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Nach 100 Jahren

möchte ich gelesen werden …

Annette von Droste-Hülshoff in Briefen

Stöbern Sie hier in den Briefen der Dichterin. Erfahren Sie mehr über ihren Alltag, über Droste als Dichterin und Briefschreiberin, ihr Privatleben, ihre Familie und Freund:innen und über den Briefverkehr im 19. Jahrhundert. Lernen Sie ihre Wohnorte wie die Burg Hülshoff, das Rüschhaus oder Meersburg in Multimedia-Storys kennen. Oder chatten Sie doch mal mit Annette! Viel Spaß!

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Alles tot und stumm

Warum lassen Sie mich so ganz ohne Nachricht? Sollte mein Brief an Ihre liebe Frau vom Ende Februar oder Anfange März – ich notiere leider dergleichen nie – der doch so vieles der Antwort Benötigte enthielt, verloren gegangen sein? Ihr Schweigen beunruhigt mich ungemein; es ist mir wahrhaftig, als wären Sie tot oder doch nicht mehr in Augsburg oder mindestens ganz aus allen Geschäften mit Cotta geschieden. Ihre Chiffre ist seit lange aus den Beilagen zur Allgemeinen verschwunden, die Ihres Vaters ebenfalls, die Erzählung Ihrer Frau läßt sich auch vergebens im „Morgenblatt“ erwarten, sowie eine Annonce oder Probegedichte, die das Fortrücken meiner eignen Angelegenheit zeigten: Alles gleich tot und stumm, während die Ostermesse vor der Hand ist! Sollten Sie inWeiterlesenAlles tot und stumm

Du hast meine Seele gestohlen

(…) fand ich im „Morgenblatt“ mein Gedicht an Junkmann, was sich ganz gut macht; und dann füttert es seit 10–12 Tagen sein Publikum so unbarmherzig mit meiner Erzählung –– von Hauff „Die Judenbuche“ getauft –, daß alle Dichter, die sich gedruckt sehen möchten, mich verwünschen müssen; denn ich und noch ein anderer Prosaist haben vorläufig das Blatt unter uns geteilt und werden wohl in diesem ganzen Monat auch nicht ein fremdes Hälmchen aufkommen lassen. Ich finde, daß sich meine gedruckte Prosa recht gut macht, besser und origineller als die Poesie, aber anders wie ich mir gedacht, und Dein früheres Urteil hat sich, im Gegensatz zu dem meinigen, bestätigt. Der Dialog – dem ich jetzt einsehe durch Betonung beym Vorlesen sehrWeiterlesenDu hast meine Seele gestohlen

Kopfweh, Knacken, Kollern im Leibe

(Schilderung der seit dem 7. November neu aufgetretenen Krankheitssymptome) 1. Kopfweh, vorzüglich im Hinterkopf, morgens gelind, nachmittags stärker, abends oft sehr heftig.2. Knacken mitten im Kopfe, so oft ich ihn umdrehe.3. Knacken der Kinnlade.4. Etwas Neigung zu leerem Aufstoßen.5. Einmal schmerzhaftes Stechen auf der Herzgrube.6. Zuweilen ein kurzer Stiche in der Seite über der Hüfte, meistens links, selten rechts.7. Kollern im Leibe.8. Etwas Beschwerde beym Atmen.9. Ein beständiger dumpfer Schmerz in der linken Brust, zuweilen in Stiche ausartend, wonach es besser zu werden pflegt.10. Einmal ein Stich mitten in der Brust, wo der Brustknochen am höchsten ist, aber unter demselben.11. Zuweilen etwas rascher Puls mit einigem Herzklopfen, etwas außer Atem sein, und innerem Zittern.12. Häufiger Schmerz im Rücken sowie unterWeiterlesenKopfweh, Knacken, Kollern im Leibe

Die elendeste Geistergeschichte, die mir seit lange zu Augen gekommen

Ich schreibe dir, liebstes Thereschen, eigentlich bloß, weil ich es dir in meinem vorigen Briefe angesagt habe, damit du dich nicht beunruhigst, wenn nichts ankömmt, denn eigentlich hatte ich mich versehen in meiner Angabe und hätte dir erst am folgenden Sonntage schreiben müssen, jetzt aber wollen wir diese Ordnung fortsetzen, und du schreibst mir, Sonntag am Zweiten, und ich erst wieder am Neunten, den Sonntag drauf, – Wir leben hier so still fort, und es geht sehr wenig vor. — Phine Droste wird nicht kommen, weil ihre Mutter nach Bonn gereist ist, um für ihre Augen den Professor Walter zu gebrauchen, sie muß also ihrem Vater Gesellschaft leisten, und Haus halten, — was sagst du zu Letzterem? — ich glaubeWeiterlesenDie elendeste Geistergeschichte, die mir seit lange zu Augen gekommen

Die Schweiz – öd, trist und lebensgefährlich!

(…) Wir haben viel ausgestanden in diesem Jahr! Obgleich niemand schuld daran ist, denn Laßberg und Jenny haben zu unsrer Erheiterung getan, was sie konnten, und unter anderen Umständen würden wir uns vielleicht hier sehr wohl befunden haben. Aber vorerst hast Du kaum einen Begriff von der Öde eines hiesigen Winters, wenigstens wie wir ihn erlebt haben – fast sechs Monate lang Schnee, schon im Oktober lag er einigemal so tief, daß man nicht wußte, wie man die Weinlese bewerkstelligen solle. Von der Mitte November an blieb er liegen, ohne einen Tag Tauwetter bis hoch im März, und noch fast durch den ganzen April war es den einen Tag grün und den andern weiß. Das schlimmste aber war ein Nebel,WeiterlesenDie Schweiz – öd, trist und lebensgefährlich!

Ich hab ja meine Pillen

Ich habe zwar sehr lange nicht geschrieben, liebste Mama, aber ich hoffe doch, daß du mir nicht böse bist, ich habe es wirklich nicht gekonnt, angefangene Briefe liegen genug in meinem Schreibtisch, aber ich habe sie nie in einem Stück fertig schreiben können, und wenn sie dann so‘n paar Tage alt waren, so wurden sie mir zuwider, und ich fing wieder Neue an, die auch nicht weiter kamen, du mußt nur nicht denken, liebste Mama, als ob ich besonders krank wäre, die Leute wollen behaupten, ich sähe besser aus, als da ich hieher kam, und es kömmt mir bisweilen selbst so vor, auf jeden Fall befinde ich mich seit dem Driburger Bade viel besser, was Leib- und Magenschmerzen und Uebligkeiten,WeiterlesenIch hab ja meine Pillen

Ich hoffe Gutes von dem Buche

(…) Wissen Sie wohl, Professorchen, daß ich jetzt ernstlich willens bin, ein ellenlanges Buch im Geschmacke von Bracebridgehall auf Westfalen angewendet zu schreiben, wo auch die bewußte Erzählung von dem erschlagenen Juden hineinkömmt? Das Schema zum ersten Teile, Münsterland betreffend, habe ich schon gemacht, und das ist für mich ein großer Schritt, denn eben dies Ordnen und Feststellen der wie Ameishaufen durcheinander wimmelnden Materialien macht mir immer zumeist zu schaffen, und habe ich das überwunden, geht’s in der Regel sehr schnell. Nun aber ist mir mit meiner Grippe und Appendix vorläufig ein Schlagbaum vorgefallen, und ich muß mich gedulden oder vielmehr ungedulden, denn nun ich mal angefangen, brennt’s mir wie auf den Nägeln, und ich möchte lieber Tag und NachtWeiterlesenIch hoffe Gutes von dem Buche

Über Jennys Fehlgeburt

(…) Von Jenny hat Mama gestern einen Brief. Sie hat einen Umschlag gehalten und ist sehr traurig darüber, übrigens aber schon fast hergestellt. Das Kind hat noch nicht gelebt und ist erst von vier Monaten gewesen, so sehr hat sie sich in der Zeit verrechnet. Sie schreibt, es ginge ihr näher als wir wohl dächten; ich kann es mir aber wohl denken und wollte, wir wären jetzt bey ihr. (…)

Ich komme wirklich auf

(…) Ich habe wieder einige sehr gute Rezensionen bekommen über die einzelnen Sachen, die eine in der „Revue“, wo meine „Judenbuche“ sehr herausgestrichen und dem besten, was je in der Art geschrieben, an die Seite gesetzt wird, eine zweite in der Rezension des „Musenalmanachs“, wo Gutzkow meinen „Geierpfiff“ sehr heraushebt und mich ein ganz außerordentliches episches Talent nennt, und noch eine dritte. Qu’en dites vous? Ich komme wirklich auf, woran ich eigentlich schon ganz verzweifelt hatte. Meine neuen Gedichte sind bald fertig. (…)

Mamas letzter Wille

Für Dich allein zu lesen (…) Wegen der Präbenden von meinem und Mamas Vermögen habe ich mit Wernern gesprochen. Er ist mit allem zufrieden, sagt, wegen der meinigen Wünsche und könne er ja auch keine Schwierigkeiten machen, da ich ja völlig Herr darüber sei; Mama aber scheine kein Testament machen zu wollen, sondern habe ihm ihre Dispositionen gesagt und er ihr sein Wort gegeben, alles so auszuführen, wenn wir es zufrieden wären, was sie für ausgemacht annahm. Diese Dispositionen sind aber ganz anders, wie ich sie erwartet, und so, daß Werner und Du jeder 1000 Taler erhalten sollten, von dem übrigen aber, was etwas mehr ist, so daß es statt 40 50 Taler Zinsen bringt (zu 4 Prozent berechnet), sollteWeiterlesenMamas letzter Wille

Mein einziger Tyrann

Lieber wertgeschätzter Freund und Vetter! Ich weiß, daß mein langes Schweigen nach so vielen Beweisen Ihrer Güte und Ihres freundlichen Andenkens bey Ihnen keiner Entschuldigung bedarf. Sie haben gewiß keinen Augenblick an meinem lebhaftesten Wunsche, Ihnen zu schreiben, sowie an der bisherigen Unmöglichkeit, ihn zu realisieren, gezweifelt. Das fatale Herzklopfen! Es ist ein arger, obwohl jetzt fast mein einziger Tyrann, aber wie sich andre, allerdings schlimmere und vor allem schmerzhaftere Übel verlieren, nimmt dieses fast in gleichem Verhältnisse zu und hemmt mich so sehr in allem was ich unternehmen sollte oder möchte, daß ich manches Mal — z.B. eben heute — nicht umhin kann zu wünschen, lieber mehr leidend und weniger unfähig zur Erfüllung meiner liebsten Verpflichtungen zu sein. LieberWeiterlesenMein einziger Tyrann

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