1835 9.November

… Reflexionen können Sie selber machen, die brauche ich nicht aus der Schweiz zu schicken; aber, liebster Freund, ich weiß Ihnen eben nichts Besseres zu geben; die Politik bekümmert uns beide gleich wenig, sonst könnte ich Ihnen sagen, dass die freien Schweizer, die keinen Rang anerkennen wollen, die ärgsten Sklaven des Geldes sind, dass reiche Bauern in den Dörfern uneingeschränktere Herren und schlimmere Tyrannen darstellen, als je der Unterschied des Ranges dergleichen hervorgebracht hat; anderwärts mögen Konnexionen manches bewirken, hier tun sie alles, Geld und Nepotismus sind die einzigen Hebel; wer beides nicht aufzuweisen hat, mag die Hände in den Schoß legen, er ist verdammt, sein Lebelang ein Quäler zu bleiben. Jetzt eben stehn alle Kantone in sich selbst und eins gegen das andere, wie Katzen und Hunde; in je mehreren und gemeineren Händen die tausend Fäden liegen, an denen das Staatsgewebe hin und her gezerrt wird, je elender und interessierter geht es zu; man kann nicht ohne Ekel darauf merken. Doch wir erfahren nicht mehr von der Sache, als man uns gegen unsern Willen in die Ohren hängt. Mein Schwager ist kein geborner Schweizer, sondern ein Schwarzwälder und hat somit als Ausländer mir allem nichts zu schaffen. Punktum!

Daß wir von einem Erdbeben profitiert haben, werden Sie aus den Zeitungen lesen, aber das haben Sie nicht geträumt in jener Nacht, dass ich, Ihre sehr liebe Freundin, Ihr eigentliches Herzblatt, gemeint habe, ein Mörder liege unter meiner Bettstatt und bemühe sich jetzt grade drunter wegzurutschen, um mir in der nächsten Minute das Schermesser durch den Hals zu ziehn. Doch, ernstlich, etwas Ähnliches dachte ich und in derselben Stunde viele mit mir; denn die Erschütterung war sehr heftig, überall klirrten die Fenster, und an manchen Orten fielen Gläser und Flaschen um; auch seltsames Geräusch und Geknall wie von fernen Kanonenschüssen hörte man; da war ich aber noch halb im Schlafe und meinte, es falle von der Kelter im Nebenhause einer der schweren Steine, womit man sie beladet, oder ein Traubenwächter schieße in den benachbarten Weinbergen; dergleichen war ich über Nacht schon gewohnt. Ja, reisen ist doch zu etwas gut. Wo hätte ich zu Rüschhaus ein Erdbeben hernehmen sollen? …

Mein „St. Bernhard“ und sein Kompagnon werden sich noch in diesem Jahre den Kritikern stellen. Es ist gut, dass andre Leute für mich handeln, ich selbst weiß doch allzu wenig mir zu helfen. Bald bin ich schüchtern, bald zuversichtlich, und beides ohne Grund; Ehrgeiz habe ich wenig, Trägheit im Übermaß. … In Bonn bei der Frau Mertens hoffte ich die einzige zugleich leserliche und richtige Abschrift der Gedichte zu finden. Sie werden sich erinnern, dass ich dieselbe schon vor länger als einem Jahre dorthin schickte: es war die zum Druck bestimmte und sollte nur vorher durchgesehn werden, von dem Professor D’Alton, der Frau Schopenhauer und der Mertens selbst; denn man wird stumpf durch zu öfteres Überlesen. Das erste Schreiben der Mertens darüber war entzückter, als ich es mit meinen Verdiensten reimen konnte, und seitdem auch keine Silbe weiter. Ich habe mich schon bei Ihnen deshalb beklagt.

Was fand ich in Bonn? Nichts!

Nämlich die Frau Mertens abgereist nach Italien, wo sie ein rundes Jahr zu bleiben gedenkt; mein Manuskript unsichtbar geworden; entweder mitgenommen oder verliehen oder verlegt; weder ihr Mann, noch ihre Töchter, noch ihre Freunde meinten andres, als dass es seit wenigstens einem halben Jahre wieder in meine Händen sei. D’Alton sowohl als die Schopenhauer hatten mir ellenlange Briefe geschrieben, vollkommene Abhandlungen; der von D’Alton soll sogar drei Bogen stark gewesen sein, aber alles war der Mertens anvertraut, und sie hat eins mit dem andern Gott weiß wohin getan. So waren die Bemerkungen dieser sehr geschmackvollen Literatoren für mich verloren, denn obgleich ich „das fuchsige Buch“ bei mir hatte, fehlte mir die Zeit, es mit ihnen neuerdings durchzulesen, und die Erinnerung vergegenwärtigte ihnen jetzt, nach Jahresfrist, nur noch Bruchstücke; doch war ihr Urteil im ganzen so günstig gewesen, als ich es wünschen konnte; sie hatten mich dringend zur Herausgabe ermahnt und täglich der Ankündigung entgegengesehn.

Weder den D’Alton noch die Schopenhauer mochte ich um Besorgung meines Geschäfts angehn, da ersterer kein Schriftsteller und ganz ohne Konnexionen mit Buchhändlern, letztere eben mit ihrem Verleger gänzlich zerfallen und selbst augenblicklich ratlos ist. Ich ergab mich schon in den Willen Gottes und sah mein Werk schon als bloß geschrieben zu meiner eignen Beschäftigung auf dem Lande.

Es gibt Nichts Entmutigerendes als diese langen Klagereden der Schriftsteller längs dem Rhein, über ihre gegenwärtige Stellung zur Lesewelt und den Buchhändlern. Nur wenige finden einen Verleger, die meisten lassen ihre Werke vorläufig liegen, oder ruinieren sich durch Herausgabe auf eigne Kosten; der ungeheure Vorteil aus den Übersetzungen soll an allem Schuld sein – ich glaubte es gern, und mein Selbstvertrauen gewann nicht dabei.

Doch was sein soll, schickt sich wohl. Ich habe einen Verleger und zwar einen bedeutenden, und ganz ohne eignes Zutun, nicht eben um meiner Vortrefflichkeit willen; aber es hat sich so gemacht, dass mir die Sache aus freien Stücken ist angeboten worden, aus persönlichem Wohlwollen, um mir die Freude zu machen, auch wohl aus Neugier, um zu erfahren, wie das Publikum die Verse aufnimmt.

Ich soll die Bedingungen selbst machen, sie werden aber nur in einigen Freiexemplaren bestehen. Die Zeit der Herausgabe hängt von meiner eignen Betriebsamkeit ab; sobald ich eine Abschrift nach meinem Wunsche besorgt habe, wird der Verleger nicht säumen. Freilich habe ich bereits vier Monate verstreichen lassen, ohne Hand anzulegen, aber jetzt soll es das erste sein, woran ich gehe, vielleicht morgen schon. Zur Ostermesse ist’s wohl zu spät, aber ich denke zu Michaelis; man wünscht auch einige kleinere Gedichte, die zuerst das Buch einleiten und nachher die beiden größeren Stücke trennen sollen; ich finde das wohl passend, habe aber kaum zwei oder drei, die ich dazu wählen möchte.

So muss ich mich wirklich entschließen, den guten Pegasus zu satteln in diesem schlechten unpoetischen Wetter, wo alles voll Schnee liegt und selbst mein kleiner Rebhügel nichts darbietet, als zahllose dürre Stöcke und ein weites wolligtes Nebelmeer, was trotz der Herrlichkeiten, die es in sich schließt, doch keine bessere Physiognomie hat als unser Heidestrauch.

Eppishausen, Oktober/November 1835

Mehr zum Adressaten: Christoph B. Schlüter
Hintergrund: Eduard d'Alton erstellte eine wenig schmeichelhafte Kritik und übermittelte diese Sibylle Mertens-Schaffhausen zur Weiterleitung an die Droste. Diese hielt das Gutachten aber offenbar zurück, um die Dichterin zu schonen.
Bei der Zwischenstation in Bonn nach Eppishausen hat Joseph Braun Kontakt mit dem Verleger DuMont Schauberg vermittelt. Dieser sagt zu, das Buch bis Ostern 1836 herauszugeben, doch zunächst muss die Droste eine neue Abschrift ihrer Epen anfertigen. Damit beginnt sie Ende 1835; vor März 1836 schickt sie das Manuskript an Braun. Am 5. Juli 1836 antwortet dieser, dass der Herausgabe des Buches aus Sicht des Verlegers nichts im Wege stehe.

1 Anmerkung

  • # Eduard d'Alton:

    Das Vertrauen, womit mich unsere verehrte Freundin beehrt hat, macht mir nicht nur die größte Unparteilichkeit, sondern auch die vollkommenste Aufrichtigkeit zur heiligsten Pflicht. Viel lieber wollte ich ein so schönes und seltenes Talent bewundern, als beurteilen; allein es sollte mir nicht vergönnt sein, bloß zu genießen – es wird gefordert, dass ich von meinen Gefühlen Rechenschaft gebe – doch sei es mir erlaubt, dies auf meine Weise, ohne Ordnung und Zusammenhang zu tun, wie ich mir am Schlusse meiner Lektüre des Gegenstandes und seiner Eindrücke bewusst bin. Wer vermöchte auch mit der Feder in der Hand zu lesen?

    Die sehr anschaulichen Naturszenen würden einem jeden Landschaftsmaler, der den St. Bernhard bereiset hat, zur Ehre gereichen. Viele Schilderungen stehen dem Höchsten nahe und lassen sich mit dem Gelungensten von Walter Scott vergleichen. Dass unsere Freundin sich diesen berühmten Dichter auf jede Weise zum Vorbild genommen, kann ebensowenig geleugnet werden, wie, dass dieses Bestreben, einen anderen, und sei derselbe auch noch (so) vortrefflich, nachzuahmen, um den Anspruch auf eigentliches Genie bringt, als welches sich am allgemeinsten durch Originalität manifestiert. Aus dieser Nachahmung sind auch Wiederholungen und Breiten entstanden, welche nur durch ein solches Vorbild zu entschuldigen sind. Bemerken muss ich hier auch, daß bei großer Fertigkeit im Reimen, eine mitunter seltsame Härte der Sprache und des Versbaus, fast an gewisse steife Übersetzungen der Gedichte Scotts erinnert, so dass man auf den Gedanken gerät, unsere Freundin habe ihr Vorbild nur in Übersetzungen vor Augen gehabt und studiert. Was soll z.B. gleich Vers 4 des ersten Gedichtes gesellt, Vers 5 gekräuselt, Vers 10 die Versetzung Noch gleichet et pp. anders, als Reim-Not bedeuten? Ein Bild gibt keines dieser Worte. Dass es schwer ist, ohne Flickworte und dergleichen zu reimen, lehrt wohl die Erfahrung, aber ebenso fest steht der Satz, dass ein Gedicht, welches dergleichen Anstöße weniger hat, denen davon überreichen vorzuziehen sei.

    Sie werden sagen, dies sei Kleinmeierei, man müsse es damit nicht so genau nehmen, wenn nur das Ganze gut sei, und ich habe unserer Freundin ja selbst ein bedeutendes Talent zuerkannt. Vielleicht finden Sie indes die Bemerkung richtiger, daß gerade ein beschreibendes Gedicht strenger zu behandeln, und dem weniger schöpferischen, als ausschmückenden Talent der bestimmteste Umkreis und Umriss anzuraten sei. An dem entschiedenen Talent unserer Freundin ist übrigens kein, auch nicht der geringste Zweifel zu hegen.

    Der Hund Barry hat, abgesehen von einer fast zu ängstlichen Ausführung, mehrere sehr glückliche Züge. Dahin rechne ich den Abend und die Lavine im ersten Gesange. Das Finden des Brotes gerät dagegen ins Kleinlichste, das dieser Alpenherrlichkeit gegenüber einen fast komischen Eindruck macht. Da unsere Freundin auch augenscheinlich Byrons Erzählungen studiert hat: so hätte sie von ihm auch lernen sollen, Szenerien und Begebenheiten stets im Einklang zu behandeln. Gelungener, wie wohl auch etwas zu breit, scheint mir die Ankunft bei der Leiche. Am gelungensten aber halte ich das Erfrieren. In solchen Seelenzuständen, besonders irrenden, zeigt unsere Freundin die größte Meisterschaft, und es beurkundet sich ein schönes, poetisches Gemüt.

    Der 2. Gesang zeichnet sich aus, weil Barry und Denis darin sind und die Kluft der Drance überschritten wird, sonst aber finde ich ihn einförmiger, als den ersten. Einigemale wird er fast schwach und man glaubt eine gewöhnliche Almanachsgeschichte zu lesen, so breit und schlotternd geht alles vorwärts. Besonders unbefriedigend erfunden scheint mir die Geschichte Benoits. Ja man könnte wohl sagen, es sei gar keine Geschichte, wiewohl es eine sein sollte. Auch Denis frühere Zeit ist zu rätselhaft, und ein Hund, auch der bravste, wie Barry, am Ende doch nur ein Hund.

    Runder und gediegener, aber auch wenig charakteristisch (denn hier fehlt die große Natur der Alpen) ist des Arztes Vermächtnis. Das unheimliche Dunkel der Begebenheit, der rätselhafte Schluss sind von großer Wirkung und Byron glücklich abgelauscht. Dagegen scheint mir der dunkle Mann wieder aus der gespenstischen Region des in Rede stehenden Talents der Nachahmung aufgetaucht. Ich weiß nicht, wie ich mir sein Erscheinen sonst erklären soll. Auch des Arztes Sohn scheint mir nur wie eine Luftgestalt, die man alte Papiere lesen sieht, ohne zu wissen warum. Am bedeutsamsten ist Theodora in der Höhle und die Wiener Erinnerungen, so wie zuletzt das Erwachen im Walde. Es ist eine Folge höchst malerischer und interessanter Szenen, weniger aber ein befriedigendes, wohltuendes Ganzes. Es regt an, aber es lässt nicht ohne peinliches Gefühl, weil wir uns zu oft da aufgehalten finden, wo wir vorbei zu eilen wünschen. Sprache und Versbau ist besser, als in dem ersten Stücke.

    Hier haben Sie ungefähr den Eindruck dieser Gedichte, die ich unbefangener mit noch mehr und gewiss reinerem Genuß gelesen haben würde, wäre es mir nicht zur Bedingung gemacht worden, über die Wirkung derselben Rechenschaft zu geben. Manches dürfte bei näherem Betrachten in ein anderes Licht treten. Einiges auch außerdem noch mehr zu rühmen sein. In dem Haupteindruck täusche ich mich jedoch schwerlich.

    Ob nun der Druck so ohne weiteres anzuraten sei, das hängt freilich an einem ganz anderen Faden, oder vielen Fäden, die nicht in meiner Hand sind, und worüber ich daher auch nicht urteilen kann. Wie es jetzt mit der deutschen Literatur steht, liest man von Männern und Frauen noch weit untergeordnete Sachen mit Beifall; während anderes, was selbst Goethe als beachtenwert empfohlen, ohne Anklang geblieben. Wer könnte in solchen Fällen und in dieser Zeit für den Erfolg einstehen?

    Ihnen gehorsam und der Freundin mich dienstwillig zu erweisen, war es allein, was ich bei diesen Zeilen zur Absicht haben konnte und hatte. – Geschrieben mit gelähmtem Arm.
    Bonn, März – Anfang Juni 1835