1839 29.Januar

In Münster hat sich bei der Rätin Rüdiger (einer sehr netten und anspruchslosen Frau und Tochter der bekannten Elise von Hohenhausen) ein kleiner Klub von angehenden Schriftstellern gebildet, die jeden Sonntag abends dort zusammenkommen, um zu deliberieren und einander zu kritisieren. Er besteht aus einer Tante der Rüdiger, Henriette von Hohenhausen (die ein Bändchen sehr hübscher Erzählungen geschrieben hat), der Bornstedt, Levin Schücking, Junkmann und meiner Wenigkeit, wenn ich mal grade in Münster bin. Der Bornstedt ihre Schreiberei bedeutet nicht viel, doch verdirbt sie keinen Stoff ganz, ist in alle Sättel gerecht, und liefert, wie die Verleger es verlangen, bald eine Erzählung, bald einen Operntext, Gedichte, Heiligenlegenden, aber immer anonym, und hat schon viel Geld damit verdient. Du hast wahrscheinlich schon was von ihr lesen, ohne es zu wissen, denn sie paradiert fast in allen Taschenbüchern und Journalen. Sie ist Berlinerin, Konvertitin und erinnert mich 100mal an Tante Dorly, obwohl sie zehnmal mehr Verstand und 100mal mehr Geist hat. Sie hat mich zu ihrer Herzensfreundin erwählt, ich mag sie aber nicht besonders. Dagegen gefällt mir die Tante Hohenhausen (nicht zu verwechseln mit Elise von Hohenhausen) ungemein. Sie ist schon alt, bucklig und äußerst schwächlich, aber die Güte, Freundlichkeit und vor allem die Bescheidenheit selbst.

Die Bornstedt verachtet sie ihre etwas altfränkischen und sehr einfachen Stiles halber, und weil sie nichts als ein kleines Bändchen Erzählungen geschrieben, worin auch nicht ein einziges Knalleffekt vorkommt. Ich aber weiß wohl, dass ich sehr froh sein würde, wenn ich so gut erzählen könnte, und dass die Bornstedt in ihrem ganzen Leben nicht so gut schreiben wird. So halte ich der Bornstedt resolut die Stange, die zuweilen ihren Übermut gegen diese liebenswürdige sanfte Person gar nicht zurückhalten kann, aber wenn sie schweigt, so tue ich es desto weniger und bin auch nicht aufs Maul gefallen.

Levin Schücking musst Du kennen, da er schon früher mit dem Vikarius Specht in Rüschhaus war. Er ist der Sohn von Katharina Busch; sein Vater ist nach der Mutter Tode seines Amtes entsetzt und nach mancherlei Drangsalen und klatrigen Streichen endlich nach Amerika gegangen. Levin ist in Münster geblieben und ernährt sich durch Unterricht im Englischen und Schriftstellerei. Mit letzterer ließ es sich anfangs schlecht an, da seine Gedichte sich keineswegs auszeichnen und seine dramatischen Produkte noch weniger (ich vermute, dass das Gedicht in einem der letzten Unterhaltungsbätter „auf eine Gabe von unbekannter Hand“ von ihm ist, wenigstens ist es durchaus sein Stil, den Du daraus abnehmen kannst); jetzt aber hat er sich seit einem Jahr in das kritische Fach geworfen, worin er viel Beifall findet und viel Geld verdient, da alle dergleichen Zeitschriften ihn zum Mitarbeiter haben wollen und stark bezahlen.

Er hat ohne Zweifel das feinste Urteil in unserem kleinen Klub, und es ist seltsam, wie jemand so scharf und richtig urteilen und selbst so mittelmäßig schreiben kann. Er erinnert mich oft an Schlegel, ist sehr geistreich und überaus gefällig, aber doch so eitel, aufgeblasen und lapsig, dass es mir schwer wird, billig gegen ihn zu sein. Er soll sehr moralisch gut und so gelehrt sein, wie nicht leicht jemand seines Alters, denn er ist erst in den Zwanzigen.

Da hast Du unsere kleine Hecken-Schriftstellergesellschaft, und es sollte mir leid tun, wenn ich Dich damit ennuyiert hätte.

Mit meinem Buche ging es mir zuerst schlecht. Ich war in Bökendorf mit Sophie und Fritz allein, als es herauskam, hörte nichts darüber und wollte absichtlich mich auch nicht erkundigen. Da kömmt mit einem Male ein ganzer Brast Exemplare von der Fürstenberg an alles, was in Hinnenburg lebt, an Fränzchen, Asseburg, Diderich, Mimy, Anna und Ferdinand, Thereschen, Sophie. Ferdinand (Galen) gibt die erste Stimme, erklärt alles für reinen Plunder, für unverständlich, konfus und begreift nicht, wie eine scheinbar vernünftige Person solches Zeug habe schreiben können. Nun tun alle die Mäuler auf und begreifen alle miteinander nicht, wie ich mich habe so blamieren können.

Sophie, die, wie Du weißt, nur zu viel Wert auf der Leute Urteil legt, und einen mitunter gern etwas demütigt, war unfreundlich genug, mir alles haarklein wiederzuerzählen, und war in der ersten Zeit ganz wunderlich gegen mich, als ob sie sich meiner schämte. Mir war schlecht zumute, denn obgleich ich nichts auf der Hinnenburger Urteil gab und auf Ferdinands noch weniger (der erst einige Tage zuvor von Goethe gesagt hatte, er sei ein Dummkopf und in einer Zeile von Schillers „Freude! schöner Götterfunken!“ mehr enthalten als in allem, was Goethe geschrieben, vorzüglich sei sein Lied vom Fischer der Gipfel des Erbärmlichen, was denn der Inhalt sei? – ein gemeiner barfüßiger Kerl, der auf die langweiligste Weise so lange ins Wasser gucke, bis er hereinplumpe et cet.) – obschon nun, wie gesagt, das Urteil eines solchen Kritikers mich wenig rühren konnte, so musste ich doch zwischen diesen Leuten leben, die mich bald auf feine, bald auf plumpe Weise verhöhnten und aufziehn wollten.

Sophie war auch wie in den Schwanz gekniffen und legte gar keinen Wert darauf, dass nach und nach ganz andre Nachrichten aus Münster kamen, sondenr sagte jedesmal: „Es ist ein Glück für Dich, dass Du diesen Leuten besseres Urteil zutraust als allen Hinnenburgern und Ferdinand Galen.“ Onkel Fritz war der einzige, den dies gar nicht rührte, und dem das Buch auf seine eigne Hand gefiel; doch wünschte ich mich tausendmal von dort weg.

Hier angekommen, fand ich das Blatt gewendet. Die Gedichte wurden hier zwar nur wenig gelesen, da die meisten sich scheuen, an eine so endlose Zahl Verse zu gehn; aber die es gelesen hatten, erhoben es, ich muss selbst nach meiner Überzeugung sagen, weit über den Wert. Es waren bereits, als ich ankam, drei Rezensionen heraus. Eine zwar von einem Freunde, Lutterbek, die anderen aber von Gutzkow im „Telegraphen“ und von einem Ungenannten, der sich [Zeichen] unterzeichnet, im „Sonntagsblatte“, und alle drei bliesen so enorm, dass mir ängstlich darüber wurde; denn es nutzt nichts, über sein Verdienst erhoben zu werden; es reizt andre nur zum Widerspruche und kömmt gewöhnlich ein Eimer kaltes Wasser hintenach.

Jetzt schreibt mir Adele Schopenhauer, der ich ein Exemplar geschickt, dass es in Jena großen Beifall finde; sie müsse ihr Exemplar immer ausleihen, und der Buchhändler Friedrich Frommann, bei dem schon viel Nachfrage deshalb gewesen, habe es bei Hüffer bestellt; gegenwärtig schrieben D. B. L. Wolff und Kühne jeder eine Rezension darüber, mit der ich würde zufrieden sein können, da sie wüßte, dass beide sehr dafür eingeommen wären, obgleich ich keine so allgemeine Lobhudelei erwarten dürfte wie im „Telegraphen“, sondern Lob, Tadel und völlige Aberkennung, was mir gewiss auch das liebste sein würde. Was will ich mehr? Es ist fast zuviel für den Anfang, ich fürchte, das schlimme Ende kömmt nach.

In Kassel haben es Hassenpflug, Malchen Hassenpflug und Jakob Grimm gelesen. Ersterem hat es gar nicht, Malchen nur teilweise und Jakob sehr gefallen. Malchen schrieb mir seine eigenen Worte, die Gedichte seien sehr gewandt in der Sprache, voll feiner Züge und vom Anfange bis zu Ende durchaus originell. Lege es mir nicht für Eitelkeit aus, dass ich Dir das alles so wiederschreibe. Wen soll es denn interessieren und freuen, wenn es Dich nicht freut? Ich habe doch noch Verdruß und Verlegenheit genug, denn jetzt, wo das Ding einen guten Fortgang hat, interessieren sich alle dafür, auch die Bökendorfer (ide est Werner, August, Ludowine und Malchen Hassenpflug), und jeder Narr maßt sich eine Stimme an über das, was ich zunächst schreiben soll, und zwar mit einer Heftigkeit, dass ich denke, sie prügeln mich, wenn ich es anders mache, oder nehmen es wenigstens als persönliche Beleidigung auf.

Und doch sagt der eine schwarz und der andere weiß. Die Münsterschen Freunde ermahnen mich, um Gottes willen auf dem Wege zu bleiben, den ich einmal mit Glück betreten, und wo meine Leichtigkeit in Vers und Reim mir einen Vorteil gewähren, den ich um keinen Preis ausgeben dürfe. Malchen H[assenpflug] und die Bökendorfer dagegen wollen, ich soll eine Art Buch wie Bracebridgehall schreiben und Westfalen mit seinen Klöstern, Stiftern und alten Sitten, wie ich sie noch gekannt, und sie jetzt fast ganz verschwunden wären, zum Stoffe nehmen. das läßt sich auch hören, aber ich fürchte, meine lieben Landsleute steinigen mich, wenn ich sie nicht zu lauter Engeln mache. Ich denke an Brauns Nekrolog auf Klemens Droste, der eine reine Lobhudelei war und doch Joseph Droste so aufbrachte, weil darin stand, vorzüglich die Mutter (Tante Dine) habe sich mit unablässiger Sorgfalt seiner Erziehung gewidmet, woraus Joseph zu verstehen glaubte, der Vater sei ein dummer Esel. Wo man so urteilt, was ist da für Vernunft und Billigkeit zu erwarten?

Tunlicher scheint es mir, eine Reihe Erzählungen zu schreiben, die alle in Westfalen spielen, und so alles Verlangte in sich schließen, ohne dass man gerade zu sagen braucht: Dies soll ein Bild von Westfalen sein, und der Westfale ist so und so. Dann, meine ich, wird keiner (wie hier die Leute wohl etwas schweren Begriffs sind) es auf sich beziehen, sondern nur auf die Personen der Erzählung; auch kann ich dann von dem gewöhnlichen Gange der Dinge abgehn, kann Vorgeschichten und dergleichen mit einem Tone der Wahrheit erzählen, während ich sie in der andern Form nur als Volksglauben erwähnen darf.

Doch ist die Form von Bracebridge (eigentlich dieselbe, die Jouy in seinen vielen Hermiten, de Londres, de Guyane, de la chaussée d‘ Antin, de Paris et cet., braucht) bei weitem die angenehmste, sowohl zum Lesen als zum Schreiben, weil sie so mannigfaltig ist und auch eigne Beobachtungen und Meditationen, kleine lächerliche Vorfälle et cet. zuläßt, was sehr amüsiert, wenn man öfter lesen kann und auch mehr eignen Geist voraussetzt, als Erzählungen, die, sie mögen so gut und charakteristisch sein als sie wollen, doch selten jemand zweimal liest, weil der Abstich vom ersten Male zu groß ist, wenn die Spannung auf den Ausgang fehlt.

Dagegen finden die Leute zwischen so kurzer Ware immer allerlei, was sie selbst schon gedacht und beobachtet haben und deshalb zwanzigmal lesen können, weil es ihnen den angenehmen Eundruck macht, als hätten sie es selbst geschrieben.

So hat jede Ansicht ihre günstige Seite und jeder meiner unberufenen Präzeptoren recht. Aber mag ich nun tun was ich will, so stelle ich einige zufrieden und stoße die übrigen vor den Kopf. Am besten wär‘ es vielleicht, ich tät etwas ganz anderes, versuchte mich zum Beispiel in einem Drama. Dagegen hat noch niemand geredet, denn keiner hat daran gedacht, und ich meine zuweilen, dazu hätte ich die meiste Lust und würde mir auch am besten gelingen. Es müßte aber kein geschichtliches noch romantisches Thema sein, sondern ein Charakter– und Sittengemälde, etwas Geschichtliches könnte freilich zum Grunde liegen.

Ich weiß nicht, was ich tue und will vor allem niemand mehr um Rat fragen, denn je mehr Köpfe, je mehr Meinungen und je mehr pikierte Leute in Zukunft. …

[Am Rand:] Ich bitte, liebe Jenny, wenn Du Laß[berg] diesen Brief mitteilen solltest, bitte ihn ja, dass er nie in irgendeinem Briefe nach Hülshoff, Bökendorf oder an Mama auf irgend etwas anspielt, was ich geschrieben. Ich lasse mich so ganz gehn, vielleicht zu sehr, aber es ist nur für Dich oder, wenn Du es gut findest, für Laß[berg] mit, aber für Euch beiden allein.

Rüschhaus, 29. Januar 1839

Hintergrund: Rezensionen der "Gedichte 1838" erschienen u.a. im Oktober 1838 im "Telegraphen für Deutschland" (Levin Schücking), im Mindener "Sonntagsblatt" vom 16.9.1838 (Elise von Hohenhausen),in Cottas "Morgenblatt für gebildete Leser" vom 22., 24.-27. 12. 1838 (vermutlich Levin Schücking), in der Beilage "Literarische Blätter" zu "Der Gesellschafter" am 19.8.1840 (Gustav Kühne) und im "Telegraphen" vom Juli und August 1840 (Friedrich Engels). Eine Rezension durch den Jenaer Literaturprofessor O.L.B. Wolff ist nicht nachgewiesen.

1 Anmerkung

  • # Adele Schopenhauer:
    Adele Schopenhauer

    Nun denn, ich weiß selbst nicht, warum ich nicht geschrieben, nicht gedankt, nicht gesagt habe, Ihr großes Westfälisches Gedicht sei eine einzige Perlenschnur vollkommen allerliebster Einzelheiten, von einem einzigen warmen wahren Gefühl aneinandergehalten und gereiht – Nette, was weiß ich, ich hätte viel Hübsches sagen können und schwieg. Aber Ihre Gedichte lagen bei Kühne, der sie rezensiert, Gutzkow hat, Gott weiß wie, zuerst die Kunde durch die literarische Welt geschickt, und O.L.B. Wolff wartet auf die Rückkehr meines Exemplares, um auch seine Meinung in die „Europa“ oder sonst wohin zu senden.

    Allgemein entzücken die katholischen geistlichen Lieder; die Herren fühlen die kahle Kälte ihres Pseudokatholizismus z.B. in den Klosternovellen, und erkennen Ihre Kraft an. Sternberg war entzückt, so ist’s Ottilie, aber wir alle haben nur das eine Exemplar, sie sind noch gar nicht zu haben, und Sie müssten Ihren Buchhändler zwingen, sie an die Hauptbuchhandlungen zu senden.

    Sie werden allmählich überall durchbrechen und erlangen, was Sie wünschen: ein parteiloses, ernstes Urteil, Lob und Tadel, Anerkennung. Ich könnte Sie um Ihr gewaltiges Talent beneiden, wenn ich mir irgendein Talent wünschte. Lassen Sie die gute Tante Sophie und die Vettern reden, lachen Sie herzhaft, beschwichtigen Sie die Tante mit den allmählich ruhig urteilenden Männern vom Fach und vor allem lassen Sie sich nicht irre und nicht ernst machen. Es kann keine artigere Komödie geben, als diese Szenen, die Sie mir nacherzählen; schreiben Sie sie selbst als Komödie à la Molière auf, lassen Sie sich amüsieren, indem Sie aus sich selbst herausgehen. Bald ist dies Geplänkel beschlossen, den Leuten fällt etwas anderes ein, derweilen haben hier im Norden andere Ihr Buch gelesen und nun kommt erst die eigentliche Kritik.

    Wenn ich komme, will ich Ihnen Ihre geistlichen Lieder vorlesen, die ich, sagt man, wunderschön spreche und Sie werden begreifen, daß schon diese, in denen Sie nichts sind als Sie, und nicht an Byron erinnern, Ihren Ruhm bei uns sichern! Ihre Ballade entzückt die Leute, doch schilt man, daß Sie die Handgriffe, die Ökonomie der Darstellung, die eigentliche Kunst des Schriftstellerns nicht gründlich könnten und dass das gewaltige Talent noch nicht von bewusster Willkür geleitet wäre.

    … so himmlisch Ihre Naturbilder, so kühn und groß Ihre Bewegungen in diesem Ideen- und Bildermeer sind, so habe ich doch nicht eine Minute daran gedacht, daß ich so die Feder führen möchte. Ich freue mich aus Herzensgrund endlich der Pein dieses Schaffens überhoben zu sein. Es ist mir schwer geworden, mein Talent zerstören zu sehen, doch sind alle diese Art[en] poetischer Anlagen phönixartig, es bricht in einer andern für mich minder gefährlichen Form hervor. Meine Art Lebensansicht, meine zunehmende Klarheit, alle die wirklich schauerlichen Menschenseelen, die mir nahe treten – sie würden mich zu einer Schreibart verleiten, die ich keiner Frau wünschen kann. Wolfgang Goethe wird, denke ich, ein sehr großer Dichter, aber der Preis um den er es wird, könnte mich unsinnig machen, hätten mich nicht Erfahrungen längst gegen diese Kompensationsqual der Welt und der Natur fest gemacht. Ich erkenne sie, so eisern gelassen, wie die Alten das Fatum. Je länger ich lebe, je mehr fühle ich, dass mich nichts mehr lockt, glauben Sie mir …
    Weimar, 16. Dezember 1838