1842 27.Dezember

Denken Sie sich das Malheur: die Bornstedt kömmt wieder!! und ich möchte schreien wie Frau Kratzefoot im Reineke de Voß: „O waih, o waih, se is allerdinge do!“ Da ist sie zwar noch nicht, aber wir können sie jede Stunde erwarten, und ich glaube jetzt beinahe, dass sie schon lange im Klaren ist und nur gehofft hat, die desperaten Umstände durch eine vom Könige ersungene Pension noch heiratbar zu machen; Sie wissen, dass sie bei der Anwesenheit desselben sich in Neufchatel eingestellt, mit scharfen Rekommandationen dem General Pfuhl ein Gedicht übergeben, und dieser ihr dafür hundert Thaler vom Könige verschafft hat.

Zum Dank dafür hat sie ihm jetzt einen groben Brief geschrieben: „So sei’s nicht gemeint gewesen! Was ihr die lumpigen hundert Taler helfen könnten? Sie hätte wohl eine Pension verdient, und er hätte sie ihr auch verschaffen können! Wie die Umstände jetzt wären, würde wohl aus ihrer Heirat nichts werden und sie nach Münster zurückkommen“ &c. Gegen die Madame Glaß hat sie allmählicher eingelenkt; zuerst ein Brief voll Überdruß der Schweiz: „die Alpen machten ihr Blut erstarren, das Klima sie krank und noch melancholischer wie in Münster“; dann einer: „die Verwandten ihres Nikolaus seien fatale, habgierige Leute, die Hindernisse auftürmten, er selbst aber beharre in heißer, standhafter Liebe und bemühe sich mit allen Kräften um ein Amt“; und zuletzt vor vierzehn Tagen: „es sei ein Familienrat gehalten, wo man herausgebracht, dass sie wohl kein sicheres Einkommen habe; somit sei, wenigstens vorläufig, Alles aus, und sie werde wahrscheinlich nach Münster zurück kommen“.

Sie dauert mich doch vom Herzen; wovon soll das arme Ding leben, da ihre paar Stunden jetzt längst besetzt sind! Und ihre Möbel sind auch hin, für so elendes Spottgeld, dass sie nicht mal ihren müden Körper dafür wieder in ein Bette bringen kann. Daß sie sich der schweren und dabei nutzlosen Aufgabe unterwirft, wieder in Münster aufzutreten, wo sie weder Brot noch Freunde findet, kann ich mir nur daraus erklären, dass ihr Flügel noch dort steht – ihr Wagen und Pflug, ohne den sie gradeweg betteln oder verhungern muss, und zu dessen Transport sie gewiss kein Geld hat; denn sie lebt schon lange nicht mehr bei Verwandten in spe sondern im Gasthofe.

Der Schrecken in Münster ist so allgemein, dass einem überall wie ein Freimaurergruß entgegenkömmt: „Haben Sie schon gehört! Um Gotteswillen, die Bornstedt kömmt wieder!“ Alle, die, so lange sie hier war, aus Barmherzigkeit noch gut von ihr sprachen, haben nachher ihr Herz so derb ausgeschüttet, dass sie sowohl ihrer eignen Reden als dessen, was sie jetzt von andern erfahren, wegen sich nicht mehr mit ihr befassen können; kurz, sie ist in der öffentlichen Meinung gänzlich ruiniert und fortan ein so armes Geschöpf, dass man viel schlimmer sein müßte als sie selbst, um ihr etwas nachzutragen.

Umgehen werde ich nicht mehr mit ihr, aber – wird mein gutes Kind mir böse, nennt es mich eine langweilige, inkonsequente Person, wenn ich wieder auf den alten Velhagenschen Plan zurückkomme? Sie ist so gar arm, und mein Beutelchen sonst viel zu klein! Wollte mir Cotta ein ordentliches Honorar geben, so könnte ich dieses an Velhagen schicken mit der Bitte, es der Bornstedt unter der bewußten Rubrik einzuhändigen, und das Versprechen einer späteren Arbeit für seinen Verlag hinzufügen. So wäre der Sache nach allen Seiten genug getan; aber Cotta wird mir nichts geben! Jedenfalls muss ich erst abwarten, ob die Bornstedt wirklich kömmt, wie sich ihre Lage gestaltet, und ob sie die Unterhandlung mit Velhagen wieder aufnimmt; durch Nanny Scheibler erfahre ich das alles, d. h. indirekt, durch die Rüdiger, denn Nanny weiß natürlich nichts von meinem Plane.

Hülshoff, 27. Dezember 1842

Mehr zum Adressaten: Levin Schücking