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Damit schlag ich die Mertens aus dem Felde!

Du hast gewiß schon diverse Male recht tüchtig auf mich geschimpft, mein Herzens-Onkelchen, d.h. innerlich raisonniert nun mal ganz sicher fortwährend, und ohne Zweifel ist auch mitunter etwas davon an den Tag gekommen – dennoch bin ich auch jetzt wieder, wie Herr Wilmsen sagt, schiere Unschuld und noch obendrein eine leidende Unschuld gewesen, d.h. leidend gewesen, verstehen mich Ew Gnaden nicht unrecht.

Meine Augen, die ohnedem weder jung noch schön sind, hatten vor etwa 14 Tagen den Einfall, sich durch Nervenschwäche interessant zu machen, es ging ihnen aber wie allen alten Schachteln, die zu diesem desparaten Mittel greifen, sie gefielen womöglich noch weniger als vorher, obgleich sie blühten wie die Rosen, und immer in sanften Tränen schwammen. Der schlechte Erfolg hat sie doch bald gewitzigt, sie sind in den alten Schlendrian zurückgekehrt, und es läßt sich jetzt wieder ganz leidlich mit ihnen auskommen — so kann ich denn doch auch mal wieder schreiben, und Dir, mein lieb gut Onkelchen, hundertmal und tausendmal danken für die schönen Sachen, die mir dein guter Werner überbracht hat.

Der kleine Carneol[1]Edelstein ist ein gutes Steinchen, man findet die Vorstellung der Ceres[2]Römische Göttin des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit nicht häufig und es ist ganz acht antik — das in Elfenbeyn Geschnitzelte ist sehr hübsch, in so großem Format habe ich nichts, was so hübsch wäre, d.h. nichts Geschnitzelte, aber der Stein Kopf in Bergkristall ist wunderschön und hat mich halb verrückt vor Freude gemacht. Dieser und der Herkules und der Cinquecento, das sind drei Steine, mit denen schlage ich der Mertens ihre ganze Sammlung aus dem Felde, sie hat nicht einen einzigen, der diesen dreien nur einigermaßen gleich käme — aber, lieb Onkelchen, du hast nicht dabey bemerkt, was Du dafür ausgelegt hast, und der Werner wusste auch nichts davon, bitte, hole dieses doch im nächsten Briefe nach, denn wenn ich irgend Geld habe, so ist es mir immer angenehm, wenn ich gleich bezahlen kann.

Wenn die andern beiden Steine, die ihr demütiges Absteigequartier bey Wessels Ladenjungfer genommen haben, auch wirklich antik und so schön sind, als Du sie beschreibst, und Du könntest sie mir dann ebenfalls prokurieren, das wäre köstlich! — aber NB etwas mußt Du auf den Preis sehn, es sind hochbeynigte Zeiten! Ich bin neugierig, was mich die andern drei Sachen kosten! Den Bergkristall kannst Du nicht wohlfeil bekommen haben, oder es wäre, mit einem etwas massiven Spielerausdruck zu reden, eine wahre Glückssau — ich wollte, Du könntest mir erst schreiben, was die Jungfer Ladenfräulein für ihre zwei Schäflein verlangt, ich glaube kaum, daß wohlfeil dran zu kommen ist, diese und vielleicht noch einige andere Raritäten werden wohl ihr ganzes Heiratsgut ausmachen, und das muß sie doch suchen so hoch wie möglich aufzutreiben, sonst nimmt sie kein Mensch — d.h. die Mamsell, denn die Steine will ich wohl nehmen, und noch Geld zugeben, wenn es nur nicht allzuviel ist.

Ich möchte aber gern daß Dalton die Steine sähe, bevor Du, in meinem Namen darauf bietest, denn es bedarf bey keinem Handel so großer Vorsicht als bey diesem, und mir fällt immer die Geschichte von Winkelmann ein, der in Rom ein ganzes Werk schrieb über eine Sammlung geschnittener Steine, die Ihm ein Kardinal zu diesem Zwecke anvertraut hatte, und als Winkelmann sein fertiges Werk dem Kardinal überreicht, da findet es sich, daß durch Versehen, die unrechte Kiste zu ihm gebracht worden war, die nichts als lauter so vollkommen täuschende Pasten enthielt, daß dieser große Steinkenner selbst dadurch angeführt worden, indessen wenn D’Alton die Steine für echt hält, so sind sie es doch höchst wahrscheinlich auch, und, im schlimmsten Fall, so vortrefflich nachgemacht, daß weder ich noch diejenigen die sie hier sehen hinter die Täuschung kommen, und der Glaube macht, bekanntlich, selig.

Aber sag mir mal, Onkelchen, was ist das für ein drittes Siegel, was Du den Abdrücken der beiden übersandten Steine zugefügt hast? – es ist sehr gut! — in einen Ring gefaßt, wie ich sehe, -und so gut, daß es, trotz seiner Kleinheit die Lupe verträgt! – das will viel sagen, bey einem so kleinen Stein! — wem gehört er? – oder ist es eine Paste? (…)

References
1 Edelstein
2 Römische Göttin des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit