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Eben höre ich…
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Briefe zum Schlagwort



aus: Luise von Gall

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Ist Ihnen ein Wort bekannt, Levin, welches Ãœbermut heißt? Das Wort passt für Sie, dies und kein anderes! Da jagt er und jagt und schießt und lässt Fanfaren blasen und wickelt sich eine goldene Schnur um seinen grünen Hut und zieht gelbe Stiefel an wie ein Türke und meint, mir müsse das alles recht sein, wenn ich auch nichts von ihm höre, mich vergessen glaube! Ja vergessen — das fürchte ich immer! Dann fragt er mich noch ganz naiv „gelt, Du hast mich recht lieb?” Darauf rechnet er eben, und drum ist er so übermütig. Que faire? — Sogar entschlossen habe ich mich, diesem absoluten Fürsten nun endlich mein Bild zu schicken, denn er muss mich für noch hässlicher halten als mich die Zeichnung darstellt; sonst würde er nicht so grenzenlos ungalant sein, mich so lange auf Antwort warten zu lassen auf „die zwei liebenswürdigsten Briefe, die je geschrieben wurden.” Schmeichler!

Oh, über dieses Geschlecht der Jäger! Es war eine Ahnung in mir, dass ich immer so gegen die Jagd geeifert; Ahnung, dass sie mir noch einmal meinen Liebsten abspenstig mache. Bilden Sie sich aber nur nicht ein, dass Sie mein Liebster sind; ich kann Sie versichern, Sie sind auch erst „auf dem Wege” und zwar eben auf einem sehr schlechten!

Ich bin wahrhaftig viel zu gut gegen Sie, Levin. Ich kann und kann Dir nicht zürnen, Du böses, übermütiges, aber — liebes Kind! Warum schreibst Du auch so verlockende Briefe? Ich bin nur ein armes harmloses Menschenkind und solchem Zauber nicht gewachsen! …

Ich weiß, dass Sie erst mein Bild betrachten werden, ehe Sie den Brief lesen. Sie sind ja ein Mann, und die sind viel neugieriger wie wir. Also wenn Sie dies lesen, ist mein Schicksal entschieden und Sie wissen, mein „hoher Herr”, ob Sie ein Wesen, welches ungefähr so aussieht, lieben können oder nicht. Doch muss ich auf jeden Fall noch einige Worte darüber sagen. Stirne und Augen sind das Beste daran, und ähnlich auch die Haltung und die Form des Kopfes. Dass ich mich in diesem eigentümlichen Gewände, welches ich immer im Hause trage (die Taille ist gemacht wie die russischen Hemden der kleinen Jungen), zeichnen lassen, statt in einem geschnürten Modekleid, billigen Sie gewiß. Den ganzen Sommer über in St. Goar trug ich nichts anderes, und bei allen Leuten von Geschmack machte der einfache Schnitt dieses grauen, mit schwarzen Litzen besetzten Gewandes Glück. Jetzt eben trage ich eins von schwarzer Wolle, auch mit grauen Litzen; die halblangen offnen Aermel machen sich besonders gut. Schramm war davon entzückt, auch Kinkel.

Aber diesmal, mein Herr Ritter, bitte ich mir sehr aus, dass Sie mir bald antworten, damit ich weiß, ob ich Gnade vor Ihren Augen gefunden oder nicht. Das wäre sonst zu arg. Als ich las, wie Sie schreiben, Sie bildeten sich ein, mein Profil sei antik, war ich ganz erfreut, denn das hat man mir schon oft gesagt, sogar Künstler. Woher wussten Sie es denn? War Ihnen das auf der Jagd bei dem Anblick eines getöteten Hasen eingefallen? Ich liebe die Hasen, Levin; ich habe eine Hasennatur; ich liebe den Wald, die grünen Kräuter, und ich fürchte mich! Aber fortlaufen tue ich nicht. Wenn als Kind etwas Erschreckendes auf mich zukam, so schloss ich fest die Augen und blieb zitternd stehen. Ich schreie auch nie, nicht bei dem höchsten Schrecken. Darüber lobte mich immer meine Mutter, die einen edlen, mutigen, furchtlosen Geist besaß und ihn oft genug brauchte zum Schütze ihrer ängstlichen Tochter. Ich bin nicht mehr so ängstlich wie ich war; das kommt aber nur daher, weil ich gleichgültiger geworden. Der Verlust meines Glückes hat meiner ganzen Existenz den Wert genommen; es lohnt jetzt nicht mehr der Mühe, um sie zu fürchten.

Darmstadt, 18. Dezember 1842


aus: Levin Schücking

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Meine liebe, teure, einzige Luise, meine Sehnsucht und mein Hoffen! Wenn Sie sähen, wie demütig und scheu vor Ihrer Ungnade ich an diese Zeilen gehe, und auf der anderen Seite, wie froh, endlich ein Stündchen Zeit dazu zu haben — Sie würden mir verzeihen, dass ich die zwei liebenswürdigsten Briefe, die je geschrieben worden sind, unbeantwortet ließ bis heute, den 8. Dezember. Wenn Sie aber auch das wichtige, angreifende, absorbierende, interessante Stück Arbeit kennten, das mir bis jetzt alle Zeit genommen hat! Devinez une fois: je vous le donne en trois. Einen Roman schreiben! — Nein — ein Gedicht! — Nein — eine tiefsinnige gelehrte oder philosophische Forschung! Pas du tout! Vous n’y viendrez pas: Ich habe helfen müssen, 3000 Hasen zu schießen, Rehe und Füchse ungerechnet. Von morgens früh bis abends spät, immer auf den Beinen, immer Hasen sehen, schießen, Fanfaren und Signale blasen hören, und abends selbst so müde sein wie ein gehetztes Wild. Eigentlich, um’s Ihnen zu gestehen, macht mir die Sache Vergnügen, wenn sie mir nur einen freien Augenblick gelassen hätte, Ihnen für Ihre beiden köstlichen Briefe zu danken.

Wenn Sie mich sähen jetzt, Sie kennten mich wahrhaftig nicht. Ein grüner runder Hut, von der Form fast wie die Slowaken ihn tragen, mit goldner Schnur und Quasten (die römischen Bischöfe tragen auch solche Hüte, und das passt also, weil ich hier episcopus in partibus in -fidelium bin) — Stiefel aus gelbem Leder, wie die Helden des 30-jährigen Krieges sie trugen; so schreite ich über die frisch gepflügten Ackerschollen, durch die bereiften Wälder
oder stehe sinnend stundenlang auf dem Anstand, und kenne mich am Ende selbst nicht mehr, wenn ich mich plötzlich über der mir so fremden Beschäftigung in dem mir so fremden Lande, wo kein Hügel, kein Wald eine Sprache für mich hat, die ich verstände, in der mir so fremden Gesellschaft ertappe. Und nur, wenn der Trieb aus, das getötete noch warme zuckende Wild zusammengeschleppt ist, und die Jäger sich zusammenstellen, um darüber eine melancholische Melodie zu blasen, die weithin über die winterlich öden Felder klingt — dann sehe ich, dass ich der alte Poet bin, der fern von den Übrigen steht und über einen toten Rehbock seine Wimpern nass werden fühlt.

Heute ist Rasttag, und den will ich für Sie verschreiben. Bis zum 13. dauern unsere prouesses, am 14. wird die Reise nach Mondsee angetreten. Meine Adresse ist dann Mondsee bei Salzburg in Oberösterreich und ich hoffe, Sie lassen mich dort nicht zu lange auf Ihre lieben köstlichen Zeilen warten. Mein einziger Trost ist nun die Hoffnung auf ein baldiges Frühjahr, wo Sie nach Wien gehen und ich auch, entweder mit meinen beiden Prinzen oder allein auf einige Tage Urlaub. Wann denken Sie Ihre Reise dorthin anzutreten?

Dass mein „Syndikus” Ihnen so gut gefallen, freut mich außerordentlich, wie es mir zugleich sagt, dass Sie mich ein bissel lieb haben, denn sonst würden Sie nicht so gut über die — ich darf nach Ihrem Urteil nicht mehr sagen missratene — Arbeit sprechen, und wenn ich durch meine Schreibereien nur so viel allemal herausbringe, so bin ich überzufrieden. Luise, ich dürste nach Liebe und nach Musik in meiner Öde! Gelten’s Sie haben mich recht lieb? Die Musik kommt dann auch, denn Sie klingt mir aus Ihren Briefen.

Du Ritterdame — ich möchte Dich doch abscheulich gern sehen, und dass ich nicht zum mindesten das Bild bekomme, will mir gar nicht aus dem Kopf. Ich weiß, dass Sie auch ein Bild, welches hässlicher ist, als Sie sind, dreist zeigen dürfen, sicher, dass es einen glänzenden Eindruck macht: also, weshalb nicht? Wer wollte so eitel sein! Habe ich mich nicht in Ihr Herz, Ihre Gedanken verliebt, kurz in Sie, und nicht in Ihre Züge? Dürfen Sie sie also nicht dreist enthüllen ohne irgendeine Gefahr?

Mit meinem Portrait lässt mich der Lithograph in München im Stich. Ich bin aber nicht hellblond wie der Schramm sagt: Es ist seltsam, aber mir oft widerfahren, dass die Leute mich lange für blond halten und auf einmal gewahr werden, dass ich dunkelbraun, ganz kastanienbraun bin.

Es ist außerordentlich lieb von Dir Luise — Sie herzensgutes Kind, dass Sie mich nicht aufziehen mit meinen kindischen oder poetischen Sympathien und Einfällen von meiner einstigen Troubadourschaft, Kaisertum und Ritterschaft. Der Kreis meiner Münsterschen Freunde und Freundinnen, darunter die Droste und eine höchst geistreiche Dame, deren Gestalt mir die meisten Züge zu meiner poetischen Frau geliefert hat (und Verfasserin der Kritik über die Hahn ist), auch die gute Adele Schopenhauer (die ich, wenn Sie mir durchgehen, um eine Krone zu erwerben, aus Desparation heirate, da sie über alle Beschreibung hässlich ist), — jener Kreis also hatte sich so in moderne Ideen eingesponnen, dass ich mit meinen mittelalterlichen Sympathien ausgelacht wurde, oder wenn ich sie wie in meiner Domschrift darzustellen wusste, wohl Freude an meiner Darstellungskraft und der glänzenden Auffassung — ich darf das Wort ja wohl gebrauchen, ohne dass Sie mich eitel schelten — Beifall und Lob erntete — aber keine Teilnahme und Begeisterung. Und das bezweckt man doch: Ich gebe all meine schriftstellerischen Erfolge für die Tränen, die ich durch ein Gedicht einer guten, einfachen und nichts weniger als empfindsamen Frau abgelockt habe.

Du aber, meine Sehnsucht, bist gütig und lieb genug, mir zu schreiben, dass es Dich freut, wenn man Dich die Ritterdame nennt. Ich will Dich auch dafür liebhaben, wie ein Ritter seine stolze Dame, die Herrin seiner Gedanken, und dass ich bloß auf dem Wege dazu wäre, ist pure Verleumdung; wenn ich das geschrieben, so war es nichts als eine allgemeine psychologische Bemerkung. Ich will mich all meines Kaisertums vor Dir entledigen und nichts sein als Dein Diener und nur den Purpur halten, weil der Purpur die Farbe der Liebe ist.

Wo Sie mich aber am tiefsten gerührt haben, das ist in Ihrem Geständnis offenbart von den tanzenden Schneeflocken: Luise, als wenn ich Dich nur liebte, weil ich in Ellingen oder in Mondsee bin — wo wäre der Fleck, wo Deine Briefe keinen Wert hätten, wo Deine „romantische Freundschaft” keinen Reiz? Und wenn ich zurück in die Welt gehe, dann wird ja die „ungesehene Braut”, die ferne Luise zur gesehenen, und ist das nicht doch besser, bindender, fesselnder? Nur der ungesehene Ritter hat dann zu zagen, ob er ein gern gesehener wird!

Ich habe Ihnen schon mal geschrieben, dass etwas von einem Philister in mir steckt: Ich habe damit nur sagen wollen, dass ich eine Natur bin, die mehr Neigung für den ruhigen, gemütbefriedigenden Zustand hat, als für den aufregenden, die Phantasie reizenden. Ich mag eigentlich ein schlechter Bräutigam sein, gewiss aber ein Prachtexemplar von einem Mann: ein schlechter Freund (deshalb hab ich auch nur einen je gehabt und werde nie einen anderen haben, Freiligrath nämlich), — aber ein desto besserer Bruder. Überhaupt steht das Band, welches die Verwandtschaft des Blutes macht, mir unendlich hoch, und vor der Dauer und Festigkeit des bloß infolge romantischer Gefühle geschlossenen habe ich keinen großen Respekt. Wir sind alle zu eitel, zu reizbar, zu wenig an Selbstverleugnung gewöhnt, als dass alle derartigen Verhältnisse nicht precair sein sollten. Darum, Luise, wollt ich, ich wäre frei, reich und Sie wären meine Frau: und wenn das so Knall und Fall anginge, hielten mich diese Fürstlich Wredischen Marstall- Jagd- und Löwenverhältnisse und Zustände keine zweimal 24 Stunden mehr. Sie rauben mir den besten Teil meines Lebens, die Anregung und Gelegenheit zur Weiterbildung und deshalb auch meine geringe Anwartschaft auf Namen und Ruhm. Die Freiheit ist für mich nur wohltätig; der Umgang mit geistreichen Menschen mir aber nötig. Aber was ist daran zu ändern! Die Literatur à la Lewald und O. L. B. Wolf als milchgebende Kuh gebrauchen, dazu bin ich zu sehr Kaiser. Man machte Immermann den Vorschlag, seine Stelle aufzugeben und ganz der Literatur zu leben; er antwortete darauf: Sehe ich etwa aus wie ein Hungerleider? Und das kann ich mit vollem Rechte auch fragen: Sehe ich aus wie ein Hungerleider?

Auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob nicht etwas Unehrenvolles darin liegt, wenn man die Gewissheit hat, durch eigene Kraft sich eine anständige 7-800 Gulden-Existenz verschaffen zu können, um einige Hundert mehr sich sein Leben, seine Ansprüche auf eine eines Menschen würdige Stellung abkaufen zu lassen. Denn ein Einsiedler in Mondsee sein, ist in der Tat nicht eines Menschen würdig, der sich als Mensch und nicht als vegetierende Pflanze fühlt.

Passons la dessus: Tun Sie mir den Gefallen, das große Los zu gewinnen und ziehen Sie mir dann die eheliche Schlafmütze über die Ohren, dass ich endlich von allen meinen Leiden ausruhen kann.

Ich muss mit Ihnen das alles in Wien mündlich besprechen: dort blieb ich gar zu gern nämlich, als Custos der Ambraser Sammlung oder in irgend einer ähnlichen Sinekure.

Ellingen, 11. Dezember 1842