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Meine Sprachkenntnisse: schlecht! schlecht!

Sollte ich Ihnen wirklich eigenmündig Veranlassung gegeben haben zu glauben, ich könne den Leonidas in der Ursprache lesen? Oder trägt die große geistige Elle die Schuld, an der, wie der Fuchs beym Messen den Schwanz, so Sie den glänzenden Schweif Ihr[er] eignen Vielwissenschaft zugeben? Sed non cuivis contingit adire Corinthum![1]Sed non cuivis contingit adire Corinthum: Aber es kann nicht jeder nach Korinth gehen Ich kann elendiglich wenig Griechisch, in meinen besten Glanz- und Übungsjahren kaum über die Fibelschützerey hinaus und jetzt wieder schmählich dahin zurückgesunken. Kurz, ohne den großen Trost der lateinischen Erläuterungen würde ich kaum begriffen haben, wo die Glocken hängen, und bin auch jetzt noch bey Manchen nicht ganz sicher darüber.

Von einem eigentlichem Urheile kann also nicht die Rede sein, doch haben mir manche der Gedichte des Tarentiners einen etwas vagen Begriff von Schönheit gegeben und zugleich die Erinnerung erweckt, als habe ich viele derselben vor langen Jahren in einer sehr guten Uebersetzung gelesen. Das Buch hieß „Tempe“, eine sehr schöne Auswahl von Weihgedichten, Distichen, lauter kleines Volk, alle aus dem Griechischen; zwei dicke Oktavbände; Verfasser quasi anonym, d.h. mit zwei Buchstaben bezeichnet. (…)

Damit Sie nun nicht wieder in solche extravagante Ideen von meiner Gelehrsamkeit verfallen, will ich Ihnen meine Sprachkenntnisse (leider zumeist Unkenntnisse) darlegen: Latein können Sie mir immer schicken, Französisch natürlich auch, das ist ja jetzt so unerläßlich, wie früherhin schlichtweg Lesen und Schreiben. Holländisch werden Sie mir nicht schicken, sonst das verstehe ich auch. Italienisch und Englisch? Schlecht! schlecht! doch Letzteres etwas besser. Ich habe in beiden Sprachen keinen Unterricht erhalten, sondern mir nur selbst so ein wenig zurecht geholfen und bin jetzt, seit länger als zwanzig Jahren, ganz außer Uebung und ohne Diktionar. Doch schlage ich mich durch eine leichte italienische Prosa noch allenfalls durch, wie ich vor kurzem an den „Verlobten“ des Manzoni erprobt habe; Poesie aber, besonders mit veralteten Ausdrücken und ungewöhnlichen Konstruktionen, ist für mich jetzt fast gänzlich ohne Genuß. Mit dem Englischen steht es etwas besser, und ich nehme es noch allenfalls mit einem Poeten auf, doch werden mir immer hier und dort Worte fehlen, und ich kann dann nur mit betrübtem Seufzen nach der Stelle sehn, wo ehemals eine Diktionar gestanden.

Sehn Sie, liebster Freund, so mangelhaft sieht es bey mir aus, und ich mag meine Halbkenntnisse nur ganz geheimhalten und im stillen doch hier und da ein kleines Profitchen daraus ziehn. (…)

Ich schicke Ihnen vier Exemplare meiner früheren Ausgabe, verlangen Sie noch mehrere, so lassen Sie es mich nur wissen.

Mein Bruder treibt sehr auf meine Herüberkunft, über 14 Tage, höchstens drey Wochen, werde ich nicht mehr zögern dürfen, wenn Sie mir also wirklich das Muschelbuch leihen wollen, so, bitte, schicken Sie es mir jetzt, später in Hülshoff wäre es mir zwar auch noch angenehm und nützlich, aber der Hauptzweck, das Ordnen meiner Sammlung, müßte dann wegfallen (…)

Es erleichtert mir den Abschied von meiner geliebten Einsamkeit ungemein, daß ich von Hülshoff aus viel leichter zu Euch kommen kann. Das Gedicht, was ich das Ihrige nennen möchte, da es ja einzig für Sie geschrieben wird, hoffe ich Ihnen noch vor Ihrem Ausfluge schicken zu können. Es bedarf dazu nur einer einzigen völlig freyen Stunde, unbehindert von Beklemmung oder Kopfweh, und die sind freylich jetzt seltne Vögel, und Niemand weiß, wann sie kommen.

Adieu, mein liebstes Professorchen, adieu, ich werde gedrängt zu schließen.

Mit alter Treue,
Eure Nette.

Rüschhaus, etwa 20. August 1846

References
1 Sed non cuivis contingit adire Corinthum: Aber es kann nicht jeder nach Korinth gehen

1 Kommentar in diesem Kontext

  1. Der französischen, englischen und holländischen Sprache war sie völlig mächtig; zum Teil auch der italienischen. Auch die lateinische Sprache verstand sie soweit, dass sie die klassischen Dichter in dieser Sprache ungehindert lesen und genießen konnte; selbst im Griechischen war sie einigermaßen bewandert. Schon als Kind hatte sie an den Lehrstunden ihrer Geschwister im sogenannten Silentium teilgenommen, und unwillkürlich beim Unterrichte auf das Latein und Griechische ihr Ohr gelenkt, worin der Hauslehrer, der nachmalige Herr Professor Wenzelo, ihren Bruder unterrichtete.
    Nekrolog auf die Droste, 25. Juni und 2. Juli 1848 im Münsterischen „Sonntags-Blatt für katholische Christen“ , später auch in der Einleitung der Briefausgabe von 1877