1846 14.Oktober

Ich wohne hier sehr angenehm, nach meinem Wunsche wiederum in einem der Türme, aber dieses mal durch einen gedeckten Säulengang mit dem Schlosse verbunden, mein Quartier ist ungemein hell und freundlich, und hat die Aussicht über den ganzen See. Ich komme auch selten heraus, außer zum Mittag- und Abendessen, Jenny und die Kinder aber oft zu mir.

Auf meine Gesundheit wirkt das Klima bereits sehr gut, meine Kopf- und Magenschmerzen sind verschwunden, nur mit dem Gehen sieht es noch pauvre aus, und dann habe ich seit meiner Ankunft einen argen Husten, wohl durch eigne Schuld, von wegen der Cabriölchen-Fahrt, im Staubregen und ohne Verdeck. So soll ich denn doch durchaus beim Apotheker in die Kost, und ein, wie man sagt, sehr berühmter Arzt des nur zwei Stunden entlegenen Bades Überlingen ist bereits hieher beschieden. Morgen oder übermorgen erwarten wir ihn. Was wird mein Homöopath sagen!

Wir haben hier eine köstliche Weinernte gehabt, doch habe ich bedeutenden Schaden erlitten – wir müssen uns nämlich, in Ermanglung einer eigenen Kelter, der Stadtkeltern bedienen, wo man nur nach gezogenen Nummern zugelassen wird; da habe ich dann eine der letzten Nummern gezogen, was den roten Trauben nicht schadete, die weißen aber waren schon vor drei Wochen überreif. So sind mir denn bei dem letzten Regenwetter (nach dem Ausspruche Sachverständiger) mindestens sieben Ohm weißen Weins total verregnet, und die sechs noch gewonnenen sind auch zumeist aus verdorbenen Trauben gepresst, und unter aller Kritik. Dagegen habe ich sechzehn Ohm roten geerntet, der sich darf sehn lassen, und in der Weinprobe neunzig Grad zieht. So werde ich doch in diesem Jahre trotz meines Schadens weit mehr lösen, als mich der Ankauf des ganzen Gütchens, Haus, Weinberg und Garten gekostet hat.

Wir sind hier von Besuchen überschwemmt, zumeist Gelehrte, die sich, bei Laßbergs hohem Alter, beeilen, noch von seiner Bibliothek zu profitieren. Ich bekomme davon nur zu sehen, was zu Tische oder über Nacht bleibt, alle andern Glorien ziehen an meinem Turme vorüber, ohne sich mir durch ihren Abglanz zu verraten. NB. Es wird dich meinetwegen doch freuen zu hören, dass Laßberg, Gott weiß durch welchen Impuls, meine Freundin, die Salm, jetzt ebensosehr in Affektion genommen hat als sie ihm früher fatal war; er lässt alles liegen und stehn, wenn sie kömmt, und nimmt sie dermaßen in Beschlag, dass ein anderer kaum mit ihr zu Worte kommen kann. Du kannst denken wie froh ich darüber bin, jede Woche ein Tag des Verdrusses und der Peinlichkeit war mir eine gräuliche Aussicht!

Nun, liebstes Päulchen, bitte ich Dich, unserm Freunde Braun nebst meinen herzlichsten Grüßen doch zu sagen, dass, falls die Mertensche Auktion noch nicht stattgefunden habe, ich doch für das bewusste kleine Büchelchen wohl bedeutend mehr geben möchte als zwei Taler, – d. h. wenn es es wert ist, weshalb ich den Herrn Professor bitte es vorher anzusehn. Meine allmählich etwas unklar gewordenen Erinnerungen datieren von anno 25, wo ich freilich noch blutwenig gesehn hatte und leicht etwas überschätzen mochte, aber in meinen Gedanken steht es wunderniedlich da, und ich habe es mir so oft gewünscht, dass ich es nun ungern möchte fahren lassen. Findet der Professor es wirklich preiswürdig, so will ich wohl vier, auch wohl fünf Taler geben – oder auch darüber, soweit es preiswürdig gefunden wird — nur nicht etwa 12 oder 14 Taler, denn mich dünkt, so viel kann es doch nicht wert sein; und zudem muss ich in diesem Jahre sehr mit meinem Geldbeutel Rat nehmen, da der Ertrag des Weinbergs, wie Du weißt, mich um keinen Heller reicher macht.

Und nun, liebstes Herz, adieu – nochmals 1000 Dank für alle Liebe und Freundlichkeit, die ich in Deinem Hause genossen habe, Mama, Jenny, Laßberg grüßen aufs Herzlichste; und die beiden Letzteren wünschen nichts mehr als Euch Lieben einmal auf längere Zeit bewirten zu können, welche Freude Ihr Ihnen, bei der projektierten italienischen Reise, ja auch leicht machen könnt. Komm ja! liebes Herz! Ich bin dann noch hier und profitiere auch noch von dem lieben Besuche mit.

Meersburg, 14. Oktober 1846

Hintergrund: Bei Pauline von Droste-Hülshoff, der Frau eines Cousins, hatte Annette in Bonn einen zweiwöchigen Zwischenstopp auf ihrer Reise an den Bodensee gemacht.

3 Anmerkungen

  • # Jenny von Laßberg:
    Jenny von Laßberg

    Herr Hohbach ist noch immer nicht fertig mit dem Ordnen der Bibliothek, doch ist es eigentlich nicht seine Schuld, sondern Laßbergs, der ihm auch gar nicht zurecht hilft, du kennst das von Schückings Zeiten her, nun ist es mir aber verdrießlich, dass er in deinem Turm sitzt, er wäre gern heraus, denn eigentlich graut ihm davor, aber Laßberg meint, du würdest lieber hier im Hause auf deinem früheren Zimmer wohnen, ist dies aber nicht der Fall, so schreibe in deinem nächsten Brief darüber und sage, ob es denn nicht einzurichten sei, dass du wieder in dem Turm wohnen könntest?
    Meersburg, 24. Mai 1846


  • # Jenny von Laßberg:
    Jenny von Laßberg

    Doktor Hergt von Überlingen war hier wegen Nette.
    Tagebuch vom 15. Oktober 1846


  • # Jenny von Laßberg:
    Jenny von Laßberg

    Nette … hat die Reise von Bonn bis hier ganz allein gemacht, und zum Bewundern gut überstanden … ich wollte ihr Marie bis Freiburg entgegenschicken, aber während wir ihren Brief erwarteten, kam sie selbst heran; ziemlich wohl, und nicht einmal sehr ermüdet.
    An Sophie von Haxthausen, 19. Oktober 1846