Briefe zum Schlagwort Literatur
Der Buchhändlerbrief ist nämlich angekommen und war wirklich ein solcher, von der Kompanie Velhagen & Klasing, und bereits vom 5ten April datiert. Da er kurz ist, schreibe ich ihn ab, damit Du den Grad ihres guten Willens, in literarischer und pekuniärer Hinsicht, selbst abmessen kannst.
Ew. Hochwohlg. vor einigen Jahren erschienene Gedichtsammlung erregte schon damals unsre höchste Aufmerksamkeit, und zwar nicht bloß als Produkt eines vaterländischen, sondern überhaupt sehr bedeutenden dichterischen Talentes; die Absicht, welche beim Lesen des Bändchens in uns aufstieg, der Verfasserin die Gefühle der Freude und des Danks für so viel Genuß auszusprechen, kam im Drange der Geschäfte nicht zur Ausführung, wurde aber jetzt beim Lesen Ihres Gedichts “An die Weltverbesserer”, welches im “Morgenblatt” so wie in der “Kölnischen Zeitung” stand, wieder angeregt. Sollten Sie, hochgeehrteste Dame, für fernere literarische Produktionen unsere Dienste als Verleger annehmen wollen, so würden wir uns dadurch geehrt fühlen. Vielleicht darf dieses Anerbieten mit einigem Rechte den Charakter der Uneigennützigkeit ansprechen, da Gedichtsammlungen wohl nur in den seltensten Fällen zu den gewinntragenden buchhändlerischen Unternehmen gezählt werden können. Hier mindestens ist das Motiv persönlicher Genugtuung dasjenige, welches uns geleitet hat. Genehmigen Sie, hochgeehrteste Dame, die Versicherung ausgezeichneter Hochachtung, mit der wir verharren Ew. Hochw. gehorsamste Velhagen & Klasing.
Was sagst Du dazu?
Fürs erste: Ist die Buchhandlung reell und von gehöriger Ausbreitung? Viel zahlen scheint sie nicht zu wollen, am liebsten gar nichts. Und wie steht’s eigentlich mit dem Cotta? Du musst nach dem Gespräche mit ihm und Hauff dieses so ziemlich wissen oder mindestens ahnden, nämlich ob ihm meine bereits eingesandten Gedichte, nebst denen aus dem “Malerischen und romantischen”, “Kölner Dom”, “Musenalmanach” so gut gefallen haben, dass er, wenn das Ganze ihnen entspricht, wohl zur Annahme geneigt wäre, oder ob er umgekehrt hierauf noch nichts gibt und ganz andere Zeichen und Wunder erwartet, in welchem Falle man die Sache für abgemacht ansehn müßte, da Du selbst jene Gedichte ja als die besseren ausgelesen hast und ich auch wohl nie eine schönere Ballade machen werde als den “Grafen von Thal”, den “Erzbischof Engelbert von Köln”, den “Geierpfiff” und das “Second Sight”. Schreib mir doch, ich bitte, ganz offen hierüber; du weißt, dieses ist nicht meine Achillesferse.
Meersburg, 25. Mai 1842
… fand ich im “Morgenblatt” mein Gedicht an Junkmann, was sich ganz gut macht; und dann füttert es seit 10–12 Tagen sein Publikum so unbarmherzig mit meiner Erzählung –– von Hauff “Die Judenbuche” getauft –, dass alle Dichter, die sich gedruckt sehen möchten, mich verwünschen müssen; denn ich und noch ein anderer Prosaist haben vorläufig das Blatt unter uns geteilt und werden wohl in diesem ganzen Monat auch nicht ein fremdes Hälmchen aufkommen lassen.
Ich finde, dass sich meine gedruckte Prosa recht gut macht, besser und origineller als die Poesie, aber anders wie ich mir gedacht, und Dein früheres Urteil hat sich, im Gegensatz zu dem meinigen, bestätigt. Der Dialog – dem ich jetzt einsehe durch Betonung beim Vorlesen sehr nachgeholfen zu haben – ist gut, aber doch unter meiner Erwartung und keineswegs außerordentlich; dagegen meine eignen Gedanken und Wendungen, im erzählenden Stile, weit origineller und frappanter als ich sie früher angeschlagen, und ich hoffe darin mit einiger Übung bald den besten gleich zu stehn, wenigstens nach meinem Geschmacke, der freilich immer ein Privatgeschmack bleibt, aber übrigens mir nicht schmeichelt, und nur mit dem zufrieden sein wird, was ihn auch bei andern völlig befriedigen würde.
Lachst Du mich aus, impertinenter Schlingel? Wer zuletzt lacht, lacht am besten! Es wird doch etwas Tüchtiges aus mir. Aber Du musst zuweilen per Feder nachschieben – weiß der Henker, was Du für eine inspirirende Macht über mich hast; seit ich bei diesem Briefe sitze, brennt’s mir ordentlich in den Fingern, sobald das Siegel darauf ist, wie eine hungrige Löwin über die mir zugewiesenen Stoffe – Deutschland im 19ten Jahrhundert – herzufallen, und dann, meine ich, müsse es nur so in einem Strome fortgehen: Gedichte, Lyrisches, Balladen, Drama, was weiß ich alles; das leibhaftige Eiermädchen! Wärst Du noch hier, mein Buch wäre längst fertig, denn jedes Wort von Dir ist mir wie ein Spornstich. …
NB. Mein Gedicht “An die Weltverbesserer” ist auch, zuerst von der “Karlsruher Zeitung”, dann vom “Merkur”, abgedruckt worden; das macht wohl die Tendenz; oder ist es soviel besser als die übrigen? …
Den 5ten. Guten Morgen, Levin! Ich habe schon zwei Stunden wachend gelegen und in einem fort an Dich gedacht; ach, ich denke immer an Dich, immer. Doch punctum davon, ich darf und will Dich nicht weich stimmen, muss mir auch selbst Courage machen und fühle wohl, dass ich mit dem ewigen Tränenweidenaäuseln sowohl meine Bestimmung verfehlen als auch Deine Teilnahme am Ende verlieren würde; denn Du bist ein hochmütiges Thier und hast einen doch nur lieb, wenn man was Tüchtiges ist und leistet. Schreib mir nur oft, mein Talent steigt und stirbt mit deiner Liebe; was ich werde, werde ich durch dich und um Deinetwillen; sonst wäre es mir viel lieber und bequemer, mir innerlich allein etwas vorzudichten. Sobald ich diesen Brief geschlossen, gehts con furore ans Werk; ich bin wieder in der fruchtbaren Stimmung, wo die Gedanken und Bilder mir ordentlich gegen den Hirnschädel pochen und mit Gewalt ans Licht wollen, und denke Dir die Beiträge sehr bald schicken zu können, obwohl gewiss der Psalm wieder um zwei Drittel zu lang werden wird, die Du dann mit wahrer Chirurgen-Kälte amputierst.
Mich dünkt, könnte ich Dich alle Tage nur zwei Minuten sehn – o Gott, nur einen Augenblick! – dann würde ich jetzt singen, dass die Lachse aus dem Bodensee sprängen, und die Möwen sich mir auf die Schulter setzten! Wir haben doch ein Götterleben hier geführt, trotz Deiner periodischen Brummigkeit! Ob ich Dir bös bin? Ach Du gut Kind, was habe ich schon für bittere Tränen darüber geweint, dass ich Dir noch zuletzt so harte Dinge gesagt hatte! Und doch war viel Wahres darin. Aber mich vergißt Du doch nicht, was die Zeit auch daran ändern mag; wenn der eine Haken bricht, so hält der andre: Dein Mütterchen bleibe ich doch, und wenn ich auch noch vierzig Jahre lebe; nicht wahr, mein Junge? mein Schulte, mein kleines Pferdchen, was hängen alles für Erinnerungen, die nie verlöschen können, an diesen Titeln! … Levin, Levin, Du bist ein Schlingel und hast mir meine Seele gestohlen; Gott gebe, dass Du sie gut bewahrst.
Meersburg, 4. Mai 1842
Und nun zu Uhland, des Äußeres keineswegs vorteilhaft ist, und der doch gefällt, wiederum durch große Bescheidenheit, Einfachheit und einen überwiegenden Zug von Güte, sonst ist er häßlich, seine Gestalt stämmig, fast gemein, feuerrotes Gesicht, und dazu stammelt er, was ihn so verlegen macht, dass er zuweilen aus Angst von einem Fuße auf den andern springt, aber plötzlich fährt ein geistiges Blitzen über sein Gesicht, oder ein unbeschreiblicher Zug von Milde und Teilnahme, dass man ihm gern die Hand drücken möchte, wenn man nicht dächte es bringe ihn in größte Verlegenheit. Er und Laßberg haben sich sehr lieb, und beide sprangen (da Laßberg, seit seinem Falle vor fünf Jahren, hinkt) auf die komischste Weise vor Freude im Zimmer umher, als sie ich begrüßten, dann ging es bald an gelehrte Gespräche, in die Bibliothek et cet, und wir Frauenzimmer kamen gar nicht in Betracht, hatten aber doch mitunter das Zuhören…
29. Oktober 1841
Ich habe mein Buch über Westfalen (was den Titel “Bei Uns zu Lande auf dem Lande” führen soll) bereits angefangen, und ein ziemliches Stück hinein geschrieben - es schien mir gut, und doch verlor ich auf einmal den Mut, da ich meine lieben Eltern so deutlich darin erkannte, dass man mit den Fingern darauf zeigen konnte, - das war eigentlich nicht meine Absicht, ich wollte nur einzelne Züge entlehnen, und übrigens mich an die allgemeinen Charakterzüge des Landes halten, - nun fürchte ich, wird es jedermann gradezu für ein Porträt nehmen.
Rüschhaus, 20. Juli 1841
Ich lebe hier wie in Rüschhaus und habe sogar auch mein altes schwarzes Kanapee, auf dem ich sitze oder liege (man kann es nennen wie man will) und schreibe, meine alten Lateiner, in denen ich vor dem Aufstehn lese, und mein Frühstück auf der Stube, wie ich es gewohnt bin. … Wären Sie hier oder schrieben fleißig, oder hörte ich auch nur oft von Ihnen wie in Rüschhaus, so würde ich dieses Mal weniger vom Heimweh leiden als gewöhnlich, aber wie es jetzt ist, bin ich doch sehr froh, ein paar Monate hinter mir zu haben. …
Nächstens gibt es aber einen Feiertag im Kalender, Malchen Hassenpflug kömmt - wann weiß ich nicht genau, doch darf ich schon in den nächsten Tagen anfangen sie zu erwarten, das ist doch wohl ein Fest! - mein Schreiben wird dann sehr unterbrochen werden, freilich auf angenehmste Weise, dennoch ist es nicht gut, denn ich habe erst kürzlich angefangen, und bin eben recht im Zuge …
Hierbei fällt mir meine Erzählung ein. Ich habe jetzt wieder den Auszug aus den Akten gelesen,den mein Onkel August schon vor vielen Jahren in ein Journal rücken ließ und dessen ich mich nur den Hauptumständen nach erinnerte. Es ist schade, dass ich nicht früher drüber kam; er enthält eine Menge höchst merkwürdiger Umstände und Äußerungen, die ich jetzt nur zum Teil benutzen kann, wenn ich die Geschichte nicht ganz von neuem schreiben will. Vor allem ist der Charakter des Mörders ein ganz anderer, was zwar an und für sich nicht schadet, aber mich nötigt, mitunter das Frappanteste zu übergehn, weil es durchaus nicht zu meinem Mergel passen will. …
Die geistlichen Lieder werden, wie mich dünkt, ohngefähr den früheren gleich, doch glaube ich wird mir es immer schwerer werden, einige Mannigfaltigkeit hineinzubringen, da ich mich nur ungern und selten entschließe, einiges aus dem Texte selbst in Verse zu bringen; er scheint mir zu heilig dazu, und es kömmt mir auch immer elend und schwülstig vor, gegen die einfache Größe der Bibelsprache. So bleibe ich dabei, einzelne Stellen auszuheben, die mich zuweilen frappieren und Stoff zu Betrachtungen geben. Ich freue mich darauf, Ihnen das Fertige vorzulesen, Sie sind doch dieses Mal fast mein ganzes Pulikum. Wollte Gott, ich könnte die Lieder herausgeben, es wäre gewiss das Nützlichste, was ich mein Lebelang leisten kann, und das damit verbundene Opfer wollte ich nicht scheuen, hätte ich nur an mich zu denken, aber es geht nicht!
Abbenburg, 22. August 1839





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