1820 1.Dezember

Ich habe lange gewankt, ob ich Deinen harten Brief beantworten sollte, liebe Anna, denn ich war entschlossen, Alles über mich ergehen zu lassen; was soll ich den anderen auch sagen, sie wissen ja eigentlich nichts, und zudem muss ich büßen für manches, was Du auch nicht weißt, und dazu ist ihre Übereilung recht gut, denn es ist schrecklich, sich so stillschweigend von allen Seiten verdammen zu lassen; aber Du kömmst mir zu tief ins Leben, denn Du weißt viel mehr wie die anderen, und doch tust Du ebenso unwissend hart und ebenso verwunderte Fragen, da Du doch die Antworten weißt.

Hör, Anna, ich will Dir allerhand sagen, nicht, als ob ich nicht alles tausendmal verdient hätte, sondern weil du mich frägst und zuviel weißt, um jetzt nicht noch mehr zu wissen, und ich traue Dir, dass du es keinem deiner Geschwister zeigst. Recht kann ich es dir auch nicht erklären, das könnte ich St[raube] ganz allein, aber den werde ich wohl nicht wiedersehen. Ach Gott, ich ginge gern darum zu Fuß nach Göttingen, wenn es anging. Anna, Du weißt, wie lieb ich St. immer gehabt habe, die anderen wissen es auch, ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht. Schon in Hülshoff habe ich oft gesagt, er wäre mir lieb wie ein Bruder, und im Grunde war er mir lieber wie meine beiden Brüder, aber ich hielt es ehrlich für Freundschaft. Wenn ich mir oft große Reichtümer träumte, was fast alle Tage geschah, so war mein Hauptgedanke, St. immer um mich zu haben, und nun meint er wohl, ich hätte ihn nie lieb gehabt. O Gott! er hat recht, es zu glauben, ich kann ihm den abscheulichen Gedanken nicht nehmen, das ist mein ärgstes Leiden.

Anna, ich bin ganz herunter, ich habe keine auch nur mäßig gute Minute. Daß Deine Geschwister mich verlassen, danach frage ich – unter uns gesagt – jetzt nichts, obschon es mir sonst gewiss sehr betrübt gewesen wäre, ich denke immer nur an St.. Um Gottes Willen, schreib mir doch, was macht er? Ihr wißt nicht, wie unbarmherzig Ihr seid, dass Ihr mir nichts sagt. …

Ich spreche ungern gegen Arns[waldt], denn ich muss ihn jetzt mehr schätzen wie je, aber je länger ich mich bedenke, je mehr finde ich, dass er es mit St. innig gut gemeint, aber mit mir von Anfang an umso schlimmer. Ich hatte Arns[waldt] sehr lieb, auf eine andere Art wie St[raube]. Str[au]bens Liebe verstand ich lange nicht, und dann rührte sie mich unbeschreiblich, und ich hatte ihn wieder so lieb, dass ich ihn hätte aufessen mögen. Aber wenn Arns[waldt] mich nur berührte, so fuhr ich zusammen. Ich glaube, ich war in Arns[waldt] verliebt, und in Str. wenigstens nicht recht, aber das erste ist vergangen, noch eh‘ er abreiste, da er sich ein paarmal, wohl um mich zu prüfen, etwas sehr unfein ausdrückte. Ich sagte es ihm auch noch den letzten Morgen, eh‘ er abreiste, dass ich ihn zu lieben geglaubt, aber seine Äußerungen es plötzlich gestört hätten. … Hätte das Arns[waldt] nicht an Str. sagen müssen? Aber ich begreife es wohl, es ist ihm nur ein neues Zeichen meines Leichtsinns gewesen, und bei St. hat er nicht allerhand, wie er meint, verkehrte Zweifel erregen wollen. Ich aber war durch dieses Gefühl und Bekenntnis sehr erleichtert und wartete nunmehr mit Angst und Sehnsucht auf den September, denn ich hatte die dunkle Idee, St. alles zu sagen, wenigstens was mich allein betraf; denn den Gedanken mit dem Briefe über St. Stimmung hatte ich rein aufgegeben. Ich sagte es auch Arns[waldt], vor dem Weggehen, dass er mir nicht schreiben, und mich doch auch lieber nicht zu Hülshoff besuchen möchte, wie er zu wollen vorgab. Er bestand auf beides, und ich nahm das erste auf allen Fall an, wegen des letzten behielt ich mir einen besonderen Brief vor.

Ich schreibe das alles so hin, als ob es mich keinen Schmerz kostete, und doch löst es sich mir aus der Brust, wie Stücke vom Herzen, aber Du sollst im Klaren sein, wie es für einen Dritten möglich ist. Arnswaldt muss mich von Anfang an gehaßt haben, denn er hat mich behandelt wie eine Hülse, die man nur auf alle Art drücken und brechen kann, um zum Kern zu gelangen. Er hat mir eine unabsichtlich durchscheinende Neigung auf alle Weise bewiesen. Du hast es ja oft genug gesehn. Ein wahrscheinlich sehr herbeigeführtes Mißverständnis ließ mich glauben, dass Arns[waldt] mir seine Neigung gestanden, und ich stand keinen Augenblick an, auch meine Gesinnungen offen zu gestehen. Das glaubte ich irrig zu dürfen, da ich stets entschlossen war, ihm meine Hand zu verweigern, wenn er sie fordern sollte. Ich entdeckte ihm deshalb mein Verhältnis zu St. Nun entfaltete er das Mißverständnis, und ich fühlte mich beschämt, aber nicht erniedrigt, da er sich hierbei mit der äußersten Feinheit und Freimütigkeit benahm und mich aufs wärmste seine Freundin nannte. Nun fragte er noch wegen St. Ich konnte ihm nicht alles sagen und wollte doch nicht lügen, so verwirrte ich mich, und er ängstigte mich dermaßen durch seine Fragen, dass ich doppelsinnige Antworten gab, und sonach endlich das Ganze äußerst verstellt und verändert dastand. Ich habe überhaupt auch oft viel mehr zu ihm gesagt, wie ich sollte, aber dieser stille, tiefe Mensch hatte für die Zeit eine unbegreifliche Gewalt über mich und zudem ließ mich sein Betragen glauben, dass er mich im Grunde doch liebte, aber gegen seinen Willen. Mit mir stand es ebenso, und dies verkehrte Verhältnis gab mir eine Verwirrung und Schmerz, die wohl keiner ahndete außer Du. Du wußtest es zum Teil, ich habe indes noch oft von Str. mit aller Liebe, die ich für ihn fühlte, geredet und mich aufs härteste angeklagt, aber Arns[waldt] ging immer leicht darüber hin, ich sollte mir Gewalt recht schuldig werden, Str, sollte gerettet werden, und ich zu Grunde. Oh wie muss der mich hassen! … Er hat eine sehr teuere Absicht, und deshalb vergebe ich ihm von Herzen, aber ich hoffe ihn nicht wiederzusehen – er mag auch wohl manches überhört haben, in seinem Eifer um die Hauptsache. …

Ich bin zuweilen etwas wild, wenn ich mal nicht an Str[aube] denke, sondern nur wie Ihr jetzt blindlings auf mich loshackt. Aber das kömmt selten, denn ich denke Tag und Nacht an Str. Ich habe ihn so lieb, dass ich keinen Namen dafür habe. Er steht mir so mild und traurig vor Augen, dass ich oft die ganze Nacht weine und ihm immer in Gedanken vielerlei erkläre, was ihm jetzt fürchterlich dunkel sein muss. Ach Gott, wenn ich ihm nur schreiben dürfte, dann wüßte ich noch wohl allerhand, was ich ihm allein sagen kann.

Wehrden, Dezember 1820


4 Anmerkungen

  • # August von Arnswaldt:

    … es kirrt mich ordentlich, das Heiligste von dem, was ich selber gedacht und gefühlt habe zu verhöhnen; eben weil es auch nicht recht heilig war: Ich fühlte sie mir auf eine merkwürdige Weise nah … soviel an mir liegt, gebe ich es nicht auf, sie wiederzusehen; ich würde gern einmal mit Haxthausen nach Hülshoff reisen und wünschte mir nur die Kraft, vor ihr niederfahren zu können wie ein Blitz aus heiterem Himmel und eine Waage in der Hand des Höchsten zu sein, wenngleich aus unheiligem Metalle.


  • # Anna von Haxthausen:

    Auch ich weiß mich nicht frei von Vorwürfen. Denn ich wusste ja so viel, wie Arnswaldt hierkam.
    Etwa 20. Dezember 1820
    (Brief an Heinrich Straube)


  • # August an Arnswaldt:

    Deine Tätigkeit dabei soll sich darauf beschränken, den beiliegenden Brief auf geschickte Art der Nette zukommen zu lassen, ich meine so, daß du ihr etwa trocken sagst: da ist ein Brief für dich gekommen, ohne zu sagen woher …
    Brief an August von Haxthausen, der seiner Nichte Annette den „Absage-Brief“ überbringen sollte


  • # August von Haxthausen:

    Euer Brief an Annette hat fast die Wirkung gehabt, die wir dachten. Karoline schrieb mir: Ich habe den Brief Annette besorgt. Sie schüttelte vielmals den Kopf unter dem Lesen, und als sie von der unbescheiden scheinenden Gegenwart befreit war, hörte ich sie noch lange auf und ab gehen.
    Brief an Heinrich Straube und August von Arnswaldt