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Sorge um Ferdinand

(…) Was du von Tante Betty schreibst, ist ganz wahr: sie ist die allersanfteste Frau, die ich je gesehn habe; wäre sie es um ein Haar mehr, dann wäre es zuviel, aber so ist es gerade liebenswürdig. Ich bitte, rufe mich doch in ihr Andenken zurück, denn sie ist mir gewiß böse, daß ich nicht geschrieben habe, aber ich wusste nicht, was ich über mein Ausbleiben sagen sollte. Grüß überhaubt alle. Es ist niemand dort, gegen den ich eigentlich wohl etwas hätte, außer August: Du würdest auch übel ankommen, wenn Du den von mir grüßen wolltest: Du kriegtest entweder keine Antwort darauf oder noch wahrscheinlicher eine grobe. …

Ich muß Dir sagen, liebste Jenny, daß Ferdinand vor einigen Tagen ziemlich stark Blut gespieen hat. Goosmann sagt zwar, da er keine Schmerzen in der Brust dabey habe, so habe es nichts zu bedeuten und komme von den Hämorrhoiden. Ich glaube das auch wohl, da er sich sonst nicht sonderlich übel dabey befindet, doch schreibe ich es Dir, damit Du etwas acht auf ihn hast, daß er sich nicht zu sehr erhitzt oder erkältet oder zu forcierte Touren macht, denn ganz ohne Ängstlichkeit bin ich doch nicht dabey, obgleich er selbst, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, nicht den mindestens Wert darauf legt, aber es war doch recht stark und den ganze Morgen hindurch.

– Adieu liebes Herz, ich würde Dir dieses nicht geschrieben haben, wenn Ferdinand nicht selbst den Brief überbrächte, und ich doch wünschte, daß einer auf ihn passte. – Adieu

deine Nette

Während Schwester Jenny sich mit Mutter Therese gerade bei den Verwandten in Bökendorf aufhalten, ist Annette zu Besuch bei der Familie Twickel in Havixbeck.
Bruder Ferdinand ist seit langem krank, er stirbt am 15. Juni 1829 an Lungentuberkulose.

1 Kommentar in diesem Kontext

  1. Es ist diese Woche gerade ein Jahr, wie der liebe Ferdinand nun das letzte Mal hier bei uns war, und nur auf eine halbe Stunde. Er kam, um Abschied zu nehmen, und konnte nicht länger bleiben, weil er bei Kerkerings zum Essen gebeten war. Ich habe ihn nicht wieder gesund gesehn.
    An Sophie von Haxthausen, 19. Dezember 1829