1842 10.September

Für Dich allein zu lesen

Wegen der Präbenden von meinem und Mamas Vermögen habe ich mit Wernern gesprochen. Er ist mit allem zufrieden, sagt, wegen der meinigen Wünsche und könne er ja auch keine Schwierigkeiten machen, da ich ja völlig Herr darüber sei; Mama aber scheine kein Testament machen zu wollen, sondern habe ihm ihre Dispositionen gesagt und er ihr sein Wort gegeben, alles so auszuführen, wenn wir es zufrieden wären, was sie für ausgemacht annahm. Diese Dispositionen sind aber ganz anders, wie ich sie erwartet, und so, dass Werner und Du jeder 1000 Taler erhalten sollten, von dem übrigen aber, was etwas mehr ist, so dass es statt 40 50 Taler Zinsen bringt (zu 4 Prozent berechnet), sollte ich die Nutznießung haben; wo es dann nach meinem Tode hinfallen würde, erinnere ich mich nicht recht mehr, mich dünkt aber nach Hülshoff zurück.

Diese Disposition ist mir nun keineswegs angenehm, da es keinem von Euch recht hilft und vollends für die Zukunft gar nichts Dauerndes davon bleibt. Werner ist ganz zufrieden, wenn ich Mama zu der andern, mit dir abgesprochenen Anordnung berede, und wünscht nur, dass dann für den Fall einer Vormundschaft alles fest und bündig gemacht werde. Obwohl ich nun jene Anordnung sehr wünsche, bin ich doch verlegen und zweifelhaft, bestimmt dazu zu raten, namentlich Dir, weil ich fürchte, es könne Dich gereuen.

Was mich anbelangt, so bin ich entschlossen, die 50 Taler gern und willig herzugeben, wenn etwas Dauerndes daraus entstehn kann. Ich habe gottlob geringe Bedürfnisse; Du hingegen entsagst für deine beiden den Kinder, einer bestimmten Summe, um einer dafür ein freilich dagegen sehr großes Einkommen zu sichern, was aber für das andre mit Kapital und allem gänzlich verloren wäre, wenn, was der Himmel verhüten möge, Gott das Kind zu sich nähme.

Auch Werner seinerseits könnte, falls ich vielleicht früh stürbe und ihm also nach der alten Disposition (wie ich wenigstens meine) auch mein Anteil und somit das meiste völlig zufiele, in trüben Stunden, wo er um die Zukunft seiner Kinder sorgte, denken, er hätte einen dummen Streich gemacht, und es würde ihm leicht gewesen sein, die fehlenden 1000 Taler noch dazu zu sparen und einem seiner eigenen Kinder damit ein kleines Auskommen zu sichern. Es ist hier sehr schlimm zuzureden; ihr seid leider beide nicht in dem Falle, sehr die Generösen machen zu können. Du hast wahrscheinlich nicht viel und Werner eine täglich wachsende Last auf dem Rücken; denn ich zweifle jetzt, da dieses neue Kind so schnell auf das vorige folgt, gar nicht, dass noch ein halbes Dutzend dazukommen.

Kurz, überlege es dir selber und antworte mir noch nicht darauf, denn ich merke jetzt unter dem Schreiben erst recht, dass mir über viele Punkte auch noch die Auskunft fehlt; zum Beispiel weiß ich nicht gewiss, was mit meinem Anteil nach meinem Tode wird. Ebenso fällt mir ein, dass, wenn früher zwischen Werner und mir von einer Familienpräbende die Rede war, es immer hieß „bis zur Verheuratung“ und ich nicht sicher weiß, ob ich ihm gesagt habe, dass für dein Kind natürlich eine Abänderung „für Lebenszeit“ gemacht werden müßte. Ich werde also nochmals mit ihm darüber sprechen und Dir dann schreiben.

Wollte Gott Mama hätte von selbst alles so gemacht, wie sie früher willens war, nur mit der Bedingung, dass eins Deiner Kinder die erste Nutznießung haben sollte; dann wäre jeder zufrieden und das ganze ein dauernder Segen für die Familie gewesen. Ich denke immer, es kömmt noch dazu, aber Ihr müßt es beide wohl überlegen: hättest Du nur ein Kind, so wäre die Sache (auf Lebenszeit nämlich und sogar bloß bis zur Versorgung) offenbar vorteilhaft für dasselbe, nun aber ist das andre auch mit 500 Talern dabei interessiert, die sonst sein Eigentum geworden wären. Es macht mich ganz niedergeschlagen, dass ich nicht ordentlich raten kann, da der beste Rat nach den Umständen jedem von Euch zum Nachteil oder Vorteil ausfallen kann. Kömmt es nicht zur Präbende, so bleibt mir nichts übrig, als (wenn Gott will dass ich meine Mutter überlebe) jene 50 Taler jährlich anzulegen und zu sehn, ob ich so und durch Schriftstellern etwas zusammenbringe, woraus ich dann unter denselben Bedingungen die zweite Präbende selbst stiften kann. Vorläufig, genug hiervon, bis ich Wernern wieder gesprochen. Meinen 50 Talern entsage ich auf jeden Fall, und Werner müßte sie mir dann gleich zu dem bewußten Zwecke anlegen.

Rüschhaus, 10. September 1842 (?)

Mehr zum Adressaten: Jenny von Laßberg
Hintergrund: Die Präbende meint hier eine Art Leibrente. Annettes Schwester Jenny hat zwei Töchter (die Zwillinge Hildegarde und Hildegunde, geboren 1836), ihr Bruder Werner wird insgesamt zwölfmal Vater, drei Kinder sterben bereits früh. Während Jennys Töchter unverheiratet bleiben, leben von der Nachkommenschaft der sieben Söhne und zwei Töchter Werners (geboren zwischen 1827 und 1845) heute noch drei Großnichten sowie 25 Ur-Ur-Großneffen und -nichten der Droste.