11. März 1831

Was Du von mir denkst, meine liebe alte Mama, das weiß der liebe Gott, aber das weiß ich wohl, dass ich ganz unschuldig bin und in den letzten vier Wochen oft nicht wußte, wo mir der Kopf stand. Ich bin jetzt schon in der 5. Woche bei der Mertens, die sehr gefährlich krank gewesen ist. Ich habe viel Last gehabt, so viel wie in meinem Leben noch nicht. Ich habe die arme Mertens Tag und Nacht verpflegt, fast ganz allein; denn ihrer Kammerjungfer hatte sie grade zuvor aufgesagt, weil sie trinkt, und konnte sie nun gar nicht mehr um sich leiden, … ihre beiden ältesten Mädchen sind in der Pension. Adele Schopenhauer immer krank. So war ich die Nächte zu der Sache.

Wie hab ich doch so manche Sommernacht,
Du düstrer Saal, in deinem Raum verwacht!
Und du, Balkon, auf dich bin ich getreten,
Um leise für ein teures Haupt zu beten,
Wenn hinter mir aus den Gemaches Tiefen
Wie Hilfewimmern bange Seufzer riefen,
Die Odemzüge aus geliebtem Mund;
Ja, bitter weint‘ ich – o Erinnerung! –
Doch trug ich mutig es, denn ich war jung,
War jung noch und gesund.

Du Bett mit seidnem Franzenhang geziert,
Wie oft hab‘ deine Falten ich berührt,
Mit leiser, leiser Hand gehemmt ihr Rauschen,
Wenn ich mich beugte durch den Spalt zu lauschen,
Mein Haupt so müde, dass es schwamm wie trunken,
So matt mein Knie, dass es zum Grund gesunken!
Mechanisch löste ich der Zöpfe Bund
Und sucht‘ im frischen Trunk Erleichterung;
Ach, Alles trägt man leicht, ist man nur jung,
Nur jung noch und gesund! …

aus: Nach fünfzehn Jahren

Die arme Billchen hat die ersten vierzehn Tage keine einzige Stunde geschlafen; jetzt ist es viel besser, aber doch stehe ich fast jede Nacht ein oder ein paarmal auf. Dabei habe ich die ganze Haushaltung übernommen und gewiss mehr als 20 Schlüssel täglich zu gebrauchen; zwischendurch muss ich dabei nach den Kindern sehn, da die Madame D. fort ist. Ich tue das alles herzlich gern und befinde mich wohl dabei, aber müde bin ich oft wie ein Postpferd. Ich bin in dieser Zeit nur einmal auf eine Stunde nach Bonn gefahren …

Bonn, den 20. Die Mertens war so elend, so matt, dass ich dachte, sie wäre in den letzten 14 Tagen der Schwindsucht, aber es sind alles nur Krämpfe gewesen. Sie ist jetzt besser. Das Kopfübel ist gehoben, sie nimmt stärkende Bäder, wonach, wie der Arzt meint, ihre Kräfte sich vielleicht sehr bald wiederherstellen werden. Die Adele ist gekommen, mich abzulösen, und nun bin ich wieder hier.

Ach Gott, was habe ich für Angst ausgestanden! Wie dein letzter lieber Brief kam, war alles so, dass ich keine Minute von ihrem Bette gehn und an kein Schreiben denken konnte. Sie war den Tag gerade so, dass sie fast gar nicht mehr sprach und 24 Stunden lang nichts aß, weil sie vor Schwäche nicht schlucken konnte. Und doch ist keine Todesgefahr da, wie der Doktor versichert…

Plittersorf/Bonn, 11./19. März 1831