Kommentare

Von Monika Gemmer

Alle erwähnten Kommentare der Zeitgenossinnen und Zeitgenossen:

  • Von Adele Schopenhauer zu Nun tun alle die Mäuler auf

    Nun denn, ich weiß selbst nicht, warum ich nicht geschrieben, nicht gedankt, nicht gesagt habe, Ihr großes Westfälisches Gedicht sei eine einzige Perlenschnur vollkommen allerliebster Einzelheiten, von einem einzigen warmen wahren Gefühl aneinandergehalten und gereiht – Nette, was weiß ich, ich hätte viel Hübsches sagen können und schwieg. Aber Ihre Gedichte lagen bei Kühne, der sie rezensiert, Gutzkow hat, Gott weiß wie, zuerst die Kunde durch die literarische Welt geschickt, und O.L.B. Wolff wartet auf die Rückkehr meines Exemplares, um auch seine Meinung in die „Europa“ oder sonst wohin zu senden. Allgemein entzücken die katholischen geistlichen Lieder; die Herren fühlen die kahle Kälte ihres Pseudokatholizismus z.B. in den Klosternovellen, und erkennen Ihre Kraft an. Sternberg war entzückt, so ist’s Ottilie, aber wir alle haben nur das eine Exemplar, sie sind noch gar nicht zu haben, und Sie müssten Ihren Buchhändler zwingen, sie an die Hauptbuchhandlungen zu senden. Sie werden allmählich überall durchbrechen und erlangen, was Sie wünschen: ein parteiloses, ernstes Urteil, Lob und Tadel, Anerkennung. Ich könnte Sie um Ihr gewaltiges Talent beneiden, wenn ich mir irgendein Talent wünschte. Lassen Sie die gute Tante Sophie und die Vettern reden, lachen Sie herzhaft, beschwichtigen Sie die Tante mit den allmählich ruhig urteilenden Männern vom Fach und vor allem lassen Sie sich nicht irre und nicht ernst machen. Es kann keine artigere Komödie geben, als diese Szenen, die Sie mir nacherzählen; schreiben Sie sie selbst als Komödie à la Molière auf, lassen Sie sich amüsieren, indem Sie aus sich selbst herausgehen. Bald ist dies Geplänkel beschlossen, den Leuten fällt etwas anderes ein, derweilen haben hier im Norden andere Ihr Buch gelesen und nun kommt erst die eigentliche Kritik. Wenn ich komme, will ich Ihnen Ihre geistlichen Lieder vorlesen, die ich, sagt man, wunderschön spreche und Sie werden begreifen, daß schon diese, in denen Sie nichts sind als Sie, und nicht an Byron erinnern, Ihren Ruhm bei uns sichern! Ihre Ballade entzückt die Leute, doch schilt man, daß Sie die Handgriffe, die Ökonomie der Darstellung, die eigentliche Kunst des Schriftstellerns nicht gründlich könnten und dass das gewaltige Talent noch nicht von bewusster Willkür geleitet wäre. … so himmlisch Ihre Naturbilder, so kühn und groß Ihre Bewegungen in diesem Ideen- und Bildermeer sind, so habe ich doch nicht eine Minute daran gedacht, daß ich so die Feder führen möchte. Ich freue mich aus Herzensgrund endlich der Pein dieses Schaffens überhoben zu sein. Es ist mir schwer geworden, mein Talent zerstören zu sehen, doch sind alle diese Art[en] poetischer Anlagen phönixartig, es bricht in einer andern für mich minder gefährlichen Form hervor. Meine Art Lebensansicht, meine zunehmende Klarheit, alle die wirklich schauerlichen Menschenseelen, die mir nahe treten – sie würden mich zu einer Schreibart verleiten, die ich keiner Frau wünschen kann. Wolfgang Goethe wird, denke ich, ein sehr großer Dichter, aber der Preis um den er es wird, könnte mich unsinnig machen, hätten mich nicht Erfahrungen längst gegen diese Kompensationsqual der Welt und der Natur fest gemacht. Ich erkenne sie, so eisern gelassen, wie die Alten das Fatum. Je länger ich lebe, je mehr fühle ich, dass mich nichts mehr lockt, glauben Sie mir … Weimar, 16. Dezember 1838
  • Von Christoph B. Schlüter zu Mein Mergel ist anders

    Ihr Geschmack, den Sie in Betreff der geistl[ichen] Poesien aussprechen, hat meinen völligen Beifall, wie alles übrige, was Sie bei diesem Anlaß bemerken; nur lebe ich der frohen Zuversicht, daß noch einst viele dadurch mächtig gekräftigt erhoben, geleutert und heilsam erschüttert werden sollen, wie ich auch nicht im Mindesten vor Mangel an Fülle und Mannigfaltigkeit besorgt bin; was etwa so erscheinen könnte wird die Entschiedenheit des Willens und die eigentümliche Erschaffung des Gegenstands mit ihrem Verstande hinlänglich ersetzt haben, wenn anders derselbe Geist wie bisher in Ihnen fortlebt und hilft. Hierüber wie über die Novelle mündlich ein mehres.
    Münster, 30. August 1839

  • Von Levin Schücking zu Ein gewisser Levin

    Annette von Droste war etwa zweiunddreißig Jahre alt, als ich sie zum ersten Male sah. Es war im Frühjahr 1830. Aus den Heiden- und Sandsteppen des nördlichsten Westfales, die wie eine schauerliche Wüste die grüne Park-Oase meines Heimathauses umgeben, war ich, mit fünfzehn Jahren, von meinen Eltern auf das Gymnasium der Landeshauptstadt gesandt und hier einem geistlichen Herrn in speziellen Obhut anvertraut worden. Ein Brief meiner Mutter, deren Geistesleben und nicht gewöhnliches, in jener Zeit unsrer engern Heimat hochgestelltes dichterisches Talent in den vom Minister Fürstenberg in Münster versammelten Kreisen oder durch deren Einfluss geweckt war, empfahl mich der ihr befreundeten Dichterin. Beider Freundschaft war durch M. Sprickmann, den Genossen des Hainbundes, Verfasser der berühmten Münsterschen Schulordnung usw. vor Jahren vermittelt. …

    So wanderten wir an einem schönen Frühlingsnachmittage zum Tore hinaus – in nordwestlicher Richtung … Durch ein Gehölz endlich führte der Weg, dann durch eine kurze Eichenallee, zuletzt an ein hohes hölzernes Gittertor, das den Übergang über einen schmalen Graben abschloss, welcher letztere den kleinen Edelsitz „Rüschhaus“ umgab. Das Gebäude hatte etwas Eigentümliches; es hatte wenig gemein mit den anderen adeligen Häusern, wie sie gewöhnlich in unserem Lande aussehen; es war ein Bau, vollständig wie das echte altherkömmliche sächsische Bauernhaus, nur mit dem Unterschiede, dass es größer und ganz massiv von Steinen aufgeführt war, und dass es an der entgegengesetzten Seite, an seinem Ende, zu einer sehr hübschen, wenn auch kleinen, herrschaftlichen Wohnung ausgebaut war. Dieser Seite schloss sich ein Garten von mäßigem Umfange an, den einige alte Steinfiguren schmückten. Eine hohe Treppe führte aus diesem, von Wasser und Gehölz umgebenen Garten in den Gartensalon mit seinem Lambrisgetäfel aus braunem Eichenholz, mit seinem Rokokokamin, über dem das lebensgroße Bildnis eines unserer früheren Landesfürsten hing; an der Wand rechts schien eine große Doppeltüre ein Büfett oder irgendein Hausgeheimnis zu verbergen – ein solches steckte in der Tat dahinter, aber kein Büfett, sondern ein hübscher Altar; an Sonn- und Feiertagen ließ sich so der Gartensalon in eine Hauskapelle verwandeln.

    Wir fanden die Frau vom Hause und ihre beiden Töchter daheim in einem Wohnzimmer neben dem Salon versammelt; die jüngere von diesen, eine kleine, zart und leidend aussehende Dame mit merkwürdigen blauen Augen, im einfachsten hellen Hauskleide, nahm mit einer gehaltenen Freundlichkeit meinen Brief entgegen und heftete dann ihre großen, redenden Blicke eine stumme Pause hindurch forschend auf den etwas blöde vor ihr stehenden Gymnasiasten, dessen Bekanntschaft ihr durch dies Schriftstück vermittelt wurde – Vielleicht dachte sie, dass unsere Sitte, sich unbekannte Individuen beiderlei Geschlechts mit Empfehlungsbriefen zuzusenden, ohne vorherige Anfrage um Erlaubnis, ihre bedenkliche Seite habe. … Was sie aber auch denken mochte, sie schien die Verpflichtung zu fühlen, etwas für die Unterhaltung des jungen Menschen zu tun, und zu dem Ende, da ein ernsthafterer Gedankenaustausch nicht das zweckmäßigste Mittel scheinen mochte, zeigte sie mir eine höchst kunstreiche Arbeit, die sie kürzlich gemacht hatte.
    Aus: Annette von Droste. Ein Lebensbild. 1862

  • Von Levin Schücking zu Bewerbungsschreiben für Levin

    Meine Wiege hatte, zwar nicht neben einem Webstuhl, aber neben einem königlich hannoverschen Amtstisch gestanden – mein allerengstes Vaterland war ein Stück des alten Münsterlandes, welches bei der großen Teilung an Aremberg, dann an Hannover gefallen. So wurde der arme deutsche Jüngling in seinem „engeren Vaterland“, dem preußischen Münsterland, wohin er sich nach den Universitätsjahren gewendet, mit Hinweisung auf sein engstes Vaterland als „Ausländer“ betrachtet und von den Stufen zum Tempel der Themis zurückgewiesen. Ein blaues Kabinettsschreiben weiland seiner Majestät Friedrich Wilhelms III. wies mich ab. Was war zu machen? Ich musste die Jurisprudenz ihrem Schicksal überlassen – was ich freilich mit ruhigem Gewissen tun konnte, denn unser Herzensbündnis war nie über die Grenze einer gewissen kühlen Hochachtung hinausgegangen, wie bei jungen Leuten, die man zu früh miteinander verlobt hat.
    Aus: Annette von Droste. Ein Lebensbild. 1862

  • Von Levin Schücking zu Vitamin B verliert seine Wirkung ...

    Annette von Droste bewies mir in dieser Zeit, dass sie noch immer jene Art von Verpflichtung zu haben glaubte, welche sie beim Tode meiner Mutter überkommem zu haben erklärte. Sie war voll Sorge um meine Laufbahn und sehr unzufrieden damit, dass ich in meinem jugendlichen Glückvertrauen mit Hoffnungsträumen und Luftschlösserbauen die Zeit verlor, den kostbaren angesammelten Schatz von juristischen Begriffen und schönen tiefsinnigen Pandektenstellen verzettelte, und mit der grünen Begeisterung eines ausschließlichen Dranges – Literatur trieb.
    Aus: Annette von Droste. Ein Lebensbild. 1862

  • Von Jenny von Laßberg zu Jennys Fehlgeburt

    …überhaupt ist’s hier doch viel besser [als in Eppishausen], ich weiß gewiß liebe Nette, daß du 10mal lieber hier sein würdest, die Leute sind ganz anders als die Schweizer, und fast wie bei uns die Bürger in Münster, sehr höflich, viel gebildeter als im Thurgau, nicht neugierig, aber freilich nicht so religiös als bei uns … ich freue mich darauf liebe Nette wenn du mal zu uns kommst, dann ist auch der Hof in einen Garten verwandelt, wovon ich mir viel Freude verspreche, weil doch der Weg an den Berg etwas beschwerlich ist.

    Mit meiner Gesundheit geht es wieder ganz gut, und alle wundern sich wie ich so schnell wiederhergestellt bin, und wie sonst in Wind und Wetter gehen kann, es ist ein Glück dass ich so eine feste Gesundheit habe, aber ich will es nicht überrufen, sondern Gott dafür danken.
    Meersburg, 16. Dezember 1839

  • Von Jenny von Laßberg zu Levin braucht ein Zeugnis

    … zuerst wegen Schücking; ich habe bis jetzt noch keine Stelle für ihn gefunden, denn hier ist’s wie bei euch, es gibt nur zuviel junge Leute, die ein Unterkommen suchen, vielleicht wenn Laßberg später den jungen Mann selbst sieht, und er ihm gefällt, so könnte es möglich sein, ich glaube, dass August noch am ersten Gelegenheit hat, ihm zu helfen, und auch am ersten den Willen dazu hat.
    Meersburg, 29. April 1840

  • Von August von Haxthausen zu Die Feder ist kaum trocken

    Ich hätte Dir längst geschrieben, liebe Nette, wenn ich nicht noch immer einige Hoffnung gehabt hätte, über H[errn] S[chücking] eine erfreuliche Nachricht mitzuteilen. Es war in Stolberg die Stelle eines Kammerassessors offen, zu deren Ausfüllung aber Kammer- und Domänenkenntnisse notwendig sind und man mit bloßer Juristerei nicht ausreicht. Nun hatte ich aber die Gräfin bereits vermocht, ihn als Privatsekretär zu sich zu nehmen; er würde dann Gelegenheit gehabt haben, die dortigen Verhältnisse und Geschäfte genau kennenzulernen und, da ein Jurist sich leicht in alles finden kann, nach Jahr und Tag dennoch jene Stelle übernehmen können. Nun aber sind der Gräfin sehr die Hände gebunden durch die Mitvormundschaft des Lehensagnaten in Wernigerode und Rossla, die jetzt großen Einfluss ausüben, da sehr viele Schulden vorhanden sind. Diese halten einen solchen Sekretär für überflüssig und wollen die Kammerassessorstelle gleich besetzt haben. Die Gräfin hat daher das Projekt aufgeben müssen …
    Brakel, 11. Juni 1840

  • Von Jenny von Laßberg zu Die Feder ist kaum trocken

    … ich hatte gedacht einen jungen Gelehrten aus München für Levin Schücking zu interessieren, er kennt ihn schon par renommé, ich glaube man ist Willens der alt Provenzialischen Literatur nachzuspüren, dabei könnte er vielleicht Arbeit bekommen und so mit den ältern Gelehrten bekannt werden, auch kommen ja jetzt die Grimms nach Berlin, sollte Nette durch diese ihm nicht vielleicht eine Stelle verschaffen können …
    An Therese von Droste, 3. August 1840

  • Von Levin Schücking zu Schriftstellern auf Leben und Tod

    Einmal in der Woche kam die alte Botenfrau und brachte einen Brief, ein Paket mit durchgelesenen Büchern von Annette von Droste, worauf ich durch eine Sendung von neuem antwortete; einmal in jeder Woche auch, am Dienstage, wanderte ich nach Tisch zu ihr hinaus, über Ackerkämpe, kleine Haiden und durch ein Gehölz, an dessen Ende ich oft ihre zierliche kleine Gestalt wahrnahm, wie sie ihre blonden Locken ohne Kopfbedeckung dem Spiel des Windes überließ, auf einer alten Holzbank saß und mit ihrem Fernrohr nach dem Kommenden ausblickte.

    Ich wurde dann zunächst in ihrem Entresolzimmerchen mit dem klassischen westfälischen Kaffee gelabt, ein Teller mit Obst stand im Sommer und Herbst daneben – eine kleine Streiferei in der nächsten buschreichen Umgebung des Hauses wurde dann gemacht; zu dem ihrem Bruder gehörenden alten Haus Schenking „Degening“ z. B., von wo der Pächterin ein frisches Gänseei requiriert wurde, das Annette mit einem verwegen starken Zusatz von Zucker zu einem vortrefflichen Crème verarbeitete und das verzehrt wurde im Schatten irgendeiner alten Wallhecke oder Eichgruppe. Sie führte dabei zumeist ihren leichten Berghammer bei sich, und wir kehrten selten heim, ohne dass mir alle Taschen von allerlei Kieseln und Feuersteinen und anderen Raritäten gestarrt hätten … Wenn schlechtes Wetter oder gar Winterschnee diese Streifereien unmöglich machten, flossen die Stunden nicht minder darum in Windeseile vorüber, verplaudert in dem stillen Stübchen, das Annette ihr „Schneckenhäuschen“ nannte und das so bürgerlich schlicht eingerichtet war wie möglich … Annette von Droste erzählte sehr gern und erzählte vortrefflich, und wie es bei zwei Leuten, welche von der Natur mit einem bedeutenden Organ für das Wunderbare heimgesucht waren, natürlich, wandten sich diese Erzählungen nicht selten allerlei Geschichten aus dem Gebiet des Visionären und der Geisterwelt zu…
    Aus: Lebenserinnerungen, 1886

  • Von Therese von Droste zu Den Laden alleine schmeißen

    Denkst du denn auch ans Gartenhaus, dass es nicht hinein regnet, und an die Weinstöcke, dass sie zu rechter Zeit bedeckt werden? Es war auch noch Schoten Honig da, sollten die Kinder nicht dagewesen sein, und ihn aufgegessen haben, so lass Marie ihn auspressen, ich glaube nicht , dass er sich so hält.

    …in diesen Tagen habe ich oft an dich gedacht, und mich gefreut, dich hinter deinen warmen Ofen zu wissen, es ist hier doch schon recht kalt, die Schweiz liegt schneeweiß vor mir, und die hiesigen großen Zimmer sind doch kaum lauwarm zu nennen, du frörst rein tot, wärst jetzt schon längst begraben, Jenny weiß nichts davon, die muss den ganzen Tag im Hause herum passelacken, damit alles in Ordnung bleibt, das kleine Gesindel immer hinter ihr her, blau und braun geforen, aber hart wie Steine lassen sie sich nichts von Kälte merken, und singen und tralallen immer zu. …

    Jenny, welche soeben kömmt und mir noch die Münzen von Laßberg für Ferdinändchen bringt, behauptet, der Artikel von der Kälte wär übertrieben, sie will mich ins Wohnzimmer haben, wo es warm sei, dort ist’s mir aber zu unruhig …
    Meersburg, 23. Oktober 1840

  • Von Levin Schücking zu Ich hoffe Gutes von dem Buche

    Es ist bald elf, Mütterchen; schreiben Sie noch? Sie müssen nach Bett und nicht in der Kälte waschen.
    Mütterchen, helfen Sie mir, ich habe so viel zu tun. Bis 15ten Dezember muss ich meinen Aufsatz über Merlin fertig haben für das Immermanns-Album von Freiligrath, dann einen Aufsatz für den historischen Verein hier, dann haben sie mich zum Mitglied des Westfälischen Vereins für Altertumskunde erwählt oder ernannt vielmehr, dann soll ich weiß der Himmel was alles für die Bornstedt tun und die ganze Welt besuchen.
    Münster, 30. November 1840

  • Von Levin Schücking zu Meine mühsam erkämpfte Freiheit

    Einmal in der Woche kam die alte Botenfrau und brachte einen Brief, ein Paket mit durchgelesenen Büchern von Annette von Droste, worauf ich durch eine Sendung von neuem antwortete; einmal in jeder Woche auch, am Dienstage, wanderte ich nach Tisch zu ihr hinaus, über Ackerkämpe, kleine Haiden und durch ein Gehölz, an dessen Ende ich oft ihre zierliche kleine Gestalt wahrnahm, wie sie ihre blonden Locken ohne Kopfbedeckung dem Spiel des Windes überließ, auf einer alten Holzbank saß und mit ihrem Fernrohr nach dem Kommenden ausblickte.

    Ich wurde dann zunächst in ihrem Entresolzimmerchen mit dem klassischen westfälischen Kaffee gelabt, ein Teller mit Obst stand im Sommer und Herbst daneben – eine kleine Streiferei in der nächsten buschreichen Umgebung des Hauses wurde dann gemacht; zu dem ihrem Bruder gehörenden alten Haus Schenking „Degening“ z. B., von wo der Pächterin ein frisches Gänseei requiriert wurde, das Annette mit einem verwegen starken Zusatz von Zucker zu einem vortrefflichen Crème verarbeitete und das verzehrt wurde im Schatten irgendeiner alten Wallhecke oder Eichgruppe. Sie führte dabei zumeist ihren leichten Berghammer bei sich, und wir kehrten selten heim, ohne dass mir alle Taschen von allerlei Kieseln und Feuersteinen und anderen Raritäten gestarrt hätten … Wenn schlechtes Wetter oder gar Winterschnee diese Streifereien unmöglich machten, flossen die Stunden nicht minder darum in Windeseile vorüber, verplaudert in dem stillen Stübchen, das Annette ihr „Schneckenhäuschen“ nannte und das so bürgerlich schlicht eingerichtet war wie möglich … Annette von Droste erzählte sehr gern und erzählte vortrefflich, und wie es bei zwei Leuten, welche von der Natur mit einem bedeutenden Organ für das Wunderbare heimgesucht waren, natürlich, wandten sich diese Erzählungen nicht selten allerlei Geschichten aus dem Gebiet des Visionären und der Geisterwelt zu…
    Aus: Lebenserinnerungen, 1886

  • Von Elise Rüdiger zu Meine mühsam erkämpfte Freiheit

    Da Sch[ücking] seinen Botengang nach Rüschhaus, wie Schlüter und ich es scherzweise nennen, auf einen andern Tag verlegt hat, so musste ich ihm gegen meinen Wunsch den Münchhausen ohne Brief mitgeben. … kann ich leider nur benutzen um Ihnen einen kurzen Guten Tag zuzurufen, weil ich nämlich einen schlechten Tag habe, der mich durch allerlei Fesseln: Schreibereien, Klavierstunde und Ballzwang, um die Zeit mit Ihnen zu plaudern, was zwar gegen meine Natur ist wie Sie wissen, aber nicht gegen mein Schanie: Mein Schanie (Genie) ist aber noch jung, denn es ist erst durch meinen neusten Umgang geweckt, kein Wunder also, dass es noch nicht so viel und so schön sprechen gelernt hat, wie dieser.
    Münster, nach dem 14. Januar 1840

  • Von Luise von Bornstedt zu Meine mühsam erkämpfte Freiheit

    … ich glaube, Schücking hat es ganz diplomatisch einleiten wollen, mich zu Ihnen zu begleiten, damit er noch einmal kommen könnte, und unterwegs jemand zum Schwatzen hätte, ich hätte es aber doch niemals getan, was hätte die Mama von mir denken sollen, wenn ich dichterische Seele nur gar an Hand dieses Troubadours über Feld und Weg daher gewallt wäre, etwas war nun freilich wahr an der Sache, nämlich die Sehnsucht bei Ihnen zu sein, das ich den ganzen Winter entbehrt habe … Schücking ist sehr glücklich wiedergekommen und Sie scheinen mit dem roten Äpfelchen sehr niedlich gespielt und nicht darin gebissen zu haben, von Ihrer Novelle sprach er mit Auszeichnung.
    Münster, 25. März 1840