Sorge um Ferdinand

Von Annette von Droste-Hülshoff
28. Mai 1827

Was du von Tante Betty schreibst, ist ganz wahr: sie ist die allersanfteste Frau, die ich je gesehn habe; wäre sie es um ein Haar mehr, dann wäre es zuviel, aber so ist es gerade liebenswürdig. Ich bitte, rufe mich doch in ihr Andenken zurück, denn sie ist mir gewiss böse, dass ich nicht geschrieben habe, aber ich wusste nicht, was ich über mein Ausbleiben sagen sollte. Grüß überhaupt alle. Es ist niemand dort, gegen den ich eigentlich wohl etwas hätte, außer August: Du würdest auch übel ankommen, wenn Du den von mir grüßen wolltest: Du kriegtest entweder keine Antwort darauf oder noch wahrscheinlicher eine grobe. …

Ich muss Dir sagen, liebste Jenny, dass Ferdinand vor einigen Tagen ziemlich stark Blut gespieen hat. Goosmann sagt zwar, da er keine Schmerzen in der Brust dabei habe, so habe es nichts zu bedeuten und komme von den Hämorrhoiden. Ich glaube das auch wohl, da er sich sonst nicht sonderlich übel dabei befindet, doch schreibe ich es Dir, damit Du etwas acht auf ihn hast, dass er sich nicht zu sehr erhitzt oder erkältet oder zu forcierte Touren macht, denn ganz ohne Ängstlichkeit bin ich doch nicht dabei, obgleich er selbst, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, nicht den mindestens Wert darauf legt, aber es war doch recht stark und den ganze Morgen hindurch.

Havixbeck, 28. Mai 1827

Mehr über die Adressatin/den Adressaten: Jenny von Laßberg
Hintergrund: Während Schwester Jenny sich mit Mutter Therese gerade bei den Verwandten in Bökendorf aufhalten, ist Annette zu Besuch bei der Familie Twickel in Havixbeck.
Bruder Ferdinand ist seit langem krank, er stirbt am 15. Juni 1829 an Lungentuberkulose.