1837 4.August

Lediglich um meine guten Willen leuchten zu lassen, schreibe ich Ihnen heute, lieber Herr Junkmann, denn dieser ist eben auch alles, was ich bis jetzt aufzuweisen habe. Mit andern und klaren Worten: ich habe weder den St. Bernhard noch des Arztes Vermächtnis angerührt, seit Sie zuletzt hier waren; aber wahrlich! der Wille war golden und nur das Fleisch sehr schwach. Erst haben mich die Gesichtsschmerzen nicht verlassen, bis vor einigen Tagen, und solange diese anhielten, war durchaus an keine Art von Beschäftigung zu denken. Sie glauben das nicht, würden aber bald andern Sinnes werden, wenn Sie nur einen Tag das Leiden am Halse hätten. Das Lesen eines Briefes, ja, einer Adresse ist zuweilen schon imstande, es zu vermehren oder von neuem herbeizuführen. Nun, davon bin ich endlich frei, und hoffentlich auf längere Zeit, da es infolge einer ordentlichen Kur aufgehört hat. Jetzt reist aber meine Mutter in etwa acht Tagen ab, und, wie es gewöhnlich geht, wir haben es uns so lange mit Aufschieben bequem gemacht, dass uns nun die Arbeiten über den Kopf gewachsen sind …

Sobald ich aber allein bin, habe ich den festen Vorsatz, jene beiden endlos gezupften und geplagten Gedichte endlich einmal zur Ruhe zu bringen. Hätten sie Gefühl, mich dünkt, sie müssten ganz simpel geworden sein von all dem Korrigieren, ich glaube, mitunter ists auch so! Die nächste Revue soll die strengste, aber sie soll auch die letzte sein, alles soll wieder vorgenommen werden, die ältesten und verworfensten Lesarten, und denn will ich mich abwenden und sehen nicht zurück, damit ich nicht auf meiner poetischen Bahn, wie Lots Weib zur Salzsäule versteinert, ewig auf demselben Flecke stehn bleibe, allen korrigierenden Seelen zum warnenden Beispiel.

Was ich dann zunächst vornehme? Darüber habe ich vorerst noch Zeit nachzudenken, indessen, da wir auch grade drüber zu reden kommen, ich habe den Fehler, nichts zu vollenden. Sie glauben nicht, lieber Freund, wieviel Arbeit ich schon auf diese Weise verschwendet; denn ich höre nicht so bald auf, erst nachdem ich mich ein halbes oder viertel Jahr schachmatt gearbeitet, etwa im 3. oder 4. Akt eines Trauerspiels, oder nach Vollendung des ersten Bandes eines Romans. So steht auch jetzt mein Sinn ich weiß nicht wohin, aber nach etwas neu zu Beginnendem. Und doch liegen noch so gute Sachen in meinem Schreibtische!

Lachen Sie nicht darüber, es ist gewiss wahr, es sind Dinge darunter, die es nicht verdienen, so schmählich zu verkommen. Da ist vorhanden (alles aus den späteren Jahren) 1. ein Roman, Ledwina, etwa bis zu einem Bändchen gediehen. 2. Eine Kriminalgeschichte, Friedrich Mergel, ist im Paderbornischen vorgefallen, rein national und sehr merkwürdig; diese habe ich mitunter große Lust zu vollenden. 3. Die Ihnen bekannten geistlichen Lieder, nach ihrem eigentlichen Titel geistliches Jahr. Sie wissen selbst, wieviel noch am Jahre fehlt; dieses fühle ich auch zuweilen Trieb zu vollenden. 4. Die Wiedertäufer, eine vaterländische Oper oder vielmehr Trauerspiel mit Musik, um diesem so oft mißbrauchten Stoff endlich einmal eine ordentliche Behandlung zukommen zu lassen. Hierzu ist noch wenig Text, aber bereits viel Musik fertig; ein günstiger Zufall hat mir einen ganzen Schatz von Tänzen und Liedern grade aus jener Epoche in die Hände gespielt, so dass diese Arbeit eine sehr dankbare sein würde, da ich mich nur in durch und durch bekannten Umgebungen zu bewegen hätte, was allein den echten Stempel der Natur und Wahrheit geben kann. 5. Ein Schauspiel, der Galeerensklave, sehr ansprechender Stoff, nur einzelne Stellen ausgeführt, aber alles, Szene für Szene, aufs genaueste entworfen. 6. Das vielbesprochene Gedicht Christian von Braunschweig, was freilich fast allein nur in meinem Kopfe existiert, indessen ist doch ein flüchtiger, aber ziemlich vollständiger Entwurf bereits zu Papier gebracht. 7. und 8. noch zwei Stoffe. Einer zu einer Kriminalgeschichte, ist wirklich in Brabant passiert und mir von einer nahen beteiligten Person mitgeteilt, die einen furchtbaren und durchaus nicht zu erwischenden Räuber fast 20 Jahre lang als Knecht in ihrem Hause hatte. Der zweite zu einem Gedicht, von mehreren Gesängen, den ich ganz vollständig geträumt, durch alle Gesänge, die ich zu lesen glaubte. Er betraf die Entdeckung eines Mordes an einem Juden, die ein blinder Bettler dadurch beförderte, dass er den Mörder veranlaßt, dieselben Worte auszusprechen, die jener, der ungesehen in einem Gebüsche ruhend gegenwärtig war, denselben während der Mordes sagen hörte. Ich hatte damals (vor mehreren Jahren) ungeheure Lust, das Ding zu schreiben, und es ist wirklich schade drum, dass es so verkömmt.

Was ich nun außerdem noch unter Händen habe, z.B. zwei Opern, Babilon und die seidenen Schuhe (?), d.h. bloß den musikalischen Teil zu besorgen, die Texte sind von andern, davon will ich nur gar nicht reden, denn was Sie nicht interessiert, davon werden Sie auch nicht hören wollen, wenigstens nicht als von einer Sache, die meine Zeit in Beschlag nehmen könnte. Für dieses Mal sind wir indessen gleicher Meinung, ich denke für die nächste und zwar eine geraume Zeit die musikalischen Arbeiten den poetischen nachzusetzen. Die Wiedertäufer wären das einzige, was mich reizen könnte, da ich so große Lust habe, den Text zu schreiben.

Sie sehen jedenfalls, lieber Junkmann, dass es im Grunde töricht wäre, nach so mancher und mitunter durch den Erfolg recht gut belohnten Anstrengung, alle Vorteile fahrenzulassen und mich wieder an den Eingang der Bahn zu stellen, bloß aus der leidigen Luft anzufangen. Und doch ist, außer dem geistlichen Jahr, nichts bereits begonnen, was einen unmittelbar frommen Zweck hätte, indessen ist alles übrige (die Wiedertäufer und Christian von Braunschweig ausgenommen) einer entschieden moralischen Richtung nicht allein fähig, sondern sie liegt bereits von selbst darin. Sie sehen, ich bin für die Zukunft sehr unentschieden, indessen vorerst habe ich ja meine Arbeit, und nachher müssen wir mal alles reiflich vornehmen. …

Ich werde nach meiner Mutter Abreise noch wohl eine Weile hier bleiben, wenigstens bis ich den St. B[ernhard] und A[rztes] V[ermächtnis] in ordnung gebracht. Aber wo soll ich sie herausgeben? darüber bin ich in Zweifel und Verlegenheit obendrein; ich meine immer, die in Münster herauskommenden Sachen hätten ein kurzes und obskures Leben zu erwarten, da der hiesige Buchhandel sich doch meistens auf den Kleinhandel für die Stadt und Provinz beschränkt. Nennen Sie mir ein einziges Werk, was sich einer erwünschten Ausbreitung zu erfreuen gehabt hätte. Mit dem Kölner, Dumont-Schauberg, der es bereits übernommen hatte, habe ich ganz abgebrochen, weil er mit dem Professor Braun, der die Sache unter Händen hatte, in einen schweren Streit geriet. In der Schweiz wollte man es stückweise in eine Zeitschrift einrücken, was mir aber grade gar nicht gefiel. So habe ich jetzt eigentlich weder Plan noch Aussicht.

Rüschhaus, 4. August 1837