Der einzige, der mir helfen kann

Von Annette von Droste-Hülshoff
17. August 1846

Seit ich zuerst deinen und dann der lieben Mama Brief erhielt, hat es mir wie ein Stein auf dem Herzen gelegen, dass ich antworten müsste, und habe es doch nicht gekonnt, denn ich bin tüchtig krank gewesen und hatte noch dazu meinen Homöopathen nicht, der auf längere Zeit verreist war. Jetzt ist er seit 14 Tagen da, und sein erstes Pulver hat mir wieder wunderbar gut getan. Gestern habe ich das zweite genommen, was mich tüchtig angreift, ich denke, desto besser wirkt es nachher!

Liebe Jenny! Du schmähst mich so aus, und es war doch wirklich nicht unvernünftig, dass ich hier blieb, da ich recht gut fühlte, was mir in den Gliedern lag. Glaub nur, ich habe eine tüchtige Tour abgemacht in diesen fünf Wochen, fast so arg wie damals (anno 29) in Münster, und was hätte ich nun ohne Bönninghausen anfangen sollen, da ich schon so unglücklich darüber war, dass ich ihn nicht gleich haben konnte!

Dies ist das erste Mal. dass ich einen so starken Anfall so mutterseelenallein abgemacht habe, und es ist doch auch gegangen! Bönninghausen ist doch der einzige der mir helfen kann. Gleich nach dem einen Pulver habe ich das Fieberhafte ganz verloren und Appetit und Schlaf bekommen. Wäre ich nur den Schleim aus dem Halse los und könnte wieder gehen, dann wäre ich hergestellt. Ich zweifle aber nicht, dass das auch bald nachkommen wird.

Die Ruhe tut auch viel! Du glaubst nicht, wie still ich hier lebe. Niemand weiß recht, ob ich hier oder in Hülshoff bin, und so bleibe ich ganz ungestört, was mir sehr recht ist, denn wenn man krank ist, kann man sich nicht damit abracken die Honneurs zu machen.

Die Hülshoffer Kinder waren einmal hier, öfter nicht, denn ich habe ihnen alle meine Stachelbeeren nach und nach geschickt. Werner war zweimal zu Wagen hier, gestern das letzte Mal. Er war sehr freundlich und sah gut aus. Wegen seines Knies geben die Ärzte die beste Hoffnung, und auch Joseph Droste hat zur Luise Stapel gesagt, diese spanische Fliegenkur sei die einzige durchgreifende für diesen Fall, und wenn sie anfange sich wirksam zu erzeigen, so helfe sie auch ganz und für immer. Nun ist Werner offenbar schon um vieles besser, obwohl ich ihn mir freilich schon gelenkiger gedacht hatte, als ich ihn gestern fand; aber er muss noch immer den Fuß an einigen Stellen offen halten, so tut es ihm noch weh, wenn er resolut auftritt, und dies soll er auch nicht, sondern ihn schonen; so weiß er denn selbst nicht recht, wie es mit seinen Kräften und seiner Gelenkigkeit steht; aber sehr viel besser wie früher, das fühlt er doch deutlich. In ein Bad ging er gern, und hat die Ärzte schon mehrmahls darum befragt, aber sie wollen es alle nicht, der eine so wenig wie der andre. Übrigens ist es auch nicht die Gicht, die den Zustand des Knies verursacht (obwohl sich auch diese dazu geworfen hat), sondern die Kniescheibe ist ihm durch den Fall locker geworden, und es hat sich Wasser dazwischen gesetzt, weshalb sie sich nicht wieder anlegen kann, und eben dieses Wasser wird durch die Fliegenpflaster herausgezogen.

Sobald ich besser bin, gehe ich zu ihm; meine Gesellschaft braucht er freilich nicht mehr, denn er wird von Besuchen überschwemmt, aber ich kann ihm doch zur Hand gehn, da er sich gewiss noch eine gute Weile wird schonen müssen; denn wenn alles Wasser auch fort ist, muss die Kniescheibe doch erst wieder fest werden, ehe er den Fuß brauchen darf wie vorher. Er reitet jetzt täglich und fühlt sich seitdem sonst wohl.

Mehr über die Adressatin/den Adressaten: Jenny von Laßberg
Hintergrund: In die Hände des Homöopathen Clemens von Bönninghausen hat sich Annette erstmals im Winter 1829/30 begeben - mit nachhaltigem Erfolg.
Die Spanische Fliege ist eine Käferart aus Südeuropa, deren getrocknete Flügel zu dieser Zeit als Zugpflaster verwendet werden.