1843 14.Dezember

Ich bin recht gern hier, obwohl außer Laßberg und Jenny, der alten Burg und dem See eben alles anders ist wie vor’m Jahre, als läge ein Decennium dazwischen: lauter neue Domestiken, außer Augusten und dem alten Fasser, der noch immer seinen Kopf aus dem Guckloche unter der blutigen Hand hervorstreckt; die Kinder sehr langbeinig und verändert, Hildel auch moralisch sehr zu ihrem Vorteile, äußerlich beide durch Zähne und eine hübsche Haartracht; das Kesselsche Institut fort, nach Karlsruhe verlegt, am neuen Schlosse alle Läden zu, nichts als Gefangene und Ratten darin; der unermüdliche maître de plaisir, Stiele, in Konstanz verheuratet, nur einmal, mit dem Dampfboote, als sehr dicker, ernster Hausvater sichtbar geworden; Doktor Luschka und der Physikus beide fort; das Liebhabertheater aufgelöst; Mama hier, und im untern Stock drei Zimmer für sie eingerichtet, die mir wie ein ganz neues Stück Welt vorkommen; Figel fast bankrott, will sein Häuschen verkaufen; niemand besucht ihn mehr, wir sind nur einmal aus alten Erinnerungen hingegangen, fanden niemand dort und konnten kaum etwas erhalten; sein Zöpfchen steht vor Melancholie ganz schief, während seine gezwungenen Späße in der traurigen Lage einen unheimlichen Eindruck machen und ich nicht wieder habe hingehn mögen; meine alte Trödlerin Bankrott gemacht; ich in das neue Turmzimmer logiert, das damals für Sie ausgebaut wurde, und das jetzt, möbliert, gar nicht mehr an die leeren Wände erinnert, die wir anguckten; mein früheres Zimmer sowie das Ihrige jetzt als Fremdenzimmer immer verschlossen, also für mich so gut wie gar nicht mehr da, ebenso die Gewölbe, in denen wir herumkletterten, und Ihr Turmzimmer, in dem Sie den „Lafleur“ und das „Stiftsfräulein“ schrieben. In beide letztere habe ich bei einer allgemeinen Hausschau mal einen Blick getan, und es war mir wie „eine Geschichte vergangener Zeiten.“

Das sind doch viele Veränderungen für ein kurzes Jahr! Denn grade ein Jahr nach meiner Abreise bin ich wieder hier eingezogen. Freilich ist auch manches geblieben; vor allem heimelte mich das Speisezimmer an, alles als wär’s gestern: das kleine Kanapee am Ofen, unter dem die Lachtauben gurren, das Klavier, ganz mit denselben Notenblättern, die ein Jahr Rast gehalten, Laßbergs Noli me tangere-Winkel, die alte Uhr auf dem Schreibtische, die immer Zwölf schlägt. Dort ist die Zeit eben so unbegreiflich still gestanden, wie sie anderwärts unbegreiflich gerannt ist.

Herr Hufschmid, um keinen Tag älter geworden, kömmt noch jeden Abend im selben braunen Rocke, spielt langen Puff und bittet uns, nicht zu früh aufzustehn. Und jeden Nachmittag geh ich meine alten Wege am Seeufer, zwar mutterseelenallein, aber doch vergnügt, weil mich nichts stört, nicht mal ein neuer Rebpfahl. Ungestörtheit habe ich überhaupt hier, so viel mein Herz verlangt; ich bin in meinem Turm wie begraben und komme nur hervor, wenn ich nach dem Läuten des Dampfboots alte Freunde habe die Steig herauf traben gesehn, was aber selten vorkömmt.

Herr v. Baumbach ist ganz fort, nach Karlsruhe gezogen; Gaugrebens waren einmal hier, Stanz ein paarmal und erkundigte sich sehr eifrig nach Ihnen – er hat Jenny’n eine sehr schöne Scheibe geschenkt, gothische Bogenhallen, darunter eine Frau mit zwei Kindern in blauen und roten Kleidchen. Sonst waren Besuche genug hier, meistens fremde Gesichter und Namen und mir nur sichtbar, wenn sie über Tisch blieben.

Was ich in meiner Einsamkeit treibe? Ich lese, beendige die Abschrift meiner Gedichte und sehe mir in der Dämmerung über den See das Abendrot an, was eigens mir zuliebe in diesem Jahre unvergleichlich schön glüht; ich wollte, Sie könnten’s mit ansehn; auch der See und die Alpen waren im September und Oktober fast täglich mit Tinten überhaucht, von denen ich früher keine Vorstellung gehabt: alle Zacken der Alpenreihe rot wie glühendes Eisen und scheinbar durchsichtig, andre Male der See vollkommen smaragdgrün, auf jeder Welle einen goldnen Saum. Es ist mir unbegreiflich, dass ich habe ein rundes Jahr hier sein können, ohne dass nur ein solcher Moment eintrat, und jetzt war es mindestens ein um den andern Tag, und ich habe mir fast die Augen schwach daran gesehn. Ach, es ist doch eine schöne, schöne Gegend! Sie kennen sie nur noch gar nicht in ihrem beau jour.

Sie sehn, die Natur tut alles, mir an Poesie von außen zu ersetzen, was mir in den Mauern fehlt; denn in dieser Beziehung stehe ich hier allein, wie Sie am besten wissen. Zwar soll’s hier jetzt ein Genie in der Stadt geben, Dichter, Musiker, der meine Bekanntschaft eifrig sucht und unter Herrn Jungs Auspizien schon zweimal an verschlossene Türen – ich war spazieren – gepocht hat; aber ich habe kein Zutrauen zu dem Handel hierzulande, habe mich auch nach gar nichts erkundigt und das zufällig Gehörte vergessen, so dass ich ihn nicht weiter bezeichnen kann, weder nach Namen, Stand, Alter, noch ob er poetischer Dilettant oder bereits unter der Presse gelegen. Doch werde ich ihn wahrscheinlich im Laufe der Zeit sehn, da er Mitglied eines wöchentlichen – neuetablierten – Liebhaber-Konzerts ist, zu dem ich höflichst eingeladen bin und doch wohl einigemal hingehn werde; ich werde dann ja sehn, ob ich mir einige geistige Ressource von ihm versprechen kann; einen Junkmann darf ich hier nicht erwarten, höchstens einen Lutterbeck oder Schnittger, was aber in dieser Dürre schon Gold wert wäre.

Meersburg, 14. Dezember 1843

Mehr zum Adressaten: Levin Schücking