1843 17.Februar

Allein zu lesen
Von der Bornstedt kann ich Dir eine lange Cantelaine erzählen, sie schreibt zuweilen ihrer letzten Hauswirtin, Madame Glaß, und vor 6—8 Wochen kamen lamentable Briefe, „sie sei in Luzern jetzt ebenso melancholisch wie in Münster, die Schweizer seien geldgierige Leute, und die Verwandten ihres Nikolaus türmten Hindernisse auf, er selbst aber halte fest in treuer Liebe“ – gleich darauf ein zweiter Brief – „Es sei ein Familienrat gehalten, und da man heraus gebracht, dass sie kein bestimmtes Einkommen besitze, werde wohl aus der Heurat nichts werden können, und sie nach Münster zurückkommen“ – Du kannst dir den allgemeinen Schrecken nicht denken!

Es war wirklich lächerlich! Wo man nur einem Bekannten begegnete, da hieß es gleich „Um Gotteswillen! haben Sie’s gehört? Die Bornstedt kömmt wieder!“ Denn manche Leute, die noch in Gutem von ihr geschieden waren, in der festen Meinung, hoch bei ihr im Brette zu stehn, hatten seitdem erfahren, wie schlecht oder wenigstens erbärmlich geringschätzig sie von ihnen gesprochen hatte, und waren wütend (denn sie verachtet, als echte Berlinerin, uns stupiden Westfalen aus Herzensgrund, und obwohl sie jedem ins Gesicht schmeichelte, konnte sie es doch nie aushalten, wenn jemand gelobt wurde, und platzte dann jedesmal mit ihrer klatrigen Meinung heraus).

Zu gleicher Zeit schrieb sie einen impertinenten Brief an den Gouverneur (General Pfuhl), welcher mit unserm Könige in Neufchatel gewesen war, wo sich ihm plötzlich die Bornst[edt] als alte Bekannte von Münster und jetzt Braut eines Baron Rütimann vorgestellt, und ein Lobgedicht auf den König zur Überreichung eingehändigt, was er auch besorgt, und ihr dafür ein Geschenk von hundert Talern verschafft hatte; jetzt schrieb sie ihm, „Er hätte seine Sachen schön ausgerichtet! Was ihr lumpige 100 Reichstaler helfen könnten! Für ein solches Gedicht hätte sie wohl eine Pension erwarten dürfen, und es liege nur an ihm, dass sie sie nicht bekommen! Unter diesen Umständen würde wohl aus ihrer Heurat nichts werden, und sie nach Münster zurück kommen“.

Alles war in trübseliger Erwartung, da kömmt vor 14 Tagen ein ganz gloriöser Brief an die Madame Glaß: „Die Schweizer seien Geldmenschen, und man könne also denken, wie es einer armen Poetin ergangen sei, das ganze kleine Luzern habe auf dem End gestanden und sie genug zerrissen und verklatscht, wegen ihres mutigen Schrittes, selbst herüber zu kommen, jetzt aber sei ein goldner Schleier über sie geworfen, da die Tante Bismark schriftlich versprochen, sie zur Erbin einzusetzen, und sie lebe jetzt, hochgeehrt, in der Hautevolée der Gesellschaft, werde auch nicht nach Münster kommen … ihr Nikolaus sei ein herrlicher Mensch, obwohl ihn alle Philister für einen Erztaugenichts ausschrien, weil er tagelang im Gebirge umherstreifte, mit den Briefen einer gewissen deutschen Poetin in der Tasche; in Luzern sei eine schatzreiche Witwe, die ihn mit Gewalt heuraten wolle, er bleibe ihr aber treu et cet.“ So stehn die Sachen, die schatzreiche Witwe wird wohl dieselbe verrufene Witwe sein, die ihn (wie Liebenau schrieb) früher unterhielt, wenn der Artikel mit der Tante aber wahr ist, glaube ich doch beinahe, dass aus der Heurat was wird; es wird ihr schlecht genug gehn, aber sie will’s ja mit Gewalt! Jedenfalls sind wir sie vorläufig los.

Rüschhaus, 17. Februar 1843

Mehr zum Adressaten: Jenny von Laßberg
Hintergrund: Die geplante Hochzeit zwischen Luise von Bornstedt und dem Luzerner Nikolaus Rüttimann platzt - wie die Bornstedt vermutlich in einem Brief an ihre frühere Zimmerwirtin Philippine Glass mitteilt. Von Luzern aus reist Luise 1843 nach Paris, von dort weiter nach Magdeburg und später nach Dresden, wo sie bei ihrer Tante Florentine Henriette von Bismarck wohnt. Nach Münster kehrt sie nicht zurück.