Ich schreibe Dir unter Kanonendonner, unter Pauken- und Trompetenschall. Die Bürgermiliz hat sich vor der Pfarrkirche aufgepflanzt und läßt ihr Geschütz, wirklich ordentliche Kanonen, seit vier Uhr Morgens, sechs Messen lang, so unbarmherzig zu Gottes Ehre knallen, dass fast in jedem Hause ein Kind schreit; und wir auf dieser Seite haben alle Fenster aufsperren müssen, damit sie nicht springen. In den Schwaben ist doch mehr Lust und Leben wie in unsern guten Pumpernickeln! Stiele hat sich in eine Uniform gezwängt, die aus allen Nähten bersten möchte, und maltraitiert die große Trommel mordmäßig. Als ich aus der Kirche kam, salutierte er höchst militärisch und sagte dabei höchst bürgerlich: “Guten Morgen, gnädiges Fräulein!”
Da höre ich soeben die Prozession kommen. Sie ist vorüber gegangen, meine gute Jenny mitten drin, zwischen lauter alten Frauen, unter denen sie, mit ihren zwei schneeweißen Kinderchen an der Hand, ordentlich wie ein frommes anmutiges Madönnchen aussah; sie kann mich oft recht rühren, besonders wenn ich denke, wie bald sie Witwe sein wird. Stell Dir vor, Laßberg machte sich, wie ich von den Strengs erfahren, bedeutend jünger als er ist; sein Bruder Alexander, der zwei Jahr jünger war und schon vor drei Jahren starb, hat, wie auf den Totenzetteln stand, das Alter von zweiundsiebzig Jahren erreicht; also muss Laßberg nahe an achtzig sein.
Ich kann ihn, seit ich dieses weiß, nie ohne Sorge ansehn, und seine Eigenheiten scheinen mir verzeihlicher sowie seine innere Frische viel bewundernswerter als zuvor, und ich fühle, dass ich von einem so steinalten Manne viel zu viel verlangt habe. Um so mehr leid ist es mir, dass Carl Laßberg jetzt plötzlich nach Böhmen versetzt ist, und ich begreife Laßbergs große Verstimmung bei dieser Nachricht, da er jetzt den Sohn wohl schwerlich in seinem Leben wiedersehn wird; auch ich denke jetzt: einmal in Meersburg, zum ersten und letzten Male.
Meersburg, 26. Mai 1842
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