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Der Eppishausen-Brief

Eppishausen den 22ten OCTOBRE
Hätte ich Ihnen früher schreiben können, theuerster meiner Freunde, ich hätte es gethan, — aber grade Ihnen kann ich nicht zu jeder Stunde schreiben, und Sie dürfen Sich Immerhin für Etwas halten, wenn ich sage, für Sie ist mir noch keine Stunde passend gewesen, — ich habe mich indessen mit allerley umher geschlagen, viel Ausflüge in die Gegend, viel Besuche aus dem Hause, und viele ins’s Haus, — abwechselnd den anmuthigen Gast und die erfreute dienstfertige Wirthin gemacht, aus dem Geräusch in Abspannung, aus der Abspannung wieder in die Zerstreuung, — glauben Sie mir, es gehört was dazu, bis man Jedem sein Recht widerfahren lassen, und alles PLAISIR ausgestanden hat, wozu man PRAEDESTINIRT worden, – aber jetzt bin ich, so Gott will, in’s Standquarrier eingerückt, und wahrlich das Plätzchen ist nicht übel, – namentlich das, was ich in diesen Augenblicke einnehme — wollen Sie es kennen? —

es ist das Fenster elnes alterthümlichen Gebäudes, am Berge, aber nicht gar hoch, die Kirchthurmspitze des Dorfes drunten könnte uns den Wein aus dem Keller stehlen, wäre sie nicht so christlich erzogen, wer weiß was geschah — also — das Dorf grade unter dem Fenster, — fast unmittelbar daran stoßend ein Zweytes, dann ein Drittes, Viertes — bis zu einem Siebenten, – Alle so nah, daß ich die Häuser zähle, (Versteht sich, mit der LORGNETTE) und unsre gute alte Burg drinn, wie das kleine Wien in seinen großen Vorstädten, SANS COMPARAISON — mitten durch’s Thal eine CHAUSSEE, auf der es ärger rappelt und klappert als auf der besten in ganz Westphalen, denn Sie müssen wissen, daß hier halb satt Essen und Ellbogen DÖR DE MAUE bey Weitem nicht so untrügliche Zeichen der Armuth sind als Wasser Trinken und zu Fuß gehn,— besser ohne Brod als ohne Most, und das muß ein vom Schicksal Verlassener seyn, für den weder der Himmel ein ROZINANTE, noch der Wagner ein Karriölchen geschaffen hat, – wer dies nicht kennt, und obendrein kurzsichtig ist wie ich, meint, das ganze Volk bestehe aus reichen Leuten —
doch um nicht den Faden zu verlieren — ferner über die CHAUSSEE hinaus, die lieblichsten mit Laubholz bewachsenen Gebirge, und — wie’s im Liede heist »Auf jedem Gipfel ein Schlößchen, ein Dörfchen aus jeder Schlucht« von diesem Fenster sehe ich Ihrer dreißig — gezählt habe ich sie nicht, und auch jetzt nicht Lust dazu, aber glaubwürdige Leute sagen es – das ist lieblich, das ist schön anzusehn! vor Allem beym Sonnenschein, ja selbst Sturm und Nebel können so viel Leben und Fröhlichkeit nicht zu Grunde richten, – drum bin ich, bey heitrer geselliger Stimmung nirgends lieber als in diesem Zimmer, welches schon an sich selbst so hell und heiter ist, und angefüllt mit den zierlichsten Dingen, Muscheln, Schnitzeleyen in Holz, Elfenbeyn, geschnittne Steine, Münzen, ET CET, – wenn ich nun sehe, wie die Meinigen so Alles um mich versammelt haben, was mich freut und unterhält, da zweifele ich kaum, daß man auch alle diese Dörfer und blanken Schlößchen mir zu Liebe hingebaut hat, und nur zu meiner Unterhaltung sich dieses Menschen-Spiel auf der CHAUSSEE treibt, grade nah genug, um deutlich vom Auge unterschieden, fern genug, um nicht störend zu werden – aber es giebt eine Stelle, die mir noch lieber ist, und der Winter muß es sehr arg treiben, soll ich sie nicht jeden Tag begrüßen – wenigstens einmahl bis jetzt habe ich den grasten Theil der gestohlenen Zeit dort verlebt – Hören Sie! – neben dem Hause liegt ein herrlicher Wald, mit Anlagen die nur eben soviel von der Kunst geborgt haben, um das Unbequeme zu entfernen – lauter alte Buchen, – herrliche hohe Laub-Gewölbe, mit Vögeln von Allen Farben und Zungen, – hier und dort, Felsstücke zum Ausruhen, eine Menge lebendiger Quellen, die sich sammeln zu artigen Teichen, auf denen genug und zum Ueberfluß weiße Wasser-Rosen schwimmen die man bey Uns so sorgfältig zieht, – das Alles bildet ein unschätzbares Ganze, d.h. eben für Uns unschätzbar, die wir gern spatziren gehn, aber ungern den Berg hinab GALOPPIREN, – dieser Wald aber wird nur durch eine schöne und tiefe Schlucht vom Hause getrennt, worüber eine Brücke führt, die sich wahrlich nicht schlecht ausnimmt, —

Sie denken, dieses sey der geliebte Ort – keineswegs – ich beschreibe seine Vorzüge nur, um ihm mit desto größerem Glänze den Hals zu brechen, wenn ich hinzu füge, daß ich ihn hundertmahl unter die Erde gewünscht habe, zu den alten muffigen Stämmen, die drüben bey Zielschlatt im Torf-Moor liegen, denn was er verbirgt ist mir lieber, als Alles was er geben kann – Ach! lieber keinen Wald, keinen Spatzier-Gang außer der CHAUSSEE und unter den Obstbäumen, mit denen das Thal bestreut ist! und dafür meine lieben Alpen, meinen SENTIS, mein Glärnisch, meine Tiroler Gebirge! – und meinen schönen klaren See mit seinen Segeln –

Sehn Sie, das Alles käm Uns zu, brächte der Wald Uns nicht drum, – nun seh ich es zwar auch mitunter, aber nicht so oft ich will, z.b. nicht eben jetzt, wo ich fünf Groschen drum gäbe – ich sehe es nur an dem Plätzchen wovon ich schon solange geredet, und Sie noch immer nicht hin geführt habe – es ist ein Gartenhäuschen an der höchsten Stelle des Waldes, wo sich die Aussicht ins Thal öffnet – zwey Wege giebts dorthin, Einen steil und dornicht, wie den der Tugend, und ihn pfleg‘ ich zu gehn, oder vielmehr zu klettern, denn er bringt mich in drey Minuten hinauf, wenn auch keuchend und halbtodt, der Andre gleicht dem der Sünde, breit und gemächlich, deshalb verschmähe ich ihn auch, zumahl da er die Eigenschaft besitzt, eine Viertelstunde lang zu seyn, – Sie mögen gewählt haben wen Sie wollen, wir sind jetzt jedenfalls oben, — ja, mein theurer theurer Freund! Wir sind oben, dieses ist der Platz, wo ich immer bey Ihnen bin, und Sie bey mir — ich glaube mit Wahrheit sagen zu können, ich war nie droben ohne Sie — es ist ein einsamer Fleck Erde, — sehr reizend, und sehr großartig, — ich sitze nur bey rauher Luft im Rebhäuschen, sonst davor, unter einer großen Trauerweide, ganz versteckt durch die Reben mit denen der Abhang bis ins Thal besetzt ist – das Thal selbst schmal und leer, die Gebirge gegenüber sehr nah, und mit Nadelholz bedeckt, was sie schwarz und starr aussehn last, so nun Berg über Berg, ein Colossales Amphitheater, und zuletzt die Häupter der Alpen mit ihrem ewigen Schnee, – links, -die Länge des Thals vom Bodensee geschlossen, (d.h. die PERSPECTIVE, der See selbst ist zwey Stunden von hier) dessen Spiegel im Sonnenschein mich blendet, und der überhaubt mit seinen bewegten Wimpeln und freundlichen Uferstädtchen hinüber leuchtet, wie das Tageslicht in einen Grotten-Eingang, — es ist seltsam wie die Klarheit der Atmosphäre jeden Gegenstand heran rückt, ich bedarf hier nur einer guten LORGNETTE um Meilenweit zu sehn, und dasselbe leisten Andere mit freyem Auge, –

In Hülshoff habe ich den Spiegel eines, nicht fünf Minuten entfernten, großen Teiches nie deutlicher gesehn, (von meinem Zimmer aus) als hier am Reben-Häuschen den eine Meile fernen See, auf dem ich jedes Segel zähle, ja sogar in dem Städtchen Lindau, am jenseitigen Ufer, einzelne Gebäude unterscheide —

Die Alpen-Häupter nun gar, denen nicht viel mehr Luft als Keine geblieben, scheinen oft so nah, daß man nur sogleich hinan gehn möchte, ich unterscheide jede Schlucht am SENTIS so genau, daß ich meine, wenn ein Gemsjäger daraus hervor träte, ich müsse es sehn, und doch sinds sechs gute Stunden, bergauf, bergab, bis zum Fuße dieses alten Herrn, und zu seinem Gipfel — nun ich weiß nicht, aber wohl weiß ich, daß noch vor wenigen Wochen ein Engländer, dem seine eigensinnige Geliebte, zum Gegenpfand ihres Herzens, eine Eisscholle vom Gipfel des Sentis abverlangte, fast drüber zu Grunde gegangen ist – dreymal haben die Schwierigkeiten ihn zurück getrieben, zum vierten Male hat er nicht nachgelassen, und jeden Schritt nur vorwärts gesetzt, zum Glücke hat er unten im Thale Freunde zurück gelassen, so sind Alpenjäger aufgeboten, und unser Held hat den Rückweg auf einer Tragbahre gemacht, besinnungslos, – ob nun die Dame ihre Forderung aufgegeben hat, oder Er die Dame, weiß der Himmel, meine Kennt-nisse sind hier zu Ende – Sie sehn indessen, daß mein Liebling und tägliches Vis A Vis keinen Spaß macht und sich wenigstens eben so ungern am Barte zupfen last, als der weiland Sultan von Babylon, Oberonischen Andenkens –

doch, um wieder aus den Eis-Regionen zu kommen – von meiner Bank unter der Weide aus, durchstöbre ich jede Schlucht, besteige ich jede Klippe, zwar nur in Gedanken, aber was so nah und deutlich erscheint, davon hat man schon so genug, und glaubt Nichts Neues gewinnen zu können durch Annäherung – hier träume ich oft lange, komme oft recht verklommt zurück, denn die Abende werden allmählich frisch – aber hier droben ist meine Heimath, geht Alles an mir vorüber, was ich mir in meinem Herzen habe mitnehmen können – Vieles – Vieles! – wenn ich den ganzen Tag mit andern Vorstellungen bin gefüttert worden, hier mache ich mein eignes
Schatzkästlein auf, und reiche Ihnen, mein theurer Freund, von hieraus die Hand, über so manche Stadt, so manchen Berg, und den breiten Rhein – den Tag hindurch ist noch Leben im Thal, aber wenn es dämmert, – wenn die Tiefe um Eins so tief, die Höhe um Eins so hoch wird, der Fichtenwald da steht wie die eigentliche Finsterniß, und nur die weißen kalten Massen droben wie Gespenster herab leuchten, glauben Sie mir, Schlüter, das flache Land bietet keinen Begriff für die Einsamkeit solcher Augenblicke – öde und gewaltig – der Tod in seiner großartigsten Gestalt –

den 31ten NOVEMBRE,

es sind wieder mehr als acht Tage vergangen, in denen ich meine eigne Lebens-Ordnung habe aus den Augen setzen müssen, um Der Andrer zu folgen, — so wird mir’s öfters zu Theil, und ich trage es ungeduldiger als billig, denn wem wird es nicht eben so? und noch öfter? – gewiß! Wenige haben mehr freye Zeit, und nachsichtigere Haus-Genossen. – drum geht mir’s wie der Gais in CAMPENS Kinder-Bibliothek, der es zu wohl im Stall war, und tritt mahl ein kurzer Zeit-Raum ein, der mich spüren last, daß man nicht die Freuden geselliger Verhältnisse so hinnehmen kann, ohne einen Theil der Kosten zu tragen, wahrlich, Schlüter, dann bin ich unausstehlich, wie Sie mich noch gar nicht kenne

z. b. da giebt es hier nun sehr liebe Leute – eine Familie Grafen von Thurn, – der Graf – ein alter grundehrlicher, über die Maßen gutmüthiger Mann, – seine unverheurathete Schwester – ganz vom gleichen Schlage, – und – der einzige Gegenstand ihrer beiderseitigen Sorgfalt, – eine schöne, gute, kluge, und sehr gefühlvolle Tochter, von etwa 25 Jahren, – sie bewohnen, zwey Stunden von hier, einen der schönsten Punkte des Landes, und verschiedene Umstände haben uns in Verhältnisse zu ihnen gesetzt, die denen der Verwandschaft oder langjähriger Freundschaft fast gleich kommen, sie sind aber, begreiflich, die Einzigen, denen wir derartige Rücksichten schuldig sind, – kommen sonst Besuche, da kann ich es halten wie ich will, — erscheinen — fort bleiben — Alles wie es mir der Geist einbläst — Zerstreuung und Einsamkeit, — wie Ich nur auf dem Finger pfeife – ein wahres geistiges Schlaraffenleben, – zwar erst seit einigen Wochen Im Schwange, aber doch lange genug, um mich aus dem Grunde zu verderben, denn die bösen Gewohnheiten wuchern bey mir, aus dem Samen und aus der Wurzel –

In Rüschhaus habe ich, Tag für Tag, die Besuche empfangen, Berichte der Dienstboten angehört, und mich meiner Mutter sehr wiederholtem Anrufen persönlich gestellt, in der That, ich war dessen so gewohnt, daß ich nicht muckste in der Hälfte eines Verses abzubrechen, was mich manchen guten Gedanken, und manchen eben gefundenen Reim gekostet hat, — ja! damals war ich brav – aber jetzt? – mein theurer nachsichtsvoller Freund, ich glaube alle ihre Geduld gieng aus, hörten Sie mich so unfreundlich und ungastlich LAMENTIREN, als, zum B., vor acht Tagen, wo die guten Thurns kamen, wahrhaftig mit so freundlichen Herzen, mich, zur Weinlese auf ihrem schönen Gute abzuholen, — ich hatte früher den Vorschlag mit beiden Händen ergriffen, und jetzt? — Vorgestern war es mir schon recht gewesen, gestern auch — morgen wieder, aber heute wollte ich grade diesen Brief vollenden, und ich muste mich zusammen nehmen, um nicht wie ein maulendes Kind zu erscheinen –

den 9ten

Nein! es ist zu arg wie ich mit Ihnen verfahre, mein frommer geliebter Freund, — aber Ich will Ihnen sagen, wie es derweil zugegangen ist, dann ist meine Entschuldigung gemacht, — vorerst war ich acht Tage lang bey Thurns, (bin aber schon seit sechs Tagen zurück) dann — doch dort müssen Sie vorläufig noch verweilen, dort sind mir ein paar artige Begebenheiten zugestoßen, was ich sonst noch zu meinem Vortheile zu sagen habe, soll schon nachkommen — ich habe auf diesem Gute — (Berg) eben wie hier, die meiste Zeit am Fenster zugebracht, man sieht die Alpen wie auf unserm Rebhügel, — dort sah ich zuerst das Alpen-Glühen, nämlich dieses Brennen im dunklem Rosenroth, beym Sonnen-Auf- und Untergang, was sie glühendem Eisen gleich macht, und, so häufig die Dichter damit um sich werfen, doch nur bey der selten zutreffenden Vereinigung gewißer Wolken-Lagen und Beschaffenheit der Luft statt findet, — eine dunkel lagernde Wolken Masse, in der sich die Sonnenstrahlen brechen, gehört allemahl mit dazu, aber noch sonst Vieles – nun hören Sie – ich sah, daß eine tüchtige Regen-Bank in Nordwest stand, und behielt desto unverrückter meine lieben Alpen im Auge, die noch, zum Greifen hell, vor mir lagen, die Sonne, zum Untergang bereit, stand dem Gewölk nah, und gab eine seltsam gebrochne, aber reizende, Beleuchtung — ich sah nach den Bergen, die recht hell glänzten, aber weiß wie gewöhnlich, als wenn die Sonne sonst auf den Schnee scheint — hatte kein Arg aus einer allmählich lebhafteren, gelblichen, dann röthlichen Färbung, bis sie, mit einem Maale, anfing sich zu steigern, – rosenroth – dunkelroth – blauroth – immer schneller – immer tiefer – ich war außer mir, und hätte in die Knie sinken mögen – ich war allein, und mochte Niemand rufen aus Furcht Etwas zu versäumen, nun zogen die Wolken an das Gebirge, – die feurigen Inseln schwammen in einem schwarzen Meere, – jetzt stieg das Gewölk – Alles ward finster – ich machte mein Fenster zu, steckte den Kopf in die Sopha-Polster, und mochte vorläufig Nichts Anderes sehn noch hörn –

in anderes Mahl sah ich eine Schneewolke über die Alpen ziehn, während wir hellen Sonnenschein hatten, sie schleifte sich wie ein schleppendes Gewand, von Gipfel zu Gipfel, nahm jeden Berg einzeln unter ihren Mantel, und ließ ihn, bis zum Fuße, weiß zurück, sie zog mit unglaublicher Schnelligkeit, in einer halben Stunde viele Meilen weit, es nahm sich vortrefflich aus, Sie sehen, die Schweizer-Natur macht mitunter die HONNEURS ihres Landes sehr artig, und führt ergötzliche National-Schauspiele auf, für die Fremden an den Fenstern – nun noch ein liebliches kleines Abentheuer vom Schlosse Berg, ganz andrer Art — wobey mir beynahe angenehm schauerlich zu Muthe wurde, in Beziehung auf einen recht gut geschriebenen Geister-Roman, der Ueberzählige, den ich erst vor einigen Tagen gelesen, und in dem eine ähnliche Scene statt findet -also. –

Schon tönt die Glocke Mitternacht! – nein so spät war es nicht, aber doch etwa halb elf, – wir saßen, nach dem Abendessen noch beysammen, der alte Graf Thurn, seine Schwester, Emilie, seine Tochter Emma und ich, vor Uns auf dem Tische lagen allerley alte Sächelchen, mit denen der gute Papa Thurn mich so eben beschenkt hatte, – ein CALATRAVA-Orden, – derselbe dessen COPIE auf einem mehr als hundertjährigem Familien-Gemälde vorkam, – eine Bügeltasche, mit Schloß und Kette stark genug einen jungen Ochsen anzulegen, die Tasche selbst von schierer Seide, drein gewirkt aus Gold das älteste Thurnische Wappen, aus jener Zeit wo sie noch unter dem Namen DEL LA TORRE, Mayland beherrschten, bevor sie den VISCONTIS weichen musten – ein sehr schön gemaltes kleines Bild und dergleichen mehr – Alles kam aus Schiebladen, die vielleicht seit 60 Jahren nicht geöffnet waren, der Moder-Geruch verbreitete sich im ganzen Zimmer, und mir war fast, als berühre ich die wunderbar CONSERVIRTEN Glieder der Verstorbenen, – der alte Graf hielt ein schlichtes Kästchen von Elfenbeyn in der Hand, aus dem noch allerley zum Vorschein kam, endlich war es leer, »Nun« sagte er, »damit Sie die kleinen Dinger nicht verlieren, so schenke ich Ihnen das Kistchen dazu, es ist zwar weder etwas Schönes noch Merkwürdiges dran, indessen mag es doch ein paar hundert Jahre alt seyn, ich, wenigstens, habe es schon über vierzig Jahre, als ich ein Kind war, hatte es mein Vater, und ich erinnere mich, daß er sagte, er habe es von seinem Grosvater, der es ihm, auch schon als ein altes Kästchen mit, ich weiß nicht was, drinne, gegeben habe, so können Sie es auch unter die ANTIQUITÄTEN rechnen« hierbey schlug er den Deckel so fest zu, daß ich, gleich nachher, ihn nicht aufzubringen vermochte, ich meistere und drücke dran, eigentlich nur zum Zeitvertreibe, mit einem Mahle, fliegt es gewaltsam auf, und zwey wunderschöne Miniaturbilder, liegen vor mir, das Eine im Deckel, das Andre gegenüber im Grunde des Kistchens, —
Emma und ich hatten Uns, in der Erinnerung an den Ueberzähligen, Beyde erschreckt, daß wir blaß geworden waren, — weniger entsetzt, aber mehr verwundert, waren die beiden alten Geschwister, die mit Gewißheit sagen konnten, daß, seit wenigstens 130 Jahren, Niemand mehr um das Daseyn dieser Gemälde gewust hatte, der alte Graf, dem das Kistchen früherhin, zwanzig Jahre als BONBONIERE gedient, sah aus, als glaube er an Hexen, – es fand sich, daß ich mit meinem ungeschickten Meistern und Brechen, die Feder getroffen, welche den Schieber vor den Gemälden bewegte, — die Bilder stellen zwey vollkommen erhaltene PORTRAITS dar, einen jungen Mann und ein Mädchen, beide im Alter von etwa sechzehn Jahren, Beyde von großer Schönheit, und einander so ähnlich, daß man sie für Geschwister, wo nicht gar für Zwillinge halten muß, – Beyde haben runde feine Gesichtchen, ein TEINT von seltner Zartheit, die schönsten und größten dunkelblauen Augen, etwas aufgestützte Näschen, hingegen wieder einen Mund und Kinn, von wahrhaft IDEALER Lieblichkeit, — wäre der junge Mann ein Mädchen, so würde er die Schönere von den Beydn Schwestern seyn, so aber lassen sich diese zarten Formen kaum mit der Jugend entschuldigen — das Mädchen ist schwarz gekleidet, mit ungeheuren hängenden Ermeln, aus denen die schönen runden Arme und Händchen allerliebst herausgekommen, – dann eine weiße Schürze, ein weißes durchsichtiges Halstuch, und ein sehr klares Häubchen unter dem einige braune Löckchen hervorsehn, so sitzt sie in einem ungeheuren Sessel von dunkelrothem Samt – etwas selbstgefällig – noch mehr ängstlich, ganz wie das arme Ding dem Mahler mag gesessen haben, und reicht mit dem einen Händchen, einen Brief durchs offne Fenster, während die Andre ein Körbchen mit Brezeln auf ihrem Schooße festhält – der junge Mensch sieht nun vollends aus wie ein MASQUIRTER Amor, so eben tritt er aus der Thür seines Hauses, mit der possierlichsten und dabey anmuthigsten PRAETENSION, und einem Anfluge von wirklicher Würde, der sich späterhin, recht vorteilhaft mag ausgebildet haben, eine ungeheure ALLONGE-Perücke läst sein Gesichtchen hervor schaun, wie ein Engels-Köpfchen aus den Wolken, seine zarte, aufgeschossene Figur streckt sich in einer endlos langen goldgestickten braunen Weste, und DITTO Rock, in der einen Hand hält er eine offne Tabacks-Dose, die Andre hat er trotzig in die Seite gestemmt, – die Farben sind frisch wie eben aus dem Pinsel, – das Kistchen ist mir geblieben, und ich betrachte es, bis jetzt, täglich, mit den seltsamsten Gefühlen, —

mein Gott! was ist die Zeit! was ist ehmals, jetzt, und dereinst! (ich meine irrdisch gerechnet) – die Bilder sind nicht grade so ausgezeichnet gut gemahlt, aber sie COPIREN das Leben, bis zur ängstlichen Täuschung, ich habe es früher nie so gesehn, Emma Thurn behauptet, sie schlagen die Augen auf und nieder – man ist gezwungen zu denken, sie seyn nur eben erst, nebst dem Makler, zur Thür hinaus gegangen, gleich voll der allerfrischesten Lebens-ESSENZ, und des allerfestesten Köhler-Glaubens an einen Himmel voll Geigen, man sieht recht, wie froh sie ihrer Schönheit waren, und ihrer guten Kleider, vor Allem der Knabe seiner köstlichen Perücke, welche ihm die Eltern, ohne Zweifel, eigends hierzu machen ließen – und wo sind jetzt ihre Knochen? sollte man wohl noch einige Stäubchen zusammen lesen können? —

sie erinnern mich an ein sehr liebliches und ihnen ganz ähnliches Geschöpf, Lorchen Dalwig,die ich im vorigen Jahre in Belgien sah, – ihr erster Ausflug, seit sie, vor vier Wochen, die PENSION verlassen – man kann sich Nichts Anmuthigeres und Frischeres denken, – jede freye Minute wurde zu einer kleinen Tanz- oder Musick-Uebung verwendet, denn wir waren schon im Spät-Sommer, und auf den Winter sollte sie in die Welt eingeführt werden, – ihre Augen funkelten schon vor Erwartung, und die ihrer Eltern nicht minder, – aber nicht zwey Monate nachher erhielt ich eine Todes-Anzeige, – das Nerven-Fieber hatte sie fortgenommen, –

nun möchte ich immer wissen, ob jene zwey frischen Blumen auch so geknickt sind, wie ich sie da vor mir sehe, oder ob sie zuvor verdorrten und unkenntlich wurden, für meine Träumereyen verweile ich am Liebsten bey der ersten Vorstellung, – mir macht das jugendliche PORTRAIT eines gealterten ORIGINALS nur selten andre als unangenehme Eindrücke, – es ist nicht das Verfallen der äußeren Form, sondern das der Innern – wessen Persönlichkeit entwickelt sich wohl so voran, daß sie zu allen Zeiten demselben INDIVIDUUM gleich ansprechend wäre? – bey Allen denen ich Zutrauen und Ehrfurcht zolle, mag ich nicht daran erinnert werden, daß es eine Zeit gab, wo ich ihnen Beydes würde geweigert habn, – bey Solchen, denen Alles verloren gegangen ist, was die Jugend Edleres hatte, betrübts mich zu sehn, daß man so gut ausgestattet seyn, und doch zuletzt so verkommen kann — selten selten darf man denken, das ist grade die Blüthe, die man, nach der Frucht, voraussetzen mußte —doch — REFLEXIONEN können Sie selber machen, die brauche ich nicht aus der Schweiz zu schicken — aber, liebster Freund, ich weiß Ihnen eben Nichts Besseres zu geben, — die Politik bekümmert Uns Beyde gleich wenig, sonst könnte ich Ihnen sagen, daß die freyen Schweizer, die keinen Rang anerkennen wollen, die ärgsten Sklaven des Geldes sind, daß reiche Bauern in den Dörfern unbeschränktere Herrn und schlimmere Tyrannen darstellen, als je der Unterschied des Ranges dergleichen hervor gebracht hat, anderwärts mögen CONNEXIONEN Manches bewirken, hier thun sie Alles, Geld und NEPOTISMUS sind die einzigen Hebel, wer Beydes nicht aufzuweisen hat, mag die Hände nur in den Schooß legen, er ist verdammt sein Lebelang ein Quäler zu bleiben, — jetzt eben stehn alle CANTONE in sich selbst, und Eins gegen das Andre, wie Katzen und Hunde, in je mehreren und gemeineren Händen die tausend Fäden liegen, an denen das Staats-Gewebe hin und her gezerrt wird, je elender und INTERESSIRTER geht es zu, man kann nicht ohne Ekel darauf merken, — doch wir erfahren nicht mehr von der Sache, als man Uns, gegen unsern Willen, in die Ohren hängt, mein Schwager Ist kein geborner Schweizer, sondern ein Schwarzwäldner, und hat somit, als Ausländer, mit Allem Nichts zu schaffen, Punktum; —

daß wir von einem Erdbeben profitirt haben, werden sie aus den Zeitungen lesen, aber das haben Sie nicht geträumt in jener Nacht, daß ich, Ihre sehr liebe Freundinn, Ihr eigentliches Herzblatt, gemeint habe, ein Mörder liege unter meiner Bettstatt, und bemühe sich jetzt grade, drunter weg zu rutschen, um mir, in der nächsten Minute, das Scheermesser durch den Hals zu ziehn – doch – ernstlich – etwas Aehnliches dachte ich, und, in derselben Stunde, Viele mit mir, denn die Erschütterung war sehr heftig, überall klirrten die Fenster, und an manchen Orten fielen Gläser und Flaschen um, — auch seltsames Geräusch und Geknall wie von fernen Kanonen-Schüssen hörte man, da war ich aber noch halb im Schlafe, und meinte, es falle von der Kelter im Nebenhause Einer der schweren Steine, womit man sie beladet, oder ein Trauben-Wächter schieße, in den benachbarten Weinbergen, dergleichen war ich, über Nacht, schon gewohnt, – Ja, Reisen ist doch zu Etwas gut! wo hätte ich, zu Rüschhaus, ein Erdbeben hernehmen sollen?

Nun also, die guten Thurns hatten so viel zu meinem Vergnügen herbey geschafft, ein Erdbeben, ein Alpen-Glühen, eine höchst mahlerische Schneewolke, zwey gespenstige PORTRAITS, und sonst noch eine Menge angenehmer Gegenstände, Geschenke, freundliche Worte und Blicke, ET CET. ich hätte ihnen auch gern Etwas zu Liebe gethan, da gab mir denn Emma unter den Fuß, den Papa werde Nichts mehr freuen, als ein Gedicht auf sein liebes Schloß Berg, – o weh! das war eine harte Nuß! – was ich soll, das mag ich nie – (wieder eine schlimme Eigenschaft die Ihnen noch unbekannt war) indessen ich machte gute Miene zum bösen Spiel, — aber nun wurde mir das Schema vorgelegt, — kennen Sie das Lied »mein Herr Mahler will Er wohl, mich abkonterfeyen?« — Doch falls Sie es nicht kennen – hören Sie was man einem Menschen zumuthen kann – zwölf Cantone sollt‘ ich namentlich anführen, ohngefähr eben so viel Haupt-Gebirge, ohngefähr doppelt so viel Haupt-Orte, — die Namen von vier König-Reichen, — von verschiedenen Gewässern, und die Zahl aller übrigen Orte, welche die Aussicht darbietet — dem guten alten Herrn war es, seit Jahren, ein schwerer Aerger, so manches Gedicht zu lesen auf die schönen Punkte der Umgegend, und niemals Eins auf sein liebes Berg, nun aber mahl die Reihe an ihn kam, wollte er den Leuten auch Nichts schenken, kein drey Ellen breites Flüßchen, kein Dörfchen von sechs Häusern – ich aber sagte mit Wilhelm Teil, »fordre was menschlich ist!« und machte ihm begreiflich, daß Zahlen sich weit besser in einer Rechnung ausnehmen, als in einem Gedicht, – er begriff nur halb, gab nur wenig nach, – und ich hatte gelobt das Machwerk dem ST. BERNHARD und Arztes Vermächmiß beydrucken zu lassen, folglich war es nicht ohne Einfluß für mein erstes Auftreten, – eine üble Klemme! – die Zufriedenheit meines lieben frommen prosaischen Wirths war mir doch lieber als mein poetischer Ruf, indessen ganz einerley war es mir um Diesen auch nicht – und sehn Sie, so lächerlich es Ihnen scheinen mag, dies hat eine große große Lücke in diesem Brief veranlaßt, – jeden Morgen überfiel mich das Bewustseyn meiner schwierign und unerfüllten Verbindlichkeit, ich konnte eben an Nichts Anderes denken, war zu keinem vernünftigen Dinge aufgelegt, – kurz, ich that wohl, mir diesen Stein, um jeden Preis, zuerst abzuwälzen, – VICTORIA! es ist geschehn, und, was das Beste ist, Prosa und Poesie haben noch einen ziemlich guten ACCORD miteinander getroffen, wenn der Graf Thurn Ein Auge zudrückt, und das Publikum auch Eins, so wird es schon gehn, – ich schicke Ihnen das Zwitter-Produckt dieses Mahl nicht, denn ich hebe, meinem Versprechen gemäß, für Sie auf, was ich schreibe, – viel ist es noch nicht, aber doch Etwas, – und es bringt mir viel Genuß für Sie zu arbeiten – lieber theuerster Freund, ich fürchte Sie denken wenig an mich, weil Sie noch immer keinen Brief von mir haben, es wäre aber recht schlecht von Ihnen, da ich Ihrer so oft und so herzlich gedenke — Sprechen Sie doch zuweilen von mir mit der lieben Mutter und meinem Thereschen, — ich fürchte immer, ich komme während meiner Abwesenheit auf den Umschlag zu stehn –

Der Menschenschlag gefällt mir hier, im Ganzen, gar nicht, indessen gestehe ich kein freyes Urtheil zu haben, denn mich verlangt nach Haus, – Ein liebes befreundetes Menschen-Antlitz ist doch werther als tausend Gebirge, und wäre aller Schnee drauf Silber-Staub, und jede Eisscholle ein Centner-schwerer Kristall – ich werde nicht ärgerlich seyn, die braunen münsterischen Haiden wiederzusehn, und noch weniger die gute Stadt Münster, und noch weniger den Schlüter — ich denke auch oft an den Jungmann und wie es ihm geht mit seiner verdrießlichen Geschichte, — indessen da mein Vetter Asseburg, und mehrere Andre, die mit ihm Im gleichen Falle waren, jetzt aller Unannehmlichkeiten enthoben sind, so hoffe ich das Gleiche vom Jungmann – Grüßen Sie ihn herzlich von mir — schreibt er fleißig? — ich meine sowohl Briefe als Poesien — hier im Hause giebts ganze Ladungen von Minneliedern, und drunter mehrere starke Hefte mit den Melodien dazu, aber nicht Ein so Schönes als der »grüne Rock« oder selbst seine Gesellen — die überige GARDEROBE. — mein Schwager lebt in Nichts Anderm, und erst jetzt wird mir die seltsame ORTOGRAPHIE seiner Briefe klar, Er hat sich, in der That, mit schriftlichen Style, unsrer heutigen Redeformen theilweise entwöhnt, — ich glaube, unwillkürlich, — und man trifft überall auf Spuren des Nibelungen-Liedes, des LOHENGRIN, des Eggen-Liedes ET CET. — häufig liest Er des Abends eine Stunde lang vor »von Heiden lobbebären, von grozer Arebeyt« und was dahin gehört, — ich vernehme mit Rührung wie der LOHENGRIN in seinem Schwanen-Kahne, den Rhein hinunter, abfährt, der Kaiser dann »pellet sam ein Rint, Vor Weinen da der LOHENGRINE abe gink« des Ritters Gemahlin ohnmächtig wird, und »die Zahn sie ihr uffbrachen mit einem Klotze« – ja ja! lassen Sie nur recht tiefe Seufzer fahren, daß Ihnen das Alles verloren geht!, aber, wahrlich, wären Sie hier, keine Silbe sollte Ihnen erlassen werden, Sie sollten Leid und Freud mit mir theilen, wie es einem getreuen Freunde zukömmt, dafür stehe ich Ihnen –

Uebrigens, ohne Scherz geredet, ist mein Schwager der beste Mann von der Welt, seine Liebe zu meiner Schwester ist so groß, und von solcher Art, wie kein menschliches mangelhaftes Wesen sie fodern, aber dennoch das Herz sie geben kann – und übrigens ist er angenehm, geistreich, sehr gelehrt, kurz, ihm fehlt Nichts, sondern Er hat nur etwas zu viel, nämlich zu viel Manuskripte und INCUNABELN, und zuviel Lust sie vorzulesen, gegen Uns, die Mutter und mich, ist er die Aufmerksamkeit selbst.

NB. mein ST BERNHARD und sein COMPAGNON werden sich noch in diesem Jahre, den Kritikern stellen, – es ist gut, daß andre Leute für mich handeln, ich selbst weiß doch allzu wenig mir zu helfen, – bald bin ich schüchtern, bald zuversichtlich, und Beydes ohne Grund, – Ehrgeiz habe ich wenig, Trägheit im Uebermaaß, – aber nun hören Sie, wie es ging; in Bonn, bey der Frau Mertens, hoffte ich die einzige zugleich leserliche und richtige Abschrift der Gedichte zu finden – Sie werden sich erinnern, daß ich dieselben, schon vor länger als einem Jahre, dorthin schickte, – es war die zum Druck bestimmte, und sollte nur vorher durchgesehn werden von dem Prof. D’ALTON, der Frau SCHOPENHAUER, und der Mertens selbst – denn man wird stumpf durch zu öfteres Ueberlesen – das erste Schreiben der Mertens darüber war entzückter als ich es mit meinen Verdiensten reimen konnte, – und seitdem auch keine Silbe weiter – ich habe mich schon bey Ihnen deshalb beklagt – was fand ich in Bonn? – Nichts! nämlich die Frau Mertens abgereist nach Italien, wo sie ein rundes Jahr zu bleiben gedenkt, — mein Manuskript unsichtbar geworden, – entweder mitgenommen, oder verliehen, oder verlegt, – weder ihr Mann, noch Ihre Töchter, noch ihre Freunde meinten andres, als daß es seit wenigstens einem halben Jahre, wieder in meinen Händen sey – D’ALTON sowohl als die Schopenhauer hatten mir ellenlange Briefe geschrieben, vollkommene Abhandlungen, der von D’ALTON soll sogar drey Bogen stark gewesen seyn, aber Alles war der Mertens anvertraut, und sie hat Eins mit dem Andren Gott weiß wohin gethan – so waren die Bemerkungen dieser sehr geschmackvollen LITTERATOREN für mich verloren, denn, obgleich ich das fuchsige Buch bey mir hatte, fehlte mir die Zeit, es mit ihnen neuerdings durchzulesen, und die Erinnerung vergegenwärtigte ihnen jetzt, nach Jahres Frist, nur noch Bruchstücke – doch war ihr Urtheil, im Ganzen, so günstig gewesen, als ich es wünschen konnte, sie hatten mich dringend zur Heraus-Gabe ermahnt, und täglich der Ankündigung entgegenge-sehn – was war zu machen! weder den D’ALTON noch die Schopenhauer mochte ich um Besorgung meines Geschäfts angehn, da Ersterer kein Schriftsteller, und ganz ohne CONNEXIONEN mit Buchhändlern, Letztere aber mit ihrem Verleger gänzlich zerfallen, und selbst augenblicklich rathlos ist – ich ergab mich in den Willen Gottes, und sah mein Werk schon an, als blos geschrieben zu meiner eignen Beschäftigung, auf dem Lande –

Es giebt auch Nichts Entmuthigenderes als diese langen Klag-Reden der Schriftsteller längs dem Rhein, über ihre gegenwärtige Stellung zur Lesewelt und den Buchhändlern – nur Wenige finden einen Verleger, die Meisten lassen ihre Werke vorläufig liegen, oder RUINIREN sich durch Heraus-Gabe auf eigne Kosten, – der ungeheure Vortheil aus den Uebersetzungen soll an Allem Schuld seyn ~ ich glaubte es gern, und mein Selbst-Vertrauen gewann nicht dabey – doch — was seyn soll, schickt sich wohl — ich habe einen Verleger, und zwar einen bedeutenden, – und ganz ohne eignes Zuthun, – nicht eben um meiner Vortrefflichkeit wlllen, aber es hat sich so gemacht, daß mir die Sache aus freyen Stücken ist angeboten worden, aus persönlichem Wohlwollen, um mir die Freude zu machen — auch wohl aus Neugier um zu erfahren wie das Publikum die Verse aufnimmt – ich soll die Bedingungen selbst machen, sie werden aber nur in einigen Frey-ExEMPLAREN bestehn – die Zeit der Heraus-Gabe hängt von meiner eignen Betriebsamkeit ab, sobald ich eine Abschrift nach meinem Wunsche besorgt habe, wird der Verleger nicht säumen — freylich habe ich bereits vier Monate verstreichen lassen ohne Hand anzulegen, aber jetzt soll es das Erste seyn, woran ich gehe — vielleicht Morgen schon, — zur Oster-Messe ists wohl zu spät — aber, ich denke, zu Michaelis — man wünscht auch einige kleinere Gedichte, die zuerst das Buch einleiten, und nachher die beiden größren Stücke trennen sollen, ich finde das wohl passend, habe aber kaum zwey oder drey, die ich dazu wählen möchte, – so muß ich mich wirklich entschließen den guten Pegasus zu satteln, in diesem schlechten unpoetischen Wetter, wo Alles voll Schnee liegt, und selbst mein lieber Rebhügel Nichts darbietet als zahllose dürre Stölke, und ein weites molligtes Nebel-Meer, was trotz der Herrlichkeiten die es in sich schliest, doch keine bessere Phisiognomie hat, als unser Haide-Rauch — ja, lieber Schlüter, Sie müssen nicht denken, daß wir heute erst den Neunten haben, – sondern den Achtzehnten, so unzählige Mahle bin ich unterbrochen worden, noch an diesem Morgen durch einen armen jungen Menschen, der seines Unglücks kein Ende weiß, weil er sich für ein GENIE hält, und Mittellosigkelt ihn zwingt Handwerker zu werden, — könnte ich ihm einen ändern Weg öffnen, ich thäte es nicht, sein Talent scheint mir bey Weitem nicht ausreichend, – besser ein satter Handwerker, als ein mittelmäßiger halbverhungerter Makler oder Poet, — und Nichts Schrecklicher, als den Weg vor sich versinken sehn, und nicht umkehren können – also – ists RESOLVIRT – die Sache muß in STATU QUO bleiben, aber der arme Schelm dauert mich doch! –
ich habe schon gesagt, daß hier Alles voll Schnee liegt, – Allerheilign Tag fiel der erste, gieng jedoch wieder fort, aber seit zehn Tagen haben wir eine bleibende Decke, die jede Nacht fester wird, und sich, nach und nach, bis zu anderthalb Schuh Höhe REKRUTIRT hat, – in unserm guten Münsterlande geht doch Alles gemäßigter zu, Hitze und Kälte, Ich wette, dort giebt’s heute noch keinen Schnee, vielleicht noch nach acht Tagen nicht, wenn dieser Brief ankömmt – Mir fällt ein – ich will Ihnen doch ein ganz kleines Gedicht hersetzen, was ich gestern bereits dem anzuwerbenden Hofstaate den beiden Größeren als Grundstein gelegt habe, es heist »die rechte Stunde« und klingt wie folgt:

Im muntern Saal, beym Kerzen-Licht,
Wenn alle Lippen sprühen Funken,
Und gar, vom Sonnen-Scheine trunken,
Wenn jeder Finger Blumen bricht
Und vollends an geliebtem Munde
Wenn die Natur in Flammen schwimmt
Das ist sie nicht, die rechte Stunde
Die dir der Genius bestimmt.
Doch wenn so Tag als Lust versank
Dann wirst du schon ein Plätzchen wissen
Vielleicht in deines Sophas Kissen
Vielleicht auf einer Garten-Bank,
Dann klingt's wie halb verstandne Weise,
Wie halb verwischter Farben Guß
Verinnts um dich, und leise, leise,
Berührt dich dann dein Genius.

was sagen Sie dazu? mich dünkt es ist weder schön noch häßlich, aber was man so untadelich nennt, und deshalb ein besserer Füllstein, als einige Andre, nur ungern von mir Ausgemerzte, deren einzelne Schönheiten zu Vieles CRASSE oder Schwache nicht aufwiegen konnten – ich wollte Sie wären bey Uns, Schlüter, das ist mein Morgen- und mein Abend-Seufzer, – daß Sie mir fehlen würden, und zwar sehr wüste ich voraus, aber ich rechnete doch auf irgend ein Wesen, dessen Beschäftigungen, Ansichten und Geschmack dem meinigen einigermaßen entsprächen, aber – außer den Thurnschen Damen betritt kein Frauenzimmer dies Haus, nur Männervon E i n em Schlage, Alterthümler, die in meines Schwagers muffigen Manuskripten wühlen möchten, sehr gelehrte, sehr geachtete, ja sehr berühmte Leute in ihrem Fach – aber langweilig wie der bittre Tod, – schimmlich, rostig, prosaisch wie eine Pferde-Bürste, – verhärtete Verächter aller neueren Kunst und LITTERATUR, — mir ist zuweilen als wandle ich zwischen trocknen Bohnen-Hülsen, und höre Nichts als das dürre Rappeln und Knistern um mich her, und solche Patrone können nicht enden, vier Stunden muß man mit ihnen zu Tisch sitzen, und unaufhörlich wird das leere Stroh gedroschen! – nein, Schlüter, ich bin gewiß nicht unbillig, und verachte keine Wissenschaft, weil sie mir fremd ist, aber dieses Feld ist zu beschränkt und abgegrast, das Distel-Fressen kann nicht ausbleiben, was, zum Henker, ist daran gelegen, ob vor drey hundert Jahren, der unbedeutende Prior eines Klosters was nie in der Geschichte vorkommt, OTTWIN oder GODWIN geheißen, und doch sehe ich, daß dergleichen Dinge viel graue Haare und bittre Herzen machen. –

den 19ten

Heute endlich wird dieser Brief zur Post kommen, – es ist wohl die höchste Zeit, und mir dennoch leid, — es war mir als sey ich bey Ihnen – das ist nun, fürs Erste, vorüber – denn was ich auch sonst für Sie niederschreibe, so weiß ich doch, Sie bekommen es erst späterhin, – vielleicht Ist’s aber auch gut so, und giebt mir mehr Lust zu diesen ändern Schreibereien, die doch auch zunächst für Sie bestimmt sind, – Manches ganz und gar, und allein für Sie — heute ist mein Namenstag, – Sie denken wohl nicht daran, oder vielmehr wissen es nicht, weil man mich Annette nennt, — mein eigentlicher Name ist aber Elisabet – Anna-Elisabet – und aus dem Anna hat man Annette gemacht, — ich wollte Sie wüsten Dieses heute, gewiß würden Sie für mich bethen — gedenken Sie wohl der Vereinbarung die wir getroffen? für die letzte Abendstunde? — ich habe es nicht vergessen, wo können sich Freunde auch besser begrüßen, als vor Gott, — es liegt eine große Freude darin –

Hören Sie, bestes Herz, ich habe gestern recht ungeduldig und ungezogen geschrieben, über brave kenntnißreiche Leute, deren Beschäftigungen nie schädlich, und gewiß oft nützlich sind — wie manche gerechten Ansprüche mögen dadurch ins Helle gestellt, wie manche Ungerechtigkeit entkräftet worden seyn, — wer sich scheut die Spreu zu durchsuchen, der wird das darin verschüttete Korn nicht finden — Mein Münzen-Sammeln ist für Andre eben so langweilig, und kann nie nützlich in die Gegenwart eingreifen — NB. ich kann nicht verschweigen, daß mein Schager mir heute sehr schöne Silbermünzen geschenkt hat – eine vollkommen erhaltene griechische, von MACEDONIEN, und zehn römische CONSULAR-Münzen, – überhaubt haben meine Sammlungen hier manchen schönen Zuwachs erhalten, Münzen, Mineralien, Versteinerungen, einen großen Beutel mit vierhundert römischen Kupfer-Münzen, habe ich selber gekauft ET CET, – das Papier hat sein Ende erreicht – grüßen Sie die lieben Ihrigen tausendmahl von mir – den Vater, den Onkel Fritz, – die liebe liebe Mutter und mein Herzens-Thereschen zwey tausendmahl – und laßt mich, allesammt, Euer Gemüthh so für mich gestimmt wieder finden, wie ich es verlassen habe –

Nicht wahr, – wir kennen Uns zu gut, als daß Entfernung schaden könnte, nicht wahr, Schlüter? —

Ihre Annette Droste-Hülshoff.
(am oberen Rand der vierten Seite) Mama und Jenny schelten mich, daß ich keine Grüße von Ihnen geschrieben, – also – hier haben Sie sie eine ganze Ladung.

Eppishausen, Oktober/November 1835

Eduard d'Alton erstellte eine wenig schmeichelhafte Kritik und übermittelte diese Sibylle Mertens-Schaffhausen zur Weiterleitung an die Droste. Diese hielt das Gutachten aber offenbar zurück, um die Dichterin zu schonen.
Bei der Zwischenstation in Bonn nach Eppishausen hat Joseph Braun Kontakt mit dem Verleger DuMont Schauberg vermittelt. Dieser sagt zu, das Buch bis Ostern 1836 herauszugeben, doch zunächst muss die Droste eine neue Abschrift ihrer Epen anfertigen. Damit beginnt sie Ende 1835; vor März 1836 schickt sie das Manuskript an Braun. Am 5. Juli 1836 antwortet dieser, dass der Herausgabe des Buches aus Sicht des Verlegers nichts im Wege stehe.

1 Kommentar in diesem Kontext

  1. Eduard d'Alton says:

    Das Vertrauen, womit mich unsere verehrte Freundin beehrt hat, macht mir nicht nur die größte Unparteilichkeit, sondern auch die vollkommenste Aufrichtigkeit zur heiligsten Pflicht. Viel lieber wollte ich ein so schönes und seltenes Talent bewundern, als beurteilen; allein es sollte mir nicht vergönnt sein, bloß zu genießen – es wird gefordert, dass ich von meinen Gefühlen Rechenschaft gebe – doch sei es mir erlaubt, dies auf meine Weise, ohne Ordnung und Zusammenhang zu tun, wie ich mir am Schlusse meiner Lektüre des Gegenstandes und seiner Eindrücke bewusst bin. Wer vermöchte auch mit der Feder in der Hand zu lesen?

    Die sehr anschaulichen Naturszenen würden einem jeden Landschaftsmaler, der den St. Bernhard bereiset hat, zur Ehre gereichen. Viele Schilderungen stehen dem Höchsten nahe und lassen sich mit dem Gelungensten von Walter Scott vergleichen. Dass unsere Freundin sich diesen berühmten Dichter auf jede Weise zum Vorbild genommen, kann ebensowenig geleugnet werden, wie, dass dieses Bestreben, einen anderen, und sei derselbe auch noch (so) vortrefflich, nachzuahmen, um den Anspruch auf eigentliches Genie bringt, als welches sich am allgemeinsten durch Originalität manifestiert. Aus dieser Nachahmung sind auch Wiederholungen und Breiten entstanden, welche nur durch ein solches Vorbild zu entschuldigen sind. Bemerken muss ich hier auch, daß bei großer Fertigkeit im Reimen, eine mitunter seltsame Härte der Sprache und des Versbaus, fast an gewisse steife Übersetzungen der Gedichte Scotts erinnert, so dass man auf den Gedanken gerät, unsere Freundin habe ihr Vorbild nur in Übersetzungen vor Augen gehabt und studiert. Was soll z.B. gleich Vers 4 des ersten Gedichtes gesellt, Vers 5 gekräuselt, Vers 10 die Versetzung Noch gleichet et pp. anders, als Reim-Not bedeuten? Ein Bild gibt keines dieser Worte. Dass es schwer ist, ohne Flickworte und dergleichen zu reimen, lehrt wohl die Erfahrung, aber ebenso fest steht der Satz, dass ein Gedicht, welches dergleichen Anstöße weniger hat, denen davon überreichen vorzuziehen sei.

    Sie werden sagen, dies sei Kleinmeierei, man müsse es damit nicht so genau nehmen, wenn nur das Ganze gut sei, und ich habe unserer Freundin ja selbst ein bedeutendes Talent zuerkannt. Vielleicht finden Sie indes die Bemerkung richtiger, daß gerade ein beschreibendes Gedicht strenger zu behandeln, und dem weniger schöpferischen, als ausschmückenden Talent der bestimmteste Umkreis und Umriss anzuraten sei. An dem entschiedenen Talent unserer Freundin ist übrigens kein, auch nicht der geringste Zweifel zu hegen.

    Der Hund Barry hat, abgesehen von einer fast zu ängstlichen Ausführung, mehrere sehr glückliche Züge. Dahin rechne ich den Abend und die Lavine im ersten Gesange. Das Finden des Brotes gerät dagegen ins Kleinlichste, das dieser Alpenherrlichkeit gegenüber einen fast komischen Eindruck macht. Da unsere Freundin auch augenscheinlich Byrons Erzählungen studiert hat: so hätte sie von ihm auch lernen sollen, Szenerien und Begebenheiten stets im Einklang zu behandeln. Gelungener, wie wohl auch etwas zu breit, scheint mir die Ankunft bei der Leiche. Am gelungensten aber halte ich das Erfrieren. In solchen Seelenzuständen, besonders irrenden, zeigt unsere Freundin die größte Meisterschaft, und es beurkundet sich ein schönes, poetisches Gemüt.

    Der 2. Gesang zeichnet sich aus, weil Barry und Denis darin sind und die Kluft der Drance überschritten wird, sonst aber finde ich ihn einförmiger, als den ersten. Einigemale wird er fast schwach und man glaubt eine gewöhnliche Almanachsgeschichte zu lesen, so breit und schlotternd geht alles vorwärts. Besonders unbefriedigend erfunden scheint mir die Geschichte Benoits. Ja man könnte wohl sagen, es sei gar keine Geschichte, wiewohl es eine sein sollte. Auch Denis frühere Zeit ist zu rätselhaft, und ein Hund, auch der bravste, wie Barry, am Ende doch nur ein Hund.

    Runder und gediegener, aber auch wenig charakteristisch (denn hier fehlt die große Natur der Alpen) ist des Arztes Vermächtnis. Das unheimliche Dunkel der Begebenheit, der rätselhafte Schluss sind von großer Wirkung und Byron glücklich abgelauscht. Dagegen scheint mir der dunkle Mann wieder aus der gespenstischen Region des in Rede stehenden Talents der Nachahmung aufgetaucht. Ich weiß nicht, wie ich mir sein Erscheinen sonst erklären soll. Auch des Arztes Sohn scheint mir nur wie eine Luftgestalt, die man alte Papiere lesen sieht, ohne zu wissen warum. Am bedeutsamsten ist Theodora in der Höhle und die Wiener Erinnerungen, so wie zuletzt das Erwachen im Walde. Es ist eine Folge höchst malerischer und interessanter Szenen, weniger aber ein befriedigendes, wohltuendes Ganzes. Es regt an, aber es lässt nicht ohne peinliches Gefühl, weil wir uns zu oft da aufgehalten finden, wo wir vorbei zu eilen wünschen. Sprache und Versbau ist besser, als in dem ersten Stücke.

    Hier haben Sie ungefähr den Eindruck dieser Gedichte, die ich unbefangener mit noch mehr und gewiss reinerem Genuß gelesen haben würde, wäre es mir nicht zur Bedingung gemacht worden, über die Wirkung derselben Rechenschaft zu geben. Manches dürfte bei näherem Betrachten in ein anderes Licht treten. Einiges auch außerdem noch mehr zu rühmen sein. In dem Haupteindruck täusche ich mich jedoch schwerlich.

    Ob nun der Druck so ohne weiteres anzuraten sei, das hängt freilich an einem ganz anderen Faden, oder vielen Fäden, die nicht in meiner Hand sind, und worüber ich daher auch nicht urteilen kann. Wie es jetzt mit der deutschen Literatur steht, liest man von Männern und Frauen noch weit untergeordnete Sachen mit Beifall; während anderes, was selbst Goethe als beachtenwert empfohlen, ohne Anklang geblieben. Wer könnte in solchen Fällen und in dieser Zeit für den Erfolg einstehen?

    Ihnen gehorsam und der Freundin mich dienstwillig zu erweisen, war es allein, was ich bei diesen Zeilen zur Absicht haben konnte und hatte. – Geschrieben mit gelähmtem Arm.
    Bonn, März – Anfang Juni 1835