sich über mehrere Jahre hin und hat zur Folge, dass Sibylle Mertens sich finanziell deutlich einschränken muss.