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Nach 100 Jahren

möchte ich gelesen werden …

Annette von Droste-Hülshoff in Briefen

Stöbern Sie hier in den Briefen der Dichterin. Erfahren Sie mehr über ihren Alltag, über Droste als Dichterin und Briefschreiberin, ihr Privatleben, ihre Familie und Freund:innen und über den Briefverkehr im 19. Jahrhundert. Lernen Sie ihre Wohnorte wie die Burg Hülshoff, das Rüschhaus oder Meersburg in Multimedia-Storys kennen. Oder chatten Sie doch mal mit Annette! Viel Spaß!

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Wo sind die Zeiten hin?

(…) Nun komme ich zu etwas, was mir eigentlich am meisten auf dem Herzen liegt, weshalb grade ich es bis zuletzt verschoben habe, Deine Lage nämlich. Wüßtest Du es, wieviel ich an Dich denke, wie manche Stunde ich wach in meinem Bette liege und mich über Deine Zukunft zergrübele und zersorge! Levin, mein einziges geliebtes Kind, Du bist in sehr schlimmer Umgebung. Das Herz ist mir so voll, ich möchte dir so alles auf einmahl sagen, und doch ist’s am besten, ich warte ab, wie sich die Dinge gestalten; was nutzt’s Fälle zu erörtern, die vielleicht nicht eintreten! Aber ich fürchte, mit dem Tode der guten, wahrscheinlich totgequälten Fürstin weicht das letzte sittlich edle Bild, an dem sich eine ehrlicheWeiterlesenWo sind die Zeiten hin?

Freiligraths Ader erschöpft?

(…) Brentanos Totenamt von Freiligrath habe ich gelesen und jetzt auch das Gedicht im Immermanns Album; das erstere finde ich wohl hübsch, das zweite kaum; hier ist wirklich mitunter nur „gereimte Prosa“, und wenn ich das finde, die selbst so sehr nach dieser Seite neigt, so muß es wohl auffallend sein. Ich fürchte, Freiligraths Ader fängt an sich zu erschöpfen; auch das erste Gedicht hat mich mehr durch seine Pietät gerührt, als durch eigentliche Kraft oder Lieblichkeit erfreut; doch ist es noch immer besser, als was man so gewöhnlich sieht. Ihr Aufsatz über den Merlin ist desto schöner, und Adele meint „Meersburg mit all seiner feenhaften Romantik“ herauszufühlen; andre Urteile habe ich noch nicht gehört. Auch das überschickte Lied istWeiterlesenFreiligraths Ader erschöpft?

Unser Hülshoff liegt öde

(…) mein Bruder Werner wohnt jetzt auch in der Stadt, die öftere Kränklichkeit seiner Frau und Kinder haben den Vorwand dazu hergeben müssen — ich glaube, hätte er gradezu gesagt, er langweile sich auf dem Lande, so wäre er der Wahrheit am nächsten geblieben. Meine Schwägerin zeigt sich noch fortwährend als ein gutes harmloses Geschöpf, und die Kinder sind gesund und gutmüthig, obgleich übrigens weder sehr hübsch noch sehr lebhaft — das erstere hätte man wohl hinsichtlich der beiden Eltern erwarten können. Unser liebes Hülshoff liegt somit jetzt öde — es sind zwar ein paar Leute dort geblieben, um Garten und Haus einigermaßen in Ordnung zu halten, aber man weiß wohl, wie es mit unbewohnten Gütern geht; Werner hat soWeiterlesenUnser Hülshoff liegt öde

Die treuen Thielmanns

(…) Dass Werner krank gewesen ist, wußte ich schon ziemlich lange durch Briefe von Cöln, habe es jedoch nicht eher erfahren, bis er schon ganz wieder hergestellt war, es freut mich aber außerordentlich zu erfahren, daß der junge Thielemann so freund mit ihm ist. Wir haben doch wirklich überhaubt getreue und aufrichtige Freunde an Thielemanns, und ich will nicht leugnen, daß mir ihre Entfernung wahrhaft hart fällt, sie hat mir vor etwa vier Wochen geschrieben, und ich hätte ihr längst geantwortet, wenn sich nicht gleich nachher die fatale Äquinoktials[1]Tag- und Nachtgleiche-Krankheit eingestellt hätte, wo ich in starken drey Wochen durchaus nicht schreiben und lesen sollte.(…)  [+] [−] References ↑1 Tag- und Nachtgleiche

Gewissensbisse

(…) Ich habe mich unbeschreiblich schwer von Cöln getrennt; solange der liebe Onkel noch bey mir war, kam es mir vor, als ob ich noch nicht recht fort wäre. Aber am andren Tage, als ich so mit einem münsterischen Fuhrmann immer weiter fortfuhr, da war mir so zumute, daß ich mir immer vorsagen mußte: „Du kömmst ja zu deinen Eltern“, um nicht den ganzen Tag zu weinen. Am andern Tage ging es schon durch bekannte Örter, und des Nachmittags um fünf Uhr sah ich meine liebe Mutter wieder, in einem Dorfe eine Stunde weit von Hülshoff, bis wohin sie uns entgegen gefahren; eine halbe Stunde nachher, unterwege, Ferdinand, Caroline und Malchen, dann zu Hülshoff den lieben Papa und heute mittagWeiterlesenGewissensbisse

August weiß sich nicht zu benehmen

(…) meines Onkels Werner kleines Töchterchen soll ein wahrer kleiner Engel sein, ich kenne es noch nicht, da ich seit sechs Jahren nicht in Bökendorf gewesen bin, um das Zusammensein mit meinem Onkel August Haxthausen zu vermeiden, dem ich, aus hinlänglichen Gründen, nicht eben gar zu hold bin, und dem es zu sehr an Takt gebricht, um, bey einem gespannten Verhältnisse, sich einigermaßen anständig zu benehmen. Ich habe Proben davon! Indessen kann mir all mein Hüten zu nichts helfen, denn Jenny hat mir die angenehme Nachricht gegeben, daß der August einen Teil dieses Winters in Münster zuzubringen gedenkt — ich möchte lieber auf der Stelle hundert Taler bezahlen! (…)

Wie ein halber Mord

(…) Sehr ernst und eigen gestimmt bin ich auch; denn ich habe gestern und heute bis Mittag Papiere durchgesehn und verbrannt, und damit manches Stück Vergangenheit hinter mir geworfen, was, freylich schon seit Jahren mit Gras bewachsen, doch unter dem Lesen wieder so frisch aus dem Grabe stieg, daß ich wollte, ich hätte lieber blind zu gebrannt, dann wäre es wenig gewesen – jetzt ist’s mir wie ein halber Mord. Man liest alte Briefe so selten und für seine Ruhe wohl daran, es gibt nichts Scmerzlicheres. Die Toten bekommen wieder Seele und Leib, wir müssen sie zum zweiten Male begraben, und die Lebenden älter und kälter Gewordenen sehen uns frisch und jugendarm an, berühren so hundert kleine längst vergessene Stichworte,WeiterlesenWie ein halber Mord

Zerrissene Stellen

Du weißt, liebste Mutter, wie lange die Idee dieses Buchs in meinem Kopfe gelebt hat, bevor ich sie außer mir darzustellen vermochte. Der betrübte Grund liegt sehr nahe, in dem Unsinne, dem ich mich recht wissentlich hingab, da ich es unternahm, eine der reinsten Seelen, die noch unter uns sind, zu allen Stunden in Freud und Leid vor Gott zu führen, da ich doch deutlich fühlte, wie ich nur von sehr wenigen Augenblicken ihres frommen Lebens eine Ahnung haben könne, und wohl eben nur von jenen, wo sie selbst nachher nicht recht weiß, ob sie zu den guten oder bösen zu zählen. Es würde somit fast freventlich gewesen seyn, bey so heiligen Dingen mich in vergeblichen Versuchen, ich möchte sagenWeiterlesenZerrissene Stellen

Ausgedroschener Stoff

(…) Was mein damals angefangenes Trauerspiel anbelangt, so habe ich es noch fortgesetzt bis zum dritten Akt, dann blieb es liegen, und jetzt wird es auch wohl ferner liegen bleiben, Es enthält zwar mitunter ganz gute Stellen, aber der Stoff ist übel gewählt, hätte ich es in damaliger Zeit fertig gemacht, wo ich dieses noch nicht einsah, sondern mir im Gegentheil diese Idee sehr lieb und begeisternd war, so wär es wohl so übel nicht geworden, aber es ist ein entsetzlicher Gedanke einen Stoff zu bearbeiten, für den ich nicht die mindeste Liebe mehr habe, es ist mir leid, ich wollte, daß ich es damahls fertiggemacht hätte, außerdem habe ich in dieser Zeit nichts Bedeutendes aufzuweisen, außer einer Anzahl Gedichte,WeiterlesenAusgedroschener Stoff

Mein Mergel ist anders

(…) Ich lebe hier wie in Rüschhaus und habe sogar auch mein altes schwarzes Kanapee, auf dem ich sitze oder liege (man kann es nennen wie man will) und schreibe, meine alten Lateiner, in denen ich vor dem Aufstehn lese, und mein Frühstück auf der Stube, wie ich es gewohnt bin. (…) Wären Sie hier oder schrieben fleißig, oder hörte ich auch nur oft von Ihnen wie in Rüschhaus, so würde ich dieses Mal weniger vom Heimweh leiden als gewöhnlich, aber wie es jetzt ist, bin ich doch sehr froh, ein paar Monate hinter mir zu haben. (…) Nächstens gibt es aber einen Feiertag im Kalender, Malchen Hassenpflug kömmt – wann weiß ich nicht genau, doch darf ich schon inWeiterlesenMein Mergel ist anders

Zahnweh heute, Zahnweh morgen, Zahnweh alle Tage

Mama will schon in zwey Stunden abreisen, und ich habe noch nicht zum Schreiben kommen können, liebe Jenny, da ich an Herrn Eckel und Onkel Fritz habe schreiben müssen, mein Trost ist nur, daß Dir Mama Alles erzählen wird – ich habe Zahnweh heute, Zahnweh morgen, undZahnweh alle Tage, es ist unausstehlich! – glaub mir es nur, liebe Jenny, ich habe nicht schreiben können– denk Dir nur! 4 Monate ohne Aufhören Zahnweh und Gesichtsschmerzen! ich kann Dir sagen daß es mir so schwer, ja fast unmöglich war zu schreiben, daß ich mich, trotz allem Elend, nie zu den Briefen an Böninghausen entschließen konnte, weil das Bücken des Kopfs mir, schon in den ersten Minuten, die Schmerzen so vermehrte, daß ichWeiterlesenZahnweh heute, Zahnweh morgen, Zahnweh alle Tage

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