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Meine Gedanken sind immer bey Euch

Nur zwey Worte, guter Hans, damit du siehst daß ich auch noch lebe, — es geht mir wieder ziemlich gut, bis auf die verflixte Seite, wo es noch nicht heraus will, doch glaubt Knabenhan’s, daß es Rheumathismus sey, der sich, jetzt wo die Seite angegriffen sey, aus dem Gesicht dorthin gezogen habe, und so wird es auch seyn, denn von Gesichtsschmerz weiß ich jetzt nichts – könnte ich euch andern armen Blüten nur helfen, aber das ist so betrübt, daß man das in Nichts kann, weil ihr in dem Wirthshause liegt, wo man statt Erleichterung nur mehr Last und mehr Kosten bringt, wenn man herüber kömmt – doch komme ich jedenfalls das nächste mahl mit Mama, weil es mir gar zu peinlich ist, immer von Euch zu hören, und Euch nicht zu sehn –

nach Tisch, so eben kömmt dein Bote, es ist doch traurig, daß Laßberg so schlecht liegen kann. Mama bringt jetzt das Verlangte in Ordnung, – lieber Gott, wenn ich doch etwas für Euch thun könnte, – meine Gedanken sind immer bey Euch, — ich möchte dir so gern in Etwas helfen, und weiß doch nicht wie ich es anfangen soll — Mama hat Laßberg etwas wegen der Lieder von Maßmann gefragt, die Sache verhält sich eigentlich so: ich dachte, es könne Laßherg vielleicht Freude machen, wenn ich die Lieder jetzt fertig schrieb, daß Alles in Ordnung wäre wenn er käme, weil ich aber zweifelhaft war, ob das Unangenehme, daß ich mich selber bey diese Sachen gegeben hätte, nicht das Angenehme für Ihn überwöge, so sollte Mama dich darüber fragen, statt dessen hat sie sich an Ihn gewendet, und er hat es erlaubt, aber ich weiß nun doch nicht, ob es ihm eher lieb oder eher unangenehm ist, und das ist doch das Einzige worauf es ankömmt — glaubst Du, liebste Jenny, daß ihm irgendetwas PENIBLE dabey ist, so weiß ich, daß ich die wenigen noch übrigen Lieder, auch nach seiner Zurückkunft noch so geschwind fertig machen werde, daß das Clavier doch nur wenige Tage über den Monatstermin zurück geschickt werden kann, und der Docktor Knabenhans sagt, daß es mit dem Clavier auf einige Tage gar nicht ankomme — laß mich doch deine Meinung wissen –, ich habe bey der Sache Nichts gewollt, als Laßherg eine kleine unbedeutende Freude machen, aber nicht ihn plagen und unangenehme Einfälle haben, –

ADIEU, bestes Herz, deine Kinder wachsen sehr, die blaue ist schon bald eine große Freylein, und Röthelchen macht sich auch hinterher, – 1000 Herzliches an den armen Laßberg, wenn Du dir etwas ausdenken kannst, womit ich euch nützen, oder Freude machen kann, so thust du mir einen großen Gefallen. deine Nette

Eppishausen, (nach dem 17.) Mai 1836

Annette von Droste richtet diesen Brief nach Altnau, wo sich ihre Schwester Jenny und deren Mann nach einen Unfall aufhalten. Am 9. Mai war die Familie inklusive Annette bei einem Ausflug mit einer Pferdekutsche hier verunglückt. Sie und Joseph von Laßberg werden dabei verletzt; der Schwager behält eine lebenslange Gehbehinderung zurück, Annette erleidet eine Verletzung am Hinterkopf. Zum Zeitpunkt, als sie diesen Brief an die Schwester schreibt, hält sie sich bereits wieder in deren Anwesen in Eppishausen (Schweiz) auf.