1818 27.Oktober

… ich habe in diesem Jahre ein Gedicht in sechs Gesängen geschrieben, dem eine nicht zu wohl ausgesonnene Rittergeschichte zum Grunde liegt, das mir aber in der Ausführung ziemlich gelungen scheint. Dies wollt ich Ihnen nun schicken, sobald es fertig wär, konnte aber nicht so bald damit zu Stande kommen, weil ich im vorigen Jahre sehr an einem Kopfschmerz gelitten habe, der äußerst nachteilig auf die Augen wirkte; und habe ich mich hiebei, wie die Ärzte behaupten, sehr vor Rückfällen zu hüten. Ich habe auch wirklich nie einen halben Gesang ununterbrochen schreiben können, ohne einen kleinen Anfall zu spüren.

Obschon die Gesänge nicht sehr lang sind und ich im Ganzen auch nicht so sehr langsam arbeite, so hat dies kleine Werk doch so oft und lange Feiertag gehalten, dass mir beinahe das ganze Jahr darüber hingegangen ist; und je näher ich zum Ziel kam, je weniger konnte ich mich entschließen, Ihnen einen Brief ohne diese Einlage zu schicken. Das ist aber alles nur ein optisches Blendwerk, wodurch meine Trägheit niederträchtigerweise meine bessere Überzeugung um ihr gutes Gewissen gebracht hat, denn es musste mir nach den ersten Gesängen schon deutlich sein, dass das Ding in meiner damaligen Lage so schnell nicht ging, und so hätte auf jeden Fall meine Brieftaube müssen fliegen lassen und wäre dann nicht so tief in Schulden geraten, wie ich jetzt drin stecke. Ich kann doch am Ende nichts tun wie mich selber auslachen.

Dieser Brief ist eigentlich auch noch nicht der rechte, sondern nur ein Vorreiter des folgenden; denn obgleich das Gedicht jetzt fertig ist, so ist es doch noch nicht abgeschrieben, und das kann auch jetzt nicht mehr geschehn, da der arme Schelm von Rekrute, der diese Zeilen überbringt, uns erst vor ein paar Stunden die Nachricht gegeben hat, dass man ihm ein schönes Tornister geschenkt, wo er dergleichen Sachen hineinpacken kann, und dass er übermorgen seine betrübte Gesandtschaftsreise antritt. In zwei bis höchstens drittehalb Wochen denke ich aber wieder so vor meinem Schreibtische zu sitzen und auszuwählen zwischen dem vielen, vielen, was ich Ihnen so gerne sagen möchte, und wovon ich Ihnen doch nur den kleinsten Teil und noch dazu ganz unvollkommen schicken kann. In einem Monat wird also ohngefähr mein Paketchen bei Ihnen ankommen.

Ich muss Ihnen sagen, ich freue mich ganz kindisch auf Ihre Antwort, obschon es natürlich nicht ganz ohne Furcht abläuft; denn Sie sind zwar ein höchst milder, aber doch scharfsichtiger Richter. Aber ich bitte, achten Sie doch ja nicht auf meine Furcht, und verschweigen mir doch ja nichts von dem, was Ihnen daran missfällt; denn das wär wirklich in schriftstellerischer Hinsicht das größte Übel, das Sie so einem armen Lehrlinge, wie ich es bin, zufügen könnten.

Soeben merke ich erst, dass ich so tue, als wenn das Gedicht schon in Ihren Händen wär, da es doch erst in vier Wochen ankommen kann. Das kömmt davon, wenn man immer so vorweg schreibt, ohne das Geschriebene zu überlesen. Überhaupt rede ich von dem Briefwechsel zwischen Münster und Berlin, als wenn ich nur den Bedienten aus unserm Hause im Krummen Timpen in Ihre gegenüber liegende Wohnung schicken dürfte. Aber wirklich hält sich jetzt so eine Menge Angestellter und Militärpersonen aus Berlin in Münster auf, dass, wenn man nur unter diesem Schlag Menschen ein wenig bekannt ist, die Korrespondenz jeder Art nach Berlin äußerst leicht ist. …

Meine Mutter trägt mir auf, noch ein paar Worte wegen Überbringer dieses hinzuzufügen. Es ist ein Kötterssohn aus unsrer nächsten Nachbarschaft, zu dem mein Vater noch obendrein Pate ist. Wenn Sie ihn in Quartier bekämen, so würden Sie gewiss weniger Last davon haben, wie von jedem andern, und der arme Junge fühlte sich doch nicht mehr so mutterselig allein in dem großen Berlin. Oder wenn Sie etwa einmal einen Taglöhner brauchen, er ist sehr fleißig und sehr getreu, aber auch zugleich sehr blöde, wie Sie ihm gleich anmerken werden. … NB. Der junge Mensch ist seines Handwerks ein Maurer und Spinnradmacher.

Hülshoff, etwa 27. Oktober 1818

Unter der Feder: "Walther"
Mehr zum Adressaten: Anton M. Sprickmann
Hintergrund: Das Stadthaus am Krummen Timpen in Münster gehört der Familie Droste nur bis Dezember 1818. Danach mieten sie für ihre Aufenthalte in der Stadt eine Wohnung.

2 Anmerkungen

  • # Anton Matthias Sprickmann:

    Ein Brief von Ihnen! Endlich, endlich, so lange nach der letzten Hoffnung doch noch ein Brief von Ihnen, meine liebe, liebe Freundin! Dass ich Ihnen das doch so ganz aus meinem Gefühle abschreiben könnte, was mir dieser Brief ist: dieses Zeugnis, dass ich doch noch lebe in Ihrem Andenken und in Ihrer Liebe! Ach, der Zweifel daran drückte mich so hart!
    Berlin, 8. Dezember 1818


  • # Anton M. Sprickmann:
    Anton M. Sprickmann

    Dass ich alter Mann auch hier noch einmal meine Hütte abbrechen und weiterziehen muss, um endlich meine letzte Ruhestätte zu finden, das wissen Sie gewiss schon. … Gesucht habe ich diese Veränderung gar nicht, und daher eben sehe ich sie als einen höheren Wink an, dem ich mit Ergebung folge. Sonst muss ich gestehen, dass ich Breslau mit schwerem Herzen verlasse.
    Breslau, 2. April 1817