1830 14.Oktober

Ich habe mich bei einem Friseur abonniert, und so würdest Du das Vergnügen haben, mich immer à la derniere mode aufgetakelt zu sehn. Das ist nun schon gut, bequem und auch gar nicht teuer, aber wie man mir zusetzt Kleider zu kaufen, das kannst Du Dir gar nicht denken. Es macht mich höchst unglücklich. Einen Hut habe ich schon kaufen müssen, und heute soll ich wahrhaftig wohl an mein Merinos-Kleid dran müssen. Mehr will ich aber nichts tun, obgleich man mich mit Vorschlägen beinahe tot macht. Einige wollen mir durchaus einen neuen Überrock aufschwätzen, und Pauline meint, ich könnte es gar mit dem schwarzen wohl tun,dann müßte ich aber einen neuen Pelzkragen darüber nehmen, was am Ende fast ebenso teuer ist. Einen Tüllschleier über meinen neuen Hut soll ich nehmen; ich habe aber gesagt, das tät ich nicht; einen niedlichen Schal oder schwarzes Blondentuch: täte ich nicht; ein hübsches seidenes Kleid, wenn ich in Gesellschaft ginge; ich ginge nicht in Gesellschaft; einen ganz hohen Schildplatt-Kamm: tät ich nicht! Es ist wirklich unverschämt, es ist als ob die Leute mich wenigstens für die Frau von L … hielten. Aber es kommt daher: Jeder rät mir etwas anderes zu und meint, das übrige könne ich entbehren.

Wann ich zurückkommen kann, davon ist gar keine Rede. Sie meinen alle, ich bliebe den ganzen Winter hier. Ich wäre lieber wieder bei Euch, so gut es mir sonst hier geht. Aber wir von Rüschhaus sind gar zu sehr aneinander gewöhnt, und ich bin immer auch angst, es möchte jemand krank werden, von Euch oder meinen Bekannten, , die Amme oder der alte Sprickmann; kurz, wenn ich könnte, so käme ich viel lieber bald wieder. Aber da ich keine Gelegenheit dazu sehe, so schweige ich vorläufig ganz still. Sie würden es mir hier alle übel nehmen, wenn sie merkten, dass ich mich wieder nach Haus verlangt, da sie doch allerseits das Mögliche tun, mir den Aufenthalt angenehm zu machen. Ich schweige auch ganz still, wenn sie es für bekannt annehmen, dass ich den Winter über bleibe. Ich habe mich abonniert beim Friseur und in der Leihbibliothek, und die Mertens denkt sogar ihren Mann dahin zu bringen, dass er den Winter über in Bonn wohnt, weil ich hier bin. Das wird mich aber alles nicht hindern, zu echappieren, um wieder zu Euch zu kommen, sobald ich eine Gelegenheit sehe. Das einzige, was macht, dass ich mich nicht noch mehr darum umsehe, ist, weil ich noch immer für möglich halte, dass wir im nächsten Jahre, möglicherweisen reisen könnten, und [ich] durch meinen Aufenthalt hier die Kosten der Reise wieder etwas aussparen möchte. …

Wie hier alles nur der Politik lebt, kannst Du denken; bei Euch wird es ebenso sein. Übrigens ist jetzt hier alles äußerst ruhig; diese Handelsstädte fürchten zu sehr das Fallen der Papiere, als dass sie nicht auch den Krieg fürchten sollten; in Köln haben die Schiffer den Wagen des Prinzen Albrecht ausgespannt und selbst gezogen; die arme Prinzessin aber, wie sie den Zusammenlauf des Volkes gesehen und mitten auf der Rheinbrücke ist angehalten worden, hat gemeint, die aufrührerische Menge wollte den Wagen in den Rhein werfen, und hat ganz laut geschrien und geweint, bis der Prinz sie beruhigt hat. Demungeachtet würden diese Gegenden gewiss nicht ruhig bleiben, wenn das Feuer einmal in gerader Linie bis hierher gedrungen wär, aber sie fangen auf eigene Hand nichts an, denn ihr Vorteil leidet zu sehr darunter.

Bonn, 14. Oktober 1830

Mehr zum Adressaten: Therese von Droste
Hintergrund: Bei ihrem dritten Aufenthalt am Rhein von September 1830 bis Juni 1831 diesmal quartiert sich Annette in Bonn bei ihrem Cousin Clemens von Droste ein - trifft sie Sibylle Mertens-Schaaffhausen wieder.
Für politische Unruhen sorgt die Pariser Julirevolution von 1830.

1 Anmerkung

  • # Jenny von Laßberg:

    Es freute mich sehr, dass diese Reise so schnell aufs Tapet kam, denn Nette fing schon wieder an zu klagen. Früherhin hatte sie die Hoffnung der Reise [nach Italien] beschäftigt, und jetzt war sie auf einmal ausgespannt, wann sie wiederkommt ist noch nicht bestimmt …
    Familienbrief vom 16. November 1830