1819 8.Februar

Nun bitte ich Sie noch einmal recht von Herzen, lieber Sprickmann, schreiben Sie mir doch recht deutlich und aufrichtig über das kleine Werk, nicht allein über offenbare Fehler, sondern was Ihnen nur immer unbehaglich daran auffällt und noch verbesserungswert scheint. Ich habe zwar schon soviel darüber reden hören, und jeder klug sein Wollende sitzt zu Gericht (denn meine Mutter, die das erste Exemplar bekommen hat, wie Sie aus der Zueignung sehen, liest es zuweilen zu meinem großen Leide Bekannten vor, und sehr oft Menschen, von denen ich voraus weiß, dass sie recht viel Ungeschicktes darüber sagen werden) und hat ein neues Lob und einen neuen Tadel dafür, und ich weiß oft nicht, worüber ich mich am meisten ärgere. Was das Lob anbelangt, so habe ich schon recht an mich halten müssen, um manche unbedeutende und eben passable Stelle nicht auszustreichen, die mir durch unpassendes Lob ganz und gar zuwider geworden sind.

So kam z.B. ein gewisser Herr, dem mein Gedicht auch nicht durch mich zur Beurteilung vorgelegt worden war, immer darauf zurück, die schönste Stelle im ganzen Gedicht sei (2. Gesang 3. Strophe 3. Zeile): „Es rauscht der Speer, es stampfte wild das Roß“, und erst durch sein vieles Reden wurde mir offenbar, wie dieser Ausdruck so gewöhnlich und oft gebraucht und beinahe die schlechteste Stelle im ganzen Buche ist. Dieser Herr hörte auch gar nicht davon auf, sondern sagte während des Tages mehrmal, wie in Entzückung verloren: „Es rauscht der Speer, et cet. et etc.“, wozu er auch wohl leise mit dem Fuße stampfte. Ich musste endlich aus dem Zimmer gehn. Wie ich vor einer Woche in Münster bin, begegnet mir der Unglücksvogel auf der Straße, hält mich sogleich an und sagt sehr freundlich: „Nun Fräulein Nettchen, wie geht’s? Was macht die Muse? Gibt sie Ihnen noch bisweile so hübsche Sächelchen in die Gedanken wie das Gedichtchen von neulich? Ja, das muss ich Ihnen sagen, das ist’n niedlich Ding: was für ’ne Kraft bisweilen: ‚Es rauscht der Speer, es stampfte wild das Ross‘.“ Ich machte mich so bald wie möglich los und lachte ganz unmäßig; ich hätte aber ebensogut weinen können.

Sehn Sie, mein Freund, und so geht’s mir oft. Von der andern Seite würde ich mir wenig daraus machen, mein Gedicht oft auf die albernste und verkehrteste Weise tadeln zu hören, wenn ich nicht dabei gezwungen wär, zu tun, als ob ich ihre Bemerkungen ganz richtig fände, ein freundliches Gesicht zu machen und ihnen vielleicht noch für ihre Aufrichtigkeit danken. Aber wenn ich oft Stellen, von denen ich überzeugt bin, dass sie zu den bessern gehören, als dunkel, unverständlich et cet. schelten höre, uind dagegen die schlechtesten und seichtesten, eben weil nur jeder gut und klug genug ist, um sie ganz zu verstehn und empfinden, loben höre, und soll alsdann noch die oben benannten freundlichen Grimassen dazu schneiden – das ist zu arg, und mit Stillschweigen oder einer Verbeugung kann ich es nicht abmachen; dann bin ich hochmütig.

Nur zwei- oder dreimal bin ich zu meiner Freude mit einem bloßen „recht schön“! abgefertigt worden, sonst ist es jedesmal, wenn ich das Gedicht in die Stube schicke (denn ich hebe es selbst auf, obschon es meiner Mutter gehört, und bin also gezwungen, mein liebes Kind jedesmal selbst in die Hände meiner Feinde zu liefern) so gut, als ob ich auf ein Dutzend Kritiken pränumerierte, denn fast niemand kann der Versuchung widerstehn, sich durch irgendeine Verbesserung als einen denkenden, feinen Kopf zu charakterisieren.

Hülshoff, 8. Februar 1819

Unter der Feder: "Walther"
Mehr zum Adressaten: Anton M. Sprickmann

1 Anmerkung

  • # Anton Matthias Sprickmann:

    Dass ich diese schöne liebliche Frucht Ihrer Muse gleich mit wahrer Gier verschlungen habe, das wissen Sie schon von selbst ohne dass ich es sage; aber ich will Ihnen auch recht vieles darüber sagen, und so aus dem Herzen sagen, wie es darin liegt, und sich das durch wiederholtes Lesen entwickeln, und mir selbst deutlich machen wird; aber das kann ich nun gerade in diesen Tagen nicht. Ich habe den traurigen Februar fast ganz und ohne Ausnahme in dumpfer verschlossener Stubenluft verlebt – eigentlich nur vegetiert. Alle Saiten meines Geistes sind abgespannt und verstimmt; aber der März wird uns ja nun wohl bald die schönen Frühlingstage, die der Januar dieses einzigseltenen Jahrs uns noch gab, wieder bringen; dann nehme ich Ihren armen Walther mit mir in das erste labende Luftbad, und spreche dann mit Ihnen über Ihren inhaltreichen Brief.
    Berlin, 1. März 1819