… ich habe die Stunden zum Lesen wirklich stehlen müssen, mein Lebensweg ist sonst so ruhig und einfach, aber in den letzten zwei Monaten ist mir allerlei quer drüber gelaufen - zwei Verlobungen, eine Hochzeit, der Besuch eines Onkels, welcher erst vor einigen Stunden abreiste, und, was in den letzten Wochen vor allem meine Zeit beschränkte, die schwere Krankheit meiner guten Amme.
Jetzt ist alles so ziemlich wieder im Gange, d.h. so weit es der früheren Zeit ähnlich werden kann, meine Schwester ist freilich 200 Stunden von hier, und wann und wo wir uns auch wieder treffen, das Verhältnis wird eine andre Form haben. Ich weiß nicht, ob der Gedanke an etwas unwiderbringlich Vergangenes auf Sie dieselber Gewalt übt wie auf mich; wahrscheinlich nicht, denn Ihr Charakter ist mild. Aber der meinige enthält einen starken Zusatz von Sauerteig. Die Gewohnheit ist zudem meine Tyrannin, was einmal mein ist, müsste sehr schlecht sein, wenn ich es ganz und gar und für immer missen möchte, ich glaube wahrlich nicht einmal die Mücken - was meinen Sie, wenn wir jahrelang in einem fremden Land leben müssten, was von dieser Plage befreit wäre, würde uns bei dem ersten Stich einer vaterländischen Mücke nicht das Herz im Leibe lachen? Oder wenn wir jahrelang in einem Kerker gesteckt, und jeden Zollbreit Raum, jede an die Wand gekritzelte Zeile dort zu eigen gemacht hätten, würden wir, nach einer Reihe von Jahren, für einen kurzen Aufenthalt darin nicht gern ein größeres Trinkgeld zahlen, als das beste Opernbillet kostet?
Rüschhaus, 5. Dezember 1834
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