1839 1.September

Was sagen Sie dazu, dass ich Ihrem Manne schreibe? So geht’s, Elise, wenn man zu arglos ist! Sie tun Ihre frommen Augen lange nicht weit genug auf. Warum lassen Sie so gefährliche junge Personen in Ihr Haus? … Aber ernstlich, liebes Herz, geben Sie den einliegenden Brief Ihrem Herren Gemahle, er betrifft unseren guten Schücking. Mit Hassenpflug das ist leider nichts. Er hat mein Schreiben erst ganz vor kurzem vorgefunden, als er, nach einer längeren Abwesenheit, zurückkehrte, und war schon vorher längst mit einem Sekretär versehen. Artigkeiten hat er genug geschrieben, sein Brief schwimmt in Freundschaft und Erinnerungen, doch was nutzt mir das? Ich weiß nun zwar, dass er sich Schückings gelegentlich erinnern wird, aber wann? Das könnte doch zu lange werden. So denke ich vorläufig auf was anderes, spanne hier und dort andre Stricke an und denke: Einer wird doch wohl am Ende halten!

Sie sehen, dass ich, weit entfernt Ihrem Schützling das nötige Interesse zu versagen, vielmehr entschlossen bin, ihn nie im Stiche zu lassen, soweit meine Kräfte reichen. s‘ ist schändlich, wie jetzt alles so ordentlich und regelrecht geht, nicht mal Generale und Minister können ihren Kindern mehr ein tüchtiges Avancement machen; da war es vor Zeiten besser, wo man seine Günstlinge gleich mit der vorläufigen Bestallung in der Tasche abschickte, die nur unterzeichnet werden durfte!

Ich habe mich recht geplagt, bei Ihrem Herrn Gemahle eine schöne Handschrift zu produzieren, doch ist’s schlecht gelungen, da man hier nicht mit christlicher Dinte schreibt, sondern mit einer Art graulichen Kotes, den man erst sorgfältig abputzt, sooft man eintunkt. Ich hoffe, dass Rüdiger meinen Brief nicht an Schücking zeigen wird. Er ist geschrieben, wie er nicht anders sein konnte, dennoch, fürchte ich, würde unser Freund schwerlich damit zufrieden sein. Ach! dieser arme junge Mensch sieht noch nicht halb ein, wie wenig ihm das alles, dem er seine besten Kräfte zugewendet und mit Recht darauf stolz ist, in der Welt voran helfen kann! Sonst war es anders, als noch ein Kenner der mittelalterlichen Sprachen eine weiße Krähe war, der jedermann nachstellte, und die neuerrichteten Lehrstühle nur auf Subjekte warteten, die sie besetzen könnten, aber jetzt, nachdem diese Gegenstände zwanzig Jahre lang auf allen Universitäten vorgetragen sind, gibt es überall tüchtige Leute in diesem Fache, und nur die ausgezeichnetesten Gelehrten können sich auf die sehr wenigen Lehrstühle Hoffnung machen; sind doch selbst die Gebrüder Grimm noch ohne Brot, nachdem sie die Stellen fahren ließen, die ihnen jene glückliche Anfangsperiode gegeben. So wird unserm Freunde auch wohl die trockenste Prosa durchhelfen müssen, wenn er nur hinlänglich davon besitzt, was ich oft, mit betrübtem Herzen, bezweifle.

Abbenburg, 1. September 1839


1 Anmerkung

  • # Levin Schücking:
    Levin Schücking

    Annette von Droste bewies mir in dieser Zeit, dass sie noch immer jene Art von Verpflichtung zu haben glaubte, welche sie beim Tode meiner Mutter überkommem zu haben erklärte. Sie war voll Sorge um meine Laufbahn und sehr unzufrieden damit, dass ich in meinem jugendlichen Glückvertrauen mit Hoffnungsträumen und Luftschlösserbauen die Zeit verlor, den kostbaren angesammelten Schatz von juristischen Begriffen und schönen tiefsinnigen Pandektenstellen verzettelte, und mit der grünen Begeisterung eines ausschließlichen Dranges – Literatur trieb.
    Aus: Annette von Droste. Ein Lebensbild. 1862