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Ich brauche das Geld gar nicht

Meine liebe liebe Räthin

Mit der größten Angst schreibe ich diese Zeilen, und doch ist das arme Herz nicht eher ruhig, bis sie geschrieben sind, Einige Äußerungen, die ihnen gestern unwillkührlich entfuhren bestärkten mich in der Meinung, o Gott werden sie doch nicht böse, daß es ihnen wohl zuweilen an manchen fehlen möchte, und da ward mir so bange, und ich hatte keine Ruh, bis ich mich es zu wagen entschloß, ihnen das wenige, was in meinen Kräften steht, anzubieten, sie können es mir ja immer gelegent­lich wiedergeben, wenn sie die Angst sähen, womit ich dies schreibe, so hätten sie Mitleid mit mir und wären gar nicht böse, sie werden auch gewiß nicht böse, denn sie wissen wohl, daß ich es nicht übel meine, und daß es alles nur aus einem Herzen kömmt, daß sie so voll inniger Liebe umfaßt, sie sagten gestern, sie hätten mich auch lieb; aber wenn sie mich lieb haben, so werden sie mich so tief, so schmerzlich nicht kränken, daß sie dies wenige ausschlagen, und wenn sie böse werden, und mir nicht freundlich sind, wenn ich zu Münster komme, so weiß ich mir vor Angst nicht zu helfen, aber das Geld brauche ich gar nicht, denn meine Aeltern versorgen mich mit allem, Leben sie wohl, meine liebe liebe Mutter Sprickmann.

Ihre Annette

Sagen sie doch lieber an Sprickmann nichts davon mir ist bange, der will es nicht behalten, ich thue dies nicht ohne Vorwissen meiner Aeltern

Hülshoff, Frühjahr 1813 (?)

Die Sprickmanns sind Freunde der Familie, sie wohnen in Münster gegenüber der Stadtwohnung der Droste-Hülshoffs. Anton Matthias Sprickmann arbeitet, um über die Runden zu kommen, neben seiner Tätigkeit als Dozent an der juristischen Fakultät auch als Tribunalrichter. Diesen Job verliert Sprickmann jedoch im Februar 1813. Bereits seit 1811 hat er das Angebot für einen Lehrstuhl an der Uni Breslau, dem er gerne folgen würde - die französische Regierung (Westfalen steht bis 1813 unter napoleonischer Herrschaft) stellte sich jedoch bislang quer.

1 Kommentar in diesem Kontext

  1. Durch die französischen Operationen bin ich nun auf mein bloßes akademisches Gehalt zu 125 R[eichstaler] im Quartal reduziert, und davon kann ich jetzt kaum die Last der Einquartierung bestreiten. Die Pfennigkammer und die Kirchspiele, an welche meine Voreltern sorgsam ihre Pfennige belegt hatten, zahlen seit 1807 nicht mehr. Verkaufen kann man hier jetzt nicht, nur wegwerfen. Der Herr von Vincke sagte mir, an meiner Widereinstellung in meinen vorigen Posten brauchte ich nicht zu zweifeln. … Bei der hiesigen Universität kann ich mir nichts versprechen. …

    Und ich alter fast 40jähriger Akademiker wünschte doch auch endlich einmal in die Glorie eines wahren, förmlichen akademischen Lebens einzutreten. Ich habe keinen Ausdruck für den Reiz, welchen der Gedanke für mich hat, in der Stille einer solchen Existenz mein Leben unter bildsamen Jünglingen auszuleben, welche mir Liebe und Zutrauen, und welchen ich dafür mein Vermögen an Geist und Herz hingeben könnte! Diese Idee zieht mich mit aller Gewalt nach Breslau hin.
    Brief an Johann Heinrich Schmedding, 17. Januar 1814