Annette von Droste-Hülshoff, Daguerreotypie
Annette von
Droste-Hülshoff
Daguerreotypie, 1845

„Die Droste schreibt wie ein Mann“ – darin waren sich die Literaturkritiker der Restaurationszeit einig. Die ausdrucksstarke Poesie der Dichterin passte nicht in das Klischee, das die literarische Öffentlichkeit für Schriftstellerinnen vorsah und das auch Annette von Droste selbst verinnerlicht hatte. In keinem ihrer zahlreichen bislang bekannten Briefe wehrte sie sich gegen die Bezeichnung „männliche Dichterin“. Die Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer, das große Fernweh, das Streben nach einem selbst- bestimmten Leben sind in ihren Gedichten stets verknüpft mit einer männlichen Figur – mit dem Bruder Ferdinand in „Bertha“, mit dem Jäger und dem Soldaten in „Am Turme“. Die männliche Identität war bei der Droste unverzichtbare Voraussetzung, um die angesprochenen Wünsche zu verwirklichen. Als einzige Konsequenz blieb daher die Resignation. Denn dass eine Frau ihre Freiheitsbestrebungen realisiert, war auch für die Droste unvorstellbar, passte nicht in ihr Weltbild.

Annette von Droste entsprach auf den ersten Blick in vielerlei Hinsicht dem Frauenideal ihrer Zeit. Als Mitglied des westfälischen Adels hatte sie die konservativen Wertmaßstäbe, mit denen sie erzogen worden war, schon in jungen Jahren verinnerlicht. Sie versuchte stets, den weiblichen Tugenden der Restaurationszeit – wie Bescheidenheit, Gehorsam, Demut – zu entsprechen, auch wenn ihr dies oft schwerfiel. Sie akzeptierte die Definitionen ihrer Zeit von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“. Sie überließ die Verhandlungen mit ihren Verlegern stets einem männlichen Freund und betrachtete Rezensionen von Frauen im Vergleich zu Besprechungen männlicher Kritiker als minderwertig.

Doch es gab auch immer wieder Ausbruchsversuche aus den Abhängigkeitsstrukturen, in denen die Droste sich bewegen musste. Einige wenige Male wehrte sie sich gegen die mütterliche Bevormundung. Mühsam schuf sie sich einen kleinen Freiraum; zäh und unnachgiebig setzte sie im Laufe der Jahre durch, dass man sie – die ehelose Dichterin, die mit häuslicher Arbeit nichts anzufangen wußte – akzeptierte, wie sie war.

Annette von Droste, urteilt Wolfgang Poeplau, „fand nie die Kraft, [...] selber ihres Glückes Schmied zu sein. Ihre Auflehnung gegen das Schicksal war immer nur ein dichterischer Kampf“. Monika Salmen konstatiert eine „Diskrepanz zwischen Leben und Werk“; die Droste habe sich nur in ihrer Dichtung, nicht aber im Leben einen Freiraum verschafft.

Dies ist meiner Meinung nach nicht ganz richtig. Betrachtet man die Briefe der Droste, in denen sie sich fast durchweg als angepasstes Adelsfräulein präsentierte, so überrascht es fast, gegen wieviele Normen die Dichterin in ihrem alltäglichen Leben tatsächlich verstoßen hat. Ihre umfassende Bildung ging weit über das übliche Maß auch adliger Frauen hinaus. In einer Zeit, in der die Ehe als selbstverständlicher Lebensweg jeder Frau angesehen wurde, blieb die Droste unverheiratet. Gegen enorme Widerstände betätigte sie sich literarisch und wagte sogar den Schritt in die Öffentlichkeit, was sowohl gegen ständische wie gegen patriarchale Normen verstieß. Entgegen der in der Sekundärliteratur oft vertretenen Auffassung, die Droste sei am politischen Tagesgeschehen nicht interessiert gewesen, äußerte sie mehrfach unmißverständlich ihre ablehnende Haltung gegenüber der liberalen Bewegung und deren „Rhetorik und Demagogie“ – sie nahm demnach durchaus Anteil an den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen ihrer Zeit.

Obwohl die Droste also in zentralen Bereichen ihres Lebens nicht den Erwartungen der Restaurationsgesellschaft entsprach, wird in der Sekundärliteratur zumeist die äußere Anpassung der Dichterin besonders betont und ihren Werken – als angeblich einzig sichtbarem Ausdruck ihrer Unabhängigkeitsbestrebungen – gegenübergestellt.

Tatsächlich finden sich sowohl im Leben der Droste als auch auch in ihren literarischen Arbeiten Belege für einen emanzipierten Freiheitsdrang. Dabei wirkt die Droste als junge Frau trotziger und kämpferischer, als in ihrem letzten Lebensjahrzehnt. In den frühen Arbeiten lässt sich ihr Schwanken zwischen empörter Auflehnung und schlechtem Gewissen, den Pflichten nicht zu genügen, deutlich ablesen. Auch in diesen Werken klingt schon die Resignation an, die in den Gedichten der Vierzig- bis Fünfzigjährigen, dem „Tagebuch ihres inneren Lebens“, bestimmend wird.

Der beginnenden Frauenbewegung mit ihren Forderungen nach Gleichberechtigung stand die Droste skeptisch gegenüber. Ihre Bestrebungen zielten eher auf individuelle Selbständigkeit, auf Unabhängigkeit von einem Mann und (was den Bereich der Dichtung anging) von der Familie, und weniger auf die allgemeine Verbesserung der Lage der Frauen. Annette von Droste war keine frühe Feministin. Dennoch gibt es Anzeichen für weibliche Solidarität, wenn man die rege Anteilnahme und zum Teil tatkräftige Unterstützung bei literarischen Projekten betrachtet, die sie, ihre Freundinnen und ihre Schwester sich gegenseitig gewährten. Die Droste ermutigte Frauen wiederholt, sich literarisch zu äußern – und schränkte dieses Recht zugleich im Rahmen ihrer konservativen Grundwerte ein.

Eine frauenspezifische Sicht auf Leben und Werk Annettes von Droste fördert eine neue, eine „dritte“ Position zutage. Jenseits der Entgegensetzung von leisen, sentimentalen Dichterinnen auf der einen und lautstark fordernden, emanzipierten Autorinnen des Vormärz auf der anderen Seite, bewegte sich die Droste auf einem – konfliktreichen – Mittelweg. Eine ausgewogene Literaturgeschichtsschreibung sollte diese Vielschichtigkeit ihres Wesens akzeptieren, statt Annette von Droste-Hülshoff einseitig zu vereinnahmen – weder im Sinne der braven, frommen, konservativen Biedermeierdichterin noch als kämpferische, feministische „Schwester“.

Externer Link:
Annette von Droste-Hülshoff bei Wikipedia