1842 25.Mai

Im Museum war ich seit einigen Tagen nicht, bis dahin war meine „Judenbuche“ beendigt, von der ich nur das im vorigen Briefe Gesagte wiederholen kann, nämlich: dass ich den Effekt fand wo ich ihn nicht suchte, und umgekehrt, das Ganze aber sich gut macht. Es ist mir eine Lehre für die Zukunft und mir viel wert, die Wirkung des Drucks kennengelernt zu haben. Gestrichen hat man mir nur einmal ein paar Zeilen, nämlich das zweite Verhör ein wenig abgekürzt; wenn du es nicht etwa schon getan hattest, worüber ich ungewiss bin. Zuerst war ich zürnig, grimmig wie eine wilde Katze, und brauste im Sturmschritt nach Deisendorf; auf dem Rückwege war ich aber schon abgekühlt und gab dem Operateur – Hauff, Dir oder gar mir selbst – Recht; sonst ist Wort für Wort abgedruckt.

Unmittelbar hinterdrein erschien „Die Judenstadt in Prag“, von Kohl. Ich erschrak und dachte, es sei eine gute Erzählung, mit der man die Leser für meine schlechte entschädigen wolle, statt dessen war es aber ein meiner Geschichte gleichsam angereihter Aufsatz über die Stellung der Juden überall und namentlich in Prag. Jetzt schien mir eher etwas Günstiges darin zu liegen, als ob man das Interesse der Leser durch meine Judenbuche für diesen Gegenstand angeregt glaube; habe ich recht oder nicht? Auch die „Bilder aus dem Soldatenleben im Frieden“ fangen wieder an sich fortzuspinnen. Poetisches? Sehr schlechte „Deutsche Lieder“ von Knapp und ein Gedicht von Freiligrath; den Titel habe ich leider vergessen, es hat mir aber durchaus nicht gefallen. Der Held aus der Reformationszeit, ich glaube Ulrich v. Hutten, würfelt auf einer Felsplatte mit Felsblöcken, wo jetzt ein Bad steht, und auch die Würfel klingen; der Refrain „ich hab’s gewagt“ zuweilen ziemlich bei den Haaren herbeigezogen; von Dir oder mir noch keine Zeile.

Der „Merkur“ ist seit einigen Tagen ausgeblieben; was mag das bedeuten? Nach den vielen Bränden überall wird man ordentlich apprehensiv. Bisher stand, außer dem Hamburger Unglück, was alle Blätter anfüllt, nichts darin als Heringe und Bücklinge und diverse Schuster und Schneider, die die Welt durch ihr Abscheiden betrübt oder mit Nachkommenschaft erfreut hatten.

Den 27sten. Soeben komme ich vom Museum, voll Jubel über Dein „Westfalen“, was in Nr. 122 (23sten Mai) steht und sich ganz köstlich macht. Du bist doch ein Baasjunge! Meine Mütze kann ich nicht in die Luft werfen wie Freiligrath, weil ich keine trage, aber ich möchte Dich zu Brei zusammendrücken, wenn ich Dich nur hätte! Du Schlingel, warum bist Du nicht bei mir? Es ist doch sonderbar, wie das Drucken metamorphosiert; für so unendlich schöner wie Deine „Meersburg“ hätte ich das Gedicht nicht gehalten, obwohl Du dieser auch unrecht tust, die immerhin eine hübsche Poesie bleibt. …

Von Elisen habe ich einen neuen Brief, wo sie mir für meine Nachrichten dankt und große Freude über meine nahe Zurückkunft äußert. Die Bornstedt ist nicht in Herbern geblieben – auf Anraten ihrer Freunde, wie sie sagt – sondern fortwährend in Münster, wo sie Elisen und mir alles gebrannte Herzeleid anzutun sucht. Aber wart, du schwarze Hexe, ich will dich schon zusammensetzen, wenn ich erst da bin! …

Meine „Weltverbesserer“, das einzige meiner Gedichte, was mir auswärts wirkliche Beachtung zuwege gebracht hat, scheint in Münster höchst klatrig fortzukommen; wenigstens gibt mir Elise allerlei verschleierte Winke über „Unverständlichkeit“ und „vernagelte Köpfe“. Im Lafleur hat sie die Bornstedt auf der Stelle erkannt und meint, es werde jedem so gehn, außer ihr selbst. …

Adieu, mein liebes altes süßes Herz; ich habe alles so vollgequackelt, dass ich Dir kaum noch sagen kann, wie unmenschlich lieb ich Dich habe, und wie ich immer an dich denke. Adieu!

Meersburg, 25. Mai 1842

Mehr zum Adressaten: Levin Schücking
Hintergrund: Im Meersburger Museum gibt es einen Lesesaal, in dem Zeitungen wie das "Morgenblatt", die "Kölnische" und die Augsburger "Allgemeine Zeitung" ausliegen.
Mit dem Hamburger Unglück ist der Große Brand gemeint, der in der Nacht auf den 5. Mai 1842 in einem Speicher ausbricht. Die Flammen breiten sich schnell aus und geraten außer Kontrolle - mit verheerenden Folgen: Nach vier Tagen Feuersbrunst liegt ein Drittel der Stadt in Schutt und Asche, mehr als 50 Menschen sterben, 4000 Gebäude werden zerstört, fast 20.000 Menschen verlieren das Dach über dem Kopf.
Das Droste-Gedicht "Warnung an die Weltverbesserer" wird erstmals im "Morgenblatt" vom 26. März 1842 abgedruckt, später erscheint es auch in der "Kölnischen Zeitung" (1. April 1842) und im "Westfälischen Merkur" (4. April 1842).
In Schückings Novelle "La fleur", erstmals erscheinen 1842 in "Europa, Chronik der gebildeten Welt", wird die gemeinsame Bekannte Luise von Bornstedt ironisch porträtiert.