1844 3.April

Was soll ich Ihnen von Sch[ücking]s eigner Lage sagen? Er nimmt sie von der besten Seite, ist vergnügt wie ein König und baut ein Luftschloß ums andre, wobei er seinen zukünftigen Erwerb durch dramatische Arbeiten hoch anschlägt. Cottan hat er noch nicht mit Augen gesehn, ist auch nicht auf Ostern von ihm engagiert, sondern dies wieder auf Michaelis hinausgeschoben, wo er dann sicher auf eine feste Anstellung mit 1500 Gulden rechnet, und bis dahin seine Arbeiten an der „Allgemeinen“ sehr gut bezahlt erhält. Mich macht dies Aufschieben besorgt, und sein Ruhm? es ist kurios damit. Er selbst zitiert mir ein Journal nach dem andern, deutsche und französische, wo ich die brillantesten Sachen über ihn nachlesen soll (eins, im Literaturblatt des „Morgenblatts“, über sein „Schloß am Meere“ habe ich wirklich gelesen und zweifle auch nicht am Dasein der andern), kann aber durchaus auf niemanden treffen, der diese Ansichten teilte, weder Hiesige noch Fremde, die Laßberg besuchen. Es hat zwar jeder irgend etwas von ihm gelesen, wenigstens in den „Dombausteinen“ und Journalen, viele auch sein „Schloß am Meere“, aber keiner will ihn loben, alle finden ihn oberflächlich, geschraubt, seine Erfindung ärmlich und unnatürlich und seine Charaktere ohne Leben und Konsequenz, kurz, halten ihn für eine in der Literatur ganz unbedeutende Person. Wie soll ich das verstehn? Gibt’s eine Verbrüderung die sich wider die Stimme des Publickums, gegenseitig herausstreicht? Oder bin ich nur zufällig immer an solche geraten, denen er nicht zusagte?

Ich selbst finde seine Schriften zwar keineswegs schön im ganzen, aber doch manche einzelne Szene sehr gelungen. Sein Trauerspiel („Günther von Schwarzburg“) dagegen, was er mir Unglücklichen zur Durchsicht, bevor er es einem Verleger anbiete, schickt, ist, so fürchte ich, abominable. Laßberg findet es wenigstens, und was ich bis jetzt davon gelesen (der 1ste Akt), widerspricht dem leider nicht. Es scheint ganz im Genre seines früheren Ritterschauspiels, etwas besser, aber blutwenig; ein wahrer Zwillingsbruder. Jetzt wissen Sie genug! Dabei wird es ihn allen Katholiken verhaßt machen, da er in einem Zuge des Schimpfens auf „Papst und Pfaffen“ bleibt. Ich scheue mich zu antworten, seine Frau wird spinnengiftig werden!

Sein häusliches Leben ist, wie gesagt, sehr glücklich. Er weiß, wie sehr ich gegen Aufwand in seiner Lage bin, und schreibt deshalb wiederholt, „wie sparsam, ja fast geizig sie beide jetzt seien, nirgends glücklicher als ganz still bei einander in ihren vier Wänden; keine Gesellschaften gebend, außer jeden Abend einige Hausfreunde zum Tee, keine besuchend, außer einigen Assembleen, wo sie zu Tableaux mitwirken müßten, und namentlich seine Frau sich in den Hauptrollen superbe ausnehme“. Nennen Sie das Sparen? Und nun vollends zwei so teure Lustreisen in einem halben Jahre, nach München und nun gar nach Italien! Und so
kurz vorher die Hochzeitsreise! Ich fürchte, der Frau Kapitalien müssen herhalten, obwohl er alles aus der Feder zu saugen hofft mit Beiträgen fürs Beiblatt der „Allgemeinen“, worin er aber bis jetzt nur ein paar kleine Aufsätze geliefert hat (mit S. am Anfange bezeichnet), die höchstens einen Bogen ausmachen. Und dies zwar in der ersten Zeit, und nachher nichts wieder. Gottlob scheint noch kein Ehesegen da zu sein, und ich bringe dies mit den italienischen Seebädern in Verbindung.

Sch[ücking] ist übrigens doch wirklich gutmütig, das sehe ich jetzt aus hundert Dingen, aber aufgeblasen und leider kopfloser als je. Denken Sie nur! Um mir die Lesung seines „Günthers“ zu erleichtern und auch Laßberg diesen Genuß vorläufig zu verschaffen, läßt er extra zwei Abdrücke machen (hoffentlich auf der Schnellpresse), unterstreicht dann die alleranstößigsten Stellen in meinem Exemplar (es blieb doch noch immer ein Greuel von Anstößigkeit für Katholiken) und bittet mich, es Laßbergen selbst vorzulesen, und jene Stellen auszulassen. Dies gethan, siegelt er das zweite Exemplar mit einem zierlichen Briefe an Laßberg ein und schickt’s mit derselben Post ab, so dass dieser schon tief darin zu lesen war, als ich hinauf kam, aber so diskret gewesen ist, sein Mißfallen nur gegen mich zu äußern, bei Mama und Jenny aber das ganze Geschenk durch langwieriges Vorententhalten in Vergessenheit zu bringen.

Den Cotta glaubt er (Sch.) total in der Tasche zu haben, antwortet auf meine Mahnungen zur Vorsicht, er frage den Henker nach Cotta! Er brauche Cotta nicht, aber Cotta ihn, und werde sich wohl hüten ihn fortzuschicke, und erzählt mir dann allerlei anstößige Witze, die er über Cotta gemacht, und worüber Kolb und einige andre Literaten (die er nennt) tüchtig gelacht hätten. Ich muss mich am Ende noch freuen, dass Kolb seiner Frau die Cour macht und ihn hoffentlich deshalb schonen und halten wird, er allein würde sich sicher zu Grunde richten.

Eine mögliche Untreue befürchte ich nicht, da sie L[evin] wirklich leidenschaftlich zu lieben scheint, und ihn offenbar für den ersten Mann seiner Zeit hält, ich denke mir ihr Betragen als bloße Bornstedtische Gefallsucht, und hier wahrscheinlich sehr angefeuert durch das Bewußtsein, dass dies der einzige Weg ist, ihres Mannes Liebe und Bewunderung wach zu erhalten. Ihre Schriften machen mehr Glück wie die seinigen, und er hat mir selbst triumphierend geschrieben, dass sie ihm in einer Rrezension (die ihm Kolb vorgelesen) als Muster vorgestellt sei, auch mache sie jetzt sehr schöne Gedichte, und überhaupt müsse er staunen über die Menge von Gaben, die nach und nach an ihr zum Vorschein kämen et cet. Dennoch scheint seine alte Anlage zur Blasiertheit zuweilen durchzukommen, und sie klagte mir mal recht schmerzlich, wie schwer er es ihr zuweilen mache, an seine Liebe zu glauben.

Genug hiervon, und natürlich alles nur allein für Ihr Auge. …

NB. ich habe jetzt Sch[ückings] (sehr kurzes) Trauerspiel zu Ende gelesen, es ist doch bedeutend besser wie das frühere und nähert sich an Werth mehr seinen Erzählungen, steht aber doch unter ihnen und ist ein wunderliches Gemisch von Gutem und Schlechten. Dann eine zu Herzen gehende Phrase, dann eine miserabel schwülstige; zuweilen wahre Menschenkenntnis und Zartheit, und dann gänzliches taktloses Vergreifen, sowohl in Handlung wie Charakteren; einzelne Momente sehr glücklich für die Bühne berechnet, andre Szenen zum Sterben langweilig. Ich würde es eine sehr fehlerhafte Schülerarbeit, die aber gute Anlagen verrät, nennen, wenn Schücking nicht zum Schüler zu alt, zu routiniert und namentlich in diesem Fache schon zu versucht wäre; jetzt bleibt’s dabei, er hat kein Talent zum Drama. Doch könnten sehr gute Schauspieler das Stück bedeutend heben, wenn sie über die schlechten Stellen schnell wegrutschten und die guten mit all ihrem Feuer und Aplomb höben. …

(Am Rande:) Aber, Lies, antworten Sie doch bald! Das muss ich nochmals wiederholen; Sie glauben nicht, welches Labsal mir Ihre Briefe sind – mein Bestes hier – jeder mir beinahe so lieb wie Cottas Brief mit dem 100-Louisdor-Kontrakt!

Meersburg, 3. April 1844

Mehr zum Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Abominable = abscheulich. Schücking hat auf Anraten der Droste einige anti-kirchliche Stellen aus dem Manuskript seines Schauspiels "Günther von Schwarzburg" gestrichen.
Die nach der München-Reise des Ehepaars Schücking geplante Fahrt nach Venedig kommt nicht zustande; somit müssen die beiden auch auf die angebliche förderliche Wirkung der Seebäder auf die Fruchtbarkeit verzichten. Nach der Hochzeit hatte das Paar eine einwöchige Reise von Darmstadt über Weinsberg nach Augsburg unternommen.
Noch immer hat Schücking keine Festanstellung bei der von Johann Georg Cotta verlegten "Allgemeinen Zeitung" als Redakteur, sondern arbeitet weiterhin lediglich auf Honorarbasis.