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Aufgetakelt in Bonn

Wenn du denkst, meine liebste Mama, ich dächte nicht an Euch, oder hätte kein Verlangen von Euch zu hören, weil ich so lange nicht geschrieben habe, so tust du mir aber erbärmlich Unrecht, — ich denke immer an Rüschhaus und Hülshoff, und dich und Jenny, — und ich bin in der größten Unruhe, daß ich nichts von Euch höre, — weder von Euch noch den Bökendorfern, – weder Onkel Moritz noch ich. — Schreibt mir doch, ich bitte inständigst, sobald als möglich;

Ich selbst habe eine kleine Unpässlichkeit gehabt, — unbedeutend, aber es hat mich doch am Schreiben gehindert, — ich bin nämlich mit einem gewaltigen Katarrh hier angekommen – und der hat erst vor 4 Tagen aufgehört — ist das nicht arg? – doch habe ich mich dabey lange nicht so matt und miserabel befunden, wie sonst wohl bey ähnlichen Gelegenheiten, – nur die Augen waren mir ziemlich angegriffen, darum mochte ich nicht schreiben, – jetzt ist alles wieder besser, und ich fühle auch weniger Beklemmung in der Brust, als wie ich noch in Münster war.

Mit Arno habe ich nicht geschrieben, weil ich gerade nach Plittersdorf geholt wurde, wo ich die Mertens sehr leidend antraf, – es waren aber nur Krämpfe, und so konnte ich nach drey Tagen wieder hieher gehen, – sie brachte mich sogar selbst zurück, obgleich sie in den Tagen, die ich bey ihr war, mehrere Male vor Schmerzen ohnmächtig wurde; – sie ist übrigens im Ganzen ziemlich gesund jetzt; dies war nur so ein einzelner Anfall, sonst kann sie gewaltig viel vertragen, und ist so gut zu Fuße, daß ich mich darüber wundern muß, – sie läuft von Plittersdorf nach Bonn und wieder zurück in einem Tage, und dabey den ganzen Tag auf den Straßen umher.

Mit Tony glaubt sie ganz prächtig fertig geworden zu sein, – sie hat rechten Nutzen von ihrem Aufenthalt zu Plittersdorf gehabt. – Der Herr Mertens hat sich so gut mit ihr unterhalten können, daß er diese Zeit über nicht halb so viel an Langweile und folglich übler Laune gelitten hat als sonst. Dieses ist auch wohl der Grund, warum sie so wenig empressirt gewesen ist, Tony weiter zu schaffen, obgleich sie das nicht gerade eingestehen will.

Ich bin nur erst dieses einzige Mal in Plittersdorf gewesen, und gehe auch wohl nicht wieder hin, wenn ich nur kurze Zeit noch bleiben sollte, (worüber aber freylich noch nichts ausgemacht ist), denn Pauline ist sonst so allein, da Clemens immer viel zu tun hat, und Pauline sich noch gar nicht wieder zum Ausgehn oder Besuchmachen entschließen kann.

Ich auf meine eigne Hand gehe gar nicht aus, außer nach Onkel Moritz; der Onkel sieht wohl aus, und ist gewöhnlich guter Laune, — die Tante Sophie hingegen schlecht, obschon sie nicht sonderlich klagt, bald, wie ich glaube, daß sämtliche Verfallenheit(?) jetzt ziemlich gut ist; sie ist auch immer recht aufgeräumt, aber sieht, wie gesagt, recht mager und grün im Gesichte aus.

(…) ich habe heut nicht nach Haxthausens gehn können, weil ich meine eben angekommenen Kleider fortpacken mußte und dann diesen Brief schreiben wollte. Der Koffer von Sthuttgart geht wie ich glaube, heute weiter, nach Hamm, und den Schlüssel schicke ich hierbey.

Meine Schreibsachen, die ich übrigens jetzt heraus genommen habe, haben Gottlob, nichts beschädigt; wir haben nicht alles finden können an Weißzeug, was Jenny mir auf dem Zettel geschrieben hatte, – aber wir mochten auch nicht alles so durcheinander werfen, — ich habe doch Weißzeug genug. Die Tante und Marie haben mir den Koffer wieder packen geholfen, oder vielmehr, sie haben es fast allein getan, und ich habe zugesehn.

Ich habe mich bey einem Friseur abonniert, und so würdest Du das Vergnügen haben, mich immer à la derniere mode aufgetakelt zu sehn. Das ist nun schon gut, bequem und auch gar nicht teuer, aber wie man mir zusetzt Kleider zu kaufen, das kannst Du Dir gar nicht denken. Es macht mich höchst unglücklich. Einen Hut habe ich schon kaufen müssen, und heute soll ich wahrhaftig wohl an mein Merinos-Kleid dran müssen. Mehr will ich aber nichts tun, obgleich man mich mit Vorschlägen beynahe tot macht. Einige wollen mir durchaus einen neuen Überrock aufschwätzen, und Pauline meint, ich könnte es gar mit dem schwarzen wohl tun,dann müßte ich aber einen neuen Pelzkragen darüber nehmen, was am Ende fast ebenso teuer ist. Einen Tüllschleier über meinen neuen Hut soll ich nehmen; ich habe aber gesagt, das tät ich nicht; einen niedlichen Schal oder schwarzes Blondentuch: täte ich nicht; ein hübsches seidenes Kleid, wenn ich in Gesellschaft ginge; ich ginge nicht in Gesellschaft; einen ganz hohen Schildplatt-Kamm: tät ich nicht! Es ist wirklich unverschämt, es ist als ob die Leute mich wenigstens für die Frau von Landsberg hielten. Aber es kommt daher: Jeder räth mir etwas anderes zu und meint, das Übrige könne ich entbehren.

Wann ich zurückkommen kann, davon ist gar keine Rede. Sie meinen alle, ich bliebe den ganzen Winter hier. Ich wäre lieber wieder bey Euch, so gut es mir sonst hier geht. Aber wir von Rüschhaus sind gar zu sehr aneinander gewöhnt, und ich bin immer auch angst, es möchte jemand krank werden, von Euch oder meinen Bekannten, , die Amme oder der alte Sprickmann; kurz, wenn ich könnte, so käme ich viel lieber bald wieder. Aber da ich keine Gelegenheit dazu sehe, so schweige ich vorläufig ganz still. Sie würden es mir hier alle übel nehmen, wenn sie merkten, daß ich mich wieder nach Haus verlangt, da sie doch allerseits das Mögliche tun, mir den Aufenthalt angenehm zu machen. Ich schweige auch ganz still, wenn sie es für bekannt annehmen, daß ich den Winter über bleibe. Ich habe mich abonniert beym Friseur und in der Leihbibliothek, und die Mertens denkt sogar ihren Mann dahin zu bringen, daß er den Winter über in Bonn wohnt, weil ich hier bin. Das wird mich aber alles nicht hindern, zu echappiren,[1]echappieren: entwischen um wieder zu Euch zu kommen, sobald ich eine Gelegenheit sehe. Das einzige, was macht, daß ich mich nicht noch mehr darum umsehe, ist, weil ich noch immer für möglich halte, daß wir im nächsten Jahre, möglicherweise reisen könnten, und durch meinen Aufenthalt hier die Kosten der Reise wieder etwas aussparen möchte.

Schreibt mir doch sogleich, liebste Mama, ich bitte, wie es Euch Allen geht, was Ihr von Onkel Werner und den Tanten wisst, wie ich wieder zu Euch kommen kann, – aber bitte vergiss es nicht, — ich bin ganz elend daran, – Keiner schreibt, weder an mich noch an die Andern, das Porto für den Koffer werde ich hier wohl bezahlen, dann rechnen wir es nachher unter einander ab. – Euch bleibt für jetzt nur das Porto Retour von hier bis Münster.

Gallieris soll ja verwundet sein, – das stand schon vor etwa 10-14 Tagen in der Zeitung ob schwer oder nicht ist nicht angemerkt. – auch ist es nachher weder bestätigt noch widerrufe. Weißt du nichts Genaues hiervon, beste Mama?

Wie hier alles nur in der Politik lebt, kannst du denken; bey Euch wird es ebenso sein. Übrigens ist hier alles äußerst ruhig; – diese Handelsstädte fürchten zu sehr das Fallen der Papiere als daß sie nicht auch den Krieg fürchten sollten; in Cöln haben die Schiffer den Wagen des Prinzen Albrecht ausgespannt und selbst gezogen, die arme Prinzessin aber, wie sie den Zusammenlauf des Volkes gesehen und mitten auf der Rheinbrücke ist angehalten worden, hat gemeint, die aufrührerische Menge wollte den Wagen in den Rhein werfen, und hat ganz laut geschrien und geweint, bis der Prinz sie beruhigt hat;

Demungeachtet würden diese Gegenden nicht ruhig bleiben, wenn das Feuer mal in grader Linie bis hieher gedrungen war, aber sie fangen auf ihre eigene Hand Nichts an, denn ihr Vorteil leidet zu sehr darunter.

Ich habe hier schon viele gelehrte Herrn gesehn, aber wenig interessantes darunter, ich glaube aber, daß es weniger an diesen Herrn selbst, als an ihrem Verhältnis zu Clemens liegt; — entweder es waren Feinde, und so machten sie ihren zeremoniellen Besuch mit ein paar abgedroschenen Phrasen ab, — oder es waren Verbündete, wo sie dann sogleich zusammen ihr Steckenpferd bestiegen und mir dann in ein paar Augenblicken so unverständlich geworden waren, daß sie ebensogut hebräisch hätten sprechen können.

Adieu beste, liebste Mama; ich will aber nun auch ganz fleißig schreiben so lange ich noch hier bin, gleich mit der nächsten Post an Jenny. Bitte schreibt doch auch. Viel Schönes an Jenny, Werner, Line, die Kinder, Wilmsen, die Amme, Trude,

von deiner gehorsamen Tochter,

Nette.

Ich schicke den Schlüssel nicht, denn da der Koffer nicht über die Post geht, so ist der Brief mit dem Schlüssel nicht frei; brecht also lieber das einfältige Schloß auf, was doch nur 4 Groschen gekostet hat, es würde sonst mehr Porto kosten. Tausend Mal adieu.

References
1 echappieren: entwischen
Bei ihrem dritten Aufenthalt am Rhein von September 1830 bis Juni 1831 diesmal quartiert sich Annette in Bonn bei ihrem Cousin Clemens von Droste ein - trifft sie Sibylle Mertens-Schaaffhausen wieder.
Für politische Unruhen sorgt die Pariser Julirevolution von 1830.

1 Kommentar im Kontext dieses Briefes

  1. Es freute mich sehr, dass diese Reise so schnell aufs Tapet kam, denn Nette fing schon wieder an zu klagen. Früherhin hatte sie die Hoffnung der Reise [nach Italien] beschäftigt, und jetzt war sie auf einmal ausgespannt, wann sie wiederkommt ist noch nicht bestimmt …
    Familienbrief vom 16. November 1830

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