Sittenlosigkeit – und Levin mittendrin

Von Annette von Droste-Hülshoff
10. September 1842

In Schückings Briefe steht manches, was mich fürchten läßt, dass er endlich ehrenshalber nicht wird bleiben können. Der Fürst scheint ein Mensch von der schamlosesten Sittenlosigkeit. Z.B. die letzte Reise, wo Sch[ücking] und die Kinder auch mit waren, haben sie in Gesellschaft der Mätresse und ihrer Schwester gemacht, während die Fürstin in Ellingen auf dem Todbette liegt. An einer andern Stelle schreibt er: „Die arme gute Fürstin hat nur noch wenige Wochen zu leben, der Fürst kann es kaum abwarten, um in seine Löwenhöhle (nach Mondsee) zurückzukehren. Ich hoffe, er wird dann wenigstens die Delikatesse haben, mich mit den Kindern hier zu lassen. Aber ich fürchte! ich fürchte! nach dem Tode der Fürstin stehn uns große Veränderungen bevor!“ (Dreimal unterstrichen.) Was sagst du dazu?

Wenn der Fürst die Person heuratet, so ist das noch nicht das schlimmste, und Sch[ücking] kann noch mit Ehren im Hause bleiben, um die armen Kinder vor dem Verderben zu retten. Wenn er sie aber bloß zu einer skandalosen Wirtschaft ins Haus holt mit ihren Kindern, sie dort die regierende Frau vorstellt und Sch[ücking] ihr augendienern und die Hand küssen soll, so dürfte ich doch kein Wort dagegen sagen, wenn Sch[ücking] alles im Stiche ließ und abzög, obwohl er bis jetzt noch nicht darauf hindeutet. Beim Fürsten scheint das gemeine Blut doch gewaltig durchzuschlagen! So roh und taktlos würde sich kein Mensch von guter Herkunft betragen!

Mehr über die Adressatin/den Adressaten: Jenny von Laßberg